Zwischenruf

In Syrien ringen die Menschen um Luft, nachdem Bomben ein Wohnviertel getroffen haben. Im Kongo grassiert die Gewalt, lässt die Armut die Einwohner ums Überleben kämpfen. Und zwischen dem Osten und dem Westen ist das Verhältnis schlechter als im Kalten Krieg. Wie kann, wie soll man angesichts solcher Tatsachen noch an einen theistischen Gott glauben? An einen Gott, der in das Weltgeschehen eingreift, der es lenkt und mit seiner Allmacht auch manches Leid von uns Menschen fernzuhalten in der Lage wäre?

Um diesen Gott zu verstehen, bedarf es eines Blickes an den Anfang der Bibel. Denn schon im 1. Buch Mose lässt dieser Gott keinen Zweifel offen: „Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist“ (Kap. 3,22). Mit diesem Satz drückt Gott aus, was für viele Menschen in dieser Welt auch ohne jeden Glauben an eine höhere Macht selbstverständlich ist: Wir leben in Freiheit. Und ja, wir leben sogar in einer scheinbar unbegrenzten Freiheit. Denn wir sind mündig genug, um zwischen dem Bösen und dem Guten zu unterscheiden.

Gott liebt die von ihm geschaffenen Menschen offenbar sehr. Denn warum formt er sie nach seinesgleichen? Die Liebe Gottes zu den Menschen, sie geht so weit, dass er ihnen zutraut, in unbeschränkter Freiheit verantwortungsvoll zu leben – und zu agieren. Können wir also einen Gott verantwortlich dafür machen, dass wir uns gegenseitig die Köpfe einschlagen? Dass wir es nicht auf die Reihe bringen, die Weltgemeinschaft so fair zu gestalten, dass von dem Vielen, was wir haben, jeder satt wird? Dass wir lieber die Waffen sprechen lassen, statt miteinander an einem Tisch zu sitzen?

Zweifelsohne: Es gibt das menschgemachte Leid. Aber es gibt auch das, das unverschuldet über uns hereinbricht. Vulkanausbrüche, Erdbeben, Unwetter. Nachdem der Mensch weiß, was gut und böse ist, obliegt auch ihm die Sinnsuche für das, was er nicht begreifen kann. Die Bibel gibt hier eine Fährte: „… damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind…“ (2. Korinther 1, 3-4). Gäbe es kein Leid, könnten wir nicht trösten. Und Trost gehört zum wichtigsten Lerninstrument, das uns Menschen im Erwachsen aus den Tiefen zur Verfügung gestellt ist.

Das vermeintlich Böse, das wir uns selbst auferlegen, es ist Ausdruck tiefster Freiheit. Gott überlässt uns die Spielwiese des Lebens, um uns dort auszutoben. Und der Mensch muss dabei mit ansehen, wie seine Spezies aus Gründen von Macht, Gier, Neid, Missgunst und Sehnsucht dieses Freisein missbraucht, um sich über Andere zu überhöhen. Doch auch dann greift Gott nicht ein. Tatenlos mag das sein. Und doch ist es ein konsequenter Ausdruck dessen, dass er uns zumutet, die Fehler unseres eigenen Handelns selbst zu erkennen.

Und offenbar wusste Gott schon früh, dass seine geliebten Ebenbilder nicht auf das Böse verzichten können. Uns die Fähigkeit des Tröstens anheim zustellen, es ist ein Mittel, mit dem wir aus dem, was uns eigens oder durch Naturgewalten angetan wird, herauskommen können. Das Durchstehen der Täler, es befähigt uns, auch die Gipfel des Lebens erklimmen zu können. Würden wir ohne das Böse auszukommen versuchen, wir wüssten das Gute nicht zu erkennen – und zu schätzen. Ungerecht mag es verteilt sein, die Last, die wir mit uns umhertragen müssen.

Und das gilt es, bei allem Plädoyer für die Sinnhaftigkeit des Leides in der Welt, gegenüber einem Gott klagend zum Ausdruck zu bringen. Denn die Grenzen unseres Verstehens, sie gehören genauso zu uns dazu wie die Weitsicht, Böses und Gutes zu trennen, zu bewerten und auszuführen. Es wäre billiger Populismus, wenn wir glaubten, die Einen hätten die Schweremut mehr verdient als die Anderen. Gott unterscheidet nicht zwischen den Menschen – und trotzdem lässt er zu, dass ihnen so unterschiedlich viel Krankheit, Armut und Traurigkeit zufällt.

Nein, fair ist das nicht. Und gerade deshalb tue ich mir jeden Tag neu schwer mit einem Glauben an diesen offenbar so herzensguten, barmherzigen und nachsichtigen Gott. Seine deistische, seine schaffende Kraft, sie kann und will ich aber nicht leugnen. Und auch nicht, dass er uns mit den vielen kleinen Gesten des Alltages doch zeigt, dass Trost möglich ist. Er befähigt uns mit dem Können der Seelsorge, mit dem gegenseitigen Auffangen im kleinen Glück des Hier und Jetzt, unseren Nächsten an die Hand zu nehmen.

