Petition an den Deutschen Bundestag

Petitionslaut:

Der Deutsche Bundestag möge beschließen, einen Straftatbestand für die Aufforderung zum Suizid zu schaffen. Begründet wird dies mit einem aktuellen Vorfall aus Baden-Baden, bei welchem die Polizei gegen Schaulustige, die einen Menschen animierten, seinen beabsichtigten Selbstmord zu vollziehen, nicht vorgehen konnte, weil nach eigenen Angaben das Verhalten nicht strafbar gewesen sei. Eine Darstellung des Vorkommnisses ergibt sich aus beiliegender Medienmitteilung.

Begründung:

Nachdem ein Fungieren wie das oben geschilderte offenbar in der momentanen Fassung des Strafgesetzbuches keinen Platz findet, scheint es nach Meinung des Petenten notwendig, einen entsprechenden Paragrafen zu schaffen oder das Verhaltensmuster als konkrete Straftat einem bestehenden explizit zuzuordnen.

Eine Schuldausschließung kann sich nicht dadurch rechtfertigen lassen, dass sich die Aufforderung auf ein Verhalten (den beabsichtigten Suizid) bezieht, welches selbst nicht strafbewehrt ist, das gleichzeitig aber im Zweifelsfalle auch noch nicht abgeschlossen ist. Die Anstiftung oder Beihilfe zum Suizid bleibt zwar nach deutschem Recht strafffrei, weil eben auch der Selbstmord an sich unter den Grundsatz des Selbstbestimmungsrechts nach Art. 1f. GG fällt.
Dennoch ist die Teilnahme an einem Verhalten, das eine Not widerspiegelt, als eine solche zu betrachten, die Hilfe bedarf.

Anzunehmen wäre deshalb, dass § 323 c StGB auf oben genannte Situationen angewendet werden kann. Da das allgemeine Rechtsverständnis die Notwendigkeit einer Konsequenz für beschriebenes Verhalten einfordert, obliegt es damit dem Gesetzgeber, zu überprüfen, ob er rechtlich bislang differenziert beschriebenen und zu keiner abschließenden Beurteilung gekommenen Sachverhalten durch eine Anpassung der Paragrafen Abhilfe verschafft und das Auffordern zu einem Verhalten in „gemeiner Gefahr“ explizit zu einer „Unterlassenen Hilfeleistung“ erklärt. Dies scheint erforderlich, da Anstiftung, Beihilfe oder § 111 StGB aufgrund der fehlenden Strafbarkeit des Suizids keine Anwendung finden können.

Der Petent:

[Dennis Riehle]

Zwischenruf

Die Dramatik ist eigentlich unübersehbar. Und doch weiß man kaum, wem man die Schuld geben soll. Innerhalb eines Jahres steigt die Zahl der Sozialpass-Inhaber in Konstanz um 15 Prozent. Viel mehr als eine Pressemitteilung wird es wohl letztendlich nicht wert sein, dabei sind solche Zahlen wichtiger als jeder Umfragewert zur Bundestagswahl, weil sie die Lebenswirklichkeit der Menschen abspiegeln. Und ich habe wahrlich auch nichts gegen die „Diesel“-Affäre, denn auch ich bin für saubere Luft. Aber es wäre doch tatsächlich wünschenswert, wenn es nicht nur kommunal, sondern vor allem auch überregional Themen in unseren Fokus schaffen würden, die Wahrheiten abbilden und verdeutlichen, was sie tatsächlich sind: Alltagswahrheiten. Keine Fiktion, kein Spaß. keinerlei Übertreibungen.

Ein Sozialpass bedeutet, dass das Geld nicht einmal mehr reicht, um sich einen Besuch in einer kulturellen Einrichtung aus eigener Tasche leisten zu können. Wie demütigend ist es, wenn ich meinen Nachweis vorzeigen muss, um meine Busfahrkarte günstiger zu bekommen – denn offenkundig gehöre ich nun zu denjenigen, die am untersten Ende der Gesellschaft Sozialleistungen empfangen, die mein Dasein ermöglichen. Natürlich ist das nicht so dramatisch wie in Afrika, doch für unsere Verhältnisse, für das, was denkbar wäre, ist es ein Skandal. Denn es sind eben nicht mehr nur die Menschen in Langzeitarbeitslosigkeit, es sind immer mehr Rentner, denen das Geld im Alter nicht reicht, um die Miete zu bezahlen – und daneben zumindest im Sommer ins Schwimmbad zu können. Dabei haben wir doch so viel Vermögen wie wohl selten, nur bunkern wir es an der Spitze des Eisberges bei denen, die nicht mehr wissen, wo die Scheine denn noch gelagert werden sollen.

Die Lage hat sich durch die zunehmenden Leistungsempfänger unter den Asylsuchenden und Migranten, aber gerade auch die Senioren verschärft, die ein Leben lang gearbeitet haben – und heute eben Flaschen sammeln gehen. Wie soll das nur möglich sein? Denn eigentlich hören wir doch jeden Monat nur gute Nachrichten vom Arbeitsmarkt, von „Vollbeschäftigung“ reden da schon Einige, obwohl wir noch millionenweit davon entfernt sind. Und vor allem: Nicht jeder, der auf dem Papier arbeitet, kann davon leben. Wir wissen um die prekären Beschäftigungsverhältnisse, um die vielen Teilzeitarbeitenden gerade unter den Frauen, nach der Schwangerschaft, nach der Kindererziehung, aber auch generell, weil sie eben einfach zum „falschen“ Geschlecht gehören. Und wie schnell ist man Bezieher von Wohngeld, „Hartz IV“ oder Sozialhilfe – und wird plötzlich zum Anspruchsberechtigten für den Pass, von dem man doch sonst nur in der Zeitung am Rande etwas gelesen hatte.

Da ändern sich plötzlich Perspektiven – und keiner kann so schnell hinsehen, wie sich die Situation wendete. Wen sollen wir verantwortlich machen? Und wen können wir auffordern, etwas an dieser unsäglichen Lage zu ändern? Die Stadt ist hier wohl nur bedingt unser Ansprechpartner, ich nehme ihr ab, dass sie unter Hochdruck versucht, Wohnraum für die zu schaffen, bei denen der Geldbeutel eben nicht locker sitzt. Sie kann nur Symptome lindern, weil die Rahmenbedingungen nicht wirklich die besten sind. Worauf wir kommunal drängen müssen, ist die Einhaltung des Zweckentfremdungsverbots, denn wie viele Wohnungen werden in Konstanz nicht oder nicht hinreichend zum Wohnen genutzt, sondern stehen einen Großteil des Jahres leer und könnten vielleicht auch jenen dienen, die nun auf den Sozialpass angewiesen sind. Natürlich sind es besonders die teuren Appartements, an denen über Monate die Jalousien nicht bewegt werden. Trotzdem gilt hier, auch weiterhin dranzubleiben.

