Leserbrief zu
„Was in deutschen Gefängnissen schiefläuft“, FR vom 29.08.2017

Die Politik hat zweifelsohne viele Verbesserungen vorgenommen, um Zustände in den Strafvollzugsanstalten zum Guten zu wenden. So sollen Suizid-Prävention und die Versorgung psychischer Leiden ausgebaut werden, die Sensibilität für die Ausnahmesituation erhöht werden, in denen sich Gefangene befinden. Zweifelsohne: Sie haben in der Gesellschaft keinen leichten Stand, werden sie für ihre Situation selbstverantwortlich gemacht und können deshalb nicht auf eine Lobby hoffen.

Und doch zeigt sich unter anderem an den Gefängnissen, wie es ein Land mit der Menschenwürde hält. Denn sie gilt auch dort, wo man sie emotional vielleicht nicht zubilligen will. Und dass wir im 21. Jahrhundert noch immer dem Gedanken des Verwahrens stärker nacheifern als der Resozialisierung, das liegt auch daran, dass in der Justizpolitik über Ewigkeiten nicht nachhaltig gedacht wurde. Natürlich waren manche Entwicklungen nicht absehbar, aber seit jeher wird in einem Politikzweig, der schon immer eine stiefmütterliche Behandlung erlebte, ständig zu kurz gedacht – und das nicht nur auf dem Rücken der Insassen, sondern vor allem auch der Mitarbeiter.

Zu wenige Plätze, eine zu geringe Personaldecke, Konflikte in den Anstalten. Wie werden wir dem Grundsatz heutzutage gerechter, wonach das Bereuen und die Sühne, der Ansatz des Vergebens und der Versöhnung zumindest bei denen zum Ausdruck kommt, die ihre Taten aufzuarbeiten bereit sind? Das System muss einen lohnenderen Ansatz einnehmen, es braucht Perspektiven für die, die ihr Leben neu beginnen möchten – und keine Angst, im Gefängnis die Hölle durchleben zu müssen, nur, weil Einige meinen, sie müssten die gesamte Einrichtung aufmischen.

Nicht Drill, nicht Unterdrückung und nicht Bestrafung über die Maßen, sondern eine Vision, ob der Freiheitsentzug in seinem bisherigen Sinne die pauschal beste Lösung für alle Straffälligen sein kann, das ist das Gebot der Stunde. Ich wünsche mir von den Verantwortlichen Flexibilität in den Utopien eines modernen Justizwesens von morgen, von denen vielleicht einige Wirklichkeit werden.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Das ganze Kind hat so viele Fehler“, SPIEGEL 35/2017

Der „Spiegel“ berichtet aktuell über eine seiner Redakteurinnen, eine Mutter im vierten Monat der Schwangerschaft, die erfährt, dass ihr Kind am „Down-Syndrom“ und anderen Krankheiten leiden wird. Entstanden ist ein überaus glaubwürdiger Artikel, der das Ringen einer Frau zeichnet, die ob der Nachrichten nicht weiß, was sie sagen soll, wie sie reagieren und mit diesen Neuigkeiten umgehen soll. Authentisch und mit allen Gefühlen, mit der Hilflosigkeit des Ausschreiens seiner gefühlten Not macht der Beitrag auf ein Thema aufmerksam, das sich langsam in unsere Mitte schleicht. Überschrieben wird der Artikel mit dem Zitat „Das ganze Kind hat so viele Fehler“ – und macht deutlich, dass es nicht unbedingt der einzelne Elternteil ist, sondern eine gesellschaftliche Einstellung, die dazu führt, dass sich Mütter und Väter bedrängt sehen, bei einem Abweichen von der „Norm“ zu hinterfragen, ob sie mit der „Last“ eines behinderten Kindes leben möchten.

