Offener Brief:
Versorgung mit Fachärzten und Psychotherapeuten

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Augenblick erreichen mich durchschnittlich mehrere Dutzend Hilfsgesuche von Menschen mit psychischen Erkrankungen, die auf der Suche nach fachkundiger Unterstützung sind. Als Selbsthilfegruppe sind wir ein ergänzendes Angebot, das nicht therapeutisch, nicht medizinisch ausgerichtet ist, sondern lediglich niederschwellige Begleitung leistet – immer öfter leider auch, weil Menschen in absehbarer Zeit keinen Kontakt zu einem niedergelassenen Facharzt finden.

Ganz abgesehen von der psychotherapeutischen Versorgung: Trotz der Reformen um die „Psychotherapeutische Sprechstunde“ und die Vermittlung mithilfe der „Termin-Servicestellen“ der „Kassenärztlichen Vereinigungen“ berichten mir viele Betroffene noch immer von drei- bis sechsmonatigen Wartezeiten auf ein Erstgespräch; manche Therapeuten nehmen überhaupt keine neuen Patienten mehr auf.

Ich stehe dieser Situation reichlich hilflos gegenüber, weil der Ansturm in den vergangenen Jahren massiv zugelegt hat: Als Ehrenamtliche müssen wir immer häufiger tröstend und ermutigend einspringen, weil das professionelle Gesundheits- und Sozialwesen überlastet ist. Die Bedarfspläne scheinen nicht mit der tatsächlichen Situation abgestimmt zu sein, noch immer gelten ja viele Kalkulationen als überholt, so sagt man.

Mich würde daher interessieren, wie die Landesregierung die Situation in Baden-Württemberg, speziell aber im Landkreis Konstanz, einschätzt, was die Versorgung mit psychiatrisch-neurologischen Fachärzten sowie psychologischen Psychotherapeuten angeht; welche Möglichkeiten sie beim Gesetzgeber erkennt und für notwendig erachtet, um der scheinbar doch auseinanderklaffenden Wahrnehmung zwischen den Bedarfen, die die Patienten formulieren, und denen, die von den Landesausschüssen aus Kassenärztlicher Vereinigung und Krankenkassen ausgehen, entgegenzuwirken – und welche Handreichung sie Akteuren im Gesundheits- und Sozialwesen, wie der Selbsthilfegruppe vor Ort, unterstützend vorschlagen kann, um hilfesuchenden Menschen bei der Suche nach Fachärzten und Psychotherapeuten optimal zur Seite zu stehen. Daneben würde ich gern erfahren, ob für die hiesige Region in absehbarer Zeit mit neuen ambulanten Fachärzten der Psychiatrie/Neurologie oder psychologischen Psychotherapeuten zu rechnen ist. Sollte für diese Frage eine Weiterleitung meines Schreibens an die KV Baden-Württemberg notwendig sein, bitte ich herzlich darum.

Ich verstehe diesen Brief auch als einen Ausdruck von Ermüdungserscheinungen, die durch die seit Jahren andauernde Vertröstung von Engagierten wie meiner Person eingetreten sind: Wir arbeiten freiwillig, um Menschen in großer Notlage zu helfen – und sind als Partner im Gesundheits- und Sozialwesen an der Seite von Ärzten und Therapeuten, um miteinander Unterstützung auf den unterschiedlichsten Ebenen, in den verschiedensten Facetten unseres Könnens und Handelns zu leisten. Ich weiß um den besonderen Einsatz der Mediziner und Psychotherapeuten hier vor Ort, die alles tun, was in ihrer Macht steht, um die Versorgung der Patienten zu gewährleisten. Für mich als Ehrenamtlichen kann ich aber feststellen, dass ich dann überfordert bin, wenn sich an den maßgebenden Strukturen über Jahre kaum Änderungen ergeben, obwohl die Bedürfnisse sich fast stetig wandeln.

Ich möchte mein Engagement weiter leisten, will die Menschen, die auf mich zukommen und darum bitten, Selbsthilfe auch als Wegweiser an Mediziner und Therapeuten nutzen zu können, gern bei der Suche und Vermittlung an die geeigneten Stellen weiterbringen. Doch wie kann mir dies gelingen, wenn mir die Grundlage für diese Arbeit, wenn eine den tatsächlichen Umständen entsprechende und ausreichende Zahl an „Niedergelassenen“ fehlt?

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit
und verbleibe mit besten Grüßen

Dennis Riehle
Selbsthilfeinitiative
Zwangserkrankungen, Phobien,
psychosomatische Störungen und Depressionen

[Dennis Riehle]

Lesermeinung
zu „Opposition wirft Spahn in Armuts-Debatte Arroganz und Überheblichkeit vor“, SÜDKURIER vom 13.03.2018

Jens Spahn tritt nicht zum ersten Mal mit recht hochnäsig wirkenden Aussagen auf. Ich musste wahrlich zusammenzucken, als ich die Personalie vernahm, die Angela Merkel nur deshalb so entschied, weil sie ihren innerparteilichen Gegnern aus der jüngeren, konservativeren Reihe entgegenkommen wollte. Fachlich gesehen hat sich Spahn über die Jahre nur durch Härte ausgezeichnet.