Mehr können wir von Land und Bund erwarten. Ein Preisniveau in Konstanz, das seinesgleichen sucht. Die Schweiz, deren Bürger uns aus deren Sicht verständlicherweise überrennen, heben es ins Unermessliche und machen es für die hiesigen Einwohner unerschwinglich. Die Wirtschaft leidet bei jeder Überlegung, die nur im Ansatz dahin gehen könnte, den Schweizer Kunden etwas mehr abzuverlangen. Ihnen das Einkaufen und das Wohnen hier in deutscher Nachbarschaft etwas weniger schmackhaft zu machen als eben bisher. Wir reden wieder und wieder von Mehrwertsteuerrückerstattungen, die doch endlich begrenzt und erst ab einem Mindestbetrag ansetzen sollten. Doch mit den momentanen Personen in Verantwortung dürfte sich kaum etwas ändern lassen an der jetzigen Praxis, die die „pempert“, denen es im Vergleich zu einem Konstanzer Sozialpass-Empfänger traumhaft ergehen wird. Und so sind es die Inhaber dieser deutschen Unterstützung vom Amt, die indirekt auch unter dem Eigennutz von Schweizer Kaufinteressenten stöhnen müssen.

Die Mietpreisbremse ist ebenso eine Maßnahme, die zwar gut gemeint, aber schlecht umgesetzt ist, denn sie bringt so gut wie nichts. Kaum jemand hält sich an die Regeln, die Marktwirtschaft ist in diesem Bereich seit langem ausgehebelt, weil der Bedarf eine Blase gebildet hat, die scheinbar in noch so große Größen wachsen kann, das Angebot nahezu erdrückt und die Mieten so steigen lässt wie eigentlich nie zuvor. Dort, wo man sich früher im guten Bürgertum seine vier Wände leisten konnte, braucht es heute Zuschüsse des Staates, um für die monatlichen Zahlungen, die Nebenkosten und Mehrbedarfe aufkommen zu können – und schlussendlich bleibt nichts mehr für ein Mal im Monat ins Theater, vielleicht auch in ein Museum oder zu einem Konzert. Wer ein „soziokulturelles Existenzminimum“ erreichen will, der braucht den Sozialpass heute öfter denn je.

Das Bild ist nahezu pervers, das sich zeichnet, wenn wir sehen: Menschen arbeiten mehr denn je, können sich immer weniger leisten, trotz Mindestlohn und anderer Eingriffe in die ach so sich selbst regulierende Systematik der freien Wirtschaft, die den Arbeitnehmer heute derart ausbeutet, dass ihm am Ende nur noch der Gang zur Konstanzer Stadtverwaltung bleibt. Mit gesenktem Haupt und vollkommen gehemmt, obwohl niemand der Bezieher eines Sozialpasses etwas dafür kann, darauf angewiesen zu sein. Im Gegenteil: Schämen müssen sich die, die zulassen, dass solche Zustände in Deutschland Wirklichkeit geworden sind. In einer Republik, die täglich neu ihren Wohlstand verkündet, dann aber kleinlaut wird bei Statistiken, die Brutales offenbaren: Wir schaffen es nicht mehr, die Mitte unserer Gesellschaft mit ins Boot zu holen. Wen das nicht alarmiert, den schockieren auch Kims neue Raketentests nicht mehr.

Ein Einkommen für jeden, das niemanden mehr abhängig macht vom Betteln beim Finanzminister. Eine Umverteilung, die zu einer Gerechtigkeit führt, bei der jeder durch Leistung seinen Wohlstand mehren kann, bei der aber niemand mehr darum fürchten muss, nicht zumindest einen Grundbetrag im Monat verwalten zu können, der für das Überleben ohne Sozialpass ausreicht. Manche der großen Probleme, die Deutschland tatsächlich hat, die aber von „Eier-Skandalen“ und Urlaubsbildern der Kanzlerin überdeckt werden, könnten nach der Bundestagswahl gelöst werden. Doch dafür bräuchte es in Deutschland Reformbereitschaft. Und die gibt es nicht, weil wir uns daran gewöhnt haben, dass eine Polarisierung zwischen Arm und Reich „normal“ ist in unseren Tagen. Dass sie das aber eben gerade nicht sein kann, das bestätigen die kleinen Notizen zwischendurch: 2989 Sozialpässe sind in Konstanz im Umlauf. Man möge es sich „auf der Zunge zergehen“ lassen…

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Ex-Präsident Wulff erntet für neuen Job scharfe Kritik“, „Abendblatt“ vom 07. August 2017

Der Hype um den ehemaligen Bundespräsidenten, als es um seine Beziehung, sein Haus oder darum ging, wann er mit wem Zeit verbrachte, hat mich damals abgeschreckt. Denn es war einem Menschen nicht würdig, derart in seine Privatsphäre einzugreifen. Da hatte Christian Wulff meine volle Solidarität – und ich bewundere, wie er mit Anfeindungen, Unterstellungen und Vorwürfen unterging.

Allerdings ist die jetzige Nachricht, sollte sie denn stimmen, von gesellschaftlich viel größerer Brisanz, denn sie rückt Politiker in die Nähe von Managern, die den Hals nicht vollzubekommen scheinen: Reichen denn über 200 000 Euro Ehrensold zum Leben nicht aus? Hat Wulff aus privaten Gründen derart viele Verbindlichkeiten, dass er einen Zusatzverdienst braucht?

Natürlich rechnet man in solchen sozialen Schichten offenbar mit ganz anderen Zahlen, doch es bleibt ein „G‘schmäckle“, wenn einem ehemaligen Staatsoberhaupt die riesigen Summen für seine kurze Amtszeit nicht genügen. Und dass er sich dann auch noch am Bosporus etwas hinzuverdienen will, ist obendrein recht taktlos. Denn Wulff bleibt eine Person öffentlichen Lebens und trägt auch weiterhin politische Verantwortung.

In Zeiten, in denen Deutschland von Erdogan gegängelt wird, ist es eine merkwürdige Konstellation, wenn ein früherer Bundespräsident genau in jenem Land Geld scheffeln möchte, in dem deutsche Journalisten in Haft gehalten werden. Nein, damals stand ich auf Wulffs Seite, heute verstehe ich ihn überhaupt nicht mehr…

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Was soll das, Herr Lindner?‘“, „BILD“ vom 07.08.2017

Was sehen wir als wichtiger an: Völkerrechtliche Maxime oder unsere wirtschaftlichen Interessen? Manch ein Politiker ist bereits über diese Frage gestolpert und musste gar sein Amt oder zumindest Ansehen einbüßen. Schade, dass das nun auch Christian Lindner riskiert.