Braucht es das Leid aber tatsächlich? Lebten wir nicht ohne es viel leichter? Dann bedingte es auch kein Weinen, kein Zittern und auch kein Trösten. Wie armselig wäre aber die Welt, wenn wir einander nicht beweisen könnten, dass wir auch des Guten mächtig sind? Die Schattierungen werden deutlich, wenn Not und Hilfe pointiert gegenüberstehen. Durch das Lastertragen werden wir sensibel für Gefühl, Emotion und Mitmenschlichkeit. Mit dem Erfahren von Leiden schleift Gott uns zu feinfühligen Wesen.

Denn nur durch das Ankommen am Boden werden wir nachsichtig – mit uns und mit unseren Feinden. Die Dankbarkeit für das Gute, das uns durch die winzigen Gesten des Zwischenmenschlichen bewusst wird, wächst mit jedem neuen Durchlaufen des Tragischen. Gott weiß scheinbar um die Schärfung unserer Wahrnehmung und Achtsamkeit, wenn wir erst einmal das Dunkel des Grauens erlebt haben. Mit der Provokation des Leidens forciert er das Annehmen des Bösen, ohne es tatenlos auf uns wirken zu lassen.

Denn dafür erbaute er die Liebe, dass auf jede Verletzung Heilung folgen kann. Der Prozess des Wiederauferstehens aus dem Leiden, er fasziniert uns nicht nur bei manch Anderen. Auch wir selbst haben in uns und durch die, die mit uns wehklagen, die Kraft zum Neubeginn. Gutes und Böses, Lasten und Trost – sie gehören untrennbar zusammen. Auch wenn wir durch sie auf harte, auf manchmal unüberwindliche Proben gestellt werden, so ist unser Fortschritt nur durch die Freiheit möglich, die Gott uns wahrhaftig zutraut.

Sie ist Geschenk und Anerkennung zugleich. Ob nun ein Glaube mit Gott – oder ohne ihn: Wenn wir hinter dem, was uns zunächst unsinnig, übertrieben und als Zumutung erscheint, eine Zweckmäßigkeit erkennen, die nicht selbstverständlich, sondern gegeben erscheint, dann wissen wir um die wesentlichen Werte unseres Daseins. Nein, wir brauchen Gott nicht zwingend dafür, um diese Theorie zu verstehen. Doch mit ihm holen wir uns vom Sockel, passen uns ein in das Gefüge des Miteinanders, dem etwas mehr Demut noch nie schlecht zu Gesichte stand…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Leserbrief zur
Kritik der FDP an den Reformplänen von Minister Spahn, „Handelsblatt“ vom 23. April 2018

Die Bürger empfanden es als besonders ungerecht, der Erfolg für die SPD in den Koalitionsverhandlungen wurde deshalb gefeiert: Dass die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung wieder paritätisch zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufgeteilt werden, wird nach meinem Dafürhalten von einer großen Mehrheit der Menschen als positives Signal bewertet.

Nur nicht von der FDP, die wiederum ihrem Namen als Lobbypartei alle Ehre zu machen scheint. Sie bemängelt die Mehrbelastung für die Unternehmen. Michael Theurers Vergleich kommt da gerade recht: Wenn die Sonne scheint, dann müsse man das Dach flicken. In der Sprache der Freien Demokraten bedeutet das: Gerade in der Hochkonjunktur sollten die Betriebe weiter entlastet werden, um für schlechtes Wetter gerüstet zu sein. Und die Arbeitnehmer? Die kann man getreu der liberalen Parabel im Regen stehenlassen.

Nein, die arbeitenden Menschen sind nicht die Melkkuh der Nation. Wer auf den Mittelstand blickt, der darf nicht allein die Arbeitgeber im Blick haben, sondern muss für einen Ausgleich der Interessen sorgen. Manches Mal mutet die Argumentation der FDP als reichlich weltfremd an, ein offenes Ohr hinein in die Gesellschaft würde ihr guttun.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Bin ich russlandfreundlich, nur, weil ich es etwas armselig finde, wenn sich Großbritannien allein auf Vorurteile und haltlose Annahmen zurückzieht, nachdem auf den Straßen des Vereinigten Königreichs ein Giftanschlag verübt wurde, dessen Hintermänner nach Überzeugung Londons ausschließlich in Moskau zu finden sein können? Zumindest warf man mir das im Bekanntenkreis vor, auch jetzt noch, nachdem selbst ein englisches Messlabor zugeben musste, dass man die Herkunft der verwendeten Substanz, die bei der „Skripal“-Attacke verwendet wurde, nicht eindeutig klären konnte.

Anfangs hatte man die belächelt, die sich mit zweifelnden Worten gegen die These gestellt hatten, es könne nur Russland gewesen sein, das im Besitz des besagten Gifts ist, weil, ja, weil es dort einst entwickelt wurde. Nach Auffassung vieler westlicher Staaten gibt es demnach keine andere plausible Erklärung für das, was dort jenseits des Kanals geschehen ist. Diplomaten werden ausgewiesen, ein neuer Kalter Krieg wird heraufbeschworen – auch wenn das, was momentan auf der Weltbühne gespielt wird, nur wenig mit dem zu tun hat, was wir aus der Vergangenheit kennen.

Eine Bundesregierung lässt sich ebenso wie die NATO und zahlreiche andere Staaten von der scheinbaren Kette aneinandergehängter Vermutungen überzeugen, die London recht kam. Denn in den Abschottungstendenzen, die nicht erst seit diesen Tagen greifen, passte es ideal in den Plan Großbritanniens, Russland für einen Vorfall verantwortlich zu machen, von dem man offenbar genauso wenig wusste wie von den raschen Konsequenzen, die einhellig und ohne jedes Augenzwinkern verhängt wurden. Die westliche Achse konnte sich aufeinander verlassen – offenbar blind.