Er bewies wiederkehrend, dass er mit den Problemen der Menschen an der Basis nicht vertraut ist. Auch seine jetzigen, plumpen Aussagen über den „Hartz IV“-Regelsatz machen seine Ferne gegenüber dem Schicksal von Arbeitslosen deutlich, die mehrheitlich eben nicht in der Hängematte liegen und es sich gut gehen lassen. Die letzten Wochen haben nämlich besonders drastisch gezeigt: Menschen mit Sozialleistungen müssen in Deutschland an der „Tafel“ anstehen, um sich Lebensmittel leisten zu können. Ist das Normalität für einen Staat, der wie kaum ein anderer Wohlstand kennt?

Sollte Spahn nicht etwas mehr Feingefühl für die Sorgen und Nöte aller Menschen in Deutschland, gerade auch der ärmeren Schichten, aufbringen können, hätte er sich schon vor seiner Vereidigung für das sensible Amt des Gesundheitsministers disqualifiziert.

[Dennis Riehle]

Zwischenruf

94, 95 … 96 Mails! Das ist neuer Rekord! Zumindest kann ich mich in meiner Laufbahn, die mittlerweile fast 15 Jahre Selbsthilfearbeit umfasst, kaum daran erinnern, dass innerhalb eines Monats so viele Zuschriften zu ein und demselben Thema auf meinem heimischen PC eingegangen sind. Im Februar 2018 waren es 96 Nachrichten, die sich ausschließlich um Depressionen drehten. Menschen aus nahezu dem gesamten Bundesgebiet schreiben in großer Hilflosigkeit – und ich hatte zwischenzeitlich Mühe, mit einer einigermaßen ausführlichen Beantwortung hinterherzukommen. Doch woran liegt das, das nicht nur bei mir der Eindruck entsteht: „Deutschland wird depressiver“?

Natürlich, das Wetter spielt eine Rolle. Ich weiß nicht, ob ich wirklich an diese Zusammenhänge glauben will, aber es war schon ordentlich grau in den letzten Monaten. Das schlägt wohl jedem auf das Gemüt, da muss man nicht einmal zu einer depressiven Stimmung neigen. Und sicher: Heute werden wir viel früher auf solch ein Krankheitsbild aufmerksam, weil wir sensibilisiert sind. Auch wenn ich an den täglichen Mails deutlich ablesen kann, wie weit es um die Akzeptanz der Depression in den Familien des Landes tatsächlich bestellt ist, sind wir informierter über eine mittlerweile nicht grundlos als „Volkskrankheit“ titulierte Symptomatik, die noch immer viele Außenstehende müde belächeln.

Dabei ist Depression weit mehr als eine vorübergehende Niedergeschlagenheit. Wer selbst schon einmal betroffen war, der weiß, wie sich das anfühlt: Energielos, mutlos, wie gelähmt. Der Sinn für das Morgen fehlt, nichts kann wirklich ablenken, die Gedankenspirale dreht sich um Sorge und Nöte der Zukunft. Da hilft kein bloßer Anwurf „Raff dich auf!“, das ist ein Zustand wie zementiert. Stimmung, Gedächtnis und Motorik können beeinflusst sein, Hoffnungslosigkeit und die Frage nach dem Wert des Lebens tun sich auf. Schwere Depressionen führen nicht selten zu psychotischen Episoden, in denen der Wahn das Heft des Handelns übernimmt. Und zwischen alledem bleibt dann höchstens Zeit für das Allernötigste: Essen, Trinken, Toilette.

Man kann ausreichend diskutieren über die biochemischen Mechanismen der Depression, den Anteil von genetischen Faktoren. Man kann zurückblicken in die Kindheit oder man sucht Persönlichkeitsstrukturen, die das Auftreten einer Depression befördern können. Wenn wir danach fragen, warum Depressionen heute gefühlt „mehr“ geworden sind als früher, dann tauchen in den vielen Mails der Betroffenen spannende Hinweise auf die tatsächlichen Ursachen manch einer Depression auf. Ich bin fest davon überzeugt: Bereinigen wir die Zahlen um die verbesserte Edukation über die Krankheit, über das frühere Aufmerksamwerden auf die Depression und die Bereitschaft, sich schneller Hilfe zu suchen, so bleibt am Schluss doch noch eine deutliche Zunahme der Krankheitsfälle in den letzten Jahrzehnten.

Und ein Stichwort begegnet dabei immer wieder: Überforderung. Wir sind mit der Familie überfordert, mit dem Job, mit dem Partner, mit unserem gesamten Leben. Immer häufiger taucht die Arbeitswelt als Faktor auf, der depressiv macht. In schnellerer Zeit sollen wir immer mehr leisten, teils in befristeten und prekären Beschäftigungsverhältnissen, daneben möglichst ganztägig präsent sein und die Arbeit vom Büro, unterwegs und zuhause aus erledigen. Wir fühlen uns häufig degradiert zum Hamster in seinem Rad, dem es an Perspektive fehlt. Nicht Wenige schreiben ehrlich, dass sie durch die neuen Medien einsam geworden sind – eine Einstiegsfalle für Depressionen. Und Andere wiederum machen die Gefühlsarmut selbst unter Angehörigen dafür verantwortlich, dass es an zwischenmenschlichen Beziehungen hakt, die aber eigentlich so wichtig sind für den Blick in die Weite.

