Kommentar

Ja, zweifelsohne: Die Gebäudebestandsdatei der Stadt Konstanz beeindruckt. Am 22. März 2018 im Gemeinderat vorgestellt, erfasst sie alle Gebäude und Wohnungen, die in Konstanz bis ins Jahr 2016 gebaut wurden. Und wie die Stadt es in ihrer Pressemitteilung bereits richtig formuliert: Mit diesen Zahlen „relativiert“ sich auch das Vorhaben des „Handlungsprogramms Wohnen“, nach welchem bis ins Jahr 2035 insgesamt 7.900 neue Wohnungen gebaut werden sollen.

In den Jahren des Baubooms der 60er und 70er entstanden über 16.000 neue Wohneinheiten. Dagegen fällt das, was nach den 2000er-Jahren in Konstanz gebaut wurde – und vermutlich noch gebaut wird –, wahrlich „moderat“ aus. Entscheidend ist allerdings eine Zahl, die uns gesamtgesellschaftlich nachdenklich machen muss: Konnten die Deutschen vor über 50 Jahren noch etwas mehr als 20 Quadratmeter pro Person zu ihrer Wohnung zählen, so sind es heute durch „Wohlstand“ 43 geworden. Auch in Konstanz lebt ein Einwohner mittlerweile auf durchschnittlich 42 Quadratmetern Wohnfläche.

Doch wie viele Quadratmeter Wohnraum braucht ein Mensch tatsächlich zum Leben? Studenten halten es auf deutlich weniger Grundfläche aus als Millionäre. Doch warum ist das so? Und gäbe es nicht Anlass dafür, die Freiheit auf Wohnfläche nach oben und nach unten zu begrenzen? Nach unten, weil die Würde des Menschen es gebietet. Nach oben, weil mehr Wohnraum irgendwann keinen Mehrwert mehr bietet. Nein, die Forderung nach einer Begrenzung des Wohnraums ist nicht neu. Und sie wird auch immer wieder aufgestellt. Liberale rennen dagegen Tore und Türen ein, denn die Freiheit des Einzelnen dürfe in nichts beschnitten werden. Wahrlich: Die Vorstellung der sozialistischen Einheitswohnung dürfte manch einem Luxusliebhaber die Angstperlen auf die Stirn treiben.

Getreu dem Motto: Was interessiert die Lebensqualität der Anderen, wenn ich mir selbst Schwimmbad, Gärten und Etagen leisten kann? Dass man am Königsbau auf bis zu 20 Quadratmetern weniger haust als beispielsweise in Litzelstetten, das macht ein Gefälle deutlich, welches es besonders in seinen Extremen anzugehen gilt. Niemand wird in unserem Gemeinwesen bestreiten, dass jeder nach seiner Façon glücklich werden soll – mit mehr oder weniger Vermögen, Einkommen und auch Bauten. Dass es dabei zu Ungerechtigkeiten kommt, auch damit wird man in einer freiheitlichen Demokratie leben müssen, solange, ja solange es niemanden gibt, der unter diesen Zuständen leidet.

Sicherlich reichen auch 30 Quadratmeter zum Überleben aus. Doch wie viele Menschen gibt es selbst in Konstanz, die nach Monaten und Jahren noch nicht einmal eine einfache Behausung gefunden haben? Ist denn nicht genug für alle da, fragt man sich nicht nur bei diesem Thema. Potenzieller Wohnraum, der schon aus Gründen seiner Größe, Abgetrenntheit oder Fehlnutzung niemals vollständig „belebt“ werden kann, muss er in einer Gesellschaft, in der die Nachfrage nach Wohnfläche nicht nur deshalb steigt, weil wir immer mehr Anspruch auf Wohlstand und Wohlwollen erheben, nicht auch deshalb der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden, weil Eigentum eben gleichsam verpflichtet?

Ich gebe zu, ich habe lange Zeit wenig von einem Zweckentfremdungsverbot gehalten. Einerseits, weil ich die Frage nach der Durchsetzbarkeit nie als wirklich beantwortet sah. Andererseits, weil ich es mir nicht vorstellen wollte, wie wir einander an den Pranger stellen, „nur“, weil einer von uns seine Quadratmeter verkommen lässt. Es ist die Vernunft derer, die auf immer größeren Flächen wohnen, welche wir ansprechen müssen. Auch, wenn diejenigen angegriffen werden, die auf Gerechtigkeit und Solidarität pochen, braucht es den moralischen Zeigefinger umso mehr. Nein, es ist keine Kritik am Reichtum, keine Frage nach der „Schuld“, sondern ein Nachhaken nach Verantwortung und Sinn: Der Druck auf die muss steigen, die die Sensibilität für das Paritätische verloren haben.

Ich will niemandem seinen Besitz wegnehmen, niemanden an der freien Ausgestaltung seines Lebens hindern. Ich will auch keinem Menschen vorschreiben, wie groß seine Wohnung sein darf, in der er lebt. Ich will stattdessen die ermutigen, die ihre Quadratmeter nicht nutzen, nicht benötigen: Kann uns das Schicksal des Nächsten wirklich egal sein? Pathetisch mag das klingen, aber die Gebäudestatistik macht es deutlich: Wir wollen immer mehr, wir brauchen immer mehr, wir haben unser Sättigungsgefühl verloren. Dabei sind wir seit langem weg vom Jäger und Sammler, von denen, die im Überlebenskampf auch ihre Widersacher ausstachen. Wohnen ist ein Menschenrecht. Und in einer Welt des 21. Jahrhunderts, in der wir uns angeblich zivilisiert haben, da können wir es uns schon aus Gewissensgründen eigentlich nicht länger leisten, wenn die Zahl derer ohne Obdach wohl nicht nur gefühlt immer neue Höchststände erreicht.