Nein, man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um zum Schluss zu kommen, dass hier möglicherweise eine falsche Fährte gelegt werden soll. Ich bin kein Experte für Russland-Fragen – und nein, ich bin auch wahrlich kein Freund der Russischen Föderation. Aber genauso wenig imponiert mir im Augenblick das Bündnis westlicher Staaten, das dem Vereinigten Königreich aus der Hand zu fressen scheint. Und nicht nur das: Auch die Medien ziehen fleißig mit. Die politischen Parteien eingeschlossen, wird dieser Tage immer wieder neu von Russland eingefordert, man möge den Anschlag aufklären.

Welche Veranlassung hat Moskau überhaupt, sich von seriösen Fernsehsendern und ihren Korrespondenten, aber auch von deutschen wie gleichsam politischen Kräften aus anderen Nationen am Nasenring durch die Arena treiben zu lassen, weil man in westlicher Überheblichkeit glaubt, alles und jeder müsse nach dem Willen tanzen, den London vorgibt? Nein, es liegt nicht an Moskau, den Fall „Skripal“ aufzuklären. Er ist in Großbritannien geschehen – und das Land selbst hat bisher äußerst wenig durchdachte Argumente vorgelegt, die die auch in internationalen Konflikten geltende Unschuldsvermutung widerlegen könnten.

Ich sorge mich um eine Gesellschaft, die sich nicht mehr auf Objektivität verlässt. Russland scheint nach eigenem Beteuern mehrfach dazu bereit gewesen zu sein, an der Aufklärung des Giftanschlages mitzuwirken. Ohne damit aber eine Verantwortung einzugestehen. Und das scheint ob der Sachlage auch völlig angebracht. Denn nur, weil auch „tagesschau“, „heute“ oder andere Nachrichtensendungen auffällig wenig dafür tun, eine Ausgewogenheit in der Berichterstattung erkennen zu lassen, muss sich Moskau nicht gedrängt sehen, voreilig die Schuld für das zu übernehmen, was tatsächlich auch auf ganz anderem Wege geschehen sein kann.

Die Spur, sie führt uns nicht zwingend nach Russland. Denn auch wenn Machthaber Putin dieses Szenario eiskalt geplant haben könnte, so obliegt uns als außenstehendem Beobachter zumindest die Pflicht, uns ein ganzheitliches Bild der Faktenlage zu machen. Dazu gehören Argumente für und gegen Russland, pro und contra der scheinbaren und insgeheim doch scheinheilig wirkenden Aufschlüsselung angeblicher Tatsachen, die durch die Meldungen aus Großbritannien selbst torpediert werden: Denn so einfach, wie London sich einen Nachweis der Urheberschaft vorgestellt hat, so leicht kam prompt die Rückmeldung der eigenen Wissenschaftler.

Ja, es kann theoretisch Moskau gewesen sein. Und sicherlich würde auch Manches dafür sprechen. Doch warum legen wir uns heute bereits fest? Warum zählen die Worte derer, die sich aufführen wie Weltenherrscher, so viel mehr als die von denen, die vergleichsweise noch ruhig umgehen mit all den Anschuldigungen aus der westlichen Hemisphäre? Wir haben uns in eine Abhängigkeit begeben, die uns sogar dazu zwingt, Dinge zu glauben, die wenig glaubwürdig erscheinen. Eine Achse des Guten, der wir uns vermeintlich angeschlossen fühlen, bringt Außenminister und führende Politiker der unterschiedlichsten Couleur in Bredouille, weil man sich allzu früh aus dem Fenster gelehnt hatte.

Das Vertrauen in Großbritannien schien derart eklatant, dass man auf Beweise pfiff. Trotz „Brexit“ ist die Verbundenheit mit der Insel noch immer so groß, dass man sich lieber auf eine neue Konfrontation mit Russland einlässt – auf die unabhängigen Aussagen der Organisation, die für die Regulierung chemischer Waffen in der Welt zuständig ist, wartet man erst gar nicht mehr. In ihrem Plädoyer sind sich Medien wie politische Mehrheit rasch einig, Russland ist wiederkehrender Sündenbock, den man in verschiedenen internationalen Schmierentheatern zum Buhmann par excellence erklären kann.

Nein, ich bin kein Russlandfreund. Aber auch kein Englandversteher. Ich bin ein Liebhaber von Ergebnisoffenheit, solange es an fundierten Erkenntnissen fehlt. Und ich wünsche mir, dass wir allabendlich nicht kopfnickend vor dem Fernseher sitzen und all das in uns aufnehmen, was uns die Nachrichtensprecher dort verkünden. Nur, weil eine Meinung den deutschen Mainstream-Medien nicht entspricht, muss es sich noch lange nicht um „Fake News“ handeln. Wir tun gut daran, uns ein breiteres Bild der komplexen Weltgeschehnisse anzueignen als das, was uns die eigenen Informationskanäle aufoktroyieren möchten.

