Pressemitteilung

Die Selbsthilfeinitiative zu Zwangsstörungen, Phobien, psychosomatischen Erkrankungen und Depressionen im Landkreis Konstanz hat im Februar 2016 die bislang höchste Zahl an Anfragen seit Beginn ihrer Aufzeichnungen registriert. Neben 99 Mail-Anfragen gingen 58 Telefonanrufe beim Leiter Dennis Riehle ein, der den Trend seit längerem beobachtet: „Wir hatten eine beständig steigende Nachfrage, doch immer wieder mit Schwankungen. Die aktuellen Zahlen sind allerdings die eindrucksvollsten, die ich in über zehn Jahren meiner Arbeit erlebt habe“.

Gliedert man nach Krankheitsbildern, so führt die Depression als Grund, weshalb sich Menschen an Riehle gewandt: „Zu diesem Krankheitsbild meldeten sich rund 40 Prozent der Hilfesuchenden, ob Betroffene oder Angehörige. Gefolgt von Zwangsstörungen mit 35 Prozent. Angststörungen waren in etwa 15 Prozent der Fälle Ausschlag gebend, bei knapp 10 Prozent waren es psychosomatische Krankheitsbilder. Die Kontakte kamen dabei zu rund 70 Prozent aus dem Landkreis Konstanz und den umliegenden Landkreisen, auch aus der angrenzenden Schweiz. 30 Prozent aus dem restlichen deutschen Bundesgebiet“.

Die Ursache für den fortwährenden Anstieg des Bedürfnisses nach Kontakt zur individualisierten Selbsthilfe sieht Riehle in verschiedenen Erklärungen: „Einerseits nimmt kaum noch jemand regelmäßig an Gruppentreffen teil, weil Vieles über die neuen Medien einfacher ist. Andererseits möchten die Menschen punktgenaue Unterstützung für ihr eigenes Anliegen, ohne sich dabei mit denen von anderen Betroffenen auseinandersetzen zu müssen. Damit wird der eigentliche Kerngedanke der Selbsthilfe ad absurdum geführt – und es ergeben sich Trends, die auch ich als Aktiver in der ehrenamtlichen Arbeit berücksichtigen muss. Deshalb habe ich seit einiger Zeit vermehrt auf die Mailberatung und das Angebot telefonischer Kontaktaufnahme umgestellt“.

Dass gerade bei den seelischen Erkrankungen die Dimensionen derart steigen, beurteilt Riehle differenziert: „Wir würden es uns zu einfach machen, wenn wir lediglich behaupteten, dass die Menschen dauernd psychisch kränker würden. Zweifelsohne sind bei den neurotischen, phobischen und Belastungsstörungen, die stark auf äußere Einflüsse reagieren, sicherlich Zunahmen der Krankheitszahlen zu beobachten. Da tun komplexe Lebenssituationen, Stress am Arbeitsplatz und genereller Leistungsdruck ihr Übriges. Vielmehr müssen wir aber glücklicherweise auch attestieren, dass sich Betroffene seit einigen Jahren viel schneller als früher niederschwellige Hilfe suchen, weil die Stigmatisierung der psychischen Krankheiten ganz langsam abnimmt“.