96 Mails mit individuellen Geschichten, die oftmals aber auch gezeichnet sind von einer ewigen Suche nach Hilfe: Drei, vier, fünf und sechs Monate Wartezeit auf einen Termin beim Psychotherapeuten. Einige von ihnen führen nicht einmal mehr Wartelisten, haben einen Stopp bei der Patientenaufnahme verhängt. Bekommen wir Verhältnisse wie in den USA, dort, wo das „Consulting“ zum guten Ton dazugehört? Ich will mir eine solche Gesellschaft nicht ausmalen, in der wir auch ein Stück von unserer Freiheit aufgeben. Denn nicht selten begeben sich Patienten in ihrer Ohnmacht in eine Abhängigkeit von Therapie und Therapeut – und vergessen dabei, wie es eigentlich ist, selbstständig und auf eigenen Beinen zu leben.

Daher kann mein Rat nur sein, dass wir versuchen müssen, an den wesentlichen Stellschrauben unseres gesellschaftlichen Miteinanders zu drehen. An denen, die mitverantwortlich dafür sein dürften, dass Depressionen sprießen. Das ist auch eine politische Aufgabe. Denn wir müssen fragen: Welche Lebenswirklichkeit wollen wir tatsächlich? Gerade in Zeiten, in denen viel über den Umbruch der Arbeitswelt gesprochen wird, in denen Familie wieder stärker in den Mittelpunkt des Daseins gerückt werden soll, flexible Modelle eine Neustrukturierung des Alltags und damit einen Mehrwert für alles außerhalb der täglichen Zwänge und Verpflichtungen ermöglichen sollen, da wird es nötig, auch mit klaren Worten aufzutreten: Wir riskieren in einem Land des Wohlstands nicht nur eine Spaltung in arm und reich, sondern auch in zunehmend verbittert einerseits – und glückselig andererseits.

Denn dass gerade die soziale Stellung einen wesentlichen Einfluss darauf hat, welche Erfolgsaussichten wir für unser Leben haben, dieser Zusammenhang ist ja nicht erst seit gestern bekannt. 96 Mails erzählen deshalb auch vom Gang zur „Tafel“, vom Flaschensammeln und Betteln – gleichzeitig aber auch von finanzieller Zufriedenheit bei innerem Ausgebranntsein. Ermutigende, annehmende und durchtragende Worte sind dann vonnöten, zum Gespräch einladen und letztlich versuchen, durch das Teilen der Situation etwas Linderung im Leid zu schaffen – mehr kann ich auch nicht tun. Denn therapeutische Arbeit, die müssen Andere leisten.

Was wir alle bewerkstelligen können, das ist die Erinnerung an unsere Empathie: Verunglimpfen wir nicht die, die psychisch und physisch am Boden liegen als solche, die zu faul und feige für unsere Gesellschaft sind. Denn auch derartige Mails lese ich: Da werden Depressionskranke zum Spielball von Vorurteilen, Diskriminierung und Gefühllosigkeit. Dabei ist Fingerspitzengefühl gerade dann nötig, wenn manch Einer noch drauftreten würde. „Unten sein“, das ist wahrlich keine Schande. Kaum jemand will wahrhaben, dass es jeden treffen kann. 96 Nachrichten mit Schicksalen, die dich wie mich jederzeit einholen können. Machen wir uns bewusst, dass es etwas mehr braucht als Respekt, dass wir Depressionen nicht nur „tolerieren“ müssen. Sie sind inmitten der Wahrheit, rechts und links neben uns. Ernstgenommen zu werden, das wünsche ich den 96 Absendern der Mails, aber auch denen, die selbst dazu nicht die Kraft besitzen.

[Dennis Riehle]

Leserkommentar
zur SPIEGEL-Kolumne von Margarete Stokowski: „Zellen schützen, Frauen quälen“

Menschen, die sich gegen die Abtreibung und damit gegen das Töten eines heranwachsenden Kindes stellen, „quälen Frauen“? Welches Weltbild steckt hinter solch einer Aussage, die in ihrer Absurdität kaum zu überbieten ist?

Nein, werte Frau Stokowski, Lebensschützer haben durchaus verstanden, was sie da fordern, wir sind nicht blöd, wir sind nicht realitätsfern und wir brauchen auch Ihrerseits keine Belehrung darüber, ob wir Frauen das Leben dadurch schwer machen, weil wir ihnen Schwangerschaftsabbrüche weniger schmackhaft machen wollen, als Andere es tun. Und genauso wenig sind wir interessiert an Ihrer Haltung darüber, ob wir die Werbung für Abtreibungen Ärzten überlassen wollen oder nicht.

Denn in einer Ideologie, die den Körper der Frau über alles stellt – und dabei vergisst, dass darin oftmals ein neues Leben heranreift, das ebenso seine Rechte hat –, wird es kaum Platz geben für eine differenzierte Darstellung des Anspruchs von beiden Seiten, der sich überdies gut miteinander vereinbaren lässt. Denn: Abtreibungen sind kein Heilsgeschenk, das Probleme in Luft auflöst. Im Gegenteil: Oftmals beginnen sie erst mit dem ach so erlösenden Schwangerschaftsabbruch, der in Frauen nicht nur ein dauerhaftes Trauma, sondern auch eine beständige Verlustangst hinterlassen kann.

Ja, Sie haben zweifelsohne recht: Wir als Lebensschützer fürchten uns vor jeder Abtreibung, weil wir wissen, dass damit nicht nur einem werdenden Leben völlig rechtlos das Ansinnen auf ein Dasein in dieser Welt versagt wird. Wir sorgen uns mindestens genauso stark um die Konsequenzen, die Schwangerschaftsabbrüche für Frauen mit sich bringen. Vielleicht mag sich auf den ersten Blick ein sozialer Konflikt entspannen, wenn das Kind „weg“ ist. Niedergeschlagenheit und Traurigkeit werden aber nicht lange auf sich warten lassen.

