Lesermeinung
zur Berichterstattung über die Schießerei in der Konstanzer Diskothek, SÜDKURIER vom 31.07.2017 (ff.)

Wer hat versagt bei dem tödlichen Angriff in der Konstanzer Diskothek? Einfach lässt sich diese Frage sicher nicht beantworten. Und doch muss man sie stellen dürfen, immerhin handelt es nicht um das erste Vorkommnis im Industriegebiet.

Die Ereignisse in der dortigen „Shisha“-Bar sind noch im Gedächtnis, aber kleinere Zwischenfälle gibt es immer wieder. Anwohner und Gewerbetreibende bringen das zum Ausdruck, wenngleich nicht alles medial und gesellschaftlich wahrgenommen wird. Und doch besteht offenbar seit längerem eine Unruhe, bekommt man doch nicht selten mit, wie nächtlich die Polizei vorrücken muss, um wieder einmal zu schlichten.

Kann es aber Aufgabe der öffentlichen Hand sein, Einrichtungen wie Discos und Kneipen zu schützen? Es darf nicht im Zuständigkeitsbereich der Stadt oder anderer Behörden liegen, dort für Ordnung zu sorgen. Viel eher müssen die Inhaber der Lokalitäten in die Pflicht genommen werden, mit privaten Sicherheitsdiensten und anderen Maßnahmen einzuschreiten.

Es wäre fatal, wenn Konstanz dieser Tage mit den terroristischen Vorfällen in Hamburg zusammenhanglos in einem Atemzug genannt wird, ohne zu differenzieren, dass die „Metropole“ hier am Bodensee doch eigentlich immer noch ein friedlicher Platz für Touristen und Einheimische ist.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Konstanz. Die Selbsthilfegruppe zu Depressionen, Ängsten und Zwängen verzeichnet eine starke Zunahme an Kontakten durch Menschen mit affektiven Störungen. Wie Leiter Dennis Riehle berichtet, sind es vor allem bipolar Erkrankte, die seit einiger Zeit vermehrt den Rat und die Hilfestellung durch die Selbsthilfe suchen. „Betroffene mit einer manisch-depressiven Erkrankung haben oftmals Probleme, einen passenden Facharzt zu finden, der sich mit der Krankheit gut auskennt. Auch ist es nicht einfach, die richtige Therapieform auszuwählen. Die Patienten und ihre Angehörigen kommen nicht selten mit großer Not zur Selbsthilfegruppe, rufen an und fragen nach Erfahrungswerten. Wir können nicht immer helfen, weil wir kein Ersatz für das medizinisch-therapeutische Gesundheitswesen sind. Wir versuchen aber, mit Hinweisen den niederschwelligen Zugang zu den entsprechenden Hilfestellungen zu ebnen. Vor allem gilt aber mehr denn je: Zuhören!“, so Riehle.

Dabei geht es mittlerweile mehr um das „Mitlesen“ von Mails, denn diese Kontaktaufnahme hat sich weit nach vorne geschoben. „Waren es vor fünf oder zehn Jahren noch fünfzehn bis zwanzig Betroffene, die in der Gruppe saßen, so müssen wir unsere Treffen mittlerweile einstellen, weil dorthin niemand mehr kommt. Dafür habe ich um die 30 bis 40 Nachrichten pro Monat auf elektronischem Weg, aktuell waren davon sechs bipolar Erkrankte, die mir schrieben – so viele, wie noch nie innerhalb einer so kurzen Zeit“, meint der Ansprechpartner für die Selbsthilfeinitiative, die sich bewusst den Menschen mit manisch-depressiven Erkrankungen geöffnet hat. „Nicht selten ist es ein ganzes Spektrum an psychischen Erkrankungen, das mit der bipolaren Störung einhergeht. Wir haben einen Verteiler mit interessierten Betroffenen angelegt, an die ich sich neu meldende Erkrankte verweise. So kommt heutzutage der Kontakt zu Gleichbetroffenen auch außerhalb des Gruppenraumes zustande“.