Dadurch sieht Riehle auch Herausforderungen für die Hilfeleistenden: „Wir müssen insgesamt aufpassen, dass wir das Versorgungssystem nicht überlasten. Und dabei spreche ich von professionellen wie von freiwilligen Kräften. Bedauerlicherweise sind die Folgen eines ‚kosteneffizienteren‘ Gesundheitswesens schon heute für die stationären, niedergelassenen und ehrenamtlichen Unterstützer spürbar. Kürzere Verweildauern im Krankenhaus führen zu häufigeren Ansprüchen auf ambulante Hilfe, obwohl die Zahl der Psychotherapie-Plätze ohnehin deutlich zu niedrig ist. Zudem hat bisher die neue gesetzliche Regelung eines besseren Aufnahme- und Entlassmanagements noch nicht gegriffen. Obwohl die kommunale Bedarfsplanung hervorragend ist, sind es Bundesgesetze, die an der Realität leider umfassend vorbeigehen. Als Resultat landen viele Betroffene dann als ‚Übergangslösung‘ bei der Selbsthilfe. Eigentlich können wir diese Aufgabe aber nicht übernehmen, sondern ergänzend zu den Hauptamtlichen wirken. Doch alleine lassen wollen wir die Menschen auch nicht“, so Riehle abschließend, der als selbst Betroffener entsprechende Erfahrungen teilen kann.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Vor allem für die protestantischen Christen ist es der höchste Feiertag im Kirchenjahr: Ostern ist wie kein anderes Ereignis mit einer wundersamen Bedeutung verbunden – und hat eine entsprechend große Aussagekraft für die Gläubigen. Nur für die Gläubigen? Nein, ich denke, wir können vom Osterfest alle etwas lernen. Dazu braucht es nicht zwingend ein christliches Bekenntnis, sondern lediglich ein wenig Verständnis für das menschliche Leben. Und vielleicht ist es gut, wenn sich nicht nur Christen mindestens einmal im Jahr Zeit dafür nehmen, sich der Botschaft bewusst zu werden, die von diesen biblischen Tagen auszugehen vermag.

Ich gebe zu: Die Auferstehung Jesu war für mich ein wesentlicher Grund, von meinem christlichen Glauben abzufallen. Ich kann mir nicht vorstellen, was dort geschrieben steht, von einem weggerollten Stein und einem leeren Grab. Möglicherweise war Jesus gar nicht „tot“, wäre es durch wissenschaftliche Belege doch gut denkbar, dass er trotz der schweren Verletzungen, die er durch die zweifelsohne glaubwürdige Kreuzigung, die für „Straftäter“ damals ja gängig war, erlitten hatte, „nur“ das Bewusstsein verlor. Den Tod wirklich feststellen, das war zu den damaligen Zeiten schwierig. Aber spielt das letztlich für die Parabel überhaupt eine Rolle, die uns diese „Heilige Schrift“ – ob wir sie nun als Gottes Wort oder als Märchenbuch verstehen – vermitteln will?

Für mich ist die Lebensgeschichte von Jesus beeindruckend. Ich glaube nicht an seine Wunder, ich glaube auch nicht daran, dass er ein „auserwählter Sohn“ war. Aber sicherlich war er jemand, der mitreißen konnte, der zu predigen wusste und der Menschen in seinen Bann ziehen konnte. Und ich meine, er hat damit nichts Schlechtes getan, im Gegenteil. Hoffnung mag etwas für die Seele sein, das ist nichts für Vernunft und Rationalität. Und doch brauchen wir Emotionen und Gefühle, Perspektiven und verlässliche Parameter, um zu überleben. Der Mensch ist eben doch nicht nur Fleisch allein, um auch mit diesem Vergleich wieder religiös zu werden.

Jesus hat während der Ostertage in kurzer Zeit das durchschritten, wovon unser Leben ständig geprägt ist: Höhen und Tiefen. Dort, wo er das Kreuz getragen hat, lasten auch auf uns tägliche Sorgen, Ängste, Nöte. Und selbst derjenige, der nicht an Gott glaubt, fragt sich manches Mal, warum er so verlassen dasteht. Wenn wir uns alleine vorkommen, zurückgesetzt und mit der Schwere der vielen Anforderungen übermannt, dann ringen auch wir. Da verschwindet Vertrauen – in uns selbst, in unsere Mitmenschen, bei Manchen eben auch in Gott. Wie oft kam auch ich mir schon so ausgeliefert vor, dass ich überzeugt war, man habe sich gegen mich verschworen. Doch genau dann ächze auch ich: Woher kommt mir die Hilfe, die ich bräuchte?