Dabei sind nicht sie es, die vornehmlich mit der möglichen Beeinträchtigung leben müssen, vielmehr wird es das Kind sein, das eine außergewöhnliche Prägung haben wird. Doch schon allein der Wortschatz in unseren Breiten verdeutlicht: Wir stehen auf „Normalität“ – und können sie gleichsam nicht definieren, weil uns dafür das Maß fehlt. Denn wo beginnt der Grenzbereich, nach welchem ein Mensch nicht mehr den Vorstellungen entspricht, die wir von ihm haben, die wir von ihm und der Natur erwarten? Machen wir die Normalität an einem Mehrheitsbegriff fest? So, wie die meisten sind, so ist es auch normal? „Fehler“ beschreiben diese angebliche Unvollständigkeit – und noch viel mehr. Sie bewerten in einem Sinne, der für einen Menschen eigentlich nicht bestimmt ist. Zumindest dann nicht, wenn wir davon ausgehen, dass das Ergebnis eines Menschenkindes mehr ist als das Produkt der Evolution, in dessen Prozess es vielleicht zu „Normabweichungen“ kommen kann, zu „Fehlern“, die durch das falsche „Zusammensetzen“ von Teilen geschehen. Leben ist ein Gesamtkunstwerk, das man nicht nach seinen einzelnen Eigenschaften wird beurteilen können, um der Leistung gerecht zu werden, die da das Licht der Welt erblickt.

Wir machen aus dem Menschen ein Produkt, wenn wir es an dem „Qualitätsbegriff“ messen, den wir aus dieser „Schwarz-/Weiß“-Kategorisierung aus „gut“ und „schlecht“, als „perfekt“ und „mangelhaft“ ableiten. Als behinderter Mensch fühle ich mich nicht fehlerhaft, sondern besonders. Gern auch anders als die überwiegende Zahl meiner Mitmenschen, wahrlich aber nicht alleine, selten oder ausgegrenzt. Vor allem auch nicht minderwertig oder bemitleidenswert. Das werden wir nur in einem Denken von oben herab, in welchem sich die angeblich Tadellosen über die stellen, die aus ihrer Sicht „Makel“ haben. Der gesamte Sprachgebraucht ist bereits heute darauf ausgerichtet, zu selektieren. Dabei verschweigt niemand, dass die Annahme eines Kindes mit Behinderung eine Herausforderung ist. Nicht aber, weil es ihm an etwas „fehlt“, sondern weil es mehr Aufmerksamkeit bedarf als andere. Das wiederum ist doch aber nicht nachteilig, sondern würde jedem Nachwuchs angesichts der Pracht des Lebens zustehen. Es geht also um den Begriff des Kindes im Gesamten, um die Wertschätzung unserer Nachkommen, die wir uns nicht wünschen können, sondern die wir in ihrer Schönheit anzunehmen schon deshalb verantwortlich sein dürfen, weil wir selbst nur ein Gast auf Erden sind…

[Dennis Riehle]

Lesermeinung
zum Hohelied auf die Frauenklinik Konstanz, SÜDKURIER vom 26.08.2017

Wir sollten manchmal etwas dankbarer sein. Beispielsweise dafür, dass wir vor Ort noch ein Krankenhaus haben, das in einer kommunalen Gemeinschaft und nicht von privaten Trägern gehalten wird. Wer heute die Bedingungen für Hospitäler kennt, von Vorschriften bis zu Pauschalen, der weiß, dass es viel Talent braucht, um all diese Barrieren zu überwinden – und gleichzeitig dem Patienten, den Mitarbeitern und den Aufsichtsbehörden nach deren hohen Ansprüchen zu genügen.

Meine Erfahrungen zeigen mir, dass am Konstanzer Klinikum engagierte Ärzte und Therapeuten arbeiten, die sich interessiert dem Erkrankten zuwenden. Meist auch gewilltes Pflegepersonal, dem man verständlicherweise zubilligen muss, unter schwierigen Vorzeichen mit immer weniger Zeit für den Einzelnen auch nur Mensch zu sein. Reinigungskräfte, Techniker und Hausmeister, die ihren Job sehr ernst nehmen, das zu erkennen, dafür reicht es, einmal mit offenen Augen durch das Haus zu gehen. Und nicht zuletzt eine Geschäftsführung, die versucht, den Laden zusammenzuhalten – und die das bisher, trotz aller Kritik, eigentlich ganz gut macht.

Denn die Versorgung ist gewährleistet, auch wenn wir oftmals feststellen müssen, dass aus unserem externen Auge, mit dem wir aber nicht die Schwierigkeiten innerer Abläufe erkennen können, an der Organisation noch etwas zu verbessern wäre. Dennoch: Mit einer so funktionierenden Gesundheitsversorgung, mit breit angelegten Fachbereichen und einem stetigen Willen, in Ausstattung und Einrichtung modern zu bleiben, können sich wahrlich nicht alle Regionen in Deutschland rühmen, die neidisch nach Konstanz blicken, wo das Krankenhaus noch wohnortnah eine vielfältige Abdeckung an Leistungen erbringt, die wir oft viel kritischer hinterfragen, als es vielleicht nötig und zulässig wäre.