Natürlich können wir an der jetzigen Situation kaum etwas ändern, dass die Krim von Russland okkupiert der Ukraine entrissen wurde. Doch welches Bild würde es hinterlassen, wenn wir diese Tatsache nun auch noch hinnehmen würden – nur, weil wir aufgrund der Sanktionen um die ökonomischen Beziehungen zu Wladimir Putin und russischen Unternehmen fürchten? Können wir Prinzipien aufgeben, auch wenn uns offenbar die Hände gebunden sind? Wenn es um nachhaltigeren Druck gegen jemanden geht, der Großimperator spielen möchte und seine Macht so selbstverständlich durchzusetzen versucht, dass auch andere „Teilrepubliken“ – so zumindest aus Moskaus Perspektive betrachtet – unter die Fittiche des Präsidenten fallen könnten?

Den zwar wirtschaftliche Strafen kaum zu irritieren scheinen, der aber anhand von Maßnahmen durchaus merkt, dass die westliche Welt nicht akzeptiert, wenn jemand die Landkarte neu gestalten will? Er würde nicht so gereizt reagieren wie im Augenblick – und seine indirekten Drohungen müssen wir aushalten, statt kleinbeizugeben. Und das Eingestehen eines „Provisoriums“ wäre so ein verstecktes Gutheißen eines unerträglichen Ist-Zustandes. Wir dürfen nicht nachlassen, für unsere Werte von Freiheit und Demokratie einzustehen. Dass man solch einen Satz irgendwann einem liberalen Politiker einmal in sein Stammbuch schreiben müsste, das hätte ich auch nie gedacht…

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Selbsthilfe-App soll traumatisierten Geflüchteten helfen“, „Deutsches Ärzteblatt“ vom 04. August 2017

Für Flüchtlinge soll sie schon bald kommen – die „Selbsthilfe App“. Sie soll in der schwierigen Situation der Flucht helfen, sich im Aufnahmeland zu orientieren, sich mit dem Gesundheits- und Sozialsystem zurechtzufinden und gleichsam psychisch zu stärken, wenn es um die Traumatisierung geht, die die Asylsuchenden in ihren Erinnerungen mit sich tragen müssen. Ähnlich wie die Überlegungen, Selbsthilfe künftig nur noch online abzuhalten, sind Entwicklungen wie diese Anlass, sich Gedanken darüber zu machen, ob die persönliche Hilfestellung, die als Garant aus den 60er- bis 80er-Jahren ihren Höhepunkt in der Unterstützung von Menschen mit Suchtproblemen, seelischen Erkrankungen oder körperlichen Gebrechen hatte, nicht mehr gefragt ist – oder ob sie unwillentlich verdrängt wird.

Natürlich kann ich mir ein reagierendes System vorstellen, das mein Computer für mich bereit hält, sogar ein personifiziertes Gegenüber, das mir antwortet. Aber will ich das tatsächlich, nur, weil es vielleicht angenehmer, gemütlicher und unkomplizierter geht? Vielleicht hat die Selbsthilfe aber auch selbst etwas vergessen, in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten, was sich nun rächen könnte. Haben wir stets eindrücklich formuliert, was uns auszeichnet? Warum hilft es Menschen, wenn sie einem realen Gegenüber ihre Sorgen anvertrauen können, auf Augenhöhe mit jemandem sprechen dürfen, der in einer selben oder ähnlichen Lage war oder ist – und mit seinen Erfahrungen eine Rückmeldung geben kann, die ein Roboter in dieser Individualität sicher nicht leisten könnte?

Es ist nicht allein der Umstand, dass jemand da ist. Es ist einerseits wesentlich, wer für mich da ist. Und vor allem: wie er für mich da ist! Selbstverständlich kann ich auch „skypen“, brauche keine Selbsthilfegruppe mehr, sondern ziehe das Einzelgespräch über die Kamera vor. Ich kann auch „Facebook“ nutzen, ohne ein Gesicht, dafür aber in einer geschlossenen Gruppe, die sich kaum moderieren lässt, dafür aber sicher nicht so geschützt erscheint wie das Zusammenkommen in einem echten Gruppenraum. Und was nutzen mir „Apps“, die mir zwar Links, Dokumente und Anwendungen präsentieren, vielleicht auch erklären, die aber nur bedingt auf meine Fragen eingehen können, emotional nicht die Regung zeigen, die ich bräuchte – und überhaupt derart unpersönlich sind, dass ich schlussendlich sogar lieber die Finger davon lasse.

Es war ein Versäumnis, dass wir die Vorzüge der menschlichen Selbsthilfe nicht stärker hervorgehoben haben. Dass wir uns von den „Contra“-Argumenten beeindrucken lassen, so wie „Muss ich mir denn das Leid von Anderen auch noch anhören?“, „Weshalb soll ich mich denn abends extra nochmals auf den Weg machen, nur, um mit jemandem mein Elend durchkauen zu müssen?“ oder „Bringt das denn überhaupt etwas, wenn viele Depressive sich gegenseitig nur noch schlechter reden?“, als zu betonen, welche „Pros“ dem gegenüberstehen. Die Synergien, die wir nirgendwo anders finden als in der realen Selbsthilfe! Denn es ist dieses Alleinstellungsmerkmal, dass wir nicht nur zuhören, uns annehmen, uns reflektieren, uns beraten, auch debattieren und ringen, vor allem aber: nahbar zueinander sein können! Es ist die Einsicht, dass wir uns in der Eigenverantwortlichkeit aus der Faulheit manches Selbstmitleides aufraffen können, dürfen und müssen, für uns etwas zu tun, zu verändern – ohne PC, „Smartphone“ oder „Tablet“!

[Dennis Riehle]

Dennis Riehle

Leserbrief
zur Neuwahl des niedersächsischen Landtages

Wiederholte Fälle wie die der Abgeordneten im niedersächsischen Landtag lassen Zweifel daran aufkommen, ob ein personenbezogenes Mehrheitswahlrecht tatsächlich die passende Ausformung unserer Demokratie sein kann, zeigt sich doch, dass die Bindung an eine bestimmte Persönlichkeit auch zu Enttäuschungen führen kann, an die der Wähler bei seiner Entscheidung am Stimmzettel gar nicht dachte.

Denn im Vergleich zu Veränderungen politischer Positionen einer Partei sind die Schwankungen der Meinung eines Abgeordneten weniger träge, das heißt, auch weniger verlässlich. Gefühlt stimmen viele Deutsche eher nach der Parteifarbe ab, wenngleich eine bedeutende Zahl von Mitbürgern angibt, ihr sei das Gesicht ihres Kandidaten wichtiger als die sachlichen Inhalte.