Freiheit hat seit jeher ihre Grenzen. Es darf nicht länger im Trend liegen, die Errungenschaft des Freiseins bis zum Äußersten auszuschlachten. Schon gar nicht, wenn es um den Wohnraum geht. Der Platz ist endlich, die Geduld derer, die noch immer nach den eigenen vier Wänden suchen, ist es auch. Die Einen wollen mehr Angebot schaffen, wollen nachverdichten, in die Höhe bauen. Auf dem Land, da blutet unterdessen die Peripherie aus. Auch solch ein Missstand, der in all der Diskussion so wenig beachtet wird, muss stärker in unser Bewusstsein rücken. Über die Jahre und Jahrzehnte hinweg werden wir nach neuen Gesellschaftsmodellen Ausschau halten müssen, die etwas mehr von Gleichheit haben. Egal, wo wir dann wohnen. Für den Moment heißt es, den Notstand zu verwalten…

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„FDP will wöchentliche Höchstarbeitszeit auf 48 Stunden anheben“, „Merkur“ vom 14.03.2018

Das Vorhaben der FDP zur Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes tut Deutschland nicht gut. Schon heute erleben wir, wie anfällig die Menschen auf die Arbeitsbelastung reagieren, die in Zeiten immer häufiger erwarteter Erreichbarkeit, Multifunktionalität der Arbeitskraft und einem ständig wachsenden Anforderungsprofil an den einzelnen Arbeitnehmer vor allem gesundheitliche Auswirkungen einer weiteren Liberalisierung nicht schultern könnten.

Es ist Aufgabe des Staates, den Menschen einerseits selbst über das eigene Arbeitspensum entscheiden zu lassen. Andererseits muss uns die öffentliche Hand auch vor zu viel Selbstbewusstsein und Überheblichkeit schützen. Ein „Ich schaff‘ das schon“ nutzt niemandem, wenn die Qualität der Arbeit unter deren Quantität leidet.

Wirft man einen Blick in die Literatur, so sind die Aussagen einhellig: Nach Hänecke et. al. (1998) steigt das Unfallrisiko nach acht Stunden Arbeitszeit dramatisch an. Nachreiner et. al. (2005) hat festgestellt, dass eine höhere Wochenarbeitszeit als 40 Stunden zu einem signifikanten Anstieg der Muskel-Skelett- und psychovegetativen Beschwerden führt. Und Spencer et al. (2006) fand heraus, wie dramatisch die Anfälligkeit für Unfälle bereits nach 120 Minuten seit der letzten Arbeitspause zunimmt. All das sind wissenschaftliche Befunde, die das Modell der Liberalen nicht stützen.

Eine moderne Arbeitswelt bedeutet keinesfalls, die Zügel immer weiter zu lockern. Im Gegenteil: Wir sollten aus den Erfahrungen lernen und Verantwortung für die Arbeitnehmer zeigen. Ihnen steht nicht nur das Recht auf Freizeit, Pause oder Feierabend zu, sondern vor allem das auf eine intakte Gesundheit.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Kober: Debatte um Höhe der Hartz-IV-Sätze geht am Problem vorbei“, 12. März 2018

Nein, die Diskussion um die „Hartz IV“-Regelsätze ist nicht allein eine Scheindebatte, wie Pascal Kober es behauptet. Natürlich müssen wir darauf hinarbeiten, dass Zuverdienstgrenzen angepasst werden, damit es sich lohnt, Arbeit aufzunehmen. Und selbstverständlich wäre es sinnvoll, manche „Hartz IV“-Leistung zu einem Lohnzuschuss zu verwandeln, denn nur dadurch wird die Chance auf Qualifizierung im ersten Arbeitsmarkt tatsächlich gewährleistet.

Wir dürfen aber bei all diesen guten Vorschlägen für eine Veränderung in der Arbeitsmarktpolitik nicht vergessen, dass es auch künftig Schicksale und Lebensgeschichten geben wird, in denen Arbeitslosigkeit unvermeidlich ist. Die Utopie, jeden Menschen in Arbeit vermitteln zu können, sie besteht allein im Sozialismus. Wir brauchen daher eine faire Auseinandersetzung mit der Frage, wie wir würdig mit denen umgehen, die ohne Job sind. Und da kann und darf sich auch die FDP nicht vor einer Antwort drücken, die Jens Spahn bereits auf seine Weise geliefert hat: Noch bevor er in der neuen Großen Koalition im Amt des Gesundheitsministers vereidigt wird, hat er sich durch seine hochnäsige Aussage über die Leistungen für „Hartz IV“-Empfänger disqualifiziert.

Denn gerade in dieser Funktion braucht es Nähe zu den Menschen, bedarf es Feingespür für die Sorgen und Nöte, vor allem derer, die in sozial schwächeren Verhältnissen leben. Jens Spahn beweist, wie manch ein Politiker den Kontakt zur Basis verloren hat. Die letzten Wochen haben auf drastische Weise gezeigt: Den Ärmsten reichen die Sozialleistungen eben nicht für ein würdiges Leben, ansonsten wären „Tafeln“ in Deutschland überfällig…

[Dennis Riehle]

Kommentar

Dietmar Bartsch war nach dem Bekanntwerden des Ergebnisses aus dem Mitgliedervotum der SPD zur Neuauflage der Großen Koalition in seinen Aussagen deutlich: Mit diesem Entscheid sei ein Bündnis aus Rot-Rot-Grün auf Bundesebene de facto gestorben, ließ der LINKEN-Politiker verlautbaren – und das, nachdem kurze Zeit zuvor eine andere Meldung über die Ticker gelaufen war. Demnach hatte Parteikollegin Wagenknecht zu einer neuen linken Sammelbewegung in Deutschland aufgerufen.

Doch kann es solch einen Zusammenschluss linker Kräfte in Deutschland tatsächlich geben, nachdem sich die Sozialdemokratie mit einer doch überraschend deutlichen Zustimmung von zwei Dritteln der abgegebenen Stimmen wiederum für ein Sklaventum unter Angela Merkel entschieden hat? Nachdem man einen Koalitionsvertrag abgesegnet hat, der zwar auf den ersten Blick zahlreiche Elemente sozialdemokratischen Denkens beinhalten mag, der aber abseits der Prestige-Projekte der SPD viel bürgerlich-konservatives, Mitte-Rechts-Gedankengut beinhaltet – man vergleiche nur die Passagen zum Aufbau eines wahrlichen Polizeistaates in Deutschland, der mit den Wurzeln sozialdemokratischen Seins wenig zu tun hat?