Und warum überhaupt sollten wir, die Leben schützen wollen, mit unserem Anliegen „Frauen quälen“, wie Sie es in Ihrer SPIEGEL-Kolumne schreiben? Quälen, weil wir werdende Mütter ermutigen möchten, die Schwangerschaft zu durchstehen, nicht vorher aufzugeben, auch manchen Schmerz und eine nicht immer einfache Geburt über sich ergehen zu lassen?

Ein Kind, das ist – glücklicherweise – für viele Eltern noch immer ein Geschenk. Da entsteht etwas Neues. Und natürlich muss sich manche Frau auch durch gewisse Unwägbarkeiten in der Schwangerschaft hindurch winden. Doch ist es das nicht wert? Sie meinen wahrscheinlich viel eher, wir quälten Frauen deshalb, weil wir ihnen das Recht auf Selbstbestimmung nehmen. Nein, das tun wir wahrlich nicht. Gott sei Dank werden die meisten Frauen noch immer freiwillig schwanger. Sie haben es eigenmächtig in der Hand, ob sie Nachwuchs zeugen wollen oder nicht. Sie wissen im Vorfeld um die Verantwortung, die sie mit dem Geschlechtsverkehr eingehen.

Wollen Sie Frauen in Deutschland etwa die Kompetenz abstreiten, gebildet und wissend selbst darüber befinden zu können, schwanger zu werden? Wir trauen es Frauen zu, dass sie in der Lage sind, eigenverantwortlich zu handeln und sich aus reiner Selbstüberzeugung für eine Schwangerschaft zu entscheiden. Ja, in dieses Konzept passt kein Seitensprung, kein „One-Night-Stand“, in dem man Spaß haben kann, ohne den Blick auf die Folgen. Wir möchten, dass Sexualität bewusst gelebt wird – denn Kinder sind kein Gegenstand wilder Experimente. Sie sind wahrlich etwas Einzigartiges, mehr als der von Ihnen dargestellte „Zellhaufen“, der nur darauf wartet, endlich zerstört zu werden.

Wäre Ihr Denken mehrheitsfähig geworden, wir müssten uns um unsere Zukunft ernsthaft Sorgen machen. Ich bin allerdings recht überzeugt davon, dass es in diesem Land genügend Anhänger der Lebensschützer gibt, die Frauen übrigens nie alleine lassen. Doch wir glauben an die Kraft der Mütter, eine Schwangerschaft als Herausforderung zu sehen, die wir gemeinsam bewältigen können. Denn wir nehmen die Gesellschaft in die Pflicht, werdende Eltern mehr denn je zu unterstützen. Finanziell, sozial, im Ansehen. Würde sich diese Verantwortung noch viel stärker in unseren Breiten herumsprechen, würde die Teilnahme am Schicksal manch einer schwierigen Schwangerschaft wachsen, würden nicht immer mehr Mitmenschen wegsehen, wenn Frauen Not leiden, dann wäre unsere gesamte Debatte obsolet. Doch gerade der Anspruch, sein Leben mit sich auszumachen, wie er im 21. Jahrhundert „Mainstream“ geworden ist, er verhindert, dass die Alternativen zum Schwangerschaftsabbruch im Bewusstsein vieler hilfloser Frauen auch wirklich ankommen.

Und lassen Sie mich zum Schluss noch kurz auf die „Werbung“ kommen, die aus Ihrer Sicht auch die Ärzte betreiben sollen, die selbst an der Abtreibung Geld verdienen: Mir persönlich ist es unverständlich, wie würdelos eine Diskussion verlaufen kann, die das Leben kommerzialisiert. Denn schlussendlich geht es um die Frage, welche Verpflichtung Ärzte in ihrem Berufsethos vorrangig eingegangen sind. Sie sollen Menschen helfen, Schmerzen lindern, Krankheit nehmen. Keiner dieser Prämissen kann durch den Schwangerschaftsabbruch Genüge getan werden.

Und sollte ich all Ihre Positionen nun falsch verstanden haben, so bitte ich um Verständnis, dass auch Lebensschützer einen Diskurs auf den Höhepunkt treiben können, wenn ein Anhänger einer Weltanschauung, die der Würde des werdenden Lebens abgewandt scheint, seine Standpunkte zumindest derart suggestiv zu verkaufen versucht, dass am Schluss trotz des Beteuerns auf „Anti-Feminismus“ nur der Eindruck bleibt: Im Mittelpunkt, da steht die Frau – und neben ihr, da kommt nichts mehr…

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Litzelstetten. Die Sozial- und Pflegesprechstunde Litzelstetten feiert ihr fünfjähriges Jubiläum. 2013 wurde sie als niederschwelliges Beratungsangebot für die gesamte Bevölkerung eingerichtet, getragen von der Litzelstetter Nachbarschaftshilfe e.V. – durchgeführt von Dennis Riehle, der seither seinen Dienst ehrenamtlich erfüllt. Seit Bestehen steht die Sprechstunde im Litzelstetter Rathaus Menschen in sozialen und pflegerischen Belangen zur Verfügung. „Dabei hat sich die Zahl derer, die Hilfe suchen, konstant eingependelt: Heute erreichen mich rund 60 – 80 Anliegen pro Jahr, mittlerweile vorwiegend per Mail, Telefon und Post“, so Riehle, der durch seine Ausbildung als Pflegelotse im Landkreis Konstanz, aber auch als psychologischer und sozialpädagogischer Berater beste Voraussetzungen mitbrachte, um die Aufgabe der Sprechstunde zu übernehmen.