In Gott erwarte ich sie nicht mehr. Dazu wurde ich zu oft von ihm enttäuscht. Bei mir erwächst sie dann eher aus dem Wissen heraus, dass ich auch schon diverse andere Situationen gemeistert habe. Es ist also die Gewissheit auf eine Wendung. Biblisch gesehen vollzieht sich diese an Ostern durch ein Wunder. Hängen wir die Latte nicht ganz so hoch, so ist es zumindest die Aussicht auf bessere Zeiten. Wer schon einmal tiefe seelische Krisen überstanden hat, der weiß, dass der schwarze Tunnel lang sein kann – länger als der zwischen Karfreitag und Ostersonntag. Doch die Erfahrung, dass sich dann auch wieder Licht auftut, ist tatsächlich ein wundersames Erlebnis, auch wenn dieses wenig mit überirdischen Mächten zu tun hat.

Sich bewusst zu machen, dass die Kraft gegen unser Verzagen dadurch entsteht, in den schwierigsten Momenten auf sich selbst setzen zu können – das ist für mich wahrer Humanismus. Und gleichzeitig lehrte mich diese Einsicht die Moral der Ostererzählungen. Anzunehmen, dass zur menschlichen Existenz auch das Leid gehört, ist eine Mahnung und Aufforderung zugleich. Denn in einer Zeit, in der wir versuchen, möglichst viel davon von uns fernzuhalten, ist es ein Wagnis, uns solche Tiefschläge auch zuzumuten. Wenn wir bestrebt sind, uns nicht länger mit Schmerz und anderen bedrückenden Gefühlen konfrontieren zu wollen, sind wir auch nicht gerüstet für die „Auferstehung“, für das Spüren von Lebendigkeit.

Manchmal kann es wirklich ganz aufbauend sein, sich zwischenzeitlich mal wieder klar darüber zu werden, wie wertvoll unser Dasein eigentlich ist. Uns trotz menschlichem Egoismus eine gewisse Demut anzueignen. Nicht, weil wir uns einem Gott unterordnen müssten, sondern weil solch eine Einstellung neue Gelassenheit gibt, eben gerade mit den Niederlagen umzugehen, Schicksale anzunehmen und daraus Trost zu entwickeln. Denn egal, ob wir am Karfreitag bedächtig sind oder tanzen wollen, kommt für jeden unter uns wieder derjenige Zeitpunkt, an dem wir wirklich gefordert sind. Und wie gern erinnern wir uns dann daran, am Ostersonntag den Gottesdienst besucht – oder eben auch den Schokoladen-Hasen verdrückt zu haben…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Kommentar

Kürzlich ging ein Aufschrei durch die Republik: Ein erst 13-Jähriger hatte einen Freund offenbar beim Spielen getötet. Nie zuvor war der Täter auffällig gewesen, für den schrecklichen Vorfall gab es zunächst keine Erklärung. Ohne die Ermittlungen abzuwarten, ließen die Reaktionen aus einigen gesellschaftlichen und politischen Kreisen nicht lange auf sich warten: Die Strafmündigkeit von derzeit 14 Jahren müsse herabgesetzt werden, damit künftig auch jüngere Täter wie der jetzige strafrechtlich verfolgt werden könnten. Ähnlich ein Jahr nach dem „Germanwings“-Absturz: Mit wilden Zuschreibungen an den Co-Piloten vom „Massenmörder“ bis hin zu „Wir werden nie verzeihen“ machten sich nicht nur Angehörige der Opfer ihrer Wut Luft. Oder auch, als neulich wieder Daten über Übergriffe auf Polizeibeamte öffentlich wurden – das Rufen nach härteren Strafen war die prompte Antwort aus dem zumeist bürgerlich-konservativen bis hin zu rechtsradikalen Lager.