Wesentlich sei weiterhin die Beratung der einzelnen Erkrankten und ihrer Angehörigen. „Fragen nach Adressen von Ärzten, Therapeuten, sonstigen Hilfsangeboten, aber auch die Erfahrung mit unterschiedlichen Behandlungsformen, die Aussicht auf Heilung, den Umgang mit der Erkrankung im Alltag, gegenüber Freunden und der Familie, mögliche Sozialleistungen – all das sind Themen, mit denen die Menschen auf uns zukommen. Und auch über die Erkrankung möchten sie viel wissen, gerade, wenn die Diagnose erst frisch gestellt wurde. ‚Warum bin ich so überdreht, warum rutsche in derart tiefe Täler?‘ – Das Kopfschütteln über die eigene Krankheit ist dann groß. Wir versuchen, aus unserer Geschichte zu berichten, wie wir die Nachricht aufgenommen haben, an einer bipolaren Störung zu leiden. Das bringt schon große Entlastung für die, die neu damit konfrontiert sind“, so Riehle.

Die Selbsthilfegruppe berät auch weiterhin unter Mail: info@zwang-phobie-depression.de oder Tel.: 07531/955401 (AB) und wird den Schwerpunkt auf bipolare Erkrankungen beibehalten. „Momentan sind es vor allem Betroffene vom ‚Rapid Cycling Typ‘, also mit rasch wechselnden Phasen von Manie und Depression. Wir weisen aber grundsätzlich niemanden zurück, egal, welche Kombination an seelischen Leiden nun vorherrscht“, sagt der Gruppenleiter abschließend.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Gott kann jetzt jeder“, idea Spektrum“ 31/2017

Ich habe mich immer zurückgehalten, wenn es um die oftmals so strapazierte „Offenbarung“ geht. Bei jeder Katastrophe wurde das Ende der alten und der Beginn der neuen Welt gesehen. Doch wird diese Umwälzung tatsächlich so spektakulär ausfallen, wie es die Bibel beschreibt?

Nicht vielleicht eher in einem langsamen Prozess, der dadurch sichtbar wird, dass wir wahrhaftig davon überzeugt sind, Gott ist nicht mehr Gott, sondern wir sind es, die mit der Schöpfung spielen? Wir zerstören sie nicht nur durch unsere Einwirkung auf Natur und Umwelt, viel eher überschreiten wir diesen hochsensiblen Bereich der Biotechnologie, der Schaffung und Gestaltung von Leben reguliert.

Doch wie sieht unsere Erde aus, wenn nicht mehr eine unabhängige Macht dafür sorgt, dass die Interessen aller an erster Stelle stehen, sondern eine Welt realistisch wird, in der durch Macht, Bildung und Karriere ausgesuchte Menschen entscheiden, welche Kriterien ein wertvolles Leben ausmachen und den Fortbestand und Erfolg ausschließlich für Ausgewählte sichern?

Wenn nicht mehr Gott es ist, der das Beste für jeden von uns möchte, dafür aber Computer, Technik und Forschung selektieren, moderieren und „evolutionieren“? Es scheint an der Zeit, nicht mehr allzu sparsam mit der Vorsehung einer Offenbarung umzugehen, sondern der Menschheit zu attestieren, dass sie sich gerade selbst einholt.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Leserbrief zu
„Urteil: Spaghetti-Monster-Kirche ist keine Religionsgemeinschaft“, „Merkur“ vom 03.08.2017

Ich selbst war Atheist, aber heute bin ich in die evangelische Kirche zurückgekehrt. Unter anderem auch wegen Aktionen wie die des „Fliegenden Spaghetti-Monsters“. Säkulare machen sich nicht selten lustig über die Religion, vor allem auch über den persönlichen Glauben des Einzelnen, der aus meiner Sicht unantastbar ist.