„Gleichsam musste auch ich mich weiter fortbilden. Denn nicht in allen Themen war ich fit. Immerhin kontaktieren mich die Leute mit den unterschiedlichsten Gesuchen. Das reicht vom Antrag auf Schwerbehinderung über die Betreuungsvollmacht, den Rentenantrag, das Wohngeld, ‚Hartz IV‘ bis hin zum Pflegegrad. Man kann nicht alle Regelungen und Ausnahmen kennen. Deshalb erbitte ich mir oftmals auch Zeit, ein Anliegen tiefgehend zu bearbeiten“. Riehle versucht dabei, die notwendige Vertrauensbasis zu bilden, die für die teils sehr persönlichen Gespräche wichtig ist. „Ich denke, die Menschen schätzen vor allem die unkomplizierte und bodenständige Art der Kontaktaufnahme. Viele kennen mich als Litzelstetter, da fällt es leichter, sich mit seinem Problem zu öffnen – als vielleicht einem Verwaltungsmitarbeiter gegenüber. Ich versuche, mich den Anliegen völlig ergebnisoffen zu widmen – und im Zweifel verweise ich an die fachkundigen Stellen, zu denen ich gern vermittle“.

Das „Fünfjährige“ überrascht Riehle dennoch: „Anfangs hätte ich nicht gedacht, dass sich das Angebot so lange halten wird. Immerhin meinten auch Viele, solch eine Sprechstunde brauche es im vergleichsweise wohlhabenden Litzelstetten doch nicht. Die Realität hat aber gezeigt, dass die Nachfrage beständig bleibt. Und heute bin ich überzeugt, dass die Beratung auch noch die kommenden Jahre überdauern wird, denn wir alle sind irgendwann auf Unterstützung in sozialen und pflegerischen Fragen angewiesen. Und die Hilfestellung hat sich herumgesprochen: Heute sind es auch Personen vom restlichen Bodanrück, die mir schreiben“. Wer Kontakt zur kostenfreien Sprechstunde sucht, der kann sich am ehesten über Mail: Li-Na@Riehle-Dennis.de oder per Post (Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz) an Dennis Riehle wenden. Neben Beratung bietet Riehle dann auch Unterstützung bei der Antragsstellung, beim Ausfüllen von Formularen oder der Formulierung entsprechender Schreiben an Versicherungen oder Ämter.

[Dennis Riehle]

Zwischenruf

Finanzskandale, rückläufige Mitgliederzahlen und der Streit um die Segnung von homosexuellen Paaren. Nein, die Kirche ist wirklich nicht zu beneiden. An verschiedenen Fronten kämpft sie mit hausgemachten Missständen, mit manchem Überdruss über die Kirchensteuer und schlussendlich auch mit Lehren und Dogmen, von denen Einige glauben, sie seien nicht mehr zeitgemäß. Dabei fragt man sich wirklich: Ist es allein das liebe Geld, das die Menschen in Scharen aus den Gotteshäusern treibt? Oder stört viel eher das konservative Profil, über das sich sowohl katholische, aber auch manch evangelische Kirche nicht hinweg zu trauen scheint?

Als ich vor über fünf Jahren aus der Kirche ausgetreten bin, da waren es banalere Dinge. Da ging es um zwischenmenschliche Konflikte, aber auch um handfeste Zweifel: Die Frage, die Gläubige in und außerhalb der Kirche mit sich herumschleppen, bleibt vor allem: Warum lässt Gott die vielen Schicksale auf dieser Welt zu? Und wenn ich aus meiner persönlichen Antwort auf dieses „Theodizée“-Problem die Schlussfolgerung ableite, es könne gar keinen liebenden Gott geben, kann ich dann tatsächlich noch einem Verein angehören, in dessen Mittelpunkt genau diese höhere Kraft steht? Für mich war klar: Nein, ich kann es nicht. Und außerdem: So richtig überzeugt war ich von einem auferstehenden Jesus auch nicht, seine Leidensgeschichte am Kreuz konnte ich ja noch nachvollziehen – mehr aber nicht. Und wie soll dann ein ehrliches Glaubensbekenntnis über die Lippen gehen, wenn ich bei jedem zweiten Satz erst einmal darüber nachdenken muss, ob ich noch hinter den Aussagen stehe, die mein Nachbar mit Inbrunst betet? Viele Andere bleiben trotz dieser Zweifel in der Kirche, weil man eben schon seit Geburt an dort verwurzelt ist.

Das war für mich allerdings kein Argument. Und viel eher trieb mich die Neugier an, wie es denn diejenigen machen, die sich von Gott abgewendet haben. Wie lebt es sich als Atheist? Nach einem halben Jahrzehnt in der säkularen Szene bin ich im vergangenen Jahr wieder in die Kirche zurückgekehrt. Nicht, weil ich heute mehr glaube als noch 2012. Mir wurde aber bewusst, dass die kirchliche Gemeinschaft für mich persönlich weitaus mehr zu bieten hat als das Wissen um einen Zusammenhalt aus denjenigen, die aus meiner Erfahrung nicht selten den Menschen in den Mittelpunkt des eigenen Denkens und Handelns stellen – nicht den Mitmenschen, sondern sich selbst.

