Lesermeinung zu
„Reich-Gutjahr: Miethöhendeckelung ist Ablenkungsmanöver eines grünen Oberbürgermeisters“, Pressemitteilung vom 16.01.2018

Die wohnbaupolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Landtag von Baden-Württemberg macht es sich mit ihrer Kritik an Boris Palmer etwas zu leicht. In ihrer Pressemitteilung fehlen maßgebliche Belege für die aufgestellten Behauptungen, beispielsweise, wonach der Verweis auf Spekulationen als Preistreiber für Miethöhen nur ein „Ablenkmanöver“ des grünen OB sei.

Ist es nicht der Bauboom, der eine Blase füllt, die vor lauter Gier nach mehr Rendite irgendwann zu platzen droht? Bauen, bauen, bauen, das ist das Credo der FDP-Politikerin. Dabei weiß sie selbst, dass all das nicht so einfach getan wie gesagt ist. Immerhin stößt auch die Innenentwicklung irgendwann an ihre Grenzen. Und im Außenbereich, da ist es legitim, dass wir umfangreich prüfen müssen, ob und inwieweit wir mit Umwelt- und Naturschutz in Kollision geraten. All das dauert, die deutschen Regelungen mögen an vielen Stellen nur unnötige Bürokratie sein. Doch das bloße Abtun einer staatlichen Miethöhendeckelung bringt hierfür auch keine Lösung.

Viel eher müssen wir fragen, weshalb wir das Angebot immer weiter in die Höhe treiben müssen – und die Nachfrage trotz allem Bemühen nicht sinkt. Was ist mit leerstehendem Wohnraum, wie viel Platz braucht ein Mensch zum Leben? Ja, es ist eine Gerechtigkeitsfrage, die sich auftut – und die nicht allein mit marktwirtschaftlichen Weisheiten beantwortet werden kann.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Kober: Abschaffung von Sanktionen im SGB II wäre unfair“, Pressemitteilung vom 18.01.2018

In wieweit Lebensmittelgutscheine mit der Würde des Menschen vereinbar sind, darüber kann man trefflich streiten. Nein, wir machen Menschen nicht dadurch klein, dass wir Sanktionen des SGB II streichen. Im Gegenteil. Ich widerspreche Pascal Kober ausdrücklich, dass versäumte Termine bei den Jobcentern vergleichbar sind mit einem verspäteten Erscheinen am Arbeitsplatz. Denn die Konsequenzen sind völlig unterschiedliche – und auch die Hintergedanken divergent.

Bei den Maßnahmen, die gegen „Hartz IV“-Empfänger in Form von Streichungen ihrer Leistungen verhängt werden, geht es in erster Linie um eine Disziplinierung, die nicht selten unrechtmäßig ist. Dass 40 Prozent der Verfahren gegen die Sozialleistung für den Kläger erfolgreich ausgehen, zeigt, dass die Anwendung der Sanktionskeule oftmals willkürlich und damit schikanös angewandt wird. Ich gebe dem „Paritätischen Wohlfahrtsverband“ recht, der die Abschaffung dieses Instrumentes fordert – und damit auf eine bedingungslose Grundsicherung drängt, die dem Menschen den möglichen Freiraum zur individuellen Entfaltung seines Selbst geben würde.

Es ist ein Trugschluss zu glauben, wir seien dazu geschaffen, unseren Alltag auf dem Sofa vor dem Fernseher zu verbringen. Die Mehrheit ist gewillt, Arbeit aufzunehmen – denn sie gibt Sinn, Struktur und Ablenkung. Doch kaum jemand wird zeitnah in einen Job zurückfinden, wenn er von der Agentur gegängelt und für jedes Verfehlen gemaßregelt wird. Empfänger von Sozialleistungen sind keine Sklaven des Staates, sondern selbstbewusste Persönlichkeiten, die es in erster Linie zu fördern, statt ständig nur zu fordern gilt.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Wie freiheitstauglich ist ein verurteilter Doppelmörder?“, WELT vom 19.01.2018

Gesellschaften tun sich schwer damit, Menschen zu vergeben. Das Vertrauen in diejenigen, die straffällig geworden sind, ist gering. Ihnen wird nicht zugetraut, sich zu wandeln. Besonders „Schwerverbrecher“ sollten dem Populismus vieler Stammtische gemäß ewig im Knast schmoren. Dabei ist unser Rechtsstaat nicht auf „lebenslang“ ausgerichtet. Ein ständiges Wegsperren widerspricht der Philosophie der Wiedereingliederung, die auch für Menschen gelten muss, die schwer an Schuld tragen. „Freiheitstauglich“ sind besonders die, die Buße tun.