Oder träumt Wagenknecht von einem Miteinander mit dem SPD-Rebellen Kühnert, der als Juso-Vorsitzender die Kampagne gegen die GroKo angeführt hat und sich vehement dafür einbrachte, dass nun endlich mehr möglich sein müsse als das kleinste gemeinsame Übel? Enttäuscht gab er sich zwar, aber gleichsam sanftmütig waren seine Aussagen, wenn es darum ging, wie die SPD nun weitermachen soll. Alle SPD-Vertreter vereinte vor den Kameras wiederum die Feststellung, dass man nun zusammenwachsen, geschlossen aus dem Mitgliedervotum hervorgehen sollte, nicht aber, ohne in der Partei auch strukturelle, programmatische Fragen zu diskutieren. Eine Revolution von linker Seite, sie klänge anders.

Und bei den „Grünen“? Da ist man derzeit noch auf Richtungssuche. Mit den neuen Vorsitzenden ist heute noch weniger deutlich, wo sich die Partei schlussendlich im politischen Spektrum verorten will. Habeck philosophiert in seinen Reden über „linksliberal“, möchte einen Spannungsbogen von FDP bis SPD schlagen – und dem Ganzen durch einen ökologischen Anstrich einen „grünen“ Touch geben. Seit den „Jamaika“-Sondierungen ist klar, dass man von Seiten der „Grünen“ durchaus mit konservativen Kräften könnte. Zwar sollen sich Trittin und andere linke Vorreiter der Partei immer wieder profiliert haben, letztlich stehen „Bündnis 90/Die Grünen“ heute aber wohl weit mehr der Mitte zugewandt als noch vor Monaten.

Was bleibt also an Optionen, um ein Sammelbecken links der Mitte in Deutschland zu etablieren? Wahrscheinlich hat Dietmar Bartsch recht – und das Vertrauen der drei möglichen linken Bündnispartner ist nach den Vorgängen um „Jamaika“ und dem Mitgliederentscheid zur GroKo zunächst einmal und wiederum zerrüttet. Denn niemand kann sich so recht vorstellen, wie eine dem Votum der Basis entsprechende SPD, die sich wohl selbst in den Ortsverbänden aufgegeben und in ständige Abhängigkeit einer nun nach rechts Fahrt aufnehmenden Union begeben hat, noch ernsthaft linke Themen vertreten will. Und kaum jemand mag sich ausmalen, dass die „Grünen“, die offenbar bis zum Ende der Koalitionsverhandlungen mit FDP, CDU und CSU durchgehalten hätten – wären da nicht die Liberalen abgesprungen –, das Fähnchen glaubwürdig im Wind schwenken können, ohne dabei völlig die Kontrolle über die eigene Navigation zu verlieren.

Und DIE LINKE? Selten hat man Bartsch, der eigentlich der Regierungsverantwortung gegenüber offen scheint, so entmutigt erlebt wie nach dem Bekanntwerden des Mitgliedervotums der Sozialdemokraten. Und tatsächlich ist die Option auf ein linkes Bündnis geschrumpft, denn für eine erstmalige Koalition aus linken Partnern, die für die Bundesebene eine Neuheit wäre, braucht es Verlässlichkeit. Eine SPD, die sich zum wiederholten Male in die Hände der Union begeben hat, kann weder im Bereich des Sozialen, schon gar nicht in der Innen-, Sicherheits-, Außen- und Verteidigungspolitik wirklich authentisch linke Positionen vertreten – selbst wenn in ihr manch widerständischer Ansatz schlummert, der zumindest in gut 33 Prozent der abgegebenen Votumskarten seinen Ausdruck fand. Und solange sich auch „Bündnis 90/Die Grünen“ nicht entscheiden können, ob sie nicht doch eher dem radikalen marktwirtschaftlichen Ansatz à la „Freie Demokraten“ ihren Glauben schenken möchten, bleibt für linke Politik in Deutschland nur das Ausharren auf andere Zeiten.

Nachdem „Heimat“ wieder „in“ wird und viele der politischen Kräfte im Land die AfD dadurch schwächen möchten, dass sie die „rechte Flanke“ schließen, entstehen in der politischen Landschaft Löcher. Gerade links braucht es daher eine stimmgewaltige Opposition, die deutlich macht: In Zeiten eines trendigen Konservativismus muss sich niemand schämen, der in die entgegengesetzte Richtung läuft. Viel eher sollte auch fernab einer möglichen Aussicht auf eine Beteiligung in einer Regierung das Eintreten für die linke Sache aufrecht gehalten werden. Denn in Perioden, in denen Koalitionen so brüchig erscheinen wie selten zuvor, muss man als politischer Akteur jederzeit dafür gewappnet sein, Verantwortung zu übernehmen. Linke „Player“ dürfen sich daher ermutigt sehen, mit offenen Armen die zu empfangen, denen das Schauspiel um einen Rechtsruck im Land zu einfarbig wird – und gleichzeitig Bereitschaft zeigen, im Zweifel um Positionen zu ringen, die für Linke nicht verhandelbar sind. Politik um jeden Preis – das können sie alle. Demokratiefähig zu sein bedeutet nicht, beliebig zu werden. Gerade jetzt schlägt die Stunde für ein gesundes, linkes Selbstbewusstsein!

[Dennis Riehle]

Offener Brief:
Versorgung mit Fachärzten und Psychotherapeuten

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Augenblick erreichen mich durchschnittlich mehrere Dutzend Hilfsgesuche von Menschen mit psychischen Erkrankungen, die auf der Suche nach fachkundiger Unterstützung sind. Als Selbsthilfegruppe sind wir ein ergänzendes Angebot, das nicht therapeutisch, nicht medizinisch ausgerichtet ist, sondern lediglich niederschwellige Begleitung leistet – immer öfter leider auch, weil Menschen in absehbarer Zeit keinen Kontakt zu einem niedergelassenen Facharzt finden.

Ganz abgesehen von der psychotherapeutischen Versorgung: Trotz der Reformen um die „Psychotherapeutische Sprechstunde“ und die Vermittlung mithilfe der „Termin-Servicestellen“ der „Kassenärztlichen Vereinigungen“ berichten mir viele Betroffene noch immer von drei- bis sechsmonatigen Wartezeiten auf ein Erstgespräch; manche Therapeuten nehmen überhaupt keine neuen Patienten mehr auf.

Ich stehe dieser Situation reichlich hilflos gegenüber, weil der Ansturm in den vergangenen Jahren massiv zugelegt hat: Als Ehrenamtliche müssen wir immer häufiger tröstend und ermutigend einspringen, weil das professionelle Gesundheits- und Sozialwesen überlastet ist. Die Bedarfspläne scheinen nicht mit der tatsächlichen Situation abgestimmt zu sein, noch immer gelten ja viele Kalkulationen als überholt, so sagt man.