Diese Einschätzung wird aber spätestens durch Überraschungen wie die aus Hannover dieser Tage arg erschüttert und lässt die Frage zurück, ob das öffentliche Verständnis des Volkes für sein Wahlsystem tatsächlich mit dem realexistierenden vereinbar ist. Eine Überlegung, ob die parteiunterstützende nicht die personalisierte Verhältniswahl ablösen sollte, wäre zumindest nicht völlig sinnfrei.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Frankreich will Hotspots für Flüchtlinge in Libyen noch in diesem Sommer“, FOCUS 31/2017

Nach Ungarn, Polen oder Österreich reiht sich nun auch Frankreich ein in die Länder, denen innerhalb der Europäischen Union Alleingänge wichtiger sind als das Miteinander der Staaten. Mit dem Vorstoß nach „Hot Spots“ in Nordafrika überrumpelt Emanuel Macron nicht nur Angela Merkel.

Ein abgestimmtes Vorgehen unter Freunden sieht anders aus. Nicht überraschend, dass der Vorstoß des französischen Präsidenten ausgerechnet in Zeiten kommt, in denen Umfragen ihm eine rückläufige Beliebtheit in der Bevölkerung vorhersagen. Da braucht es Projekte, die Rückhalt im Land haben und auf große Zustimmung treffen dürften.

Doch egal, wie sinnvoll solche Vorschläge sind, es hilft niemandem etwas, wenn sie unüberlegt in die Welt gesetzt werden, um Populismus zu bedienen, statt Besonnenheit zu leben. Macron macht deutlich, dass er auf der internationalen Plattform und ihrer besonderen Diplomatie noch Nachholbedarf hat.

Diese Defizite sollten aber gerade nicht ihren Ausdruck im wahllosen Umgang mit Themen finden, die überaus heikel sind und eine Grundsatzfrage aufweisen: Was hilft den Menschen von Ägypten bis Libyen am ehesten, wie kann ihr Tod verhindert werden – auf See oder im eigenen Land? Voreilige Maßnahmen sind hier kontraproduktiv, Macron muss lernen, verantwortlich zu handeln.

[Dennis Riehle]

Zwischenruf

Überbehütung – ein Modewort oder vielleicht doch ein tatsächlicher Aufreger? Eltern nehmen ihren Kindern nahezu jede Entscheidung ab, lassen sie selbst dann nicht allein aus dem Haus, wenn sie sich der Volljährigkeit nähern oder bereits in der Ausbildung stehen. Ja, wir haben heute ein übersteigertes Sicherheitsbedürfnis, haben Angst vor allen möglichen Gefahren, fürchten gar, dass das eigene Kind auf dem Weg zur Schule gar einem Terroranschlag zum Opfer fallen könnte – während die Wahrscheinlichkeit für einen Autounfall deutlich höher ist. Absichern – das ist nicht nur in der Politik zu einem beliebten Sport geworden. Zumindest so tun, als ob man mithilfe von Aktionismus etwas erreichen könnte. Airbags links, rechts, hinten und vorne – überwachen, beobachten, überprüfen. Nicht nur unsere Kinder werden Opfer einer Ideologie der vollkommenen Mutlosigkeit.

Dieses Bild transportieren wir auch in unsere Vorstellung des fürsorglichen Gottes. Wie ein Hubschrauber möge er um uns kreisen, uns vor allem Leiden bewahren und das Übel möglichst von uns fernhalten. „Als „Helikopter-Gott“ wurde er gar schon bezeichnet, wie die Eltern, die ihre Kleinsten auch im Erwachsenenalter noch nicht loslassen können. Aus einem theistischen Verständnis, Gott könne jederzeit in die Welt eingreifen, formulieren wir die Erwartung, dass er dies bei seiner Allmacht doch bitte auch tun sollte. Entsetzt ziehen wir uns in der „Theodizée“-Frage zurück, warum Gott nichts unternimmt, um uns vor Erdbeben zu schützen, uns davor zu bewahren, dass wir uns gegenseitig im Krieg zerstören, vor einem Verlust unseres Nächsten durch Unglück oder Krankheit einzuschreiten oder endlich Wasser zu liefern für die Kinder auf der ganzen Welt, die er verdursten lässt – obwohl es doch anders möglich wäre, so meinen wir.

Es ist heute angesehen, wenn wir unsere Kinder in Watte packen. Das bedeutet, dass uns unsere Kleinsten wichtig sind. Dass wir alles Menschenmögliche dazu beitragen, damit sie von der Grausamkeit des Alltages nichts mitbekommen. Von Konflikten halten wir sie fern, sie könnten ja Schaden nehmen. Und im Erwachsenenalter wundern wir uns darüber, dass sie eben nicht erwachsen sind. Sie haben Angst vor dem Leben und fürchten sich vor dem, was sie herausfordert. Sie haben nicht gelernt, dass Krisen auch aus eigener Kraft bewältigt werden können. Sie setzen im Studium noch darauf, dass der liebe Gott nach einem Stoßgebet die fehlende Vorbereitung auf die Klausur wettmachen und gute Noten vom Himmel schmeißen möge. Schuld sind dann meistens die Anderen, die es nicht gut mit uns meinen, der strenge Professor, die unempathischen Freunde, die nörgelnde Mutter. Und wenn es ans Eingemachte geht, dann ist Gott es, den wir verantwortlich machen. Denn er hätte es ja anders machen können.

Gott hat uns die Fähigkeit gegeben, zwischen dem Guten und dem Bösen zu unterscheiden (1. Mose 3,22). Ja, Krankheit, Gewalt und Armut sind auf den ersten Blick böse, sie erscheinen uns auch völlig sinnlos. Wir sind es nicht gewohnt, mit der Dramatik unseres Daseins konfrontiert zu werden. Wir haben diese Gabe verloren, selbst Entscheidungen zu treffen und Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was Gott mit seinen „unergründlichen Wegen“ tatsächlich meint. Denn wir haben eine andere Vorstellung von ihm: Auf einen Fingerschnipp soll er doch bei uns sein, „wünsch dir was“, der Zauberer mit dem Rauschebart, der uns Träume erfüllt, sind wir doch seine Ebenbilder. Dann müssen wir uns nicht anstrengen, auch über unsere Eigenverantwortlichkeit nachzusinnen. Nein, für den Vulkanausbruch können wir wirklich nichts, auch auf die Immunerkrankung der Tochter scheinen wir eher keinerlei Einfluss zu haben. Gleichsam wie auf den unverschuldeten und tödlichen Unfall eines Angehörigen im Straßenverkehr. Doch wie viele der Nöte, die wir ertragen müssen, sind letztlich nur hausgemacht? Warum sollte Gott uns aus diesen Schlammasseln befreien?

