Leserbrief
zur Rückführung von acht Afghanen in ihre Heimat, SÜDKURIER vom 14.09.2017

Es ist ein krudes ethisches Verständnis des bayerischen Innenministers: Haben verurteilte Straftäter kein Recht auf Sicherheit? Man mag darüber streiten können, in wie weit Afghanistan pauschal sicher ist – oder eben nicht.

Mir gefällt dabei die Argumentation des CSU-Politikers Stephan Mayer, der auf die individuelle Gefährdung für den einzelnen Flüchtling verweist und manchen von ihnen ein unbeschadetes Leben in ihrem Heimatland prognostiziert, dem Verstande nach deutlich besser als jene des Herrn Herrmann, die wohl auch durch den Bundesinnenminister getragen wird, wonach man Abschiebungen nun offenbar ausschließlich von der kriminellen Vergangenheit der abzuschiebenden Personen abhängig macht.

Ich kann verstehen, wenn als Grund für die erste Rückführung seit Mai vorgebracht wird, dass die Zahl der freiwilligen Rückkehrer auf eine gewisse Stabilität in der Sicherheitslage, zumindest in manchen Bereichen des Landes, hinweist. Doch gerade Straftäter dürften in Afghanistan kein leichtes Dasein haben. Asyl hängt stets von der Bedrohung im Herkunftsland ab.

Und die mag für den Flüchtling, der keine politische Verfolgung zu befürchten hat, geringer sein als für den, der direkt aus einem deutschen Gefängnis kommt. Selbst schuld? Mag schon sein. Doch Menschenrechte sind keine reine Vernunftsache, sondern auch eine Herzensangelegenheit.

[Dennis Riehle]

Leserkommentar
zu „Störsender im Hirn“, hpd vom 7. September 2017
(https://hpd.de/artikel/ihr-freund-harvey-14749)

Zwischen dem christlichen Fundamentalismus, dem es wohl vor allem darum geht, im Sinne der Erbsünde stets einen Verantwortlichen zu finden, und dem monotheistischen Gottesglauben scheint es doch noch Unterschiede zu geben. Man kann hinter den Katastrophen, die die Natur über uns bringt, auch einen Sinn sehen, ohne gleichzeitig einen Schuldigen dafür zu suchen.

Lassen wir es zu, dass wir diesem Gott eine derartige Allmacht zubilligen, die es ihm erlaubt, gezielte Tragödien über bestimmte Regionen, Völker und Erdteile zu bringen? Solch ein Theismus ist wahrlich ein überaus bibeltreuer, muss aber nicht für alle Christen Gültigkeit besitzen. Sehen wir uns gar dem Pantheismus verschrieben, dann kämen wir in noch größere Bedrängnis, wenn Gott als die Natur selbst zum Teufel wird, der die Todsünde über den Menschen bringt, der ohnehin dem Grauen nicht entweichen kann.

Warum erkennen wir im Auf und Ab der Weltgeschichte nicht den prüfenden Gott, der uns wachsen lässt durch die Erfahrung der Herausforderung, der gleichzeitig aber auch mit den kleinen und großen Gesten, die sich inmitten des Katastrophengebietes und außerhalb davon täglich abspielen, beweist, dass er uns nicht peinigen, sondern durch die Täler gehen lassen will, um wieder bewusste Höhen erleben zu können?

Unnötig erscheinen die Dramen dann nicht mehr, denn sie sind nicht Strafe, sondern Beweis dafür, dass wir es als Menschen aus eigener Kraft schaffen können, Leiden zu überwinden. Das kann stärken und uns auch für die menschgemachten Konflikte wappnen.

Diese Theorie empfinde ich als wahrlich heilsamer als den für mich fast unerträglichen Gedanken, dass all dieses Unheil nur reiner Zufall sein soll.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Pressemitteilung

Konstanz. Im mittlerweile fünften Jahr ist die Sozial- und Pflegesprechstunde der Litzelstetter Nachbarschaftshilfe e.V. – und erfreut sich einer hohen Zahl an Ratsuchenden, die Kontakt zu der kostenlosen und sich als unverbindliche Erstberatung verstehenden Anlaufstelle suchen.