Denen, den ein Umdenken bescheinigt werden kann, dort, wo Sühne stattfindet, da muss auch die Chance auf Rückkehr ins Leben bestehen. Mit dem Credo „Aus den Augen, aus dem Sinn“, werden wir niemandem gerecht. Die dauerhafte Unterbringung in der Haft kostet nicht nur den Steuerzahler, sie läuft auch unserer Ethik der Freiheit zuwider, die jedem zugutekommen sollte, den wir nach ausgiebiger Prüfung, nach langer Beobachtung als den identifizieren, der eine Umkehr gewagt hat. Das Gefängnis, die Beschäftigung mit der eigenen Tat, sie kann verändern – und kann aus Menschen neue Persönlichkeiten machen.

Es wird der Würde eines Jeden nicht gerecht, wenn wir unser Justizwesen auf das Verwahren fokussieren. Jede Möglichkeit, selbst Schwerverbrecher wieder in das öffentliche Dasein zu integrieren, erleichtert auch unser Gewissen. Denn Strafe allein, sie mag unsere Überlegenheit befördern. Gerechtigkeit ist aber erst hergestellt, wenn uns die Resozialisierung des Täters gelingt.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Förderprogramm für die Ränder rechts und links“, Handelsblatt vom 12.01.2018

Ein Mehr an Verteilungen und Ausgaben macht noch keinen besseren Staat. Zwar mag sich der ein oder andere Wähler über die Geschenke einer möglichen Großen Koalition freuen, doch inhaltlich sind wir mit den Sondierungsergebnissen von Union und SPD nicht wirklich weiter. Im Gegenteil: Die jüngere Generation muss sich fürchten, dass die Rentenversprechen mit den Beiträgen der heutigen und künftigen Arbeitnehmer finanziert werden – von den Aufwänden für die Mütterrente ganz abgesehen.

Ein Großteil der Verbesserungen für die ältere Generation wird zulasten der kommenden Erwachsenen gehen. Sozialer Sprengstoff ist schon heute vorprogrammiert. Verbindlichkeit herrscht auch beim Soli nicht: Ein langsames Auslaufenlassen, das widerspricht den einstigen Perspektiven, die man den Menschen in Aussicht stellte. Über Bürgerrente, Freiheitsrechte und Datenschutz liest man in den Sondierungspapieren fast nichts. Und bei der Bildung kam wohl niemand so richtig über den Föderalismusgedanken hinweg, denn auch weiterhin gilt abseits der Finanzen ein strenges Kooperationsverbot – so, wie es sich die Landesfürsten wünschten. Europapolitisch forciert niemand die innere Integration, allein der Wunsch nach mehr Geld, er wird befriedigt.

Im Land selbst sind wir von Entlastungen weit entfernt, Visionen werden mit Milliarden vertröstet. Und während man auf anderen Kontinenten mit Meilenschritten in der Digitalisierung vorausgeht, hetzen wir im Tippeln hinterher. Kein großer Wurf, sondern im Schlafwagen voraus in die Vergangenheit. Mit solchen Versprechen der Großen Koalition kann man Deutschland nur verwalten, reagieren aber, das sieht anders aus!

[Dennis Riehle]

Lesermeinung zu
„Mittel des Rechtsstaates konsequent einsetzen“, Portal Liberal vom 11.01.2018

Liest man die Äußerungen des nordrhein-westfälischen Integrationsministers, so könnte man schnell auf die Idee kommen, sie stammten von einem Rechtsaußen der Union, der mit aller Härte in der Migrations- und Flüchtlingspolitik punkten will. Dabei ist es ein FDP-Politiker, der seine Forderungen nur so aneinanderreiht: Rückführungszentren, „atmende Richtwerte“ oder die Möglichkeit des „Spurwechsels“ für Asylbewerber, die den Absprung in den Arbeitsmarkt geschafft haben. All das klingt nach einem Pauschalverdacht.