Wir brauchen selbstbewusstere Bürger, die sich nicht einspannen lassen in neue Ost-West-Konflikte. Der Fall „Skripal“, er steht exemplarisch für die Herausforderung an den mündigen Europäer, sich ein gesundes Zweifeln zu bewahren. Das Abbild scheinbarer Realitäten, es entspricht offenbar nicht immer den Wirklichkeiten. Bevor wir ein Urteil fällen, sollten wir allen Beteiligten die Chance geben, sich zu äußern. Wir sollten das Aussagekräftige erwarten, das Offensichtliche beäugen und das Unglaubliche nicht von Beginn an abtun. Das gilt für ein faires Justizwesen, für die politische Welt, aber auch für unseren ganz eigenen, zwischenmenschlichen Alltag.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Kober: Heils Pläne gehen in die falsche Richtung“, 29.03.2018

Die arbeitsmarktpolitischen Vorstellungen des Freien Demokraten sind fragwürdig. Es müsste auch Pascal Kober bewusst sein, dass die Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt nicht so einfach möglich ist, wie er es in seinen Zitaten darstellt. Natürlich brauchen Menschen, die über lange Zeit hin arbeitslos gewesen sind, eine Möglichkeit der Rückkehr in die Arbeitswelt.

Auch der Ansatz, Qualifikationen zu fördern, die Handwerk und Industrie mit einbinden, ist zwar zunächst richtig gedacht. Der Gedanke an eine Vollbeschäftigung scheint aber nicht nur angesichts der Unterschiede in Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt eine Utopie. Wir können und wollen in Zukunft nicht mit sozialistischen Zuständen rechnen – und müssen bei der Freiheit der Berufswahl mit einkalkulieren, dass es in gewissem Maße auch fortan zu Arbeitslosigkeit kommen wird. Das liegt in der Sache des demokratischen und marktwirtschaftlichen Liberalismus.

Deshalb halte ich es für falsch, wenn sich die FDP ständig um eine Diskussion über die Regelversorgung mit Sozialleistungen für Arbeitslose drückt. Wir brauchen beides: Anstrengungen, um Menschen mit Lohnzuschüssen zu neuer Arbeit zu animieren, sie für die Bedarfe auf dem Arbeitsmarkt fit zu machen und diejenigen durch Fortbildung und Flexibilität zueinander zu führen, die einander bedingen: Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Andererseits müssen wir auch weiterhin ein soziales Netz für die bereit halten, die nicht sofort vermittelbar sind.

Arbeitslosigkeit ist keine Schande, sie muss aus der Tabuisierung geholt werden und jene Aufmerksamkeit erhalten, die für viele Biographien heute leider selbstverständlich ist. Wir dürfen auch dann niemanden alleine lassen, wenn Qualifizierung und Weiterbildung nicht umgehend Früchte tragen. Ohne Beschäftigung zu sein, für einen gewissen Teil der Bevölkerung wird dies auch künftig zum Alltag gehören, solange wir auf die Prinzipien der Marktwirtschaft vertrauen.

Daher muss genau sie auch eine Antwort darauf finden, ob die momentanen „Hartz IV“-Sätze angemessen sind – oder ob es für die Zeit ohne Beschäftigung weitere Unterstützung braucht, um ein der Würde des Menschen angepasstes Leben führen zu können. Nein, es geht nicht darum, Arbeitslosigkeit zu verwalten, sondern die Präsenz des Sozialstaates dort zu unterstreichen, wo Menschen auf ihn angewiesen sind.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Jeder Vierte bricht die Lehre ab“, RP vom 05.04.2018

Die hohe Abbrecherquote bei den Auszubildenden in Deutschland ist unter anderem auf fehlende Vorbereitung für die Berufswahl in unseren Schulen zurückzuführen. Noch immer fokussieren wir uns zu sehr auf fachliche Qualifikation, anstatt die jungen Menschen frühzeitig fit zu machen für eine solide Entscheidungsfindung über ihren weiteren Lebensweg.

Wir können die Schüler nicht mit dem Zeugnis in der Hand auf die Straße setzen – und uns darauf verlassen, dass sie ihr Vorankommen schon selbst meistern werden. Die Auswahl des richtigen Berufsbildes ist in einer komplexer werdenden Welt mit immer neuen Möglichkeiten an Ausbildungszielen zu einer eigenen Wissenschaft geworden. Umso mehr müssen noch viel zeitiger Bundesagentur für Arbeit, Kammern und Betriebe in den schulischen Alltag integriert werden, muss Transparenz darüber geschaffen werden, was potenzielle Auszubildende in ihrem künftigen Dasein erwartet.

Ein eigenes Unterrichtsfach zur Berufsvorbereitung, das sich ausschließlich der Sensibilisierung widmet, junge Erwachsene auf die Wichtigkeit der richtigen Berufswahl aufmerksam zu machen und sie zu mündigen Entscheidungsträgern fortzubilden, die im Abwägen der Argumente zu einer Ausbildungsstelle finden, welche bis zum Abschluss gehalten werden kann, wäre für alle Bundesländer wünschenswert.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Ja, zweifelsohne: Die Gebäudebestandsdatei der Stadt Konstanz beeindruckt. Am 22. März 2018 im Gemeinderat vorgestellt, erfasst sie alle Gebäude und Wohnungen, die in Konstanz bis ins Jahr 2016 gebaut wurden. Und wie die Stadt es in ihrer Pressemitteilung bereits richtig formuliert: Mit diesen Zahlen „relativiert“ sich auch das Vorhaben des „Handlungsprogramms Wohnen“, nach welchem bis ins Jahr 2035 insgesamt 7.900 neue Wohnungen gebaut werden sollen.