Der Leiter des Angebots, das für alle Bürger offen steht und durch den Verein getragen wird, Dennis Riehle, zeigt sich überrascht über diese Entwicklung: „Anfangs dachte ich nicht, dass es so etwas in Litzelstetten überhaupt braucht. Immerhin gilt der Ort doch als wohlhabend, weshalb sollte hier jemand solch eine Sprechstunde aufsuchen, fragte ich mich, als die Projektidee aufkam“. Doch nicht nur Riehle wurde eines Besseren belehrt. Mittlerweile sind es konstant 10 bis 15 Anfragen, die pro Monat bei ihm eingehen. Anfangs gab es regelmäßige Präsenztermine, „das war aber ein zu großes Durcheinander“, stellt Riehle fest, den heute ohnehin 90 Prozent der Hilfegesuche über Mail, Telefon oder Post erreichen. „Nur ein Zehntel kommt noch persönlich in die terminierten Sprechstunden im Litzelstetter Rathaus“.

Die Themen haben sich deutlich herauskristallisiert, berichtet der 32-jährige Ehrenamtliche, der durch seine psychologische und sozialpädagogische Beratungsausbildung die Aufgabe übernommen hatte: „Die meisten Fälle drehen sich um die Inanspruchnahme von Pflegeleistungen, die Beantragung von Pflegebedürftigkeit und die Auswahl der passenden Maßnahmen für den jeweils zu Pflegenden. Auch Beratung im Blick auf die besten Ansprechpartner bei Demenz steht hoch im Kurs. Und nicht zuletzt die Hilfestellung beim Antrag auf Schwerbehinderung“. Es kommen aber immer wieder Menschen, die einfach nur das Gespräch in schwierigen Lebenslagen suchen. Riehle, der sich auch in der Seelsorge fortgebildet hat, hört dann einfach nur zu und verweist an geeignete Stellen. „Und man erkundigt sich, wie die Nachbarschaftshilfe für die Bürger tätig werden kann oder ob es schon den Sozialdienst braucht“, meint Riehle, der auch Pflegelotse des Landkreises für die Vororte ist. In den vergangenen zwei Jahren waren überdies auch Asylbewerber dabei, die sich mit Helfern der ehrenamtlichen Dienste aus der Umgebung Rat einholten.

„Bedauerlicherweise erlebe ich auch, wie die Zahl derer wächst, die Wohngeld beantragen müssen, weil die Rente nicht mehr reicht. Oder die einen Anspruch auf einen Sozialpass haben“. Und nicht zuletzt würde er immer öfter helfen, das Formular für „Hartz IV“ auszufüllen, was ihn nachdenklich mache. „Es ist keinesfalls so, dass Litzelstetten Ort der Glückseligen ist. Darüber bin ich auch froh, denn die Sprechstunde bildet ab, dass wir auch hier die ganz normalen Probleme haben, die es überall gibt. Nachdem ich zur Verschwiegenheit verpflichtet bin, gibt es keine Details. Aber die Schicksale, die auch hier im Dorf präsent sind, bewegen auch mich“, so Riehle, der festhält, dass selbst Bürger aus den Nachbarortschaften in die Sprechstunde kommen. „Das ist natürlich eine Anerkennung für mich und ich versuche, dieses Angebot auch die kommenden Jahre aufrecht erhalten zu können“.

Die Sozial- und Pflegesprechstunde in Litzelstetten ist erreichbar unter Mail: Li-Na@Riehle-Dennis.de, Tel.: 07531/955401 (AB) oder per Post: Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz. Die Präsenztermine in der Ortsverwaltung Litzelstetten werden in den örtlichen Medien bekannt gegeben.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Spielraum für die Seele“, FAZ vom 06. September 2017

Die Psychoanalyse fristet seit dem Aufkommen der Verhaltenstherapie eher ein Dasein im Hintergrund. Man erhofft sich rasche Ergebnisse und sichtbare Fortschritte, auch von den Krankenkassen. Nur, weil manche kognitive oder expositorische Methode aber einen schnelleren Nutzen verspricht, ist ihr Wirken deshalb noch nicht langfristig gesichert.