Natürlich brauchen wir Ordnung, wenn es um die Einreise in unser Land geht. Und Gefährder haben hier nichts zu suchen! Doch generalisieren wir Flüchtlinge nicht zu Kriminellen und Arbeitsverweigerern, wenn wir mit lautstarken Parolen dafür sorgen, dass sie nicht länger als Schutzsuchende wahrgenommen werden, sondern als die, die unser Land bewusst destabilisieren wollen? Der neue Minister möchte sich zweifelsohne einen Namen als Hardliner machen, er schießt mit seinem Katalog an Maßnahmen aber weit über das Ziel hinaus – und in manchem Details sogar wohl an den Positionen der CDU vorbei. Die Freien Demokraten haben in der Zuwanderungsfrage in den letzten Monaten einen deutlichen Rechtsdrall zurückgelegt.

Zwar will man damit der AfD die Existenzgrundlage nehmen, macht sich gleichsam aber selbst verdächtig, die bürgerliche Mitte zu verlassen. Ich sorge mich ein Stück weit um das Image der Liberalen, die ich bislang als die politische Macht der stetigen Vernunft wahrgenommen habe. Möge auch Minister Stamp wieder zurückkehren ins Fahrwasser bedächtiger Verhältnismäßigkeit.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Wir brauchen Sanktionen gegen Länder, die Christen verfolgen“, WELT vom 11.1.2018

Zweifelsohne gehören christliche Gläubige zu denjenigen weltweit, die die stärkste Verfolgung, Unterdrückung, Gewalt und Folter hinnehmen müssen. Doch warum fällt der Kommentar so einseitig aus? Natürlich bietet der aktuelle „Open-Doors“-Bericht einen Anstoß dafür, sich mit der Christenverfolgung auseinanderzusetzen.

Doch blicken wir darauf, welche Torturen Menschen unterschiedlichen Bekenntnisses hinnehmen müssen, dann sind es auch andere Religionszugehörige, denen wir unsere Aufmerksamkeit schenken sollten. Und es sind vor allem auch die, die überhaupt nicht glauben: Atheisten werden schikaniert, gepeinigt und verurteilt, weil die „Blasphemie“ noch vielerorts unter Strafe steht und gar den Tod bedeuten kann. Ich würde mir wünschen, dass wir die Realitäten mit mehr Weitsicht wahrnehmen – nicht nur aus dem Blickwinkel des christlich geprägten Deutschlands, in welchem Humanisten, Freidenker oder Konfessionslose auch in diesen Tagen Benachteiligungen in Bildung, bei Feiertagen oder in der Vertretung in öffentlichen Gremien hinnehmen müssen, obwohl sie zu einer immer weiter wachsenden Gesellschaftsgruppe gehören.

Nein, Christenverfolgung ist nicht hinnehmbar. Um aber ein Vorbild in Sachen Religionsfreiheit zu sein, sollten wir in unserem eigenen Land damit beginnen, gleichen Menschen gleiche Rechte zukommen zu lassen – ob sie nun glauben oder nicht.

[Dennis Riehle]

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Jusos in Sachsen-Anhalt,

eine „2000 Jahre alte Hirtenmythologie“, wie Sie das Christentum offenbar in einem Antrag für den Landesparteitag der SPD bezeichnet haben, es kann wahrlich keine Antworten für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts liefern, wenn man sich derart verschlossen gegenüber dem zeigt, was Milliarden Menschen in der Welt verbindet: Ja, zur Religionsfreiheit gehört in Deutschland auch, die Glaubensgemeinschaften kritisieren zu dürfen. Doch Ihre Argumentation stellt sich doch reichlich dürftig dar: Sie wollen das Ende des Einzugs der Kirchensteuer über staatliche Behörden, eine Abschaffung von Leistungen an die Kirchen und ein Ende der Entschädigungszahlungen an selbige – und begründen dies damit, dass das Christentum den Menschen von heute keine Antworten auf die Probleme in ihrer Lebensführung bereithalte.