Es fehlte mir an Konzepten dort, wo ich einst Hoffnung sah: Doch im transhumanistischen Ansinnen des Evolutionären allein fand auch ich keine Glückseligkeit. Da beantworteten sich zentrale Fragen des Daseins nicht. Der Anbeginn der Welt blieb ebenso nebulös wie das ständige Grübeln über den Sinn des Lebens. Ich gebe zu: Da gab mir der christliche Glaube mehr. Bei weitem nicht alles, aber doch eine erfüllende Menge an Weisheiten, die oftmals recht naiv erscheinen – und vielleicht tatsächlich nur „Opium für das Volk“ sind. Aber sei es drum: Eigentlich blieb ich nach meiner Rückkehr in die Kirche über die Gründe für deren wachsende Erosion noch mehr im Unklaren als zuvor. Denn wenn es etwas gab, was der Glaube in Gemeinschaft lehren kann, dann waren es Hoffnung und Zuversicht. Weshalb aber verkennen heute immer weniger Menschen die heilsbringende Botschaft? Vielleicht, weil gerade sie nicht mehr durchdringt durch das politische Sonntagsgerede auf den Kanzeln? Oder weil es nicht gelingt, die recht verstaubten Worte von damals in ein neues Gewand zu kleiden, das den Inhalt aber nicht verschmälert?

Die Kirchen haben heute ein Problem, das sich nur mit einem immensen Umdenken bewältigen lässt. Als ich aus der Kirche austrat, da wunderte ich mich schon, weshalb sich niemand der Klerikalen, niemand aus der Gemeinde dafür interessierte, dass ich plötzlich von der kirchlichen Bildfläche verschwunden war. Sind die abhanden gekommenen Schäfchen es nicht wert, einmal gründlich nachzuhaken, warum sie die Herde verlassen haben? Oder kommt man mit dieser Aufgabe bei der Vielzahl an Ausgetretenen gar nicht mehr hinterher? Jedenfalls war ich enttäuscht darüber, dass die Kirche es versäumt hat, über die Gründe für die großen Austrittswellen nachzudenken. Man macht es sich zu einfach, wenn man die Verluste einfach abschreibt. Denn wohin soll die Entwicklung gehen, wenn trotz mancher Reförmchen die Geschwindigkeit an Austritten kaum abnimmt? Kirche muss die Menschen heute in ihrer Lebenswirklichkeit abholen. Das bedeutet nicht zwingend, einem liberalen Mainstream hinterher zu eifern. Denn nicht wenige Gläubige wünschen sich von ihrer Kirche gerade das Gegenteil.

Es scheint trotzdem eher weniger darum zu gehen, welch klare Kante die Kirche beweist. Viel eher versäumt sie die Exegese, das Herunterbrechen biblischer Geschichten auf die Gewohnheiten des 21. Jahrhunderts. Entweder bleibt sie an den Buchstaben der Heiligen Schrift hängen – oder sie stilisiert sich zur moralischen Instanz auf, die sich lieber über die „GroKo“ äußert als über die Frage, was der Arbeitslose, der Krebskranke, die überforderte Mutter tun kann, um für sich selbst neue Kraft zu schöpfen. Lösungswege zeigt der Glaube nicht immer auf, aber er kann zumindest über so manches Tal hinweg tragen.

Und wenn es um das „Abholen“ der Menschen geht, dann ist das auch wörtlich gemeint. Zwar wünschen wir uns in der heutigen Zeit immer öfter, dass sich möglichst Viele aus unserem Leben heraushalten mögen. Doch sind wir nicht manches Mal dankbar, wenn sich jemand erkundigt, wie es uns geht? Gerade in der tendenziellen Vereinsamung nicht nur älterer Menschen könnte für die Kirchen eine Chance liegen. Nein, sie muss nicht auf neue Mission gehen, sie sollte niemandem den Glauben „aufschwatzen“. Aber ab und zu genügt es bereits, wenn man über ihn ins Gespräch kommt. Bei immer weniger Mitarbeitern wird es zwar schwieriger, den früher noch so obligatorischen Hausbesuch innerhalb der Gemeinde aufrechtzuerhalten. Doch auch die Herausforderung, Vertrauen in die Hände von Ehrenamtlichen abzugeben, sie gehört zu den größten Hürden, die eine Kirche der Gegenwart überwinden muss. Glaubensgemeinschaften sind keine elitären Clubs der Klerikalen, sondern müssen heute mehr denn je partizipierende Teams sein, in denen man sich aufeinander verlässt. Gerade deshalb bin ich in die Kirche zurückgekehrt, weil ich mir nicht eingestehen will, dass sie veränderungsresistent ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich bin wahrlich keiner, der der Kirche nach dem Mund redet. Und ich bleibe auch heute jemand, der eine klare Trennung zwischen Weltanschauungsgemeinschaft und Staat befürwortet, der gleichzeitig aber im Privaten dafür wirbt, dass die Kirche sich wandelt, weil er an ihr Gutes glaubt. Sie wirkt interessant, wenn sie Interesse zeigt. Sie sollte nicht nur hinhören, wenn es um ihre eigenen Belange geht, sondern gerade dann, wenn die Mitglieder von ihrem Glück und Leid berichten. Das Miteinander zwischen Kirche und Gläubigem, es ist – viel mehr als bei jedem anderen Verband – ein gegenseitiges. Ich gehöre ihr nicht nur an, weil ich für ihr „Programm“ einstehe, sondern weil ich etwas von ihr verlange. Kirche ist Dienstleister. Und als solcher hat sie sich in der Vergangenheit nicht immer bewiesen. Im Ringen um die besten Ansichten muss auch sie sich heute dem Wettbewerb stellen, es ist wahrlich keine Selbstverständlichkeit mehr, dass man in sie hineingeboren wird – und dort verbleibt. Zeitgemäß heißt nicht zeitgeistig. Ein sich Öffnen für die Ansprüche der Gläubigen, statt die Hände in den Schoß zu legen. Eine theologische Souveränität statt buntem Glaubensmix. Ein offenes Herz statt verschlossene Türen.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Leserbrief zu
„Philipp Bürkle: ‚Wir müssen uns inhaltlich profilieren‘“, SÜDKURIER vom 16.02.2018