Aus eigener Erfahrung meine ich, es nutzt wenig, das Unkraut allein zu beschneiden. Es muss an der Wurzel gepackt werden. Die Psychoanalyse liefert mit ihren Verfahren nicht nur ein grundlegendes Verständnis für psychologische Vorgänge, sondern erklärt auch, wie modellhafte Konstellationen die Position des eigenen Ichs im Seelengebilde widergeben können – und so ein Arbeiten an den passenden Stellschrauben im eigenen System nachhaltige Veränderung bringen kann.

Ich halte zudem wenig von einem brachialen Vorgehen bei psychischen Leiden, weshalb der Raum des Zuhörens, der Resonanz und der Spiegelung häufig die sensiblere, aber dafür auf seelische Wunden und die nicht selten traumatischen, stressorischen oder individuellen Lebensumstände besser eingehendere Vorgehensweise darstellt als jene, die an den Ausgangspunkten einer Krankheit fast schamhaft vorbei zu wirken versuchen.

Psychoanalytiker und Tiefenpsychologen beweisen Mut, sich in Sümpfe zu begeben, während manch andere Psychotherapeuten und Wissenschaftler von heute meinen, es könne genügen, über Wasser zu gehen.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Ja. Ich bin gestört“, SPIEGEL 35/2017

Das „Outing“, psychisch krank zu sein, erfordert auch in der heutigen Zeit ein hohes Maß an Selbstbewusstsein, im Zweifel auch Anfeindungen auszuhalten. Denn die Parallelen zwischen einer seelischen Erkrankung, dem Verrücktsein und gar eine Gefahr für die Öffentlichkeit darzustellen, sind in manchen Köpfen so offensichtlich, dass Vorurteile zementiert die Einstellung gegenüber Menschen mit Depressionen, Psychosen oder Ängsten prägen.

Wer sich allerdings selbst in Würde annehmen kann, lässt sich von zwiespältigen Meinungen von außen nicht aus der Bahn bringen, besonders nicht von denen, die ein adäquates und gleichsam wertschätzendes Urteil ohnehin nicht interessiert. Viel eher sind es die, die sich von Anmaßungen nicht beirren lassen, die dem Zustand des „Normalen“ deutlich näher sind als jene, die aus der Ferne Diagnosen stellen oder Einschätzungen über Mitmenschen abgeben.

Wer durch das Denunzieren Anderer Aufmerksamkeit erlangen muss, rückt sich selbst in den Fokus der Öffentlichkeit, denn Populismus mag zwar mehrheitsfähiger geworden zu sein, hat aber mit der Ernsthaftigkeit des Lebens wenig zu tun. Wer faire Rückmeldungen erhofft, der klärt über psychische Krankheit ohne jeden Eigennutz auf, zieht seine Geschichte heran, um deutlich zu machen, dass sie lediglich der Spiegel einer Gesellschaft ist, in der ein bisschen „bluna“ nicht schadet, Diskriminierung aber echt wehtut!

[Dennis Riehle]

Leserbrief
zu den Erkenntnissen der DAK-Erhebung über zunehmende Stressanforderungen an Schüler, SÜDKURIER vom 01. September 2017

In unserer Selbsthilfegruppe erleben wir zunehmend die Tendenz einer Nachfrage von jungen Menschen, die als Schüler, Studierende oder Auszubildende über die klassischen Zeichen von Stress, von Belastung und Problemen der Anpassung an die herausfordernde Situation gestiegener Ansprüche des Studiums, der Schul- oder Weiterbildung klagen.

Dabei scheinen nach meiner Einschätzung zweierlei wesentliche Ursachen zu erkennen zu sein: Einerseits überfordern sich die jungen Erwachsenen durch eine eigene Erwartungshaltung, durch einen überhöhten Medienkonsum und ein ständiges Vergleichen untereinander selbst. Andererseits haben Reformen im Schulwesen wie die Anpassung an G8, aber auch die Umstellung auf das Bachelor- und Master-System an den Hochschulen für eine Komprimierung von Lerninhalten, zu mehr Präsenz am „Arbeitsplatz“ und zu weniger Freiraum für das Abschalten geführt, was nicht zuletzt die Reizüberflutung bei den Jugendlichen anheizt.