[Dennis Riehle]

Brief an DIE LINKE Baden-Württemberg

Liebe LINKE in Baden-Württemberg,

ich bin überrascht: Einerseits über das Vorgehen von Bundesinnenminister de Maizière in Bezug auf das Verbot des linksradikalen (ich sage bewusst nicht -extremistischen, weil mir dazu noch zu wenige Hinweise über Zusammenhänge vorliegen) Internetportals „linksunten.indymedia“. Wenngleich wir erleben, dass der Aktionismus der Mitglieder der Regierung im Wahlkampf neue Höchststände erreicht und besonders der Innenminister seine harte Hand zeigen will, weil „die“ Bevölkerung laut Umfragen danach lechzt, ist das jetzige Manöver durchsichtig, konnte so für den Außenstehenden aber nicht erwartet werden.

Gleichzeitig bin ich auch über die pauschale Verteidigung der Macher des Portals durch DIE LINKE in Baden-Württemberg erstaunt. Da wird von „Journalisten“ gesprochen, die den „Neonazis“ die Stirn bieten würden, weil sie deren Machenschaften offenlegen und denunzieren, um zu zeigen, in welchen Gesellschaftsschichten die Rechtsextremen verwurzelt sind. Ich frage mich allerdings, wofür „Journalisten“ denn Schlagstöcke, Butterfly-Messer und ähnliche Utensilien für ihre Arbeit benötigen. Das Handwerkszeug des Journalisten ist seine Feder, sein Computer, mehr aber auch nicht. Ich bin ebenfalls einer, aber solche Gegenstände brauche ich für mein Wirken keinesfalls.

Und man muss durchaus konstatieren, dass die Inhalte, die auf der Plattform veröffentlicht wurden, nicht nur an der Grenze, sondern über die der Strafbarkeit hinausgehend anzusiedeln sind. Ich weiß nicht, welchen Sinn es machen soll, Menschen zu „outen“. Können wir dadurch ihre Ideologie verändern, indem wir sie sozial ausgrenzen? Nein, das können wir nur durch Überzeugung – und davon fehlt es mir bei denen, die hinter „linksunten.indymedia“ stehen, ganz erheblich. Denn wahrlich „linke“ Inhalte abseits der Anleitung zum Bau von Feuerwerkskörpern etc. fand man dort kaum. Allein Informationen zu Veranstaltungen und Aktionen hier wie da, mit den größtmöglichen Effekten Aufsehen zu erzeugen, den Versuch, rechtsextremes Gedankengut und seine Umsetzung zu offenbaren, statt mit dem Werbung zu machen, was ehrliche linke Politik ausmacht. Randale, Angriffe auf Polizisten und Anschläge können wahrlich nicht dazu gehören.

Insofern bin ich überrascht, wie wenig kritisch sich DIE LINKE in Baden-Württemberg gegenüber den Betreibern der Plattform gibt, wie unreflektiert sie stattdessen Solidarität mit ihnen übt und allein den Minister als Verantwortlichen ausmacht, dem man zweifelsfrei Wahlkampfgetöse vorwerfen kann, auch den Versuch, die Freiheits- und Grundrechte einzuschränken. „Zensur“ ist es aber wahrlich nicht, wenn der Staat in seinem Auftrag auf Einhaltung der demokratischen Ordnung darauf dringt, dass Ausgangspunkten von Gewalt ein Ende bereitet wird.

Deshalb bin ich nicht sicher, wie sehr solch eine Äußerung durch den Landessprecher der LINKEN über die gestrigen Vorkommnisse gerade einige Wochen vor der Bundestagswahl helfen werden, für diejenigen zu einer positiven Entscheidung für ein Kreuz bei eurer Liste und euren Kandidaten zu kommen, die sich gefragt haben, wie es DIE LINKE denn nun nimmt mit der Abgrenzung ins linksradikale Spektrum…

Beste Grüße

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung
Selbsthilfeinitiative rät zu rascher fachärztlicher Abklärung

Konstanz. Die Selbsthilfegruppe für Zwang, Phobie, Depression und psychosomatische Krankheitsbilder im Kreis Konstanz macht auf die zunehmende Bedeutung der funktionellen Erkrankungsbilder aufmerksam. Sowohl dissoziative, psychogene wie psychosomatische Krankheiten würden beim Ansprechpartner der Initiative, Dennis Riehle, zunehmend thematisiert und sich nach entsprechenden Behandlungsmöglichkeiten erkundigt. „Die Scham ist hier nochmals größer als bei seelischen Erkrankungen ohnehin bereits, fühlen sich die Betroffenen mit ihren körperlichen Beschwerden doch nicht ernst genommen, weil der somatische Befund fehlt oder die Symptome nur unzureichend erklärt“, so Riehle.