Natürlich könnte man argumentieren, dass auch die Überzeugung an solch eine Eigenkreation der „Pastafaris“ einem Gott in Nichts nachstünde, sind sie doch beide nicht belegbar. Und doch gibt es laut Oberlandesgericht Brandenburg nun eine verbindliche Messlatte: Es muss etwas Göttliches sein, das eine Religionsgemeinschaft ausmacht. Und ich finde das richtig so. Denn mit irdischem Geplänkel hat der Glaube an eine höhere Macht im Sinne einer spirituellen Tiefgründigkeit und einer eigenen Lehre, die nicht nur satirisch von einer real existierenden Glaubensgruppierung abgeschrieben wurde, nichts zu tun.

Man muss schon mehr vorweisen, um in den Genuss staatlicher Rechte zu kommen, als ein paar Buchstaben zu vertauschen und an die Stelle eines Gottes ein Nudelgesicht zu setzen. Eine Veralberung des Gottesglaubens ist zwar mit der Meinungs- und Gewissensfreiheit vereinbar, den Status einer Religion kann sie aber solange nicht erreichen, wie es an substantiellen Inhalten fehlt, die schützenswert sind.

Und ob der freitägliche Genuss der Bolognese-Soße ein anerkennenswertes Gut ist, bleibt mindestens ebenso fraglich wie das Wunder, nach Genuss von Hochprozentigem eine himmlische Ekstase zu erleben.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Leserbrief zu
„Linke Politik braucht ein Preisschild“, FAZ vom 22.07.2017

Die Linke braucht nicht nur ein Preisschild, viel eher muss sie einen Nachweis antreten, dass ihr Konzept ein besseres ist als der Konkurrenz. Denn in Zeiten, in denen die neoliberale Marktwirtschaft doch einer großen Mehrheit offenbar Wohlstand bringt, vergisst die Gesellschaft gern die Wenigen, die nicht vom Aufschwung profitieren.

Kann eine tatsächlich linke und nicht nur sozialdemokratische angemalte Politik also tatsächlich eine Veränderung heribeiführen, mehr Gerechtigkeit im Sinne dessen schaffen, dass zwar Unterschiede erhalten bleiben, aber jeder ein Mindestniveau an existenzieller Absicherung auf einem höheren Niveau als ein heutiger „Hartz IV“-Empfänger als sicher erachten darf? Der alte „Kampf“ um die unterschiedlichen Modelle ist aktueller denn je: Geht es um die Verteilung oder das Ergebnis?

Legen wir also mehr Wert darauf, ob am Ende jeder die gleichen Chancen hat – oder ist es nicht vielmehr der Anspruch eines Jeden, unabhängig seiner Leistung, seines Könnens und seiner Fähigkeiten eine Grundabsicherung einfordern zu können, die im 21. Jahrhundert „zeitgemäß“ erscheint? Letztendlich geht es dabei weniger um den Preis, aber viel mehr um eine Frage des Wollens. Denn finanzieren ließe sich in Deutschland so Einiges, aber nicht alles liegt im Interesse der politischen Majorität.

Es geht zwar auch um die Kosten, viel mehr jedoch um die Bereitschaft eines erlahmten Volkes, Reformen umzusetzen, die ihren Namen auch verdienen. Die Linke muss derart überzeugen, dass sich die Deutschen zu solchen Schritten ermutigt sehen. Dazu fehlt aber auch ihr momentan (noch) der nötige Elan…

[Dennis Riehle]

Leserbrief zur
Gesichtserkennung in Berlin, „Tagesspiegel“ vom 02.08.2017

Die Gesichtserkennung wird vor allem Opfer hervorbringen. Menschen, die zu Unrecht beschuldigt werden, weil die Technik zwar genau ist, aber nicht haargenau. Wir verlassen uns zu sehr auf den Fortschritt, billigen ihm unverblümt und offenherzig zu, den Nachweis einer unverrückbaren Täterschaft zu erbringen, obwohl wir genau wissen, dass ein einziger Fehler für einen Menschen einen riesigen Einschnitt in sein Leben, in seine Reputation, in Karriere und Freiheit bringen kann.