Reflexartig sind viele von uns mit der Justiz unzufrieden: Zu harmlos sei sie, würde sich zu sehr an den Tätern orientieren. Ich halte entgegen: Unsere Rechtsstaatlichkeit baut vornehmlich auf dem Prinzip der Balance auf. Und sie besagt, dass es nicht nur gegenüber den Opfern, sondern auch gegenüber den Verursachern gerecht zugehen muss. Da ist kein Platz für Populismus. Nicht umsonst ist Justitia blind und mahnt zur unabhängigen Entscheidung. Zurufen aus welchen Ecken auch immer darf sie nicht nachgeben, denn Demokratie würde sich erpressbar machen, wenn diejenige der drei Gewalten, die letztlich über alle Entscheidungen wachen muss, auf Befindlichkeiten der Öffentlichkeit eingehen würde. Schon viel zu oft mussten wir den Eindruck gewinnen, dass Urteile von Wünschen der einzelnen Beteiligten oder aber auch der medialen Berichterstattung geprägt waren. Da darf es keine Versuchung geben, sich Polemik hinzuwerfen.

Und wenn die richtende Dame mit ihrer Waage in den Händen auf die Verhältnismäßigkeit aufmerksam macht, dann hat das wenig mit Nachsicht zu tun. Viel eher steht diese Mahnung für ein vernunftmäßiges Abwägen in allen Prozessen. Und so bleibt es eine Frage von Rationalität, Kinder unter 14 Jahren nicht zu verurteilen, sondern ihnen zu helfen. Weder ihre Einsichtsfähigkeit ist derart gewährleistet, dass Bestrafung überhaupt Sinn ergeben würde. Noch wäre hier ausreichend gesichert, dass man die offenkundig tiefliegenden Ursachen erkunden und dem ja gerade erst am Anfang eines Lebens stehenden Menschen irgendwann eine Zukunft ohne Vorbelastung garantieren könnte. Gegner einer solchen Haltung würden nun erwidern, auch das Opfer habe kein Leben mehr vor sich, es ist tot. Man fragt sich nur: Was hätten wir davon, wenn auch der Täter nun mit größter Härte bestraft würde? Allein unsere Sehnsucht nach Rache würde befriedigt, denn Gerechtigkeit wäre keinesfalls hergestellt. Sie ist als subjektives Empfinden ohnehin kein guter Gradmesser, müsste für objektive Maßstäbe doch davon ausgegangen werden, dass Vergleichbarkeit besteht. Solange aber Außenstehende Richter sind, wird sich Rechtschaffenheit nur bis zu einer normierten, nicht aber differenzierten Ebene durchsetzen lassen.

Um in unseren menschlichen Grenzen überhaupt urteilen zu können, ist es gleichsam nötig, Rahmenbedingungen zu schaffen. Dazu gehört die natürliche Voraussetzung, wonach vor Gericht alle gleich sind. Doch ist das heute wirklich so? Greift ein Demonstrant einen Polizisten an, so soll er nach Meinung mancher Politiker scharf bestraft werden. Schlägt ein Polizist im Einsatz zu, wird dies im besten Falle milde abgetan, so zeigen es die Erfahrungen. Ist eine Körperverletzung deshalb schwerwiegender zu beurteilen, weil sie an einem Beamten begangen wurde? Und warum kommt es gerade dann, wenn der Verdacht einer Straftat „im Amt“ aufkommt, so häufig zu Einstellungen von Verfahren? Möglicherweise ist unser Rechtssystem schon heute viel zu anfällig für den klientelhaften Einfluss diverser Gruppierungen. Da wird wuchtig argumentiert, warum die gleiche Tat an unterschiedlichen Personen bei gleichen Umständen auch zu verschiedenen Urteilen führen soll. Dort, wo sonst das Drücken auf die Tränendrüse als unredliche Maßnahme der Verteidigung bemängelt wird, wird Psychologie plötzlich zum Wegweiser für Strafzumessungen.