Mich würde daher interessieren, wie die Landesregierung die Situation in Baden-Württemberg, speziell aber im Landkreis Konstanz, einschätzt, was die Versorgung mit psychiatrisch-neurologischen Fachärzten sowie psychologischen Psychotherapeuten angeht; welche Möglichkeiten sie beim Gesetzgeber erkennt und für notwendig erachtet, um der scheinbar doch auseinanderklaffenden Wahrnehmung zwischen den Bedarfen, die die Patienten formulieren, und denen, die von den Landesausschüssen aus Kassenärztlicher Vereinigung und Krankenkassen ausgehen, entgegenzuwirken – und welche Handreichung sie Akteuren im Gesundheits- und Sozialwesen, wie der Selbsthilfegruppe vor Ort, unterstützend vorschlagen kann, um hilfesuchenden Menschen bei der Suche nach Fachärzten und Psychotherapeuten optimal zur Seite zu stehen. Daneben würde ich gern erfahren, ob für die hiesige Region in absehbarer Zeit mit neuen ambulanten Fachärzten der Psychiatrie/Neurologie oder psychologischen Psychotherapeuten zu rechnen ist. Sollte für diese Frage eine Weiterleitung meines Schreibens an die KV Baden-Württemberg notwendig sein, bitte ich herzlich darum.

Ich verstehe diesen Brief auch als einen Ausdruck von Ermüdungserscheinungen, die durch die seit Jahren andauernde Vertröstung von Engagierten wie meiner Person eingetreten sind: Wir arbeiten freiwillig, um Menschen in großer Notlage zu helfen – und sind als Partner im Gesundheits- und Sozialwesen an der Seite von Ärzten und Therapeuten, um miteinander Unterstützung auf den unterschiedlichsten Ebenen, in den verschiedensten Facetten unseres Könnens und Handelns zu leisten. Ich weiß um den besonderen Einsatz der Mediziner und Psychotherapeuten hier vor Ort, die alles tun, was in ihrer Macht steht, um die Versorgung der Patienten zu gewährleisten. Für mich als Ehrenamtlichen kann ich aber feststellen, dass ich dann überfordert bin, wenn sich an den maßgebenden Strukturen über Jahre kaum Änderungen ergeben, obwohl die Bedürfnisse sich fast stetig wandeln.

Ich möchte mein Engagement weiter leisten, will die Menschen, die auf mich zukommen und darum bitten, Selbsthilfe auch als Wegweiser an Mediziner und Therapeuten nutzen zu können, gern bei der Suche und Vermittlung an die geeigneten Stellen weiterbringen. Doch wie kann mir dies gelingen, wenn mir die Grundlage für diese Arbeit, wenn eine den tatsächlichen Umständen entsprechende und ausreichende Zahl an „Niedergelassenen“ fehlt?

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit
und verbleibe mit besten Grüßen

Dennis Riehle
Selbsthilfeinitiative
Zwangserkrankungen, Phobien,
psychosomatische Störungen und Depressionen

[Dennis Riehle]

Lesermeinung
zu „Opposition wirft Spahn in Armuts-Debatte Arroganz und Überheblichkeit vor“, SÜDKURIER vom 13.03.2018

Jens Spahn tritt nicht zum ersten Mal mit recht hochnäsig wirkenden Aussagen auf. Ich musste wahrlich zusammenzucken, als ich die Personalie vernahm, die Angela Merkel nur deshalb so entschied, weil sie ihren innerparteilichen Gegnern aus der jüngeren, konservativeren Reihe entgegenkommen wollte. Fachlich gesehen hat sich Spahn über die Jahre nur durch Härte ausgezeichnet.

Er bewies wiederkehrend, dass er mit den Problemen der Menschen an der Basis nicht vertraut ist. Auch seine jetzigen, plumpen Aussagen über den „Hartz IV“-Regelsatz machen seine Ferne gegenüber dem Schicksal von Arbeitslosen deutlich, die mehrheitlich eben nicht in der Hängematte liegen und es sich gut gehen lassen. Die letzten Wochen haben nämlich besonders drastisch gezeigt: Menschen mit Sozialleistungen müssen in Deutschland an der „Tafel“ anstehen, um sich Lebensmittel leisten zu können. Ist das Normalität für einen Staat, der wie kaum ein anderer Wohlstand kennt?

Sollte Spahn nicht etwas mehr Feingefühl für die Sorgen und Nöte aller Menschen in Deutschland, gerade auch der ärmeren Schichten, aufbringen können, hätte er sich schon vor seiner Vereidigung für das sensible Amt des Gesundheitsministers disqualifiziert.

[Dennis Riehle]

Zwischenruf

94, 95 … 96 Mails! Das ist neuer Rekord! Zumindest kann ich mich in meiner Laufbahn, die mittlerweile fast 15 Jahre Selbsthilfearbeit umfasst, kaum daran erinnern, dass innerhalb eines Monats so viele Zuschriften zu ein und demselben Thema auf meinem heimischen PC eingegangen sind. Im Februar 2018 waren es 96 Nachrichten, die sich ausschließlich um Depressionen drehten. Menschen aus nahezu dem gesamten Bundesgebiet schreiben in großer Hilflosigkeit – und ich hatte zwischenzeitlich Mühe, mit einer einigermaßen ausführlichen Beantwortung hinterherzukommen. Doch woran liegt das, das nicht nur bei mir der Eindruck entsteht: „Deutschland wird depressiver“?

Natürlich, das Wetter spielt eine Rolle. Ich weiß nicht, ob ich wirklich an diese Zusammenhänge glauben will, aber es war schon ordentlich grau in den letzten Monaten. Das schlägt wohl jedem auf das Gemüt, da muss man nicht einmal zu einer depressiven Stimmung neigen. Und sicher: Heute werden wir viel früher auf solch ein Krankheitsbild aufmerksam, weil wir sensibilisiert sind. Auch wenn ich an den täglichen Mails deutlich ablesen kann, wie weit es um die Akzeptanz der Depression in den Familien des Landes tatsächlich bestellt ist, sind wir informierter über eine mittlerweile nicht grundlos als „Volkskrankheit“ titulierte Symptomatik, die noch immer viele Außenstehende müde belächeln.