Kaltherzig ist er immer dann, wenn die Tragweite unseres Handelns unser eigenes Vorstellungsvermögen überschreitet. Nach den Anschlägen des 11. Septemberg 2001 bat die BILD-Zeitung in großen Lettern, Gott möge uns beistehen. Ja, wenn wir ihn brauchen, soll er da sein. Tatsächlich mutet es ein wenig an, wie in der Kindertagesstätte: Wenn etwas nicht klappt, das Essen nicht schmeckt, wenn das Spielzeug kaputt geht oder ich mir den Finger gebrochen habe, dann schreie ich. Ja, in diesem Alter kann ich es nicht anders, denn meine Fähigkeit, selbst einzuschätzen, was gut und böse ist, sie fehlt mir einfach. Die Freiheit zu haben, nicht auf Andere angewiesen zu sein. Aber wofür brauchen wir Gott dann überhaupt noch? Doch diese Frage ist schon in ihrem Ansatz falsch. Denn wir benötigen ihn nicht. Viel eher ist er einfach nur da, ob wir es nun gerade spüren – oder nicht. In einem Segen bitten wir, dass er um uns sein möge, dass er seinen Schutz halten möge, dass wir nicht fallen. Er möge ihn über uns und vor uns ausbreiten, hinter uns und neben uns. Und das macht Gott auch, aber eben nur für den alleräußersten Notfall. Wir können nicht tiefer fallen als in seine Hand, so singen wir es auch. Doch ist es nicht gleichzeitig eine wunderbare Vorstellung, dass Gott uns etwas zutraut?

Wir empfinden Leid und Herausforderung, Nöte und Qual als das Böse. Doch will Gott uns wirklich schaden, wenn er uns einem schweren Krebsleiden aussetzt, wenn er uns in die Arbeitslosigkeit rutschen lässt oder uns vor die Scheidung von unserem Partner stellt? Nein, er möchte, dass wir wachsen. Und das kann nur funktionieren, wenn wir in Freiheit leben dürfen. In der Freiheit, selbst zu wissen, was Gott mit uns vor hat. Er ist immer wieder eine Zumutung und eine Verwunderung gleichermaßen – und doch fühlen wir, wenn wir ernstlich darüber nachdenken, ob er nun strafen will oder einfach nur helfen möchte, dass wir aus uns heraus die Kraft nehmen können, Schwierigkeiten unseres Lebens selbst zu bewältigen. Um aus der Krise gestärkt hinaus zu gehen, braucht es zuerst die Erfahrung, unten angekommen zu sein. Wäre es tatsächlich besser, wenn alles auf der Welt nur gut wäre? Nein, niemand kann verstehen, warum das Böse derart zuschlägt, wie wir es gerade momentan wieder erleben. Und doch kann sich die Parabel über Gottes Liebe nur erschließen, wenn wir nicht allein das Übel ersehen. Als Christen glauben wir an die Auferstehung, nicht an den Tod. Zweifelsohne fällt es uns schwer, den Lichtblick zu erkennen, falls ein Elternteil gestorben ist, wenn wir nicht wissen, wie wir die nächste Rechnung zahlen sollen oder wenn die Untersuchungsergebnisse so lange auf sich warten lassen.

Dabei erfahren wir diese Momente der Hoffnung täglich. Trotzdem – und genau deshalb – werden wir auch das in der Freiheit und im Selbstbewusstsein, das Gott uns mit der Verheißung, in der Lage zu sein, entscheiden zu können, noch lernen. Denn ist der Gruß des Nachbarn selbstverständlich, der uns auf die Schulter klopft und uns rasche Genesung wünscht? Ist es zu erwarten gewesen, dass tausende Menschen gegen Krieg und Gewalt auf die Straße gehen, während die Bomben fallen? War es normal, dass unsere beste Freundin gerade in dem Augenblick anklopfte, in dem wir den Sinn für das Leben verloren haben? Manchmal genügt es, wenn wir uns auf die Suche nach dieses Ereignissen machen, in denen sich Gott uns als der Retter offenbart. Da sitze ich auf einer Bank und genieße die Stille mit einem Blick in die Weite. Da lausche ich der Musik des Untermieters, der sein aktuelles Stück übt und mir damit den Nachmittag verschönt. Und da genieße ich es, dass mich mein Bruder zu einem kühlen Bier eingeladen hat und wir wieder einmal einen Männer-Abend zusammen verbringen.

Mir berichtete ein ehemaliger Insasse eines Gefängnisses, dass es der freundliche Wächter war, der morgens zum Aufwecken kam – und nicht nur die Zellentür mit einem großen Rums öffnete, sondern ein fröhliches „Guten Morgen“ in die Zelle warf, das ihn dort nicht verzweifeln ließ. Und kürzlich erlebte ich diese Frau, die von Metastasen geplagt nicht mehr lange zu leben hatte, die mir vorschwärmte, wie ihr die Krankenschwester jeden Nachmittag ein kleines Stückchen Pflaumenkuchen mit Sahne organisierte. Und nicht zuletzt erinnere ich mich an einen guten Freund, dem nach einem Brand seines Hauses eigentlich nichts mehr blieb. Aber nachdem er sich nochmals auf die Suche in den Trümmern machte, da fand er ein Bild von seiner Frau und ihm am Hochzeitstag. Es war angeschwärzt, aber nicht vollständig zerstört. War hier also Gott im Spiel? Ja, wenn wir uns darauf einlassen, dass wir nicht nur das Böse sehen, sondern ehrlich zu uns sind und auch eingestehen, dass Gott seine Güte zeigt. Nicht so, wie die Welt sie uns gibt, sondern in Anlehnung an Johannes 14,27, so, wie Gott selbst sie uns schenkt.

Wenn wir begreifen, dass Gott uns auf diese Erde gestellt hat, damit wir sie uns nicht nur untertan machen, sondern vor allem, um als seine Kinder erwachsen zu werden und die Reife zu erlangen, das Leid auch als Chance zu sehen, Heilung erfahren zu dürfen und zu können, indem wir wach und gleichsam aufmerksam die Augen nach seiner Gnade offenhalten, dann werden wir ihm Vertrauen geben, ohne ihn kontrollieren zu müssen. Denn unsere Erwartungen sind unnötig, weil Gott uns viel mehr zutraut, als wir es selbst tun. Er muss nicht um uns schwirren, damit wir den Alltag meistern. Das Wissen um seine Gegenwart, immer dann, wenn wir sie tatsächlich brauchen, nämlich dann, wenn wir sie gerade nicht einfordern, ist in unserem Hinterkopf. Sie gibt uns Sicherheit in dieser Freiheit, uns als eigenständige Wesen entwickeln zu können. Wir werden die Zuwendung Gottes dann erfahren, wenn sie vollkommen überrascht. Wenn wir nicht mit ihr rechnen, weil sie oftmals so klein und für uns so selbstverständlich ist. Er lädt uns ein zu einer Achtsamkeit, sein Antlitz funkelt oft symbolisch durch das Tägliche. Geben wir dem Guten die Möglichkeit, in unserer Welt der scheinbaren Verdammnis neue Hoffnung zu spenden.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Zwischenruf