In den Jahren des Baubooms der 60er und 70er entstanden über 16.000 neue Wohneinheiten. Dagegen fällt das, was nach den 2000er-Jahren in Konstanz gebaut wurde – und vermutlich noch gebaut wird –, wahrlich „moderat“ aus. Entscheidend ist allerdings eine Zahl, die uns gesamtgesellschaftlich nachdenklich machen muss: Konnten die Deutschen vor über 50 Jahren noch etwas mehr als 20 Quadratmeter pro Person zu ihrer Wohnung zählen, so sind es heute durch „Wohlstand“ 43 geworden. Auch in Konstanz lebt ein Einwohner mittlerweile auf durchschnittlich 42 Quadratmetern Wohnfläche.

Doch wie viele Quadratmeter Wohnraum braucht ein Mensch tatsächlich zum Leben? Studenten halten es auf deutlich weniger Grundfläche aus als Millionäre. Doch warum ist das so? Und gäbe es nicht Anlass dafür, die Freiheit auf Wohnfläche nach oben und nach unten zu begrenzen? Nach unten, weil die Würde des Menschen es gebietet. Nach oben, weil mehr Wohnraum irgendwann keinen Mehrwert mehr bietet. Nein, die Forderung nach einer Begrenzung des Wohnraums ist nicht neu. Und sie wird auch immer wieder aufgestellt. Liberale rennen dagegen Tore und Türen ein, denn die Freiheit des Einzelnen dürfe in nichts beschnitten werden. Wahrlich: Die Vorstellung der sozialistischen Einheitswohnung dürfte manch einem Luxusliebhaber die Angstperlen auf die Stirn treiben.

Getreu dem Motto: Was interessiert die Lebensqualität der Anderen, wenn ich mir selbst Schwimmbad, Gärten und Etagen leisten kann? Dass man am Königsbau auf bis zu 20 Quadratmetern weniger haust als beispielsweise in Litzelstetten, das macht ein Gefälle deutlich, welches es besonders in seinen Extremen anzugehen gilt. Niemand wird in unserem Gemeinwesen bestreiten, dass jeder nach seiner Façon glücklich werden soll – mit mehr oder weniger Vermögen, Einkommen und auch Bauten. Dass es dabei zu Ungerechtigkeiten kommt, auch damit wird man in einer freiheitlichen Demokratie leben müssen, solange, ja solange es niemanden gibt, der unter diesen Zuständen leidet.

Sicherlich reichen auch 30 Quadratmeter zum Überleben aus. Doch wie viele Menschen gibt es selbst in Konstanz, die nach Monaten und Jahren noch nicht einmal eine einfache Behausung gefunden haben? Ist denn nicht genug für alle da, fragt man sich nicht nur bei diesem Thema. Potenzieller Wohnraum, der schon aus Gründen seiner Größe, Abgetrenntheit oder Fehlnutzung niemals vollständig „belebt“ werden kann, muss er in einer Gesellschaft, in der die Nachfrage nach Wohnfläche nicht nur deshalb steigt, weil wir immer mehr Anspruch auf Wohlstand und Wohlwollen erheben, nicht auch deshalb der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden, weil Eigentum eben gleichsam verpflichtet?

Ich gebe zu, ich habe lange Zeit wenig von einem Zweckentfremdungsverbot gehalten. Einerseits, weil ich die Frage nach der Durchsetzbarkeit nie als wirklich beantwortet sah. Andererseits, weil ich es mir nicht vorstellen wollte, wie wir einander an den Pranger stellen, „nur“, weil einer von uns seine Quadratmeter verkommen lässt. Es ist die Vernunft derer, die auf immer größeren Flächen wohnen, welche wir ansprechen müssen. Auch, wenn diejenigen angegriffen werden, die auf Gerechtigkeit und Solidarität pochen, braucht es den moralischen Zeigefinger umso mehr. Nein, es ist keine Kritik am Reichtum, keine Frage nach der „Schuld“, sondern ein Nachhaken nach Verantwortung und Sinn: Der Druck auf die muss steigen, die die Sensibilität für das Paritätische verloren haben.

Ich will niemandem seinen Besitz wegnehmen, niemanden an der freien Ausgestaltung seines Lebens hindern. Ich will auch keinem Menschen vorschreiben, wie groß seine Wohnung sein darf, in der er lebt. Ich will stattdessen die ermutigen, die ihre Quadratmeter nicht nutzen, nicht benötigen: Kann uns das Schicksal des Nächsten wirklich egal sein? Pathetisch mag das klingen, aber die Gebäudestatistik macht es deutlich: Wir wollen immer mehr, wir brauchen immer mehr, wir haben unser Sättigungsgefühl verloren. Dabei sind wir seit langem weg vom Jäger und Sammler, von denen, die im Überlebenskampf auch ihre Widersacher ausstachen. Wohnen ist ein Menschenrecht. Und in einer Welt des 21. Jahrhunderts, in der wir uns angeblich zivilisiert haben, da können wir es uns schon aus Gewissensgründen eigentlich nicht länger leisten, wenn die Zahl derer ohne Obdach wohl nicht nur gefühlt immer neue Höchststände erreicht.