Deprimiertheit, Angst und die Unfähigkeit, den Alltag zu organisieren, sind schwerwiegende Folgen, die bereits am Ende der Pubertät auftretend auch traumatische Auswirkungen haben können. Eltern, Gesellschaft, aber auch Politik sind zum Umdenken angehalten, insbesondere der Leistungsbegriff muss überarbeitet werden.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Weniger Schwangerschaftsabbrüche, mehr Trennungsgespräche“, „Rhein-Neckar – Zeitung“ vom 08.08.2017

Die Hilfsorganisation „pro familia“ hat mit einer neuen Hintergrundbroschüre zum Thema „Schwangerschaftsabbruch“ auf sich aufmerksam gemacht. Bereits beim Lesen der ersten Seiten wird deutlich, dass man es im Verein nicht so ganz genau nimmt mit der Geradlinigkeit der Argumentation. Und dass sich diese Inkonsistenz durch das gesamte Heft zieht, macht deutlich, welche Umwege „pro familia“ gehen muss, um den Schwangerschaftsabbruch auch ethisch als legitim darzustellen. Mit mächtigen Worten des Bundesverfassungsgerichts und der Gesetzgebung versucht sie bereits vorab, die rechtliche Ordnungsmäßigkeit der Abtreibung zu formulieren, kommt aber über die Worte der höchsten Richter in ihrem Diskurs kaum hinaus. Denn es überrascht nicht, dass neben dem Selbstbestimmungsrecht der Frau weitere Gründe fehlen, die den Schwangerschaftsabbruch rechtfertigen würden. Dass dieser letztlich nur unter bestimmten Bedingungen straffrei bleibt und an sich doch nicht mit unserem Grundgesetz zu vereinbaren scheint, wird ebenso wenig deutlich wie die moralische Ebene, zu dem die Broschüre generell keinen wirklichen Zugang findet.

Interessant bleibt immer wieder die Formulierung der „ungewollten Schwangerschaft“, die Frauen in unterschiedlichen Lebenslagen erreichen könne. Mir fällt nur die Schwangerschaft gegen den Willen einer Frau in Form einer Vergewaltigung ein, bei der wir tatsächlich von solch einem Ungewolltsein im 21. Jahrhundert sprechen könnten. Wer nicht schwanger sein möchte, wird in den allermeisten Fällen dazu auch nicht gezwungen. Ein Märchen davon, dass Schwangerschaften einfach passieren, ohne, dass man daran gedacht hat, beim Geschlechtsverkehr auch Nachwuchs zeugen zu können, es ist wahrlich ein primitives Menschenbild, das dort von mündigen Frauen gezeichnet wird. Denn spätestens nach dem Teenager-Alter wird allen Frauen bewusst sein, dass jede intime Begegnung mit einem Mann zu einer Schwangerschaft führen kann. Wer das nicht möchte, der hat im besten Fall die Enthaltung als ehrlichste Maßnahme, dem Wert des Sexualaktes neue Bedeutung einzuhauchen. Und selbst, wer den Liebesverkehr auch abseits der Zeugung von Nachkommen für das Lustspiel nutzen will, hat heute die Möglichkeit, den Eintritt einer Schwangerschaft mit recht zuverlässigen Mitteln zu steuern.

„pro familia“ degradiert Frauen zu unwissenden Persönlichkeiten, die offenbar nicht in der Lage erscheinen, verantwortungsvoll mit ihrem eigenen – und schon gar nicht mit neugeborenem – Leben umzugehen. Gerade ein Verein, der das Selbstbestimmungsrecht der Frau derart unterstreicht, sollte ihr auch zugestehen, dieser Tage nicht mehr von einer „ungewollten Schwangerschaft“ sprechen zu müssen, impliziert dies doch die offenbare Dummheit, weder über Verhütung, noch über die Folgen des Geschlechtsverkehres aufgeklärt worden zu sein. Und das wiederum wäre ein Ausdruck beispielloser Selbstkritik, fasst sich „pro familia“ doch gerade als die Beratungsstelle auf, die in sexualethischen Fragen ein modernes Verständnis der Aufklärung verfolgt und Frauen zubilligt, selbstverantwortlich über ihren Körper bestimmen zu können. Sie meint, Frauen befähigen zu können, die Konsequenzen von Abtreibungen überblicken zu können, muss aber gleichsam zugeben, dass viele Frauen aus nichtigen Gründen vorschieben, ungewollt schwanger geworden zu sein? Was die Frau mit einer Abtreibung sich aber antut, was sie ihrer Seele und vor allem dem ungeborenen Leben zumutet, das kann nichts mit dem Verständnis einer Unantastbarkeit des Leibes der Frau zu tun haben. Wer sich dem Schwangerschaftsabbruch aussetzt, verletzt sich nicht nur selbst, sondern geht das Risiko eines lebenslangen Traumatas ein, das nicht im Sinne einer Organisation sein kann, die die Frau schützen, „erwachsen“ machen will. Möge „pro familia“ sich weniger mit Abtreibungen und Trennungen, statt viel eher mit der Vermittlung von Klugheit, Weisheit und Nachsicht befassen.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Was ist schon gerecht?“, „neues deutschland“ vom 02. September 2017