„Die Welt will abstimmen“ – ist es tatsächlich so, wie „Democracy International“ es am 03.08.2017 propagierte? Ich war lange ein glühender Verfechter der direkten Demokratie. Denn Partizipation heißt doch weitaus mehr, als alle vier oder fünf Jahre ein Kreuz bei einer Partei zu machen, die schon Stunden nach ihrer Wahl wieder vergessen hat, was sie davor versprach – und ich habe ihr das Vertrauen ausgesprochen, dass sie nicht nur Alltagspolitik, sondern auch große Projekte über einen langen Zeitraum in meinem Sinne umsetzt. Dabei merke ich bereits mit dem Koalitionsvertrag, dass nicht viel von dem geblieben ist, was ich mir an Veränderung vorgestellt habe. Und gerade, wenn es konkret wird, meint die Politik plötzlich, sie habe den Auftrag der Wählerinnen und Wähler erhalten, eine Entscheidung in meinem Namen treffen zu können. Dabei spielen bei solchen Abwägungen meistens Lobbyismen eine Rolle, die mir völlig fern sind. Da werden die Finanzen vorgeschoben, warum etwas gebaut werden kann oder nicht, das sind es Gesetze, die mir fremd sind, oder da sind es Rechtsprechungen, die ich nicht einmal inhaltlich kapiere.

Zum Umdenken brachte mich ein Ereignis: In der Schweiz, dem Musterland für die direkte Demokratie, war es gelungen, einen Antrag auf Abstimmung über die Wiedereinführung der Todesstrafe so weit zu bringen, dass eine Volksabstimmung darüber möglich gewesen wäre. Nur, weil die Initiatoren ihren Vorstoß wieder zurückgenommen hatten, kam es nicht zu dem Urnengang. Und natürlich, wahrscheinlich hätten völkerrechtliche Bestimmungen dagegen gesprochen, wenn das Schweizer Volk mit „Ja“ und damit zugestimmt hätte, das Land menschenrechtlich auf das Niveau der USA zurück zu katapultieren. Was wäre es aber allein für eine Aussage gewesen, wenn eine Mehrheit für solch eine Gesetzesänderung votiert hätte?

Ist man echter Anhänger der direkten Demokratie, so müsste man wohl sagen: Wenn das Volk es so möchte, dann muss es auch entsprechend umgesetzt werden. Möglicherweise hätte man entsprechende Verträge gekündigt, die der Ratifizierung entgegen gesprochen hätten. Und dann wäre vielleicht mitten in Europa die Todesspritze gesetzt worden. Und warum? Weil der Populismus Politik macht. Nein, ich spreche den Menschen nicht ab, dass sie nicht in der Lage sind, das zu verstehen, worum es in solchen Abstimmungen geht. Immerhin sind diese Volksentscheide plakativ – und das ist ihr großes Problem. Direkte Demokratie schafft es nicht, die Weite eines politischen Feldes so zu übermitteln, dass sich der Bürger eine Meinung auf Grundlage von unverrückbaren Tatsachen schaffen kann, die umzuwälzen eine moralische Lawine loslösen und möglicherweise das Steinzeitalter bedeuten würde.

Und ja, solche Vereinbarungen, die unabänderlich scheinen, gibt es – glücklicherweise! Denn sie bewahren uns vor manch einer Dummheit und ermöglichen uns ein friedliches Zusammenleben zu, um nicht über die Stränge zu schlagen. Nun wird gesagt, man stimme natürlich nie über Themen ab, bei denen das Völkerrecht oder ähnlich lautende Verträge tangiert werden könnten. Aber was ist das dann – halbgare Demokratie? Wo ist also die Grenze zwischen dem, worüber wir als Volk schlussendlich befinden dürfen – und wo verwehren uns Grundsätze eine Stimmabgabe? Ich bin froh, dass wir in Deutschland nicht über die Todesstrafe abstimmen dürfen. Aber auch, dass wir nicht über Sterbehilfe, Schwangerschaftsabbruch und andere ethische Themen, über den Haushalt, die Verteidigungspolitik oder die Höhe von Steuern und Sozialabgaben befinden können, denn wir hätten in der Moderne weder Zeit, noch die nötige Muße, uns über Auswirkungen unseres Wahlverhaltens Gedanken machen zu können.

Die repräsentative Demokratie, sie mag uns veraltet vorkommen. Und zweifelsohne: Auch ich ärgere mich über Aussagen, bei denen Politiker meinen, sie sprächen bei der Frage über die Errichtung eines neuen Wohnhauses nebenan stellvertretend für mich, nur, weil ich ihnen vor ein paar Jahren bei der Kommunalwahl eine einzige Stimme gegeben habe – weil SPD auf der Liste stand, sie nun aber „Hartz IV“ verhängt, was ich niemals unterstützt hätte. Oder eine CDU, die Freiheitsrechte immer mehr einschränken möchte, wovon sie im letzten Wahlkampf aber gar nichts sagte. Sie tut dies nicht im Namen der Wähler, die Christdemokraten oder Sozialdemokraten einst ankreuzten. Viel eher schenken wir mit unserer Stimme über Jahre hinweg das Vertrauen, dass Politiker unser Land in dem Geiste lenken mögen, den wir ihnen unter Einbeziehung der vielen Impressionen aus drei Monaten Wahlschlacht zugestehen.

Nein, repräsentative Demokratie, sie befriedigt mich keinesfalls. Doch die direkte Demokratie kann in ihrer Absolutheit keine Alternative für mich sein. Und sie einzuschränken ist eine Aufgabe, die ich unserem Volk – so ehrlich bin ich – nicht zutraue. Denn da wird es schwierig, auf den Nenner zu kommen, der das regelt, was wir als unumstößlich in unserer freiheitlichen Grundordnung ansehen – und wo wir bereit sind, bestehende Gesetze und Rechte derart zu beschneiden, dass der „Mainstream“ Platz hat. Denn in ihm liegt das eigentliche Problem einer direkten Demokratie: Die fehlende Beständigkeit, die ja noch nicht einmal eine repräsentative Form bieten kann. Wenn wir über die Trägheit unseres Systems sprechen, so bin ich manches Mal dankbar darüber, denn sie filtert so manche kurzweilige Reaktion auf einen terroristischen Anschlag, auf einen Unfall oder einen Skandal, mit der wir lediglich reagieren, aber das Agieren vergessen.