Freiheit hat seit jeher ihre Grenzen. Es darf nicht länger im Trend liegen, die Errungenschaft des Freiseins bis zum Äußersten auszuschlachten. Schon gar nicht, wenn es um den Wohnraum geht. Der Platz ist endlich, die Geduld derer, die noch immer nach den eigenen vier Wänden suchen, ist es auch. Die Einen wollen mehr Angebot schaffen, wollen nachverdichten, in die Höhe bauen. Auf dem Land, da blutet unterdessen die Peripherie aus. Auch solch ein Missstand, der in all der Diskussion so wenig beachtet wird, muss stärker in unser Bewusstsein rücken. Über die Jahre und Jahrzehnte hinweg werden wir nach neuen Gesellschaftsmodellen Ausschau halten müssen, die etwas mehr von Gleichheit haben. Egal, wo wir dann wohnen. Für den Moment heißt es, den Notstand zu verwalten…

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„FDP will wöchentliche Höchstarbeitszeit auf 48 Stunden anheben“, „Merkur“ vom 14.03.2018

Das Vorhaben der FDP zur Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes tut Deutschland nicht gut. Schon heute erleben wir, wie anfällig die Menschen auf die Arbeitsbelastung reagieren, die in Zeiten immer häufiger erwarteter Erreichbarkeit, Multifunktionalität der Arbeitskraft und einem ständig wachsenden Anforderungsprofil an den einzelnen Arbeitnehmer vor allem gesundheitliche Auswirkungen einer weiteren Liberalisierung nicht schultern könnten.

Es ist Aufgabe des Staates, den Menschen einerseits selbst über das eigene Arbeitspensum entscheiden zu lassen. Andererseits muss uns die öffentliche Hand auch vor zu viel Selbstbewusstsein und Überheblichkeit schützen. Ein „Ich schaff‘ das schon“ nutzt niemandem, wenn die Qualität der Arbeit unter deren Quantität leidet.

Wirft man einen Blick in die Literatur, so sind die Aussagen einhellig: Nach Hänecke et. al. (1998) steigt das Unfallrisiko nach acht Stunden Arbeitszeit dramatisch an. Nachreiner et. al. (2005) hat festgestellt, dass eine höhere Wochenarbeitszeit als 40 Stunden zu einem signifikanten Anstieg der Muskel-Skelett- und psychovegetativen Beschwerden führt. Und Spencer et al. (2006) fand heraus, wie dramatisch die Anfälligkeit für Unfälle bereits nach 120 Minuten seit der letzten Arbeitspause zunimmt. All das sind wissenschaftliche Befunde, die das Modell der Liberalen nicht stützen.

Eine moderne Arbeitswelt bedeutet keinesfalls, die Zügel immer weiter zu lockern. Im Gegenteil: Wir sollten aus den Erfahrungen lernen und Verantwortung für die Arbeitnehmer zeigen. Ihnen steht nicht nur das Recht auf Freizeit, Pause oder Feierabend zu, sondern vor allem das auf eine intakte Gesundheit.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Kober: Debatte um Höhe der Hartz-IV-Sätze geht am Problem vorbei“, 12. März 2018

Nein, die Diskussion um die „Hartz IV“-Regelsätze ist nicht allein eine Scheindebatte, wie Pascal Kober es behauptet. Natürlich müssen wir darauf hinarbeiten, dass Zuverdienstgrenzen angepasst werden, damit es sich lohnt, Arbeit aufzunehmen. Und selbstverständlich wäre es sinnvoll, manche „Hartz IV“-Leistung zu einem Lohnzuschuss zu verwandeln, denn nur dadurch wird die Chance auf Qualifizierung im ersten Arbeitsmarkt tatsächlich gewährleistet.

Wir dürfen aber bei all diesen guten Vorschlägen für eine Veränderung in der Arbeitsmarktpolitik nicht vergessen, dass es auch künftig Schicksale und Lebensgeschichten geben wird, in denen Arbeitslosigkeit unvermeidlich ist. Die Utopie, jeden Menschen in Arbeit vermitteln zu können, sie besteht allein im Sozialismus. Wir brauchen daher eine faire Auseinandersetzung mit der Frage, wie wir würdig mit denen umgehen, die ohne Job sind. Und da kann und darf sich auch die FDP nicht vor einer Antwort drücken, die Jens Spahn bereits auf seine Weise geliefert hat: Noch bevor er in der neuen Großen Koalition im Amt des Gesundheitsministers vereidigt wird, hat er sich durch seine hochnäsige Aussage über die Leistungen für „Hartz IV“-Empfänger disqualifiziert.

Denn gerade in dieser Funktion braucht es Nähe zu den Menschen, bedarf es Feingespür für die Sorgen und Nöte, vor allem derer, die in sozial schwächeren Verhältnissen leben. Jens Spahn beweist, wie manch ein Politiker den Kontakt zur Basis verloren hat. Die letzten Wochen haben auf drastische Weise gezeigt: Den Ärmsten reichen die Sozialleistungen eben nicht für ein würdiges Leben, ansonsten wären „Tafeln“ in Deutschland überfällig…

[Dennis Riehle]

Kommentar

Dietmar Bartsch war nach dem Bekanntwerden des Ergebnisses aus dem Mitgliedervotum der SPD zur Neuauflage der Großen Koalition in seinen Aussagen deutlich: Mit diesem Entscheid sei ein Bündnis aus Rot-Rot-Grün auf Bundesebene de facto gestorben, ließ der LINKEN-Politiker verlautbaren – und das, nachdem kurze Zeit zuvor eine andere Meldung über die Ticker gelaufen war. Demnach hatte Parteikollegin Wagenknecht zu einer neuen linken Sammelbewegung in Deutschland aufgerufen.