Für mich ist in Verbindung mit Artikel 1 Grundgesetz ein bedingungsloses Grundeinkommen gerecht, da jeder Mensch allein durch sein Dasein einen Anspruch auf Würde, also auf eine soziokulturelle Mindestabsicherung, hat, die sich nicht durch Leistung, sondern ausschließlich auf Grundlage des Lebens ergibt und daher nicht verhandelbar ist.

Sie in einer Höhe festzulegen, die in Übereinstimmung mit der Verfassung, auch Art. 20 GG, steht und durch die Politik zu bestimmen ist, muss Aufgabe einer repräsentativen Demokratie sein, in der Interessengruppen unterschiedlichster Schichten vertreten sind.

Abseits davon steht es jedem Menschen offen, durch Arbeit und Engagement Hinzuverdienste für das persönliche Wohl und den Luxus zu tätigen, die so lange gerecht sind, wie durch eine entsprechende Ausgleichsabgabe in Form einer Steuer o.ä. die Finanzierung des Existenzminimums aller im Sinne des Solidaritätsprinzips gesichert ist.

Dieses leitet sich wiederum aus der Annahme ab, dass wir alle gemeinsam Gast auf unserer Erde sind und damit zusammen für unseren Fortbestand einzustehen haben. Zusammengefasst: Ge-Recht ist das Recht auf ein würdevolles Leben für jeden…

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung
Funktionalität der Erkrankung steht im Mittelpunkt

Konstanz. Weshalb erkranken Menschen an einer Zwangsstörung? Viele biochemische Reaktionen spielen dabei ebenso eine Rolle wie psychologische Ursachen. Der Konstanzer Betroffene Dennis Riehle zeigt sich aufgrund seiner 20-jährigen Leidensgeschichte mit Händewaschen, Kontrollieren, Zählen und Zwangsgedanken davon überzeugt, dass auch die Zwänge eine Aufgabe ausüben, deren Logik sich jeder einzelne Erkrankte erarbeiten muss.

Wie das in seinem Falle ausgesehen hat und mit welcher Psychotherapie und Selbstanalysen er zu einer Reduktion um gut 50 Prozent seiner Ursprungssymptomatik kam, das schildert der 32-Jährige in einem Taschenbuch, das er aktuell veröffentlicht hat. „Funktionalität des Zwangs“ als eine geraffte Zusammenfassung der persönlichen Historie Riehles mit einer Aufarbeitung der stellvertretenden Funktionen seiner Zwangserkrankung für seelische Konflikte, Defizite in der Persönlichkeitsentwicklung und eine Erziehung, die es manches Mal zu gut mit den später Betroffenen gemeint haben könnte: Das Büchlein eignet sich als Lektüre für Erkrankte, Angehörige, Fachpersonen und Interessierte.

Es geht dabei anhand der Zwangsstörung des Autors nicht nur auf die unterschiedlichen Formen der Zwangserkrankung nochmals genauer ein, es erörtert auch, welche Therapieformen bekannt sind und welche Riehle geholfen haben, um heute wieder ein Leben zu führen, in dem er die Oberhand über seine Zwänge gewonnen hat. Auch werden Selbsthilfemöglichkeiten, niederschwellige Angebote als Unterstützung für die Betroffenen und der wissenschaftliche Diskurs über die „richtige“ Behandlung gewürdigt, nebenbei enthält das Buch vor allem Tipps und Ratschläge, wie Betroffene die Bedeutung ihres Zwangs hinterfragen und ihn somit schlussendlich überflüssig machen können.