Dass man aber nur auf die Seele blickt, wenn es um die eigenen Belange geht, zeigt auch die Tatsache, dass Gnadenlosigkeit gegenüber den Anderen bis heute Konjunktur hat. Bei schwersten Verbrechen bricht gerade aus den extremen Nischen rechtsaußen die Forderung nach der Rückkehr der Todesstrafe auf. In der Schweiz war man kurz davor, ein Referendum über die Wiedereinführung zu starten. Doch mehr als das „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ können die Befürworter nicht an Begründung liefern, wenn es darum geht, weshalb wir sie denn wieder bräuchten. Vergeltung und die zur Schaustellung von der Macht des Staates – mehr als ein selbstgerechtes Beweisen von Stärke ist es nicht, denn wer sich langfristig am Tod eines Anderen ergötzt, hat die Weltordnung eines aufeinander angewiesenen Miteinanders nicht verstanden. Man muss nicht einmal die Diskussion bemühen, ob es dem Staat – und schon gar nicht Opfern oder sonstigen Dritten – überhaupt zustünde, einen Täter auf diese Art und Weise zu richten, ohne dabei nicht in willkürliche Besessenheit nach egozentrischer Überheblichkeit zu verfallen. Denn selten hat man Hinterbliebene oder Geschädigte von Straftaten gesehen, die durch das größtmögliche Strafmaß für ihre Peiniger eine dauerhafte Zufriedenheit verspürten. Den Schmerz nimmt eine Verurteilung nicht, er kann nur aufgearbeitet werden.

Und so trägt sowohl die Opfer, aber auch die Täter der Gedanke von Reue viel mehr. Es ist niemandem abzuverlangen, nach einer Straftat zu verzeihen. Und jeder benötigt seine eigene Zeit, um möglicherweise ein Fehlverhalten des Gegenübers zu vergeben. Manches Mal gelingt es auch gar nicht. Und gleichsam sind es gerade diejenigen Täter, die im Strafvollzug durch Unterstützung zur Einsicht gelangen, für ihre Verantwortung einzustehen, die am Ende die besten Aussichten auf eine Resozialisierung haben. Sie haben es verdient, dass ihr Versuch um Entschuldigung zumindest angehört wird. Wer versteht, wie es zu einer Tat gekommen ist und wer gleichzeitig in die Lage versetzt wird, Ursachen hierfür herauszufinden und an ihrer Beseitigung zu arbeiten, der kann überzeugend auf die zugehen, denen durch sein Handeln schreckliches an Leid zuteilwurde. Opfer-Täter-Ausgleiche, aber vor allem die intensive psychotherapeutische, sozialpädagogische und medizinische Betreuung sind daher ein wesentlicher Schritt, um neue Straftaten zu verhindern, viel eher aber, um Rechtsfrieden zu schaffen. Und ja, auch wenn es manch Hardliner nicht gern hört: Auch im Gefängnis und vor Gericht gelten die universellen Menschenrechte. In einer Demokratie besteht der unabänderliche Anspruch auf humane Behandlung, auf gesundheitliche und soziale Unversehrtheit – eben auch hinter Gittern. Und nein, da wird nicht der, der straffällig wurde, auch noch umsorgt, sondern da werden Standards realisiert, die wir aus Werten der Aufklärung errungen haben.

Nicht das Pauschale trägt unser Rechtssystem, aber auch nicht die Gefühle. Viel eher sind wir in Justiz und Strafvollzug heute mehr denn je darauf angewiesen, aus Pflicht zur Menschlichkeit mit Unbefangenheit eine konstruktive Zukunft für alle Beteiligten zu entwickeln. Dass Täter die Rechte des Opfers missachtet und oftmals gar zerstört haben, ist nicht zu rechtfertigen. Aber es steht uns nicht zu, die eines anderen nun ebenso zu nehmen. Humanität ist manches Mal schwer auszuhalten – und trotzdem ist sie nötig, um eben gerade nicht denen Platz zu lassen, die am lautesten schreien und für sich proklamieren, die Welt zu richten. Nein, nicht Emotion oder auch Streit sollten uns in unseren Forderungen an die Justiz und ihre Urteile prägen, sondern die Bereitschaft, daran zu arbeiten, auch weiterhin Gerechtigkeit zu fördern. Dazu gehört eine Reform des Strafvollzuges, die auch denjenigen Perspektiven eröffnet, die wieder Teil der Gesellschaft werden können und wollen. Dazu gehört aber auch eine veränderte gesellschaftliche Einstellung zu dem, worüber heute meist nur dann gesprochen wird, wenn Hetze und Verurteilung auf den Plan rücken: Straftaten gehören zu unserer Realität – und auch bei notwendiger und weiter zu ermunternden Prävention wird es sie immer geben. Deshalb braucht es Fürsprecher, die sich gegen opportunistische Erregung stellen, wenn es darum geht, die scheinbare Aufrichtigkeit der Justiz für sich zu vereinnahmen…