Dabei ist Depression weit mehr als eine vorübergehende Niedergeschlagenheit. Wer selbst schon einmal betroffen war, der weiß, wie sich das anfühlt: Energielos, mutlos, wie gelähmt. Der Sinn für das Morgen fehlt, nichts kann wirklich ablenken, die Gedankenspirale dreht sich um Sorge und Nöte der Zukunft. Da hilft kein bloßer Anwurf „Raff dich auf!“, das ist ein Zustand wie zementiert. Stimmung, Gedächtnis und Motorik können beeinflusst sein, Hoffnungslosigkeit und die Frage nach dem Wert des Lebens tun sich auf. Schwere Depressionen führen nicht selten zu psychotischen Episoden, in denen der Wahn das Heft des Handelns übernimmt. Und zwischen alledem bleibt dann höchstens Zeit für das Allernötigste: Essen, Trinken, Toilette.

Man kann ausreichend diskutieren über die biochemischen Mechanismen der Depression, den Anteil von genetischen Faktoren. Man kann zurückblicken in die Kindheit oder man sucht Persönlichkeitsstrukturen, die das Auftreten einer Depression befördern können. Wenn wir danach fragen, warum Depressionen heute gefühlt „mehr“ geworden sind als früher, dann tauchen in den vielen Mails der Betroffenen spannende Hinweise auf die tatsächlichen Ursachen manch einer Depression auf. Ich bin fest davon überzeugt: Bereinigen wir die Zahlen um die verbesserte Edukation über die Krankheit, über das frühere Aufmerksamwerden auf die Depression und die Bereitschaft, sich schneller Hilfe zu suchen, so bleibt am Schluss doch noch eine deutliche Zunahme der Krankheitsfälle in den letzten Jahrzehnten.

Und ein Stichwort begegnet dabei immer wieder: Überforderung. Wir sind mit der Familie überfordert, mit dem Job, mit dem Partner, mit unserem gesamten Leben. Immer häufiger taucht die Arbeitswelt als Faktor auf, der depressiv macht. In schnellerer Zeit sollen wir immer mehr leisten, teils in befristeten und prekären Beschäftigungsverhältnissen, daneben möglichst ganztägig präsent sein und die Arbeit vom Büro, unterwegs und zuhause aus erledigen. Wir fühlen uns häufig degradiert zum Hamster in seinem Rad, dem es an Perspektive fehlt. Nicht Wenige schreiben ehrlich, dass sie durch die neuen Medien einsam geworden sind – eine Einstiegsfalle für Depressionen. Und Andere wiederum machen die Gefühlsarmut selbst unter Angehörigen dafür verantwortlich, dass es an zwischenmenschlichen Beziehungen hakt, die aber eigentlich so wichtig sind für den Blick in die Weite.

96 Mails mit individuellen Geschichten, die oftmals aber auch gezeichnet sind von einer ewigen Suche nach Hilfe: Drei, vier, fünf und sechs Monate Wartezeit auf einen Termin beim Psychotherapeuten. Einige von ihnen führen nicht einmal mehr Wartelisten, haben einen Stopp bei der Patientenaufnahme verhängt. Bekommen wir Verhältnisse wie in den USA, dort, wo das „Consulting“ zum guten Ton dazugehört? Ich will mir eine solche Gesellschaft nicht ausmalen, in der wir auch ein Stück von unserer Freiheit aufgeben. Denn nicht selten begeben sich Patienten in ihrer Ohnmacht in eine Abhängigkeit von Therapie und Therapeut – und vergessen dabei, wie es eigentlich ist, selbstständig und auf eigenen Beinen zu leben.

Daher kann mein Rat nur sein, dass wir versuchen müssen, an den wesentlichen Stellschrauben unseres gesellschaftlichen Miteinanders zu drehen. An denen, die mitverantwortlich dafür sein dürften, dass Depressionen sprießen. Das ist auch eine politische Aufgabe. Denn wir müssen fragen: Welche Lebenswirklichkeit wollen wir tatsächlich? Gerade in Zeiten, in denen viel über den Umbruch der Arbeitswelt gesprochen wird, in denen Familie wieder stärker in den Mittelpunkt des Daseins gerückt werden soll, flexible Modelle eine Neustrukturierung des Alltags und damit einen Mehrwert für alles außerhalb der täglichen Zwänge und Verpflichtungen ermöglichen sollen, da wird es nötig, auch mit klaren Worten aufzutreten: Wir riskieren in einem Land des Wohlstands nicht nur eine Spaltung in arm und reich, sondern auch in zunehmend verbittert einerseits – und glückselig andererseits.

Denn dass gerade die soziale Stellung einen wesentlichen Einfluss darauf hat, welche Erfolgsaussichten wir für unser Leben haben, dieser Zusammenhang ist ja nicht erst seit gestern bekannt. 96 Mails erzählen deshalb auch vom Gang zur „Tafel“, vom Flaschensammeln und Betteln – gleichzeitig aber auch von finanzieller Zufriedenheit bei innerem Ausgebranntsein. Ermutigende, annehmende und durchtragende Worte sind dann vonnöten, zum Gespräch einladen und letztlich versuchen, durch das Teilen der Situation etwas Linderung im Leid zu schaffen – mehr kann ich auch nicht tun. Denn therapeutische Arbeit, die müssen Andere leisten.

Was wir alle bewerkstelligen können, das ist die Erinnerung an unsere Empathie: Verunglimpfen wir nicht die, die psychisch und physisch am Boden liegen als solche, die zu faul und feige für unsere Gesellschaft sind. Denn auch derartige Mails lese ich: Da werden Depressionskranke zum Spielball von Vorurteilen, Diskriminierung und Gefühllosigkeit. Dabei ist Fingerspitzengefühl gerade dann nötig, wenn manch Einer noch drauftreten würde. „Unten sein“, das ist wahrlich keine Schande. Kaum jemand will wahrhaben, dass es jeden treffen kann. 96 Nachrichten mit Schicksalen, die dich wie mich jederzeit einholen können. Machen wir uns bewusst, dass es etwas mehr braucht als Respekt, dass wir Depressionen nicht nur „tolerieren“ müssen. Sie sind inmitten der Wahrheit, rechts und links neben uns. Ernstgenommen zu werden, das wünsche ich den 96 Absendern der Mails, aber auch denen, die selbst dazu nicht die Kraft besitzen.