Gerade das Thema der stärkeren Subventionen von Elektromobilität eignet sich als gutes Beispiel, um das Vorurteil zu bestätigen, wonach die künftige Große Koalition einen Flickenteppich an Maßnahmen offenbart, ohne dabei jedoch irgendein Konzept der Kausalitäten zu verfolgen: Was nutzt es dem Verbraucher, der deutschlandweit nach Aufladestationen für sein Elektroauto suchen muss, wenn der Staat den Kauf desgleichen zwar finanziell unterstützt, die Infrastruktur für dessen Nutzung aber nicht bereitstellen kann?

Wer kauft sich ein Elektrofahrzeug, wenn von Beginn an klar ist, dass der Energiespeicher vergleichsweise klein sein wird, die Gefahr also hoch scheint, inmitten auf der Autobahn stehen zu bleiben, ohne eine Ladesäule in der Nähe und ohne jegliche Aussicht darauf, dass auch eine längere Strecke am Stück bewältigt werden kann?

Deutschland kann seine Elektromobilität noch so lange subventionieren, ehe der Staat nicht bereit ist, in die Hardware zu investieren, wird auch kein Anreiz geschaffen, um die Menschen von Elektrofahrzeugen zu überzeugen. Wir brauchen Forschung in die Speicherleistung der Elektrofahrzeuge, wir benötigen einen dringenden Ausbau der Elektrotankstellen im ganzen Land.

Nicht B vor A, wie es die Bundesregierung tut, sondern logisch und konsequent Schritt für Schritt. Die Opposition, allen voran die FDP, ist vor allem der SPD in diesem Punkt weit voraus.

[Dennis Riehle]

Lesermeinung zu
„Grün-Schwarz will wohnortnahe Pflegeangebote verbessern“, Esslinger Zeitung, 07. Februar 2018

Abseits der Wirtschaftlichkeit ist die Frage der strikten Einzelzimmer-Politik im Pflegeheim ab 2019 auch eine soziale Angelegenheit: Hier stehen Privat- als auch Intimsphäre im Spannungsbogen zur Einsamkeit, zum Verlassensein. Denn gerade für Menschen, die über große Zeiträume ans Bett gebunden sind, ist es eine wesentliche Bereicherung, wenn sie im Pflegeheim nicht alleine sein müssen.

Ich habe bei meinen Besuchen in stationären Einrichtungen die oftmals schier unerträgliche Zurückgezogenheit der Bewohner als schmerzlichen Eindruck mit nach Hause genommen, der nicht nur bei mir das Nachsinnen über die große Abgeschiedenheit im Alter verstärkt hat. Dass wir darüber hinaus einen Blick darauf werfen müssen, dass in Zeiten des Demografischen Wandels und einer damit wachsenden Nachfrage an Pflegebetten auch die Bezahlbarkeit des gesamten Systems auf dem Prüfstand steht, ist bei allen vermeintlichen Wohltaten, die Minister Lucha den zu Betreuenden zukommen lassen will, ein Gebot von Rationalität und Pragmatismus.

Im Übrigen ist das österreichische Modell des Personenbetreuers eine sinnvolle Weiterentwicklung für die ambulante Pflege – und stärkt damit ein Verbundenbleiben mit den eigenen vier Wänden. Denn die meisten Pflegebedürftigen wünschen sich heute, möglichst lange im gewohnten Wohnumfeld verwurzelt zu sein. Der Grundsatz der häuslichen Pflege, die vor einer stationären Betreuung stehen soll, kann nur erfüllt werden, wenn wir auch für schwerkranke und hoch pflegebedürftige Personen Konzepte der heimischen Versorgung entwickeln.

Die FDP hat frühzeitig Visionen aufgezeigt, die sie nun wieder auf den Tisch legt. Für ihre Weitsicht gebührt ihr Anerkennung.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Konstanz. Bauanträge werden künftig wieder in bewährter Form in den Ortschaftsräten der Konstanzer Teilorte Litzelstetten-Mainau, Dingelsdorf-Oberdorf und Dettingen-Wallhausen behandelt. Eine Petition des Litzelstetters Dennis Riehle an den Landtag in Stuttgart war damit erfolgreich. Der Petent hatte in seiner Eingabe kritisiert, dass die Ortschaften zeitweise daran festgehalten hatten, Bauanträge aufgrund der persönlichen Daten – wie der Anschrift eines Bauvorhabens – fortan in nicht-öffentlicher Sitzung zu behandeln, weil die Stadtverwaltung offenbar Bedenken sah, die Adresse von Baugrundstücken in einem Entscheidungsverfahren öffentlich zu benennen.