Wollen wir solch eine Unsicherheit zulassen, wenn es darum geht, über die Schuld zu entscheiden, die zwar auch bislang unter Vorbehalt zugesprochen wurde. Denn die Anfälligkeit für Ungenaues ist bei menschlichen Aussagen, bei Spurensicherung und -auswertung noch größer als bei der Gesichtserkennung. Der Unterschied ist aber: Wir haben diesen Hilfsmitteln eine entsprechende Skepsis entgegengebracht. Damit war es nötig, die Verantwortung für ein Verbrechen anhand vieler anderer Beweise bestätigen zu müssen.

Wenn wir dieser Tage nahezu blind in das vertrauen, was uns Unternehmen, Wissenschaftler und Forscher durch die Gesichtserkennung versprechen, verlieren wir unsere notwendigen Zweifel an Ergebnissen und Erkenntnissen. Und jeder Fall von Ungenauigkeit ist fatal. So werden auch wir schuldig, wenn wir uns unkritisch auf alles einlassen, was möglich ist, ohne zu hinterfragen, ob es sinnvoll sein kann…

[Dennis Riehle]

Zwischenruf

Es war in der Mittelstufe. Wie ist das eigentlich mit dem menschlichen Leben? Eine große Frage stellten wir uns da. Über Wochen beleuchteten wir im Religionsunterricht aus verschiedenen Perspektiven, was denn nun die Würde des Menschen so ausmacht. Von der Geburt bis zum Tod. Für die meisten Mitschüler in meiner Klasse waren die Themen „Abtreibung“ oder „Sterbegeleitung“ bis dahin nie ein Thema. Und wenn, dann war es doch die Entscheidung der Frau, die Schwangerschaft zu beenden – oder die des kranken Mannes, der nicht länger unter Schmerzen dahin vegetieren wollte. Während im Laufe der Zeit die meisten Klassenkollegen zu der Einsicht kamen, dass man einen Sterbewilligen nicht so einfach in den Tod entlassen dürfe, ihm vor allem nicht helfen könne beim Sterben, blieb es beim Schwangerschaftsabbruch doch bei dem Standpunkt, dass es das Recht der Frau sei, was sie mit ihrem Bauch mache. Dass es ja nicht zufällig dazu gekommen ist, schwanger zu sein, das interessierte niemanden. Denn es war Konsens: Die Selbstbestimmung der Frau überwiegt das Recht auf Leben eines Fötus, von dem man ja nicht einmal weiß, was er von alledem mitbekommen wird, was wir da draußen so debattieren – behaupteten zumindest meine Mitschüler. Und heute muss ich zu meiner Schande gestehen, auch ich befasste mich viel zu wenig mit solch ethischen Fragen, glaubte diesem Biologielehrer auf dem Pausenhof, der auch eher „zeitgemäß“ daherkam, wie mein Sitznachbar es formulierte, und daher eine „Mainstream“-Meinung in Zeiten der Emanzipation vertrat. Er relativierte, was denn so ein heranwachsendes Kind fühlen könne. Der Embryo, den er uns anhand einer Figur zeigte, berührte unsere Emotionen wohl eher als die seinigen.

Unser Religionslehrer entschied sich, daraufhin eine Vertreterin einer Beratungsorganisation einzuladen. Vom dahinter stehenden Verein war bekannt, dass man eher den Feminismus befördere, aber sicher nicht darüber nachdenken wollte, ob eine Frau überhaupt das Recht haben kann, ihr Kind „wegzumachen“. Mit diesem Begriff ließ sie uns aufhorchen, als sie zum Unterrichtsbesuch kam. Wovon sprechen wir da eigentlich? Da geht es doch nicht um eine Krankheit, die man loswerden will – oder Sondermüll, der schnellstmöglich fortgeschafft werden muss. Ich erinnere mich, wie wir Schüler uns zunächst etwas verschrocken ansahen. Die Farbe des Kopfes unseres Religionslehrers verfärbte sich in ein helles Rot, noch hielt er sich aber zurück. Ganz selbstverständlich fuhr die Dame fort, wie denn so eine Abtreibung aussehe. „Ihr müsst euch das wie bei einem Staubsauger vorstellen“, begann sie ihren nächsten Satz. Wie bei einem technischen Gerät schilderte sie die Beendigung eines heranwachsenden Lebens, um zur Feststellung zu gelangen: „Das geht recht einfach und schnell, das ist heute keine große Sache mehr“. Unser Lehrer sprang auf, mit einem hochroten Kopf schlug er seine Tasche vom Pult, seine Schlagadern waren nach außen getreten und mit einem noch nie dagewesenen Zorn fuhr es ihm heraus, was ihr denn einfalle, so über einen Menschen zu sprechen. „Aber das ist doch lediglich ein Zellknäuel“, entgegnete sie. „Woher wissen Sie das?“, schaukelte sich die Auseinandersetzung hoch. „Ansonsten dürften wir doch gar nicht abtreiben“, meinte die Frau. „Doch, weil es der Gesetzgeber in Deutschland erlaubt“. Die Stunde war zu Ende – und wir blieben irgendwie hilflos zurück im Dilemma, wer denn nun recht hatte.