Am häufigsten meldeten sich Betroffene mit Schmerzsyndromen und Leiden aus dem Magen-Darm-Trakt. „Sie haben oftmals bereits unzählige Untersuchungen durchlaufen, meist kam es dabei nie zu einem befriedigenden Ergebnis, weshalb man sie dann fälschlicherweise als ‚Simulanten‘ abtut. Doch das ist nicht richtig, denn die körperlichen Einschränkungen bilden sich die Menschen ja nicht ein, sie sind ja oft sogar nachweisbar“, weiß der 32-Jährige, dem eine funktionelle Hemiparese bescheinigt wurde, die nur bedingt durch eine körperliche Genese beschreibbar ist. „Meine Muskelmasse nimmt einseitig ab, das ist keine Phantasie, sondern lässt sich belegen“ und ergänzt: „Ich kann mir gut vorstellen, dass sich bei mir auf eine neurologische Symptomatik noch ein psychogener Komplex verstärkend draufgesetzt hat. Dafür gibt es genügend gute Gründe, dies anzunehmen“.

Den Betroffenen rät Riehle rasch zu einer fachärztlichen Abklärung: „Mediziner, die auf psychosomatische Krankheitsbilder spezialisiert sind, werden nicht abweisend sein, sondern den Betroffenen ernsthaft mit seinen Problemen annehmen“. Wichtig sei aber auch, dass sich Erkrankte bereit erklärten, im Falle eines Ausschlusses aller körperlichen Ursachen auch den Weg in eine Psychotherapie zu gehen: „Damit gesteht sich niemand ein, dass er träumt und alle Einschränkungen nur Hirngespinste sind. Viel eher ist dieser Mut ein Ausdruck von Selbstverantwortung und Größe, couragiert tieferliegende seelische Konflikte aufzuarbeiten. Denn sie führe letztlich dazu, dass wir mithilfe von körperlichen Beschwerden ein Zeichen setzen, unsere innere Last loswerden und abtrennen wollen. Und diesen Hilferuf der Psyche sollten wir respektieren“.

Erkrankte und Angehörige können sich bei der Selbsthilfeinitiative zum Erfahrungsaustausch melden. Riehle ist auch behilflich bei der Suche nach den passenden Medizinern und therapeutischen Ansprechpartnern. Kontakt ist über Tel.: 07531/955401 (AB) und Mail: selbsthilfearbeit@riehle-dennis.de möglich.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Die Mehrheit der Deutschen fühlt sich sicher“, „idea Spektrum“ 33/2017

Obwohl sich in Deutschland eine Mehrheit der Menschen sicher fühlt, diskutiert die Politik nahezu täglich über neue Einschränkungen der Freiheitsrechte zugunsten größerer Sicherheit. Man kann eben auch überregulieren und droht dann, vollständig in das Bedienen eines Populismus abzurutschen, der nur noch für eine Minderheit der Bevölkerung spricht.

Es ist wahrlich ein schlechtes Zeichen, wenn die Politik an den Menschen vorbei zu regieren vermag, das zeigt das zerrissene Band zwischen „Oben“ und „Unten“. Und leider befördert die Schwerpunktsetzung mancher Parteien den Eindruck, als habe in Berlin kaum noch jemand Ahnung davon, was den Bürger tatsächlich plagt.

Die stets hochgehaltene Frage nach mehr Polizei, Überwachung und Kontrolle ist es scheinbar nicht mehr, doch was könnte es sein? In Zeiten, in denen Konservative ihre Erfolge in der Arbeitsmarktpolitik loben und verschweigen, dass die Armut in Deutschland immer stärker wächst, würden mir genügend Themen einfallen, die wirklich drängen…

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Minister de Maizière weist Bedenken zurück“, „B.Z. Berlin“ vom 24. August 2017

Was mich nicht nur in diesem Bundestagswahlkampf stört, ist die Überheblichkeit mancher Politiker. So, wie aktuell bei Bundesinnenminister de Maizière. Woher weiß er, dass Videoüberwachung ein Sicherheitsgewinn ist? „Ist“, „wird“, „bleibt“ – in solchen Zeiten wie vor einer Abstimmung sprechen die „die da oben“ plötzlich im Indikativ.