Eine direkte Demokratie passt das Land so an, wie es der Wähler – die Mehrheit der Wähler – eben haben möchte. Das ist doch eigentlich gut! Nur verstehen wir dabei nicht, dass reaktionäres Verhalten von Menschen zu großen Umbrüchen führen kann, die in ihrer Deutlichkeit so manchen Anker losreißen, mit dem wir eigentlich fest geerdet waren. Reformen sind in Deutschland auch deshalb ein stets so langwieriges Projekt, weil wir es uns nicht leicht machen mit ihnen. Und genau dieses hilfreiche Element der Bremse, die uns zum Innehalten zwingt, das bleibt aus in einer direkten Demokratie, in der jede Idee aus dem Sekundenschlaf der Bevölkerung zur Abstimmung gebracht werden könnte und allein aufgrund der aktuellen Stimmungslage befürwortet oder abgelehnt wird – ohne den Blick weg von dieser Momentaufnahme hin zu den Konsequenzen unseres kurzweiligen Handelns zu lenken.

Da ist es viel eher die unverbindliche und beratende Bürgerbeteiligung, die ich als Gewinn für unsere Demokratie ansehe. Politiker müssen dazu angehalten werden, auch während der Amtszeit mit ihren Wählern zu sprechen, deren Wünsche und Vorstellungen ernst zu nehmen, ihren Rat anzuhören, ihre Argumente zu verstehen – um schlussendlich aus ihrem Gewissen heraus eine Entscheidung zu treffen, die vielleicht anders aussähe, wenn über Jahre hinweg keine Rückmeldung aus dem Volke gekommen wäre. Den Repräsentanten die Breite an Meinungen mit auf den Weg zu geben, damit sie sie berücksichtigen können, im Zweifel an der Rechtmäßigkeit aber das Sieb spielen, das nicht alles durchlässt, was in den Köpfen der Menschen herumgeistert, das erhoffe ich mir aus dem momentanen System.

Sich zusammenzusetzen, sich mit der Materie intensiv zu beschäftigen, Transparenz herzustellen und schlussendlich gemeinsam im Dialog darüber zu befinden, welchen Kompromiss wir ausloten können, um diesen als eine Empfehlung denjenigen anzuvertrauen, in die wir durch unsere Stimme ein Pflichtgefühl gesetzt haben, für das Volk zu regieren – und nicht an ihm vorbei. Denn es ist gleichsam keine Missachtung unseres Bürgerwillens, wenn Politik nicht immer das aufgreift, was in den Augen der Bevölkerung jetzt nötig und sinnvoll wäre. Viel eher ist es die Herausforderung für jeden einzelnen politischen Akteur, im Sinne unserer seit Jahrzehnten gültigen und offenbar von der Mehrheit der Bevölkerung in Augenblicken der Sachlichkeit respektierten Vereinbarungen, auf denen unser Land fußt, das durchzusetzen, was machbar ist und unserem Ethos entspricht.

Demokratie ist keinesfalls das System des Denkbaren, sondern das des Verantwortbaren. Es ist nicht immer einfach, das zu verinnerlichen. Und nein, es mag vielleicht auch nicht angemessen sein, wenn wir nur jedes vierte Jahr den Deutschen Bundestag wählen, weil schon am zweiten Tag nach der Abstimmung wieder der Geist der Alltäglichkeit einsetzt. Doch ich möchte eine schützende Demokratie, die auch in meinem Interesse nicht all das Wirklichkeit werden lässt, was in meinen Visionen möglich erscheint. Denn dazu fehlt mir manches Mal die Besonnenheit, zwischen dem zu unterscheiden, was gerade heute gerechtfertigt wäre – und dem, was der Courage unseres Landes förderlich sein kann. Wir mäkeln heute oft – und vergessen doch, dass wir einmal „Danke“ sagen sollten, all denen, die die zweifelsfrei schwierige Aufgabe immer wieder neu übernehmen, sich zum Prügelknaben der Wähler zu machen, um die Demokratie zu verteidigen. Sie tun dies repräsentativ, weil das Wettrennen verbindlicher Bürgerinteressen außerhalb der Wahltermine niemals zu einem guten Ende führen würde…

[Dennis Riehle]

Erfahrungsbericht

Zunächst hatte ich mir vorgenommen, eine Torte zu backen. Mit 20 Kerzen. Immerhin wollte ich meinem Mitbewohner ja eine Freude zu seinem Ehrentag machen. 1997 – zum ersten Mal „Zählen“. Damals hatte ich noch nicht gedacht, dass ich dauerhaften Besuch bekommen würde. Einen eigentlich vollkommen unerwünschten Gast in meinen vier Wänden. Nein, so kann man das nicht sagen, denn auch mein Kopf ist glücklicherweise eher rund statt eckig. Doch das ist egal, eingenistet hat er sich trotzdem. Und das nun seit zwei Jahrzehnten. Der Zwang hat Geburtstag. Doch soll ich da wirklich mitfeiern?

Nein, ein Grund zur Freude ist es wahrlich nicht. Denn würde ich allein die Stunden zusammenrechnen, ich käme auf rund 50 000, in welchen mich der Zwang mittlerweile gefordert hat. Anfangs schien es ja nur wie ein Tic, da hätte es auch sein können, dass nach Ende meiner Pubertät alles wieder vorbei ist. Aber spätestens, als ich erstmalig berichten konnte, 35 000 Pflastersteine auf dem Boden gezählt zu haben, wurde schon deutlich, dass das wohl nichts werden würde mit einem raschen Ende. Ja, man merkt, ich habe es auch heute noch mit den Zahlen. Kein Wunder, denn irgendwann hatte ich meine eigene Technik entwickelt: Länge mal Breite sozusagen – und schon war ermittelt, wie viele Betonklötze den größten Platz in Konstanz zierten.

Ich hatte überlegt, ob ich meinem Zwang ein Geschenk machen sollte, zu seinem Geburtstag. Vielleicht ein paar Flaschen Flüssigseife. Wie viele Liter ich wohl verbraucht haben mag in diesen zwanzig Jahren? Wie viel Wasser durch meine Hähne geflossen ist – nur, weil ich mir selbst nicht vertraut habe, dass die Hände spätestens nach dem ersten gründlichen Waschen auch wirklich sauber gewesen sind. Hätten mich alle Keime und Viren befallen, die ich mir in dieser Zeit vorgestellt hatte, ich wäre bereits nach einigen Wochen tot gewesen. Aber ich lebe noch, was wiederum ein Beweis dafür ist: Zwänge sind die Reaktion auf übertriebene Furcht, auf Zweifel an der eigentlichen Gewissheit, die jeder um mich herum erkennt – nur ich eben nicht.