Es war diese Unterrichtsstunde, die mich in Wertefragen von einem „liberal“ denkenden Christen zu einem „konservativen“ machte. Denn ich war offenbar einer der wenigen Schüler, denen diese Erfahrung eine Lehre war. Wie leichtfertig sprechen Personen, die davon überzeugt sind, mit einem Schwangerschaftsabbruch auch noch etwas Gutes zu tun, vom menschlichen Leben? Haben sie sich je Gedanken darüber gemacht, was passieren würde, wenn sich solch eine Sichtweise durchsetzt? Wären wir nicht längst ausgestorben, weil wir manche Befindlichkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt wichtiger gewertet haben als den Weitblick dafür, dass wir nicht alleine sind mit der zweifelsohne großen Verantwortung, Eltern zu werden? Ja, man mag mir heute vorwerfen, ich hätte als Mann keinerlei Gefühle für die Nöte der Frauen. Doch tut man nicht nur mir damit unrecht. Denn meine Sorge um die, die mitten im Job stecken, noch nicht einmal eine Ausbildung begonnen haben, von Sozialleistungen leben oder gar in eigener Krankheit den Alltag nicht mehr bewältigen können und dann mit der Herausforderung einer Schwangerschaft konfrontiert sind, ist groß. Sie ist größer als irgendein Kümmern derjenigen, die ohne langes Überlegen an Abtreibung denken – und damit meinen, ein „Problem“ schnell zu lösen. Wie grausam kann ein Denken sein, wie emotionslos ein Handeln, das nur darauf aus ist, das eigene Wohl zu bewahren – und dabei über den Tod hinwegzugehen, das Sterben eines heranwachsenden Babys als „Kollateralschaden“ in Kauf zu nehmen. Schwangerschaftsabbrüche waren seit jeher ein Ausdruck von Egoismus, und Beratungen, die nur das Ziel hatten, zügig einen entsprechenden Schein auszustellen, verhöhnen die wirklichen Probleme von Mädchen, von Frauen. Denn mit einer Abtreibung ist überhaupt nichts gut. Im Gegenteil: In fast allen Fällen wird es noch viel schlimmer. Tiefe Schuldgefühle und der Vorwurf der Gewissenlosigkeit holen diejenigen ein, die eigentlich Mütter hätten werden sollen – aber nur darauf gehört haben, was ihr Kopf sagt.