Dabei fehlen ihnen für ihre klugen Feststellungen oftmals Begründungen. Auch in diesem Fall: Anstatt eine dialektische Aussage zu treffen, weiß der CDU-Minister offenbar um alle Auswirkungen einer Maßnahme, die so alt noch gar nicht ist – und deshalb kaum bewertet werden kann. Denn es geht nicht nur allein um Überwachung, es geht um das Ausspähen von Gesichtern.

Keine Zweifel an der Richtigkeit der Maßnahme, an der Zuverlässigkeit, an der Verfassungskonformität. Wenn es sich Politiker im Wahlkampf leicht machen, muss sich niemand wundern, wenn es ihnen Wähler am 24. September gleichtun – und entweder zu Hause bleiben oder für Protest votieren.

[Dennis Riehle]

Lesermeinung zu
„Atheisten werden als unmoralischer wahrgenommen“, ideaSpektrum 33/2017

Dass selbst Atheisten zu glauben scheinen, sie selbst seien „böser“ als Menschen mit einem Glauben, zeigt eine Unterordnung, die sich höchstwahrscheinlich aus der Weltsicht ableitet, dass Mehrheiten stets im Recht sind, besser sind, die Guten sind. Dabei gibt der Bezug auf Wertvorstellungen zunächst keinerlei Aussage über die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft. Sie können hier wie da ausgeprägt sein, verbinden sie sich allerdings in einem gemeinschaftlichen Glauben an eine höhere Macht und an eine Institutionalisierung der eigenen Religion, was eigentlich grundsätzlich ein höheres Misstrauen auslösen sollte, mit einer wenigstens gedanklich doch fassbaren Überzeugung, die eine möglicherweise angeborene Hoffnung nach Sinnhaftigkeit erfüllt.

Offenkundig sehen sich Atheisten sogar als „fehlerhaft“ an, es „fehle“ ihnen an einer Überzeugung an einen Gott, was wiederum ja impliziert, dass selbst Atheisten einen Gottesglauben nicht völlig ausschließen. Dies wiederum aber nur aus einer häufig zu beobachtenden Leere: Wie wird das „Vakuum“ gefüllt, das bei Atheisten an der Stelle Gottes im Gegensatz zu religiösen Menschen eine „Lücke“ hinterlässt? Niemand weiß, ob der Platz für einen Gott je vorgesehen war – oder ob er nicht einfach ein „Mehr“ ist in den Köpfen, auch eine Mär, die lediglich Sehnsüchte bedient, grundsätzlich zum Überleben aber nicht nötig ist.

Die Wissenschaft wird stärker diskutieren müssen, ob die Meinung, Atheisten seien eher böse und zu Verbrechen bereit, aus einer falsch verstandenen Zuschreibung und gleichsamen Verwechslung von Moral, Glaube, Ethik und Lehre entstammt – oder ob der Mensch im Geheimen, in seinem Gehirn überhaupt nicht anders kann, als davon überzeugt zu sein, an das Gute nur über ein religiöses (Gottes-)Verständnis zu gelangen. Und selbst, wenn dem so sei, kann der konsequent denkende Atheist noch immer dagegenhalten, dass auch diese Haltung nur ein Denken ist, das die Realität nicht abbilden muss.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Leserbrief zu
„Air Berlin stellt Insolvenzantrag“, „Merkur“ vom 15. August 2017

Nachdem die Meldung über die von „Air Berlin“ über die Ticker war, überschlugen sich auch die Parteien mit ihren Verlautbarungen. Und an solch einem Ereignis kann man dann doch erkennen, dass selbst in Zeiten, in denen man von einem Einheitsbrei bei den Haltungen der politischen Kräfte ausgeht, die eigentliche Gretchenfrage für den Wähler bleibt.

So schreiben fast zeitgleich die tourismuspolitische Sprecherin der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion, Ludwig, und der Obmann der LINKEN im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestags, Behrens, eine Pressemitteilung – und selten wird so deutlich, worum es bei der Abstimmung am 24. September tatsächlich geht: Die Union spricht von der „Sicherheit für die Kunden von Air Berlin“, die nun gewahrt bleiben müsse. DIE LINKE meint: „Beschäftigte dürfen nicht für Air-Berlin-Desaster büßen müssen“.