[Dennis Riehle]

Kommentar

Sexuelle Vielfalt soll heute möglichst früh ansetzen. Das zeigte nicht zuletzt der Bildungsplan des Landes Baden-Württemberg, der in der Schule bereits die Bandbreite aller nur denkbaren Konstellationen des geschlechtlichen Zusammenlebens als gleichwertig vermitteln will. Kinder sollen am besten bereits im Kindergarten die ersten Erfahrungen sammeln, um sich in der Welt des alles Machbaren zu orientieren. Sie dürfen sich ausprobieren, um die verschiedensten sexuellen Orientierungen und Neigungen kennenzulernen. Was noch vor einiger Zeit in der Pubertät stattfand, soll heute offenbar schon im Vorschulalter abgeschlossen sein. Der Eindruck trügt nicht, wenn man vermutet, dass es dabei gewünscht ist, nicht mehr „normal“ zu sein – eben gerade nicht die natürliche Form des Miteinander aus männlichem und weiblichem Geschlecht zu entdecken, sondern viel eher durch das „Spielen“ mit allen Ausdrucksformen dorthin gedrängt zu werden, wo der Gender Mainstream die Erwachsenen der Zukunft haben möchte – unter „queeren“ Menschen.

Ein interessantes Symposium zu diesem Thema veranstaltete der Bundesverband der „Arbeiterwohlfahrt“ (AWO). Unter dem Titel „Vielfalt statt Einfalt – Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt als Themen für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen“ diskutierten Fachleute über die Fragestellung, wie die Pädagogik der Moderne auf die unterschiedlichen Interessen der Kleinsten eingehen kann. Bezeichnend in der Dokumentation über die Veranstaltung: Offenbar gehen die Experten wie selbstverständlich davon aus, dass Kinder heute bereits wissen, ob sie homo-, bi-, transsexuell sind – oder, was in der gesamten Niederschrift allerdings nur bescheiden dargestellt wird, möglicherweise sich doch erlauben, den traditionell heterosexuellen Weg einzuschlagen. Erzieher und Lehrer sollen Rücksicht auf die Gefühle und die Befindlichkeiten von Jugendlichen mit ihren verschiedenen sexuellen Orientierungen und Neigungen, mit ihrem Geschlecht und ihrer Identität nehmen. Dass sie erst einmal bei dieser sensiblen Suche nach der eigenen sexuellen Persönlichkeit unterstützt werden müssten, darauf kommt niemand. Scheinbar mit dem Tag der Geburt ist für die AWO festgelegt, ob ein Kind schwul sein wird oder sich möglicherweise als Transvestit outen möchte.