Lange fragte ich mich, ob es überhaupt eine Situation geben kann, in der ein Schwangerschaftsabbruch „gerechtfertigt“ ist. Bis heute ringe ich mit mir, wie es im Falle einer Vergewaltigung aussehen kann. Wir sagen oft, dass es ja nicht die Schuld des Kindes sei. Doch kann ich in diesem – und nur in diesem – speziellen Moment zumindest verstehen, dass Frauen aus gutem Grunde größte Schwierigkeiten damit haben, ihr Baby auszutragen. Alle anderen Unwegsamkeiten lassen sich bewältigen – ob wir uns nun völlig überfordert sehen, weil wir selbst noch Kind sind, weil wir scheinbar kein Geld haben, um das Kleine durchzufüttern, oder weil der Vater sich auf und davon gemacht hat und wir meinen, nun ohne Hilfe klarkommen zu müssen. Die eigentliche Aufgabe von Beratungsstellen wäre es, für all diese Lebensprobleme Hilfestellungen aufzuzeigen. Es ist ein Skandal, dass wir heute zum Schwangerschaftsabbruch beraten werden, ohne ausreichend über Alternativen dazu informiert zu werden, die das Leben schützen. Dass das so ist, erfahre ich in meiner eigenen Beratungspraxis regelmäßig neu. Da berichten mir Frauen nicht selten unter Tränen, dass sie abgetrieben haben – und meinten, dies in bestem Wissen und Gewissen getan zu haben. Denn sie ließen sich ordnungsgemäß „coachen“, erfuhren aber kaum etwas darüber, welche seelischen Konsequenzen ein Schwangerschaftsabbruch mit sich bringen kann und dass es doch noch Möglichkeiten gegeben hätte, das Kind „durchzubringen“. Pflegeeltern oder Adoption sind dabei nur die letzten Wege. Wie oft hilft bereits die Sicherheit, die durch entsprechende soziale Leistungen, Unterstützungsmaßnahmen des Staates, des Engagements der Zivilgesellschaft gegeben werden kann. Eine fatale Einschätzung von werdenden Müttern ist heute, sie seien vor und nach der Geburt alleine. Ja, in einer sich wandelnden Gesellschaft, in der die Anonymisierung voranschreitet und der Narzissmus sich bahnbricht, muss man befürchten, dass sich niemand dafür interessiert, wenn wir „abstürzen“. Das sollte uns zu denken geben…

Und in aller Diskussion um die Zwänge der heutigen Wohlstandgesellschaft vergessen wir die banale Freude über das Leben. Jede Mutter, die abtreibt, wird nicht diesen wunderbaren Augenblick genießen können, in dem ein Neugeborenes – ihr Neugeborenes – das Licht der Welt erstmalig sieht. Es ist ein Grund zum Jubeln, nicht die Angst darf uns reiten, wenn es um die Zukunft unseres Landes geht. Familienpolitisch haben viele Akteure der Vergangenheit versagt, weil sie gerade diese ansteckende Liebe zum Leben nicht vermitteln konnten. Weil Bürokratie die Emotionen verdrängt hat, die mit jedem neuen Kind auf diese Erde gebracht werden. Es sind Hilfemaßnahmen einerseits, vor- und nachgeburtliche Unterstützung andererseits, jedoch gleichsam auch Anreize und eine Stärkung unseres gemeinsamen Wertekanons, der Nachwuchs nicht länger als Belastung begreift, sondern ihn als das größte Geschenk überhaupt anpreist. Mir gehen diese Bilder noch nicht aus dem Kopf, von den Abtreibungen, die unzählig jeden Tag neu vollzogen werden, weil wir nicht eingegriffen haben – und sei es nur mit unserer Stimme im Wahllokal, für einen Lebensschutz, der diesen Namen auch verdient. Denn wir alle tragen Verantwortung, Geschlechtsverkehr ist nichts für den alleinigen Spaß und das Befriedigen von Trieben. Wir sind zur Fortpflanzung geschaffen worden und wissen darum, dass mit dem Akt eine Verschmelzung von Eizelle und Spermium verbunden ist – und genau zu diesem Zeitpunkt ein neues Lebewesen entsteht. Die Idee eines neuen Lebens überträgt sich, das ist die Botschaft eines jeden Beischlafes. Und würden wir ihn nicht so stiefmütterlich zur reinen Maschinerie aus Gier und Lust verkommen lassen, wüssten wir auch, welche Pflichten uns übergeben werden. Sex ist nichts für jede fünf Minuten, dafür ist er zu wertvoll. Und wüssten wir darum, bräuchten wir auch nicht ständig neue Verhütungsmethoden, die lediglich dazu dienen, unser Bewusstsein rein zu waschen von der Schuld der Auswüchse des „Verkehrs“.