[Dennis Riehle]

Leserkommentar
zur SPIEGEL-Kolumne von Margarete Stokowski: „Zellen schützen, Frauen quälen“

Menschen, die sich gegen die Abtreibung und damit gegen das Töten eines heranwachsenden Kindes stellen, „quälen Frauen“? Welches Weltbild steckt hinter solch einer Aussage, die in ihrer Absurdität kaum zu überbieten ist?

Nein, werte Frau Stokowski, Lebensschützer haben durchaus verstanden, was sie da fordern, wir sind nicht blöd, wir sind nicht realitätsfern und wir brauchen auch Ihrerseits keine Belehrung darüber, ob wir Frauen das Leben dadurch schwer machen, weil wir ihnen Schwangerschaftsabbrüche weniger schmackhaft machen wollen, als Andere es tun. Und genauso wenig sind wir interessiert an Ihrer Haltung darüber, ob wir die Werbung für Abtreibungen Ärzten überlassen wollen oder nicht.

Denn in einer Ideologie, die den Körper der Frau über alles stellt – und dabei vergisst, dass darin oftmals ein neues Leben heranreift, das ebenso seine Rechte hat –, wird es kaum Platz geben für eine differenzierte Darstellung des Anspruchs von beiden Seiten, der sich überdies gut miteinander vereinbaren lässt. Denn: Abtreibungen sind kein Heilsgeschenk, das Probleme in Luft auflöst. Im Gegenteil: Oftmals beginnen sie erst mit dem ach so erlösenden Schwangerschaftsabbruch, der in Frauen nicht nur ein dauerhaftes Trauma, sondern auch eine beständige Verlustangst hinterlassen kann.

Ja, Sie haben zweifelsohne recht: Wir als Lebensschützer fürchten uns vor jeder Abtreibung, weil wir wissen, dass damit nicht nur einem werdenden Leben völlig rechtlos das Ansinnen auf ein Dasein in dieser Welt versagt wird. Wir sorgen uns mindestens genauso stark um die Konsequenzen, die Schwangerschaftsabbrüche für Frauen mit sich bringen. Vielleicht mag sich auf den ersten Blick ein sozialer Konflikt entspannen, wenn das Kind „weg“ ist. Niedergeschlagenheit und Traurigkeit werden aber nicht lange auf sich warten lassen.

Und warum überhaupt sollten wir, die Leben schützen wollen, mit unserem Anliegen „Frauen quälen“, wie Sie es in Ihrer SPIEGEL-Kolumne schreiben? Quälen, weil wir werdende Mütter ermutigen möchten, die Schwangerschaft zu durchstehen, nicht vorher aufzugeben, auch manchen Schmerz und eine nicht immer einfache Geburt über sich ergehen zu lassen?

Ein Kind, das ist – glücklicherweise – für viele Eltern noch immer ein Geschenk. Da entsteht etwas Neues. Und natürlich muss sich manche Frau auch durch gewisse Unwägbarkeiten in der Schwangerschaft hindurch winden. Doch ist es das nicht wert? Sie meinen wahrscheinlich viel eher, wir quälten Frauen deshalb, weil wir ihnen das Recht auf Selbstbestimmung nehmen. Nein, das tun wir wahrlich nicht. Gott sei Dank werden die meisten Frauen noch immer freiwillig schwanger. Sie haben es eigenmächtig in der Hand, ob sie Nachwuchs zeugen wollen oder nicht. Sie wissen im Vorfeld um die Verantwortung, die sie mit dem Geschlechtsverkehr eingehen.

Wollen Sie Frauen in Deutschland etwa die Kompetenz abstreiten, gebildet und wissend selbst darüber befinden zu können, schwanger zu werden? Wir trauen es Frauen zu, dass sie in der Lage sind, eigenverantwortlich zu handeln und sich aus reiner Selbstüberzeugung für eine Schwangerschaft zu entscheiden. Ja, in dieses Konzept passt kein Seitensprung, kein „One-Night-Stand“, in dem man Spaß haben kann, ohne den Blick auf die Folgen. Wir möchten, dass Sexualität bewusst gelebt wird – denn Kinder sind kein Gegenstand wilder Experimente. Sie sind wahrlich etwas Einzigartiges, mehr als der von Ihnen dargestellte „Zellhaufen“, der nur darauf wartet, endlich zerstört zu werden.

Wäre Ihr Denken mehrheitsfähig geworden, wir müssten uns um unsere Zukunft ernsthaft Sorgen machen. Ich bin allerdings recht überzeugt davon, dass es in diesem Land genügend Anhänger der Lebensschützer gibt, die Frauen übrigens nie alleine lassen. Doch wir glauben an die Kraft der Mütter, eine Schwangerschaft als Herausforderung zu sehen, die wir gemeinsam bewältigen können. Denn wir nehmen die Gesellschaft in die Pflicht, werdende Eltern mehr denn je zu unterstützen. Finanziell, sozial, im Ansehen. Würde sich diese Verantwortung noch viel stärker in unseren Breiten herumsprechen, würde die Teilnahme am Schicksal manch einer schwierigen Schwangerschaft wachsen, würden nicht immer mehr Mitmenschen wegsehen, wenn Frauen Not leiden, dann wäre unsere gesamte Debatte obsolet. Doch gerade der Anspruch, sein Leben mit sich auszumachen, wie er im 21. Jahrhundert „Mainstream“ geworden ist, er verhindert, dass die Alternativen zum Schwangerschaftsabbruch im Bewusstsein vieler hilfloser Frauen auch wirklich ankommen.

Und lassen Sie mich zum Schluss noch kurz auf die „Werbung“ kommen, die aus Ihrer Sicht auch die Ärzte betreiben sollen, die selbst an der Abtreibung Geld verdienen: Mir persönlich ist es unverständlich, wie würdelos eine Diskussion verlaufen kann, die das Leben kommerzialisiert. Denn schlussendlich geht es um die Frage, welche Verpflichtung Ärzte in ihrem Berufsethos vorrangig eingegangen sind. Sie sollen Menschen helfen, Schmerzen lindern, Krankheit nehmen. Keiner dieser Prämissen kann durch den Schwangerschaftsabbruch Genüge getan werden.