Doch kann es solch einen Zusammenschluss linker Kräfte in Deutschland tatsächlich geben, nachdem sich die Sozialdemokratie mit einer doch überraschend deutlichen Zustimmung von zwei Dritteln der abgegebenen Stimmen wiederum für ein Sklaventum unter Angela Merkel entschieden hat? Nachdem man einen Koalitionsvertrag abgesegnet hat, der zwar auf den ersten Blick zahlreiche Elemente sozialdemokratischen Denkens beinhalten mag, der aber abseits der Prestige-Projekte der SPD viel bürgerlich-konservatives, Mitte-Rechts-Gedankengut beinhaltet – man vergleiche nur die Passagen zum Aufbau eines wahrlichen Polizeistaates in Deutschland, der mit den Wurzeln sozialdemokratischen Seins wenig zu tun hat?

Oder träumt Wagenknecht von einem Miteinander mit dem SPD-Rebellen Kühnert, der als Juso-Vorsitzender die Kampagne gegen die GroKo angeführt hat und sich vehement dafür einbrachte, dass nun endlich mehr möglich sein müsse als das kleinste gemeinsame Übel? Enttäuscht gab er sich zwar, aber gleichsam sanftmütig waren seine Aussagen, wenn es darum ging, wie die SPD nun weitermachen soll. Alle SPD-Vertreter vereinte vor den Kameras wiederum die Feststellung, dass man nun zusammenwachsen, geschlossen aus dem Mitgliedervotum hervorgehen sollte, nicht aber, ohne in der Partei auch strukturelle, programmatische Fragen zu diskutieren. Eine Revolution von linker Seite, sie klänge anders.

Und bei den „Grünen“? Da ist man derzeit noch auf Richtungssuche. Mit den neuen Vorsitzenden ist heute noch weniger deutlich, wo sich die Partei schlussendlich im politischen Spektrum verorten will. Habeck philosophiert in seinen Reden über „linksliberal“, möchte einen Spannungsbogen von FDP bis SPD schlagen – und dem Ganzen durch einen ökologischen Anstrich einen „grünen“ Touch geben. Seit den „Jamaika“-Sondierungen ist klar, dass man von Seiten der „Grünen“ durchaus mit konservativen Kräften könnte. Zwar sollen sich Trittin und andere linke Vorreiter der Partei immer wieder profiliert haben, letztlich stehen „Bündnis 90/Die Grünen“ heute aber wohl weit mehr der Mitte zugewandt als noch vor Monaten.

Was bleibt also an Optionen, um ein Sammelbecken links der Mitte in Deutschland zu etablieren? Wahrscheinlich hat Dietmar Bartsch recht – und das Vertrauen der drei möglichen linken Bündnispartner ist nach den Vorgängen um „Jamaika“ und dem Mitgliederentscheid zur GroKo zunächst einmal und wiederum zerrüttet. Denn niemand kann sich so recht vorstellen, wie eine dem Votum der Basis entsprechende SPD, die sich wohl selbst in den Ortsverbänden aufgegeben und in ständige Abhängigkeit einer nun nach rechts Fahrt aufnehmenden Union begeben hat, noch ernsthaft linke Themen vertreten will. Und kaum jemand mag sich ausmalen, dass die „Grünen“, die offenbar bis zum Ende der Koalitionsverhandlungen mit FDP, CDU und CSU durchgehalten hätten – wären da nicht die Liberalen abgesprungen –, das Fähnchen glaubwürdig im Wind schwenken können, ohne dabei völlig die Kontrolle über die eigene Navigation zu verlieren.

Und DIE LINKE? Selten hat man Bartsch, der eigentlich der Regierungsverantwortung gegenüber offen scheint, so entmutigt erlebt wie nach dem Bekanntwerden des Mitgliedervotums der Sozialdemokraten. Und tatsächlich ist die Option auf ein linkes Bündnis geschrumpft, denn für eine erstmalige Koalition aus linken Partnern, die für die Bundesebene eine Neuheit wäre, braucht es Verlässlichkeit. Eine SPD, die sich zum wiederholten Male in die Hände der Union begeben hat, kann weder im Bereich des Sozialen, schon gar nicht in der Innen-, Sicherheits-, Außen- und Verteidigungspolitik wirklich authentisch linke Positionen vertreten – selbst wenn in ihr manch widerständischer Ansatz schlummert, der zumindest in gut 33 Prozent der abgegebenen Votumskarten seinen Ausdruck fand. Und solange sich auch „Bündnis 90/Die Grünen“ nicht entscheiden können, ob sie nicht doch eher dem radikalen marktwirtschaftlichen Ansatz à la „Freie Demokraten“ ihren Glauben schenken möchten, bleibt für linke Politik in Deutschland nur das Ausharren auf andere Zeiten.