Um wen kümmern wir uns, auch – und gerade wenn – die Zeiten auf Wohlstand gerichtet sind? Ist es eher der Urlauber, der in den wohlverdienten Urlaub möchte, um damit Stress abzubauen? Oder ist es der ohnehin prekär angestellte Arbeitnehmer, der nun fürchten muss, entweder entlassen oder zu noch schlechteren Bedingungen angestellt zu werden? Wohlfühlprobleme gegen ganz existenzielle Sorgen. So könnte man den polarisierten Wahlkampf dieser Tage auch bezeichnen, der bei den meisten Themen nicht stattfindet, aber sich an den kleinen Meldungen offenbart.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Kürzlich ist mir eine Dame mittleren Alters mit dem Kinderwagen in die Hacken gefahren. Warum erzähle ich Ihnen das? Weil sie dabei vor sich hin flüsterte: „Kann der Behinderte nicht endlich zulaufen!“. Geschehen in Konstanz, am helllichten Tag, aber nicht ungewöhnlich. Denn solche Vorkommnisse gibt es ständig. Sie sind also keine Einzelfälle. Und ich mag mir nicht ausdenken, wie es denen geht, die nicht nur einen Gehstock bei sich haben und den Bahnhofsplatz überqueren wollen, sondern vielleicht im Rollstuhl sitzen, blind sind oder gehörlos und an der viel befahrenen Wollmatinger Straße auf die andere Seite möchten. Sie werden durch solche Anwürfe wie den dieser Dame verletzt, seelisch angegriffen, weil ihnen unterstellt wird, sie könnten doch anders, sie stellten sich nur so an, sie seien schuld daran, dass die Hinterfrau nicht endlich über die Straße komme, obwohl der Bus noch lange nicht in Sicht ist.

Wir müssen im Umgang mit Menschen mit Behinderung heute weiterdenken. Neben den wichtigen Maßnahmen im baulichen Sektor, von den angeschafften Rampen für Konstanz, die ein wesentlicher Bestandteil für die Barrierefreiheit sind, gehört ein Konzept der Entstigmatisierung zwingend zu unserem Engagement dazu. Also einerseits eine Aufklärung darüber, dass behinderte Menschen keine Hindernisse für die Gesellschaft sind, wie man aus ihrem Wortstamm vielleicht ableiten könnte. Und zweitens eine Sensibilisierung dafür, dass für Menschen mit einem Handicap die Uhren oftmals ein wenig anders, aber nicht gleichsam falsch ticken. Verständnis füreinander, das ich auch von den Behinderten einfordere, die ebenfalls nicht selten versuchen, durch harsche Untertöne eine Nachsicht beim Anderen zu erpressen, die aus der Sicht eines „Gesunden“ auch nicht so einfach einzunehmen ist.

Dass ich aufgrund eines eingeschränkten Gesichtsfeldes vorsichtiger bin, ehe ich die Straße überquere, das hat die nette Frau hinter mir mit einem quengelnden Kind wohl nicht wissen können. Aber die Gehbehinderung sah sie deutlich. Deshalb sind für mich keine Ausreden erlaubt, wenn es darum geht, Menschen mit Behinderungen vorzuwerfen, dass ihre Einschränkungen möglicherweise einige wichtige Sekunden im Leben des Anderen rauben könnten. Denn diese Erwartungshaltung, jeder könne sich heute dem Zeitgeist von Drängelei und einem übertriebenen Egoismus, der keine Solidarität kennt mit jenen, die vielleicht langsamer sind, die aber in der Würde dem Nächsten in nichts nachstehen, anpassen, sie passt zu einer Überhöhung unseres Selbst, die hier wie dort vorkommt.

Ich bin überzeugt, dass auch die nette Dame hinter mir in sich eine soziale Ader trägt. Und sie insgeheim auch wusste, dass es nicht fair gewesen ist, was sie vor sich her murmelte. Doch all das war überdeckt von Stress, Hektik und Überforderung – typische Merkmale einer Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, die das Schneller, Höher und Weiter als ihren Slogan auserkoren hat. Entschleunigung tut gut, manchmal müssen behinderte Menschen dazu beitragen, dass wir alle wieder etwas von unserem hohen Ross herunterkommen und Respekt zeigen füreinander, egal, wie wir sind. Denn würden wir einsehen, dass die Wertschätzung des Anderen mit all seinen Facetten ein Teil des Sinns unseres Daseins sein kann, nämlich Mitgefühl im positivsten Sinne, das auf irgendeine Art und Weise auch wieder zurückkommt, dann würden wir völlig normal ein wenig länger warten, bis auch wir die Straße noch vollends rechtzeitig überqueren könnten.