Und sollte ich all Ihre Positionen nun falsch verstanden haben, so bitte ich um Verständnis, dass auch Lebensschützer einen Diskurs auf den Höhepunkt treiben können, wenn ein Anhänger einer Weltanschauung, die der Würde des werdenden Lebens abgewandt scheint, seine Standpunkte zumindest derart suggestiv zu verkaufen versucht, dass am Schluss trotz des Beteuerns auf „Anti-Feminismus“ nur der Eindruck bleibt: Im Mittelpunkt, da steht die Frau – und neben ihr, da kommt nichts mehr…

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Litzelstetten. Die Sozial- und Pflegesprechstunde Litzelstetten feiert ihr fünfjähriges Jubiläum. 2013 wurde sie als niederschwelliges Beratungsangebot für die gesamte Bevölkerung eingerichtet, getragen von der Litzelstetter Nachbarschaftshilfe e.V. – durchgeführt von Dennis Riehle, der seither seinen Dienst ehrenamtlich erfüllt. Seit Bestehen steht die Sprechstunde im Litzelstetter Rathaus Menschen in sozialen und pflegerischen Belangen zur Verfügung. „Dabei hat sich die Zahl derer, die Hilfe suchen, konstant eingependelt: Heute erreichen mich rund 60 – 80 Anliegen pro Jahr, mittlerweile vorwiegend per Mail, Telefon und Post“, so Riehle, der durch seine Ausbildung als Pflegelotse im Landkreis Konstanz, aber auch als psychologischer und sozialpädagogischer Berater beste Voraussetzungen mitbrachte, um die Aufgabe der Sprechstunde zu übernehmen.

„Gleichsam musste auch ich mich weiter fortbilden. Denn nicht in allen Themen war ich fit. Immerhin kontaktieren mich die Leute mit den unterschiedlichsten Gesuchen. Das reicht vom Antrag auf Schwerbehinderung über die Betreuungsvollmacht, den Rentenantrag, das Wohngeld, ‚Hartz IV‘ bis hin zum Pflegegrad. Man kann nicht alle Regelungen und Ausnahmen kennen. Deshalb erbitte ich mir oftmals auch Zeit, ein Anliegen tiefgehend zu bearbeiten“. Riehle versucht dabei, die notwendige Vertrauensbasis zu bilden, die für die teils sehr persönlichen Gespräche wichtig ist. „Ich denke, die Menschen schätzen vor allem die unkomplizierte und bodenständige Art der Kontaktaufnahme. Viele kennen mich als Litzelstetter, da fällt es leichter, sich mit seinem Problem zu öffnen – als vielleicht einem Verwaltungsmitarbeiter gegenüber. Ich versuche, mich den Anliegen völlig ergebnisoffen zu widmen – und im Zweifel verweise ich an die fachkundigen Stellen, zu denen ich gern vermittle“.

Das „Fünfjährige“ überrascht Riehle dennoch: „Anfangs hätte ich nicht gedacht, dass sich das Angebot so lange halten wird. Immerhin meinten auch Viele, solch eine Sprechstunde brauche es im vergleichsweise wohlhabenden Litzelstetten doch nicht. Die Realität hat aber gezeigt, dass die Nachfrage beständig bleibt. Und heute bin ich überzeugt, dass die Beratung auch noch die kommenden Jahre überdauern wird, denn wir alle sind irgendwann auf Unterstützung in sozialen und pflegerischen Fragen angewiesen. Und die Hilfestellung hat sich herumgesprochen: Heute sind es auch Personen vom restlichen Bodanrück, die mir schreiben“. Wer Kontakt zur kostenfreien Sprechstunde sucht, der kann sich am ehesten über Mail: Li-Na@Riehle-Dennis.de oder per Post (Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz) an Dennis Riehle wenden. Neben Beratung bietet Riehle dann auch Unterstützung bei der Antragsstellung, beim Ausfüllen von Formularen oder der Formulierung entsprechender Schreiben an Versicherungen oder Ämter.

[Dennis Riehle]

Zwischenruf

Finanzskandale, rückläufige Mitgliederzahlen und der Streit um die Segnung von homosexuellen Paaren. Nein, die Kirche ist wirklich nicht zu beneiden. An verschiedenen Fronten kämpft sie mit hausgemachten Missständen, mit manchem Überdruss über die Kirchensteuer und schlussendlich auch mit Lehren und Dogmen, von denen Einige glauben, sie seien nicht mehr zeitgemäß. Dabei fragt man sich wirklich: Ist es allein das liebe Geld, das die Menschen in Scharen aus den Gotteshäusern treibt? Oder stört viel eher das konservative Profil, über das sich sowohl katholische, aber auch manch evangelische Kirche nicht hinweg zu trauen scheint?

Als ich vor über fünf Jahren aus der Kirche ausgetreten bin, da waren es banalere Dinge. Da ging es um zwischenmenschliche Konflikte, aber auch um handfeste Zweifel: Die Frage, die Gläubige in und außerhalb der Kirche mit sich herumschleppen, bleibt vor allem: Warum lässt Gott die vielen Schicksale auf dieser Welt zu? Und wenn ich aus meiner persönlichen Antwort auf dieses „Theodizée“-Problem die Schlussfolgerung ableite, es könne gar keinen liebenden Gott geben, kann ich dann tatsächlich noch einem Verein angehören, in dessen Mittelpunkt genau diese höhere Kraft steht? Für mich war klar: Nein, ich kann es nicht. Und außerdem: So richtig überzeugt war ich von einem auferstehenden Jesus auch nicht, seine Leidensgeschichte am Kreuz konnte ich ja noch nachvollziehen – mehr aber nicht. Und wie soll dann ein ehrliches Glaubensbekenntnis über die Lippen gehen, wenn ich bei jedem zweiten Satz erst einmal darüber nachdenken muss, ob ich noch hinter den Aussagen stehe, die mein Nachbar mit Inbrunst betet? Viele Andere bleiben trotz dieser Zweifel in der Kirche, weil man eben schon seit Geburt an dort verwurzelt ist.

Das war für mich allerdings kein Argument. Und viel eher trieb mich die Neugier an, wie es denn diejenigen machen, die sich von Gott abgewendet haben. Wie lebt es sich als Atheist? Nach einem halben Jahrzehnt in der säkularen Szene bin ich im vergangenen Jahr wieder in die Kirche zurückgekehrt. Nicht, weil ich heute mehr glaube als noch 2012. Mir wurde aber bewusst, dass die kirchliche Gemeinschaft für mich persönlich weitaus mehr zu bieten hat als das Wissen um einen Zusammenhalt aus denjenigen, die aus meiner Erfahrung nicht selten den Menschen in den Mittelpunkt des eigenen Denkens und Handelns stellen – nicht den Mitmenschen, sondern sich selbst.