Wer nicht in der Lage ist, zumindest mit Respekt zu akzeptieren, dass der Glaube etwas Höchstpersönliches ist, den zu deuten es einer gewissen Offenheit und Toleranz auch jenen gegenüber bedarf, die – wie Sie – mit merkwürdigen Rechtfertigungen darauf abzielen, den Status der christlichen Kirchen in Deutschland zu verändern, der wird auch nicht erkennen können, was die Botschaft von Geburt und Tod Jesu Christi dem einzelnen Menschen auch in diesem Jahrzehnt noch zu sagen haben. Es kommt einer Ignoranz der besonderen Art und Weise gleich, wenn persönliche Abneigungen gegenüber einem Glaubensinhalt die Forderung nach dem Ende staatlicher Kooperation mit den Kirchen begründet. Es mag durchaus sein, dass Sie mit bloßer Entwürdigung auf das reagieren können, was Anderen Halt und Kraft gibt. Dass Sie damit Freiheitsgrenzen des Gegenübers überschreiten, merken Sie in Ihrer Boshaftigkeit gegenüber dem christlichen Glauben wohl kaum.

Niemand muss an einen Gott glauben. Und niemand muss davon überzeugt sein, dass sich dieser Gott durch die Geburt eines Menschen als Sohn offenbart – und dadurch zeigt, dass er keine höhere Macht allein, sondern einer von uns ist. Niemand muss an die Errettung glauben, an die wundersamen Ereignisse, die unter Jesu berichtet werden. Und niemand muss damit übereinstimmen, dass Christen die Sünden vergeben werden, wie sie auch Christus in seinem Tod am Kreuz genommen worden sind. Doch zum Anstand gehört es, Dinge nicht zu veralbern, ins Lächerliche zu ziehen. Christen sind in aller Regel friedliebende Menschen, die genauso gut Wertschätzung und Anerkennung für Ihre Weltanschauung des offenbaren Säkularismus entgegenbringen. Wieso kann in einer Generation von heute nicht gleichsam respektiert werden, dass auch Gefühle von Anderen nicht durch schändliche Politisierung verletzt werden müssen?

Ich kann mir nicht vorstellen, welche Wut, welche Aggression, welche tiefe Verbitterung Sie antreibt, dass Sie ein verfassungsrechtlich bis heute nicht beanstandetes Miteinander zwischen dem Staat und den Konfessionen als für beide Seiten, für die Zivilgesellschaft und nicht nur für christliche Bekenntnisträger sinnstiftendes und gewinnbringendes Modell abseits des Laizismus in dieser Brachialität ablehnen. Wir verfolgen in unserem Land derzeit wahrlich andere Sorgen als die Frage, ob das funktionierende System der gegenseitigen Würdigung von Staat und Kirche zu einem Ende kommen sollte. Mit Ihren Forderungen lenken Sie ab von fehlenden Antworten auf die tatsächlich drängenden Fragen. Zweifelsohne verlieren die Kirchen im Land an Mitgliedern. Und damit schwindet auch ihr Einfluss. Dass daraus aber wiederum eine prinzipielle Belustigung einer wachsenden Zahl von Menschen gegenüber christlichen Lehrmeinungen abzuleiten wäre, dafür gibt es nach meinem Dafürhalten keinerlei Anzeichen.