Was legitim ist – und was eben nicht, das entscheidet jeder von uns mit seinem eigenen Ethos. Wir dürfen uns aber nicht beschweren, wenn uns das Mögliche letztendlich einholt und das Sinnvolle überholt. Denn nur, weil wir Kinder heute abtreiben können, heißt das noch lange nicht, dass wir das auch sollten. Eine Welt, in der es für den Menschen keine Grenzen mehr gibt, wird zu einer Bedrohung für ihn selbst. Denn seine Sündhaftigkeit kehrt dann zurück wie der Bumerang, der sich verselbstständigt hat in der Beliebigkeit der verschiedenen Ansichten. Was heute selbstverständlich ist, das ist eben noch lange nicht gut. Und nur, weil der Mensch glaubt, er habe die Befugnis, über sich und die Welt bestimmen zu können, ergibt sich noch lange kein Recht darauf, über fremdes Leben zu herrschen. Wo ist unsere Gesellschaft schon heute, wenn es nur um die Frage des Bauches der Frau, aber nicht mehr darum geht, was in ihm heranwächst? Auf den ersten Blick sind nicht alle Klientinnen dankbar, die sich in meine Beratungen begeben. Denn manches Mal bin ich vielleicht sogar zu ehrlich. Die meisten von ihnen haben aber bereits eine Karriere bei vielen Anlaufstellen hinter sich, immer wieder auch die Abtreibung. Und nein, es darf nicht um Vorwürfe gehen, sondern um die Aufklärung, dass es künftig andere Auswege gibt, auch wenn alles um uns herum für einen Moment so aussichtslos erscheint. Das nächste Kind wird seiner Mutter dankbar sein, leben zu dürfen. Und für das, das diese Freude nicht erreichen konnte, gilt unsere Trauer. Ich kann die aufgestauten Schlagadern meines früheren Religionslehrers heute nicht nur verstehen, ich verteidige sie auch. Denn es macht wütend, wenn wir eine Ignoranz erfahren müssen, die sich abhebt von jeglicher Rechtfertigung für das Selbstbestimmungsrecht der Frau, gespeist aus der persönlichen Unzufriedenheit mit Benachteiligung oder Ausgrenzung, mit dem Gefühl, ständig „diskriminiert“ zu werden. Überall dort, wo Abtreibung als eine Chance gesehen wird, kommt die Einsicht zu spät, dass wir eben doch nur Gast hier sind – und dass nicht nur (das) „Ich“ überleben möchte…

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Grünen-Fraktionschefin kritisiert Thesen in Palmers Buch“, „Badische Zeitung“ vom 31.07.2017

Ich habe Boris Palmer lange verteidigt, war er doch nicht nur ein „Realo“, sondern sah er manche Probleme, die von Teilen seiner Partei geschönt wurden, pragmatisch und vor allem kritisch.

Mittlerweile scheint er aber eine Grenze überschritten zu haben, was nicht nur den „Grünen“ schadet, sondern auch in einer geringer ausgeprägten Differenzierung von Palmers Aussagen Ausdruck findet. Wenn Afghanistan plötzlich Brasilien ist, man sich auf die zwar richtige, aber doch floskelhafte Redewendung, man könne nicht allen helfen, zurückzieht und man voreilig schwäbische Kleinstädte zum Austragungsort von Straftaten hunderter Asylbewerber ausmacht, dann hat das doch zweifelsohne etwas mit Populismus zu tun.