Riehle, Dennis: Funktionalität des Zwangs. Taschenbuch für Betroffene, Angehörige und Interessierte. BoD. Norderstedt: 2017. ISBN: 9783744898799. 4,99 EUR. Im Buchhandel und auf www.bod.de.

Zum Autor:
Dennis Riehle, geb. 1985, Konstanz, erkrankte im Alter von knapp 13 Jahren an einer schweren Zwangsstörung. Nach Inanspruchnahme von tiefenpsychologischer und Verhaltenstherapie blickt er auf die Ergebnisse seiner Behandlung zurück und stellt fest, dass die Selbstanalysen über die Funktionalität des Zwangs die meisten Fortschritte brachten. Riehle veröffentlichte bereits vor rund zehn Jahren sein erstes Werk zum Thema, auch dieses Mal spielen autobiografische Elemente und der Sachbuchcharakter eine Rolle. Riehle ist Coach, PR-Fachkraft und Freier Journalist, engagiert sich als Leiter der Selbsthilfegruppe zu Zwangsstörungen im Landkreis Konstanz, liest, kocht und musiziert leidenschaftlich gerne.

[Dennis Riehle]

Gedankenimpuls

„Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand“ – vor kurzem begegnete mir bei einer Taufe wiederum das Lied von Arno Pötzsch (EG 533, 1941), das er inmitten des Zweiten Weltkrieges geschrieben und damit eine Aussage getroffen hat, die zutiefst tröstlich ist. Denn sie bildet ein Gottesverständnis ab, das den meisten Menschen auch heute angesichts von Religionskritik und Kirchenferne nahekommt. Es ähnelt dem des Pantheismus, besser noch dem des Panentheismus, den wir nur verstehen können in seiner Ausformung eines pandeistischen Anfang und Endes, eines Alpha und Omega. Gott ist alles, Gott ist die Natur. Gott ist kein externes Wesen, das lenkt und gestaltet. Gott hat geschaffen und ist im Weltall, vielleicht sogar in unserer Erde, in jedem einzelnen Menschen von uns aufgegangen.

Was zunächst märchenhaft klingen mag, das ist philosophisch gesehen wohl eher eine nüchterne Betrachtung. Was soll uns mehr geschehen, als letztlich ganz am Boden anzukommen? Tiefer als in die tiefsten Tiefen geht es nicht. Und sind wir nicht allein der Überzeugung eines Jüngsten Gerichts, das lediglich Auserwählte bewahren wird vor Fegefeuer und Verdammnis, dann kann letztlich das Ende des Fallens nur eine Ewigkeit bedeuten, die sich nicht schöner beschreiben lässt als durch „Gottes Hand“. Was bliebe denn denen, die im Krieg alles verloren hatten, jeden Tag den Tod vor Augen hatten und nicht wussten, ob sie aus der Gefangenschaft des Gegners je wieder heil herauskommen würden, wenn nicht dieser Wink mit einer Zukunft, die weltlich nicht zu erreichen scheint?

Schon Dietrich Bonhoeffer offenbarte gerade im Kerker des Nationalsozialismus die größte Ruhe, die ein Mensch sich nur vorstellen kann. Natürlich plagen uns Ängste, nicht nur in solchen Ausnahmesituationen. Sie sind letztendlich aber endlich, überstehen wir sie doch allerspätestens mit der irdischen Vergänglichkeit, wenn wir eintreten in die Erlösung, zu der jeder die Chance hat. Zu wissen, als Teil der Erde, als Teil des Universums, als Teil eines Ganzen nicht weiter fallen zu können als in die Tiefenlosigkeit unserer Vernunft, das ist ein barmherziger Gedanke, den auch Arno Pötzsch nochmals aufgreift: „Wir sind von Gott umgehen, auch hier in Raum und Zeit“ (Str. 3). Pötzsch bleibt bei der Transzendenz, wagt sich nicht in die Immanenz – und doch scheint das Miteinander von Mensch und Schöpfer an dieser Stelle so nah.