Die Kampagnen von heute dürfen nicht mehr allein darauf zielen, Barrieren in den Häusern, auf den Straßen und in der Mobilität abzubauen. Vieles davon ist mittlerweile nämlich Selbstverständlichkeit. Nicht nur durch Gesetze, sondern weil es uns in Fleisch und Blut übergegangen ist – und kaum noch jemand darüber meckert, wenn über Barrierefreiheit in einem Neubau gesprochen wird. Diesen Zustand zu erreichen, das hat Zeit gebraucht. Aber auch ein Durchhaltevermögen derer, die sich dafür eingesetzt haben, dass „Kasseler Borde“ an die Bushaltestellen kommen, Aufzüge in den Verwaltungsgebäuden oder Rampen an den Schiffen. Ihnen, den Verfechtern, die oftmals belächelt und manches Mal als Störer angesehen wurden, gilt ein Dankeschön – doch leider scheint die Zeit zum Durchatmen kurz.

Denn nicht nur Menschen mit körperlichen Behinderungen, auch die mit seelischen Einschränkungen treten nun immer häufiger in das öffentliche Leben. Nicht sichtbar, aber beispielsweise auch in Einschränkungen ihrer Bewegungsgeschwindigkeiten erkennbar, in ihrem Verständnis von komplizierten Anträgen auf dem Rathaus, in ihrem besonderen Bedürfnis nach Klarheit und Struktur in einer Welt, die so unübersichtlich erscheint. Klare Aussagen auf Schildern oder Aushängen – deren große und deutliche Schrift auch Sehbehinderten zugutekommen kann, nachvollziehbare Wegweiser und Verständlichkeit in Verfahren und Abläufen der Verwaltung, die auch diejenigen in Anspruch nehmen möchten, die vielleicht eingeschränkt sind, deshalb aber noch lange keine Bevormundung brauchen.

Diesen Umstand müssen wir insbesondere in die Köpfe der Menschen hineintragen: Behinderung heißt nicht, sein Leben nicht mehr im Griff zu haben. Im Gegenteil: Würde manch einer wie die nette Dame einmal mit den Barrieren zu tun haben, die wir als Behinderte täglich meistern, sie würde staunen. Diese Weitsicht zu bekommen, das kann nur durch persönliche Gespräche passieren, durch den Hinweis an die Dame, dass es einige Augenblicke länger dauern kann, bis wir uns über die Straße wagen, durch breit angelegte Projekte und Öffentlichkeitsarbeit, die Behinderte mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen in den Mittelpunkt stellen, um zu verdeutlichen, dass sie die Farben in unserer Landschaft sind, die wir schätzen und annehmen sollten, anstatt sie „formen“ zu wollen, durch Schulung von Mitarbeitern im öffentlichen Dienst, denen oft gar nicht bewusst ist, welche Mühen Menschen mit kognitiver, geistiger oder seelischer Beeinträchtigung beim Behördengang haben.

Das Umdenken im Lobbyismus für Behinderte braucht ebenfalls wieder diesen langen Atem, auch wenn wir uns mit Ungeduld darüber ärgern, wie wenig flexibel doch unsere Mitmenschen manches Mal sind, wenn sie Rücksicht nehmen könnten, aber eben nicht wollen. Das Miteinander kann nicht gelingen, wenn wir uns gegenseitig dafür verantwortlich machen, dass unser tägliches Leben durch den jeweils Anderen erschwert wird. Problemlösungskompetenz ist stets schwierig, solange es auch laute Worte und Unterstellungen gibt. Doch nun haben wir schon diese weite Strecke in der Barrierefreiheit hinter uns gebracht, wer sollte uns aufhalten, nicht auch die zweite Hälfte dieses Marathons für die Interessen der Menschen mit Behinderungen zu bestehen, wenn nicht Barrieren, Barrieren aus Unverständnis, Uneinsichtigkeit, Unmenschlichkeit?

[Dennis Riehle]