Dann kann das eine Partei zwar aufrütteln, es kann sie aber auch spalten. Und in der inhaltlichen Debatte führt diese Oberflächlichkeit zwar zu manch einer Wahrheit, lässt aber die Verhältnismäßigkeit eines jeden Rechtsstaates auf der Strecke. Das, was der Tübinger Oberbürgermeister früher seinen linken Parteikollegen vorwarf, das betreibt er mittlerweile selbst – allerdings in eine andere politische Richtung. Polemik hilft nie weiter, egal, woher sie denn kommt…

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Die Selbsthilfegruppe zu Hormonellen und Stoffwechselstörungen im Landkreis Konstanz hat einen neuen Schwerpunkt in die Arbeit aufgenommen. Sie spricht zukünftig auch Menschen mit Lebererkrankungen direkt an. „Endokrine Krankheiten haben unmittelbare Auswirkungen auf den Zustand der Leber, nicht nur der Diabetes mellitus“, so Leiter Dennis Riehle. „Unsere Selbsthilfeinitiative hat in den vergangenen Monaten bereits einige Anfragen von Betroffenen erhalten, teilweise geht es um Auswirkungen von Fettstoffwechselstörungen, aber auch Hormone und die Folgen der therapeutischen Behandlung dergleichen auf das Organ waren hier Thema“, berichtet der Gruppenleiter.

Die Initiative war ursprünglich gegründet worden, um Menschen mit Schilddrüsenerkrankungen, Krankheiten der Hypophyse, des Hypothalamus, der Nebenniere oder der Bauchspeicheldrüse anzusprechen. „Nachdem die Leber aber das wesentliche Stoffwechselorgan im menschlichen Körper ist, wollen wir nun auch darauf einen Fokus richten“, erklärt Dennis Riehle, der gemeinsam mit anderen Betroffenen beraten möchte: „Wie in der Selbsthilfe üblich, geben wir Tipps und Hinweise aus unserer eigenen Erfahrung. Wir sind Laien, die mit den Krankheiten leben, und daraus Erkenntnisse ziehen, die anderen Betroffenen für ihre Situation helfen können. Wir ergänzen damit die Experten mit unserem ganz individuellen Wissen“.

Nachdem sich für die Gruppe noch keine feste Zahl regelmäßiger Teilnehmer gefunden hat, wird sich die Arbeit zunächst auf das Angebot des Kontakts mit den Ansprechpartnern der Initiative konzentrieren: „Betroffene und Angehörige können sich bei uns melden, wenn sie das Gespräch mit Gleichgesinnten suchen möchten und Fragen haben, die nicht die Fachexpertise betreffen, sondern die Krankheit im Allgemeinen, den Alltag mit der Erkrankung, Erlebnisse aus Behandlung und Genesung, psychische und soziale Anliegen, aber auch, wo man Fachärzte findet oder welche Kliniken in Frage kommen könnten“, erläutert Riehle abschließend.

Die Selbsthilfeinitiative ist unter Mail: mail@hormone-stoffwechsel.de und Tel.: 07531/955401 (AB) erreichbar.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Die Deutschtürken sind nicht schuld“, „Süddeutsche“ vom 22.07.2017

Sigmar Gabriel macht den Hofknicks vor den türkischstämmigen Deutschen, weil er um das Klima unter der einflussreichen Bevölkerungsgruppe fürchtet. Dabei gibt es keinen Grund für eine Rechtfertigung zum Verhalten der Bundesregierung, die ohnehin viel zu spät auf all die Provokationen der Türkei und ihres Präsidenten Erdogan reagiert hat.

Natürlich richten sich die klaren Worte Berlins nicht in erster Linie an die Menschen in Deutschland, die türkische Wurzeln haben. Und doch sind sie Mahnung an uns alle – eben auch an die Deutschtürken: Wer in der Bundesrepublik lebt, der sollte nicht nur seinen physischen Mittelpunkt auch hierzulande haben, sondern auch seinen Geist, seine Solidarität mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung ebenso wie das Interesse am politischen Geschehen Deutschlands.

Es wirkt zweifelsohne befremdlich, wenn andernorts der Rechtsstaat ganz systematisch zurückentwickelt wird – und dafür Zustimmung von deutschen Bevölkerungsteilen kommt. Die Diskussionen, die nun wieder um den Doppelpass aufkommen, sind dabei lediglich plakativ.

Es geht viel eher um eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Frage, ob Integration nicht einmal bei denen gelungen ist, die schon in wiederholter Generation bei uns leben.

[Dennis Riehle]