„In ihm“ zu leben, Pötzsch verfolgt die Auflösung in den Pandeismus mit den letzten Worten seines Liedes aus dem Evangelischen Gesangbuch. Wir sind Teil Gottes, möchte er uns offenbaren, löst damit den Trinitätsgedanken der christlichen Lehre ein Stück weit auf, indem er den Umweg über die Menschwerdung gewissermaßen ausspart. Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren es nicht wenige Mystiker, die die Immanenz Gottes, die Herausbildung der Schöpfung aus diesem Urfunken des Nichts für sich entdeckt hatten, der wiederum die Allmacht und die Weite von Schöpfer, Lenker und Hüter deswegen unnötig macht, weil die Transzendenz zwischen Welt oder All auf der einen, Gott auf der anderen Seite, entfällt. Ob wir uns selbst als göttlich ansehen, eine Frage der heutigen Spiritualität und Esoterik mahnt den Christen zu einer wohlüberlegten Entscheidung. Denn bei allem freien Verständnis, das uns ein liberaler Gottesglaube lässt, ist die Entscheidung über unsere Position in der Breite der Existenz von Bedeutung.

Stehen wir am Rande, in der Mitte oder gehen wir in ihr auf? Wer der Dreieinigkeit weiterhin seine Überzeugung schenken will, kann nur zu einer Überzeugung gelangen, die im monotheistischen Sinne transzendent ist. Gottes Hand ist dann das von außen einwirkende oder sich aus der Materie heraus öffnende Netz, das uns die Furcht nimmt, wir könnten in Höllenqualen nur deshalb elendig zugrunde gehen, weil wir die Bodenlosigkeit des Seins und die immanente Unendlichkeit kennen. Es ist eine Frage der Persönlichkeit Gottes, ob er mir als nahestehendem Wesen ein Ansprechpartner ist, weil er sich aus der Welt abhebt und theistisch auf sie einwirken kann. Ist Gott dagegen als naturalistisch unpersönlicher Teil des oder gar das Ganze selbst, fällt die Vorstellung schwer, wie er aus der „Ursuppe“ heraus seine nicht nur schöpferische Kraft und Dynamik entwickeln konnte, sondern vor allem, wie er uns gegenüber Autoritätsperson und Lenker sein kann, ohne aus seinem panentheistischen „Einheitsbrei“ hervor zu gelangen.

Christen dürfen in der Selbstaufgabe und Beliebigkeit nicht derart flexibel sein, dass sie ihren monotheistischen Glauben im Sinne einer Trinität aus Deismus, Theismus und Pantheismus aufgeben. Nur die schiere Unvereinbarkeit der göttlichen Erscheinungsformen in Vater, Sohn und Heiligem Geist ist das Alleinstellungsmerkmal, das zu reduzieren eine Aufgabe christlichen Bekenntnisses bedeutete. Bei aller Attraktivität, dem neu an Fahrt gewonnenen Panentheismus seine Vorzüge als allumfassendes Sein abzugewinnen, würde eine christliche Anbiederung an ein derartiges Gottesbild eine Näherung an Islam, Judentum und Buddhismus bedeuten, die den identitätsstiftenden Charakter des Christseins unter den Weltreligionen preiszugeben in der Lage wäre. Gottes Hand kann also nicht das unendliche Sprungtuch sein, in dessen Zuverlässigkeit wir allein deshalb vertrauen, weil es mehr darüber hinaus nicht geben mag.

Wie sollen wir uns im panentheistischen Blick auf Universum, inklusive Welt und des Menschen, denn auch die Gnade Gottes vorstellen, die Pötzsch als Zugang zu ihm sieht (Str. 2)? Die Pfade können uns nur hinführen an ein Ziel, wir können nicht gleichsam Start und Finish sein. Und auch wenn die Anwesenheit Gottes als Ausdruck spirituellen Bewusstseins allzeit doch so spürbar uns umgibt, dürfen wir nicht verwechseln, dass diese Ebene eine andere ist als die, auf der wir Gott persönlich in unserem Nächsten, in Jesus Christus, begegnen können. Durch sein Wirken mit der Kraft des Heiligen Geistes führt er uns in diese Ewigkeit (Str. 3), die wir nicht als Ist-Zustand hinnehmen können, sondern als erstrebenswerte Utopie für unseren Verstand, als Option für unseren Glauben, als die Karotte vor den Augen des wettlaufenden Hasen sehen. Ansonsten wäre all das Wissen um Not, Schicksal oder Tod (Str. 2) auch so unerträglich, es gäbe keinen Ansporn, es zu durchstehen…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.