Im Gegenteil: Über eine lange Zeit hinweg galt es als selbstverständlich, dass man sich in der Religions-, Meinungs- und Redefreiheit zumindest an gewisse Maßgaben der Vernunft hielt. Dazu gehörte auch, mit sachdienlichen Argumenten Politik gegen eine durchaus streitbare, aber bis heute die Menschen in diesem Land wohl nicht wirklich belastende Tatsache zu betreiben, wonach es als aus der Geschichte unserer Vergangenheit erwachsene Selbstverständlichkeit galt, das punktuell kooperierende Miteinander von Kirche und Staat zugunsten des Sozialstaatsgedankens, des friedlichen Zusammenhalts der Weltanschauungen und des Lebendighaltens eines Wertekanons zu wertschätzen. Bis auf das Faktum, wonach Sie die christliche Überlieferung, die Tradition und die jahrtausendealte Entwicklung einer religiösen Bewegung als „Mythos“ von Hirten ansehen, die Sie in Ihrer Abwertung wohl auch noch ihrer Gabe berauben wollen, Zeugnis über das Christuskind geliefert zu haben, halten Sie wenig an brauchbarer Kritik vor, um Ihren staatspolitischen Forderungen auch nur irgendeine Relevanz zu schenken.

Ich kann Ihre Einlassungen entsprechend nicht sonderlich ernst nehmen, zeigen sie doch keinerlei Sensibilität für den Respekt vor dem Anderen, sondern offenbaren sie ein transhumanistisches Gedankengut, das allein auf der nihilistischen Grundlage menschlichen Verstandes die traurige Eigenschaft des Menschen im 21. Jahrhundert belegt, für das Begreifen größerer Zusammenhänge, Visionen und Ermutigungen keinen Platz zu sehen. Das ist schade, aber gleichsam verständlich in einer materialistischen Welt, die gut auskommt ohne die Verheißungen, die eben gerade auch dieser Tage noch manch Einen erden würden.

Ich wünsche Ihnen bei Ihrem weiteren Vordringen gegen das Christentum vor allem Weitsicht, nicht irgendwann die eigenen Interessen aus dem Blick zu verlieren, sondern sich wahrhaftig auf den politischen Diskurs zu besinnen, der Ihnen zweifelsohne freistellt, sich auch künftig für ein anderes Verständnis der Rolle von Kirchen und Staat einzusetzen.

Freundliche Grüße

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung
Diskussion um Vereinsamung durch soziale Netzwerke

Die Diskussion über die Frage, ob „Facebook“ einsam macht, beobachtet der „intakt e.V.“, Selbsthilfeverband bei sozialer Phobie und Schüchternheit, mit großem Interesse. Nachdem sich das soziale Netzwerk auch selbst in die Debatte eingebracht hat, wird darüber gestritten, ob sich gerade junge Menschen durch die Nutzung von „Facebook“ und anderen Diensten zunehmend in die Isolation zurückziehen und an ihren sozialen Kommunikationsfertigkeiten verarmen.

„Wir erleben auch in der Selbsthilfe einen Trend dazu, nicht mehr die klassische Gruppe aufzusuchen, in der man von Angesicht zu Angesicht ins Gespräch kommt. Viel eher trifft man sich zum Austausch über Krankheiten und soziale Probleme in geschützten Chaträumen, Foren und bei sozialen Netzwerken. Wir sehen diese Entwicklung durchaus kritisch, zementiert sie bei vielen Betroffenen doch ein wesentliches Problem: die ausbleibende Teilnahme am zivilgesellschaftlichen Leben“, so die Vorsitzenden Julian Kurzidim und Dennis Riehle.

„Es wäre verfrüht, um eine Schlussfolgerung zu ziehen, aber allein der logische Verstand verdeutlicht uns, dass Personen, denen die Übung am Umgang mit Anderen fehlt, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen oder sich ausschließlich auf virtuelle Kontakte konzentrieren, auch anfälliger werden, eine soziale Angst zu entwickeln. Denn wir können durchaus verlernen, wie man sich im zwischenmenschlichen Miteinander verhält, wie man Gespräche führt, wie man selbstbewusst in der Gesellschaft auftritt“.

Der „intakt e.V.“ ist gleichsam der Überzeugung, dass man die Fähigkeiten zum sozialen Interagieren gezielt trainieren kann. „Auch im Zustand einer sozialen Phobie ist die Exposition, das sich bewusste Konfrontieren mit der angstauslösenden Situation, ein wichtiger Therapieansatz. Wenn wir uns vornehmen, wieder vermehrt in reale Bekanntschaften zu investieren, im Redefluss mit Menschen außerhalb der digitalen Welt bleiben, dann haben wir gutes Rüstzeug dafür, auch bei eingeschränktem Nutzungsverhalten sozialer Medien sowohl den schnellen Kontakt am Smartphone oder Tablet zu pflegen, gleichsam aber den Anschluss an das Leben abseits der mobilen Endgeräte nicht zu verpassen“, so die Vorsitzenden abschließend.