Es fehlte mir an Konzepten dort, wo ich einst Hoffnung sah: Doch im transhumanistischen Ansinnen des Evolutionären allein fand auch ich keine Glückseligkeit. Da beantworteten sich zentrale Fragen des Daseins nicht. Der Anbeginn der Welt blieb ebenso nebulös wie das ständige Grübeln über den Sinn des Lebens. Ich gebe zu: Da gab mir der christliche Glaube mehr. Bei weitem nicht alles, aber doch eine erfüllende Menge an Weisheiten, die oftmals recht naiv erscheinen – und vielleicht tatsächlich nur „Opium für das Volk“ sind. Aber sei es drum: Eigentlich blieb ich nach meiner Rückkehr in die Kirche über die Gründe für deren wachsende Erosion noch mehr im Unklaren als zuvor. Denn wenn es etwas gab, was der Glaube in Gemeinschaft lehren kann, dann waren es Hoffnung und Zuversicht. Weshalb aber verkennen heute immer weniger Menschen die heilsbringende Botschaft? Vielleicht, weil gerade sie nicht mehr durchdringt durch das politische Sonntagsgerede auf den Kanzeln? Oder weil es nicht gelingt, die recht verstaubten Worte von damals in ein neues Gewand zu kleiden, das den Inhalt aber nicht verschmälert?

Die Kirchen haben heute ein Problem, das sich nur mit einem immensen Umdenken bewältigen lässt. Als ich aus der Kirche austrat, da wunderte ich mich schon, weshalb sich niemand der Klerikalen, niemand aus der Gemeinde dafür interessierte, dass ich plötzlich von der kirchlichen Bildfläche verschwunden war. Sind die abhanden gekommenen Schäfchen es nicht wert, einmal gründlich nachzuhaken, warum sie die Herde verlassen haben? Oder kommt man mit dieser Aufgabe bei der Vielzahl an Ausgetretenen gar nicht mehr hinterher? Jedenfalls war ich enttäuscht darüber, dass die Kirche es versäumt hat, über die Gründe für die großen Austrittswellen nachzudenken. Man macht es sich zu einfach, wenn man die Verluste einfach abschreibt. Denn wohin soll die Entwicklung gehen, wenn trotz mancher Reförmchen die Geschwindigkeit an Austritten kaum abnimmt? Kirche muss die Menschen heute in ihrer Lebenswirklichkeit abholen. Das bedeutet nicht zwingend, einem liberalen Mainstream hinterher zu eifern. Denn nicht wenige Gläubige wünschen sich von ihrer Kirche gerade das Gegenteil.

Es scheint trotzdem eher weniger darum zu gehen, welch klare Kante die Kirche beweist. Viel eher versäumt sie die Exegese, das Herunterbrechen biblischer Geschichten auf die Gewohnheiten des 21. Jahrhunderts. Entweder bleibt sie an den Buchstaben der Heiligen Schrift hängen – oder sie stilisiert sich zur moralischen Instanz auf, die sich lieber über die „GroKo“ äußert als über die Frage, was der Arbeitslose, der Krebskranke, die überforderte Mutter tun kann, um für sich selbst neue Kraft zu schöpfen. Lösungswege zeigt der Glaube nicht immer auf, aber er kann zumindest über so manches Tal hinweg tragen.

Und wenn es um das „Abholen“ der Menschen geht, dann ist das auch wörtlich gemeint. Zwar wünschen wir uns in der heutigen Zeit immer öfter, dass sich möglichst Viele aus unserem Leben heraushalten mögen. Doch sind wir nicht manches Mal dankbar, wenn sich jemand erkundigt, wie es uns geht? Gerade in der tendenziellen Vereinsamung nicht nur älterer Menschen könnte für die Kirchen eine Chance liegen. Nein, sie muss nicht auf neue Mission gehen, sie sollte niemandem den Glauben „aufschwatzen“. Aber ab und zu genügt es bereits, wenn man über ihn ins Gespräch kommt. Bei immer weniger Mitarbeitern wird es zwar schwieriger, den früher noch so obligatorischen Hausbesuch innerhalb der Gemeinde aufrechtzuerhalten. Doch auch die Herausforderung, Vertrauen in die Hände von Ehrenamtlichen abzugeben, sie gehört zu den größten Hürden, die eine Kirche der Gegenwart überwinden muss. Glaubensgemeinschaften sind keine elitären Clubs der Klerikalen, sondern müssen heute mehr denn je partizipierende Teams sein, in denen man sich aufeinander verlässt. Gerade deshalb bin ich in die Kirche zurückgekehrt, weil ich mir nicht eingestehen will, dass sie veränderungsresistent ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich bin wahrlich keiner, der der Kirche nach dem Mund redet. Und ich bleibe auch heute jemand, der eine klare Trennung zwischen Weltanschauungsgemeinschaft und Staat befürwortet, der gleichzeitig aber im Privaten dafür wirbt, dass die Kirche sich wandelt, weil er an ihr Gutes glaubt. Sie wirkt interessant, wenn sie Interesse zeigt. Sie sollte nicht nur hinhören, wenn es um ihre eigenen Belange geht, sondern gerade dann, wenn die Mitglieder von ihrem Glück und Leid berichten. Das Miteinander zwischen Kirche und Gläubigem, es ist – viel mehr als bei jedem anderen Verband – ein gegenseitiges. Ich gehöre ihr nicht nur an, weil ich für ihr „Programm“ einstehe, sondern weil ich etwas von ihr verlange. Kirche ist Dienstleister. Und als solcher hat sie sich in der Vergangenheit nicht immer bewiesen. Im Ringen um die besten Ansichten muss auch sie sich heute dem Wettbewerb stellen, es ist wahrlich keine Selbstverständlichkeit mehr, dass man in sie hineingeboren wird – und dort verbleibt. Zeitgemäß heißt nicht zeitgeistig. Ein sich Öffnen für die Ansprüche der Gläubigen, statt die Hände in den Schoß zu legen. Eine theologische Souveränität statt buntem Glaubensmix. Ein offenes Herz statt verschlossene Türen.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.