Dazu stellte der Landtag in seiner Bewertung fest: „Bei der Grundstücksbezeichnung handelt es sich nicht um Einzelangaben über persönliche oder sachliche Verhältnisse einer bestimmten oder bestimmbaren natürlichen Person (§ 3 Absatz 1 LDSG), sondern Angaben zu einer Sache als solcher. Werden in der Beratungsunterlage der Name des Bauherrn und sonstige mit dem Bauvorhaben verknüpfte personenbezogene Daten nicht genannt, kann deshalb der Ort des Bauvorhabens mit Flurstücknummer und/oder Adresse bezeichnet werden“.

Diese Praxis entspricht auch dem bisherigen Vorgehen, das vor der Vorgabe der Ortschaften, Bausachen künftig in nicht-öffentlicher Sitzung im Ortschaftsrat zu beraten, praktiziert wurde. Damit ist auch die Stadtverwaltung zu ihrem ursprünglichen Verfahren zurückgekehrt, was der Petent deutlich begrüßt: „Es widerspricht geradezu der Existenz eines Ortschaftsrates, wenn ausgerechnet das Kernstück seiner Arbeit, die Behandlung von Bauanträgen, in die nicht-öffentliche Sitzung verschoben und damit Anliegern, Nachbarn und interessierten Bürgern die Chance zu transparenter Information genommen wird. Insofern bin ich froh über den erfolgreichen Ausgang der Petition – und dass künftig Bauanträge wieder mit Angabe der Adresse in öffentlicher Sitzung der Ortschaftsräte behandelt werden können“.

Selbst der Landtag unterstreicht eine ähnliche Sichtweise: „Die Angabe der örtlichen Belegenheit ist auch erforderlich, da ansonsten eine ausreichend konkrete Bezeichnung des jeweiligen Beratungsgegenstands in der Tagesordnung und in der Beratungsunterlage nach § 34 Absatz 1 Satz 1 GemO und damit eine sachgerechte Vorbereitung der Ortschaftsräte auf den Verhandlungsgegenstand nicht möglich wäre“. Dennis Riehle meint dazu: „Wenn man in einer Sitzung gemeinsam über ein Baugesuch beraten will, sollte doch jeder wissen, wo das jeweilige Grundstück gelegen ist, um die Umgebungsverhältnisse zur Einschätzung etwaiger städteplanerischer Zusammenhänge zu kennen“.

Laut Landtag hatte es in der Stadtverwaltung offenbar Unklarheiten über das Thema „Datenschutz“ gegeben: „Zur Frage der datenschutzrechtlich zulässigen Angaben bei Bauvorhaben gab es innerhalb der Stadtverwaltung Klärungsbedarf. Da es aus Sicht der Ortsverwaltung nicht als sinnvoll erachtet wurde, ein Baugesuch ohne detaillierte Nennung des Bauorts zu behandeln, hatten sich die Ortschaften zunächst für eine nichtöffentliche Behandlung im Ortschaftsrat entschieden. Nach Mitteilung der Stadtverwaltung wird künftig entsprechend der oben dargestellten Rechtslage verfahren“. Damit sind die ursprünglichen Gepflogenheiten wiederhergestellt und dem Anliegen aus der Petition ist entsprochen worden.

Der vollständige Entscheid des Landtags zur Petition 16/1285 kann in der Drucksache 16/3335 der Landtagsdokumentation öffentlich eingesehen werden.

[Dennis Riehle]

Lesermeinung zu
„Kriminalbeamte fordern legales Kiffen“, „Deutsche Welle“ vom 05.02.2018

Feldversuche in den USA, Mittel- und Südamerika oder die Praxis in den Niederlanden zeigen nach Ansicht von Befürwortern der Entkriminalisierung des Cannabiskonsums und einer Legalisierung der Abgabe an erwachsene Personen, dass es sich lohnen würde, auch in Deutschland über ein neues Kapitel in der Drogenpolitik nachzudenken.

Dabei werden die wiederkehrenden Argumente vorgebracht, die in Wahrheit einer Überprüfung nicht standhalten: Nur, weil es uns nicht gelungen ist, die Ratifizierung einer restriktiven Verbotspolitik voranzutreiben, bedeutet das nicht gleichermaßen, dass eine Freigabe von Cannabis der bessere Weg wäre! Wohin würde unser Rechtsstaat abdriften, würden wir mit allen Vergehen, die wir aus Kapazitätsgründen nicht ahnden können, so verfahren?

Wird das Überqueren der Straße bei Rot dadurch richtig, weil immer mehr Menschen es tun – und kaum jemand dafür belangt wird? Bleibt der Handel mit Cannabis nicht untersagt, leben wir gerade der jüngeren Generation ein falsches Beispiel vor. Denn nur, weil sich der Geist des Alkohols nicht mehr in die Flasche holen lässt, müssen wir andere Fässer nicht erst öffnen. Der Einstieg in eine Abhängigkeit, er wird auch bei kontrollierter Abgabe nicht verhindert. Dafür bleibt das Potenzial zu hoch, die Wirkung von Cannabis nicht umsonst für medizinische Zwecke beschränkt.

Das Vertrauen in den mündigen Bürger, es zeigt sich bereits unter der Strafbarkeit des Handeltreibens mit Drogen als begrenzt. Die Folgen und Schäden des Konsums, sie können den frei entscheidenden Menschen offenbar nicht vom Missbrauch abhalten. Der Staat hat einen Schutzauftrag, diesen muss er auch weiterhin ausüben.

[Dennis Riehle]