[Dennis Riehle]

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kirchenverwaltung in Hessen und Nassau,

„Ist Gottes Wort nicht absolut wahr?“ – Unter dieser Überschrift veröffentlichte das evangelische Nachrichtenmagazin „idea Spektrum“ eine Meldung über den Intereintrag auf der Seite der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, der sich mit der Frage befasste, ob das „heilige Buch“ denn „kein historischer Tatsachenbericht“ sei (http://www.ekhn.de/glaube/glaube-leben/bibel/gottes-wort.html).

Wahrheit – was bedeutet für uns „Wahrheit“? Ist nur das, was wissenschaftlich objektivierbar erscheint, auch tatsächlich Realität? Oder erlebt nicht jeder von uns tagtäglich seine eigene Wirklichkeit? So, wie diejenigen, die Gottes Wort aufgeschrieben haben?

Sie wurden angesprochen von Gottes Präsenz, von seinem Geist, der sie nicht buchstabengetreu auflisten ließ, was er den Menschen zu verkünden hat. Sondern der uns eingab, welche Botschaften er für uns bereithält. Gott befähigte die, die zu damaligen Zeiten in der Fertigkeit waren, seinen geistlichen Impuls aufzunehmen, Parabeln und Allegorien zu verfassen, die seinem Willen Ausdruck verleihen.

Schon allein die Widersprüchlichkeit in den biblischen Geschichten macht deutlich, dass nicht Gott es selbst war, der niedergeschrieben hat – und dass auch er es nicht gewesen ist, der den Verfassern der biblischen Werke wortwörtliche Weisung gegeben hat. Viel eher hat Gottes Freiheit gewirkt, die er bereits zu Anbeginn der Welt seinen Geschöpfen zusprach, als er ihnen einhauchte, welche Aussagen, welche Werte, welche Ziele und Utopien es sind, die das zwischenmenschliche Miteinander ausmachen, die den Frieden auf Erden bestimmen, die die Verheißung leiten sollen.

Es wäre viel zu eng gedacht, wenn wir uns auf ein „Klein-Klein“ des einzelnen Letters einlassen würden. Stattdessen sind es die überragenden Zusammenhänge der biblischen Schriften, die um ihrer Gesamtheit willen die Verkündigung für jeden von uns hinnehmbar werden lassen. Denn wir können und müssen uns nicht identifizieren mit der Übersetzung, sondern mit dem Spirit der Gleichungen, der Metaphern, die Gott uns im Wort bereit hält, das durch den Menschen offenbar wurde.

Die Redakteure waren solche von uns, sie waren – wie Jesus Christus – Gottes Kinder. Mit ihrer Weisheit, gleichsam wie mit ihrer Weitsichtigkeit, haben sie die schwierige Aufgabe auf sich genommen, beseelt von der göttlichen Wahrheit eine Transkription zu schaffen, die das Unfassbare in Worten greifbar werden lässt. Denn Gottes Gnade ist viel weiter als unsere Vernunft, es können allein menschgemachte Worte sein, mit denen Gottes Zuspruch uns erreicht.

In unserem begrenzten Verstand sind die Formulierungen der Aufschreibenden, der vom Geist Gottes Animierten ein ledigliches Mittel, um annähernd verstehen zu können, was der Herr in seiner Größe und Allmacht zu sagen vermag. Daraus resultiert auch die Maßgabe, dass wir nicht am einzelnen Buchstaben kleben und ihn zu „heiligen“ versuchen dürfen. Denn es ist nicht das Wort, es ist nicht die Schrift, die uns die Bibel als gottgegeben vermitteln will. Es ist der Geist, der uns in Form menschgeschaffener Definitionen, Erklärungen, Texte und Berichte zuteilwird.