Ich gebe es zu: Ich bin kein Anhänger der expositorischen Verhaltenstherapie. Aber das nur aus ganz persönlichen Erfahrungswerten. Viel eher habe ich in 20 Jahren der Zwänge eher nachgefragt, was dahinter stecken könnte, abseits von biochemischen Vorgängen im Gehirn, die ich glücklicherweise mit einer seit Beginn rund ein Dutzend Mal gewechselten Zusammenstellung an Präparaten gut beeinflusst habe und feststellen kann, dass ich ohne Arzneimittel heute nicht dort stehen würde, wo ich mit ein bisschen Stolz auch bin. Die Funktion des Zwangs, seinen Sinn zu erkennen, das war Aufgabe in den verschiedenen Therapieformen – von kognitiver Verhaltens- bis zu tiefenpsychologischer Psychotherapie. Und ich bin fündig geworden: Das Thema „Freiheit“ zieht sich durch meine eigene Geschichte. Das Selbstvertrauen – und das jener, die um mich sind. Erwachsen zu werden, Verantwortung zu übernehmen, eigens entscheiden zu dürfen.

Hatte ich in den Spitzen der Zwangserkrankung etwa 20 Stunden täglich mit ihr verbracht, so sind es heute höchstens vier. Das Kontrollieren hat sich auf ein Mindestmaß an Skepsis reduziert, das Sortieren auch. Zufrieden bin ich auch heute noch nicht, wenn etwas verrückt wird, was ich ursprünglich völlig anders angeordnet hatte. Und vor allem die Zwangsgedanken – sie sind weiterhin ein ständiger Begleiter und haben mich gar in manch psychotisch anmutende Situation manövriert. Die Vorstellung von Aggression in meinem Kopf stimmt so gar nicht mit dem überein, was man mir als Charaktereigenschaft nachsagt. Und deshalb sind sie auch so besonders schlimm, waren sie es, die den Leidensdruck teilweise in ein Unermessliches getrieben haben – bis dorthin, dass ich wirklich glaubte, den Zwang mit dem Donnern meines Kopfes an die Wand ausschlagen zu können.

Wenn Gedanken kreisen, immer und immer wieder aufs Neue, dieselben Fragen ständig ins Gedächtnis rufen, ob es denn nun wirklich sein kann, was diese „Tagträume“ in meinem Gehirn abspulen, dann zehrt das an Psyche und Physis. Und da kamen selbst die Therapeuten an ihre Grenzen, denn wenngleich mit mancher Übung eine kurzzeitige Besserung erzielt werden konnte, suchten sich die Zwänge kurz darauf ein anderes Thema, mit dem sie mich neu quälen konnten. „Wie haben Sie es geschafft, auf das Niveau eines Fünftels zu kommen, was ihre Zwänge angeht?“, fragte mich ein Experte vor kurzem. Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht. Und schon gar keine, die sich übertragen lassen würde auf andere Betroffene. Aber natürlich bin auch ich in der Selbsthilfearbeit gefordert, Hinweise zu geben aus meinen Erkenntnissen, die ich über die Jahre hinweg gesammelt habe. Und einen Tipp kann ich dabei nur weitergeben: „Gelassenheit“.

„Der hat gut reden“, werden jetzt Viele sagen. Und das hätte ich auch. Noch vor ein paar Jahren hätte ich jeden ausgelacht, der mit solch einem einfachen Ratschlag zu mir gekommen wäre. Dabei ist es nicht leicht, mit etwas mehr Abstand auf die Zwänge zu blicken. Das ist nur möglich, wenn man den Zwang verstehen kann. Nein, wir müssen nicht Freunde werden. Aber ein erster Schritt war das Ernstnehmen des Zwangs als einen Warnenden. Er hat mir etwas zu sagen, ist ein Botschafter der eigenen Seele, der mir seinen Spiegel allerdings reichlich schräg vorgehalten hat. Nicht das Kämpfen gegen den Zwang, sondern der Versuch, ihn mit Respekt zu behandeln, auch wenn man manches Mal nur losschreien möchte. Ich bin heute überzeugt, dass die Zwänge nicht umsonst sind, sie strafen allerdings in einer Härte, die nicht angemessen ist.

Es würde ausreichen, wenn sie uns wachrütteln. Die Ursachen, zumindest die psychischen, haben wir nämlich manches Mal selbst verschuldet. Oder sie wurden bereits in Kindheit und Erziehung gelegt – und nun müssen wir die Konsequenzen ausbaden. Nein, gerecht ist der Zwang nicht. Aber grundsätzlich halte ich ihn für notwendig, gar für ein bisschen sinnvoll, um uns aufzuzeigen, was wir an unserem Leben ändern müssen. Ich habe genug gefunden, was neu auszurichten ist. Mein Stressmanagement muss ich ändern, meine Perfektion ablegen, mich selbst annehmen mit meinen Schwächen und mit meinen Stärken, die für mich kennzeichnend sind und mir Wertschätzung abverlangen sollten. Denn sind es nicht meistens die, die alles richtig machen wollen, die sich mit vollem Einsatz hingeben für Andere, die ein spezielles Risiko haben, in das Hamsterrad zu kommen?

A propos: Für jeden bin ich da gewesen, aber für mich? „Ja“ gesagt habe ich dauernd, weil ich meinte, die Welt retten zu müssen – zumindest die kleine, die um mich herum immer wieder nach mir rief. So dachte ich es zumindest. Und ich kann es auch niemandem übel nehmen, der meine Hilfsbereitschaft (aus-)nutzte, war ich es doch, der sich beinahe in die Selbstaufgabe trieb, weil er irgendwie davon ausgegangen war, der Einzige zu sein, der all die Herausforderungen seiner Zeit meistern konnte – und gleichzeitig überzeugt gewesen ist, zu nicht mehr geboren worden zu sein, als die Probleme zu bewältigen, die zu lösen sonst niemand Lust hatte. Zwischen Narzissmus und Minderwertigkeit, Zwänge treiben uns emotional in eine Ambivalenz, die mitverantwortlich ist für ihre Dramatik.

Und heute? Ich bin ausgeglichener, weil ich mich nicht mehr so wichtig nehme. Weil ich aber auch erkannt habe, dass nichts von meinen Befürchtungen jemals eingetreten ist, die meine Zwänge mir weiß zu machen versuchten. Ich bin nicht frei von ihnen. Und ich weiß auch nicht, ob ich das jemals sein werde. Aber tatsächlich fühle ich mich mittlerweile wie in einer gut situierten Studenten-WG, in der es manches Mal drunter und drüber geht, in der man sich aber auch hin und wieder daran erinnert, dass noch Nachholbedarf besteht an der Arbeit an sich selbst. Ein Stück Kuchen habe ich mir zum Geburtstag doch noch gegönnt. Der Zwang bekam davon allerdings nichts ab. Vielleicht ist das der größte Erfolg nach 20 Jahren…

[Dennis Riehle]