Nachdem „Heimat“ wieder „in“ wird und viele der politischen Kräfte im Land die AfD dadurch schwächen möchten, dass sie die „rechte Flanke“ schließen, entstehen in der politischen Landschaft Löcher. Gerade links braucht es daher eine stimmgewaltige Opposition, die deutlich macht: In Zeiten eines trendigen Konservativismus muss sich niemand schämen, der in die entgegengesetzte Richtung läuft. Viel eher sollte auch fernab einer möglichen Aussicht auf eine Beteiligung in einer Regierung das Eintreten für die linke Sache aufrecht gehalten werden. Denn in Perioden, in denen Koalitionen so brüchig erscheinen wie selten zuvor, muss man als politischer Akteur jederzeit dafür gewappnet sein, Verantwortung zu übernehmen. Linke „Player“ dürfen sich daher ermutigt sehen, mit offenen Armen die zu empfangen, denen das Schauspiel um einen Rechtsruck im Land zu einfarbig wird – und gleichzeitig Bereitschaft zeigen, im Zweifel um Positionen zu ringen, die für Linke nicht verhandelbar sind. Politik um jeden Preis – das können sie alle. Demokratiefähig zu sein bedeutet nicht, beliebig zu werden. Gerade jetzt schlägt die Stunde für ein gesundes, linkes Selbstbewusstsein!

[Dennis Riehle]

Offener Brief:
Versorgung mit Fachärzten und Psychotherapeuten

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Augenblick erreichen mich durchschnittlich mehrere Dutzend Hilfsgesuche von Menschen mit psychischen Erkrankungen, die auf der Suche nach fachkundiger Unterstützung sind. Als Selbsthilfegruppe sind wir ein ergänzendes Angebot, das nicht therapeutisch, nicht medizinisch ausgerichtet ist, sondern lediglich niederschwellige Begleitung leistet – immer öfter leider auch, weil Menschen in absehbarer Zeit keinen Kontakt zu einem niedergelassenen Facharzt finden.

Ganz abgesehen von der psychotherapeutischen Versorgung: Trotz der Reformen um die „Psychotherapeutische Sprechstunde“ und die Vermittlung mithilfe der „Termin-Servicestellen“ der „Kassenärztlichen Vereinigungen“ berichten mir viele Betroffene noch immer von drei- bis sechsmonatigen Wartezeiten auf ein Erstgespräch; manche Therapeuten nehmen überhaupt keine neuen Patienten mehr auf.

Ich stehe dieser Situation reichlich hilflos gegenüber, weil der Ansturm in den vergangenen Jahren massiv zugelegt hat: Als Ehrenamtliche müssen wir immer häufiger tröstend und ermutigend einspringen, weil das professionelle Gesundheits- und Sozialwesen überlastet ist. Die Bedarfspläne scheinen nicht mit der tatsächlichen Situation abgestimmt zu sein, noch immer gelten ja viele Kalkulationen als überholt, so sagt man.

Mich würde daher interessieren, wie die Landesregierung die Situation in Baden-Württemberg, speziell aber im Landkreis Konstanz, einschätzt, was die Versorgung mit psychiatrisch-neurologischen Fachärzten sowie psychologischen Psychotherapeuten angeht; welche Möglichkeiten sie beim Gesetzgeber erkennt und für notwendig erachtet, um der scheinbar doch auseinanderklaffenden Wahrnehmung zwischen den Bedarfen, die die Patienten formulieren, und denen, die von den Landesausschüssen aus Kassenärztlicher Vereinigung und Krankenkassen ausgehen, entgegenzuwirken – und welche Handreichung sie Akteuren im Gesundheits- und Sozialwesen, wie der Selbsthilfegruppe vor Ort, unterstützend vorschlagen kann, um hilfesuchenden Menschen bei der Suche nach Fachärzten und Psychotherapeuten optimal zur Seite zu stehen. Daneben würde ich gern erfahren, ob für die hiesige Region in absehbarer Zeit mit neuen ambulanten Fachärzten der Psychiatrie/Neurologie oder psychologischen Psychotherapeuten zu rechnen ist. Sollte für diese Frage eine Weiterleitung meines Schreibens an die KV Baden-Württemberg notwendig sein, bitte ich herzlich darum.

Ich verstehe diesen Brief auch als einen Ausdruck von Ermüdungserscheinungen, die durch die seit Jahren andauernde Vertröstung von Engagierten wie meiner Person eingetreten sind: Wir arbeiten freiwillig, um Menschen in großer Notlage zu helfen – und sind als Partner im Gesundheits- und Sozialwesen an der Seite von Ärzten und Therapeuten, um miteinander Unterstützung auf den unterschiedlichsten Ebenen, in den verschiedensten Facetten unseres Könnens und Handelns zu leisten. Ich weiß um den besonderen Einsatz der Mediziner und Psychotherapeuten hier vor Ort, die alles tun, was in ihrer Macht steht, um die Versorgung der Patienten zu gewährleisten. Für mich als Ehrenamtlichen kann ich aber feststellen, dass ich dann überfordert bin, wenn sich an den maßgebenden Strukturen über Jahre kaum Änderungen ergeben, obwohl die Bedürfnisse sich fast stetig wandeln.

Ich möchte mein Engagement weiter leisten, will die Menschen, die auf mich zukommen und darum bitten, Selbsthilfe auch als Wegweiser an Mediziner und Therapeuten nutzen zu können, gern bei der Suche und Vermittlung an die geeigneten Stellen weiterbringen. Doch wie kann mir dies gelingen, wenn mir die Grundlage für diese Arbeit, wenn eine den tatsächlichen Umständen entsprechende und ausreichende Zahl an „Niedergelassenen“ fehlt?

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit
und verbleibe mit besten Grüßen

Dennis Riehle
Selbsthilfeinitiative
Zwangserkrankungen, Phobien,
psychosomatische Störungen und Depressionen

[Dennis Riehle]