Jeder von uns steht immer wieder neu vor der Herausforderung, die zwischen menschlichem Sender und irdischem Empfängern übermittelte Nachricht Gottes für sich und sein Leben zu entschlüsseln. Nicht jeder wird aus den Worten dasselbe ablesen. Und doch ist bei ernstlichem Studium der Schrift gewährleistet, dass die Inhalte der Bibel wahrheitsgetreu wiedergegeben werden – jeder Leser tut dies für sich in seiner eigenen Interpretation, in der persönlichen Exegese.

Das macht das Bekenntnis zu Christus so lebendig: Jeder von uns entnimmt den aufgeschriebenen, den verklausulierten Mitteilungen der Heiligen Schrift einen eigenen Wahrheitsgehalt. Die Deutung, die für unser Leben wichtig wird, eröffnet sich durch unseren Glauben. Das ist nicht beliebig, sondern treu dem Bekenntnis zum Christsein, das sich fußt auf der Gewissheit des Schöpfergottes, seines Sohnes und des Geistes, mithilfe dessen jeder von uns verstehen kann, was das Geschriebene für den Einzelnen bedeutet.

In diesem Sinne entdecken wir die Sinnhaftigkeit der Bibel als Buch der Impulse, uns mit den Visionen der verschiedenen Autoren, die im Auftrag und im Namen Gottes ihre Sicht des christlichen Daseins vermitteln, selbst auseinanderzusetzen und zu reflektieren, was die stellvertretenden Bildnisse uns ganz persönlich sagen möchten. Wir nehmen aus den Worten, inspiriert von Gottes Gegenwart, die Mission zur Nachfolge Jesu und den Aufruf zu einem Christsein, das wir allein vor dem Schöpfer selbst rechtfertigen müssen.

Herzliche Segenswünsche

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Leserbrief
„Das Jamaika-Aus verfolgt Christian Lindner“, „Augsburger Allgemeine“ vom 08.01.2018

Christian Lindner hat schon bessere Reden gehalten. Nein, nicht rhetorisch. Aber inhaltlich gehörte sie eher zu den schwächeren in seiner politischen Laufbahn. Vielleicht auch deshalb, weil die Vorzeichen nicht die besten waren: Viele Menschen erwarteten erneut eine Rechtfertigung dafür, die „Jamaika“-Sondierungen beendet zu haben. In dieser Aufgabe des sich Behauptens gingen manche thematische Akzente unter.

Ja, der FDP-Parteichef benannte die fünf wesentlichen Anker einer liberalen Politik der kommenden Jahre. Dass zu diesen wesentlichen Schwerpunkten kaum etwas Sozialpolitisches gehörte, enttäuschte mich. Natürlich sind Digitalisierung, Bildung und Europa wichtig. Aber warum drückt sich der Vorsitzende der Liberalen um Themen, die die Menschen in aktuellen Umfragen als viel bedeutsamer ansehen: Pflege, Gesundheit, das Auseinanderdriften der sozialen Schere? Da irritieren Aussagen vom „flexiblen Sozialstaat“ ebenso wie die Ankündigung neuer Reformen à la Schröder.

Nein, ich würde nicht auf die Straße gehen, um Ideen des französischen Präsidenten Macron zu verteidigen. Auch wenn ich damit Mut beweisen würde. Ja, die Deutschen mögen langweilig sein. Vielleicht liegt es aber auch einfach an den unterschiedlichen Realitäten, die wir wahrnehmen: Die Bürger erleben drängende Probleme, die es zu lösen gilt. Die FDP ist schon viele Schritte weiter – und vergisst dabei erneut die Abgehängten.

Deutschland hat ein anderes Tempo als die Liberalen. Beschleunigen wir, so drohen die Konflikte des Hier und Jetzt vergessen zu werden. Deshalb appelliere ich an die Freien Demokraten: Langsamer bitte! Auch wenn wir manch einen Anschluss zu verlieren drohen. Mir ist es wichtiger, alle mitzunehmen, als im Wettkampf um den Fortschritt den ersten Platz zu belegen.

[Dennis Riehle]