Wichtiger als die Hilfe bei der Selbstfindung ist die Stärkung gegen die Anfeindungen der Umwelt, glaubt das Symposium. Denn immerhin seien „queere“ Jugendliche deutlich häufiger von Gewalt, Ausgrenzung und seelischen Problemen bedroht. Über die Ursache schweigt man sich dabei aus – Schuld ist immer die Außenwelt. Dass gerade der Zwang zur frühzeitigen Sexualisierung den größten Schaden anrichtet, verschweigen die Fachpersonen. Wer „alles“ sein kann, verirrt sich. Nicht das Mobbing wegen des Andersseins, sondern das beklemmende Gefühl, mit sich und der Unklarheit über das eigene „Ich“ überfordert zu sein, ist Ausschlag gebendes Kriterium für psychische Krisen. Und daran trägt vor allem der Drang zur „Geschlechtervielfalt“ seine Verantwortung. Denn er ist eben keine Freiheit, sondern schränkt die Rechte der Kinder auf eine unabhängige Entwicklung massiv ein. Ja, Jugendliche sollen selbst entscheiden können, wen sie lieben. Aber dann lassen wir sie bitte auch frei darüber befinden und beeinflussen sie nicht durch genderisierte Vorlieben nach Offenheit und Grenzenlosigkeit in alle Richtungen. Kinder haben ein gutes Gespür dafür, wann sie sich versuchen möchten. Auch bisher funktionierte das problemlos – ohne Sexualkunde im Kindergarten und geschlechterneutrale Lehrmaterialien. Niemand wurde durch Mann und Frau in der Textaufgabe verstört. Und es war kein Weltuntergang, wenn ein Kind auch mit 10 Jahren noch nicht wusste, wen es liebt. Wer meint, Vorgaben über den Weg machen zu müssen, den Jugendliche vollkommen selbstständig einschlagen, nimmt den Heranwachsenden ihre wohlverdiente Kindheit. Und dass sich heute ganze Symposien darum bemühen, „sexuelle Vielfalt“ unter Jugendlichen zu lenken, ist abstoßend.

Besonders amüsant, aber gleichsam erschreckend sind in diesem Zusammenhang auch die Handlungsempfehlungen der AWO an die Lehrkräfte: Nicht nur, dass sie ihr gesamtes Tun auf eine sexualisierte Pädagogik ausrichten sollen und damit nur noch wenig Spielraum für die eigentlichen Inhalte bleibt, die Kindergarten und Schule vermitteln sollten. Erzieher dürften bei der Vielzahl an Anweisungen aus dem Nachdenken gar nicht mehr herauskommen, um nicht in ein „Fettnäpfchen“ zu treten. Denn auch die Sprache muss stimmen. Wer zu einer Gruppenarbeit aufruft, solle nicht mehr nach Mädchen und Jungen einteilen, sondern viel eher sagen: „Alle, die Perlenarmbänder machen wollen, kommen bitte zu mir!“. Und nach den Unisex-Toiletten dürfte es bald auch Umkleidekabinen für alle geben. Denn es wird empfohlen, nicht mehr nach Jungs und Mädchen zu unterscheiden, sondern: „Alle, die die Jungsumkleide nutzen wollen, gehen bitte dort nach rechts!“. Doch was sagen eigentlich die Jungs, die vielleicht ungestört unter sich sein möchten? Selbstbestimmungsrechte kollidieren dort, wo sie jene des Anderen einschränken. Daran denkt bei der AWO wohl keiner. Und überhaupt: Was wäre, würde man hier andersherum formulieren? Darf dann künftig jeder in die Mädchenumkleide, der sie nutzen will? Dass daraufhin unter manchen Eltern berechtigterweise der Teufel los wäre, scheint egal. Hauptsache, die Geschlechtervielfalt wurde eingehalten. Der Ratschlag der Experten heißt: „Nutzen Sie inklusive Formulierungen“.

Die Abschaffung des „Normalen“ mögen Viele als Errungenschaft ansehen. Wir reißen damit aber den Leuchtturm ein, der in einer ohnehin komplexen Welt eine Richtschnur dessen war, was gerade für diejenigen auf der Suche überlebenswichtig ist: Orientierung. Wer eine Reise plant, beginnt auch selten Jahre zuvor mit dem Kofferpacken. Welch Bevormundung und Überbehütung ist es, wenn wir den Jüngsten schon „Angebote“ zur sexuellen Identitätsfindung machen, aus denen sie wählen können! Wie wenig Vertrauen haben wir in sie, wenn wir nicht einmal darauf warten können, welche Erfahrungen und Entdeckungen, welche Erlebnisse und Eindrücke sie in der Pubertät sammeln und gewinnen! Es ist allein unsere Ungeduld, die uns antreibt, unsere Selbstsucht nach Verwirklichung, die wir nun durch das Bedrängen unserer Kinder zu kompensieren versuchen. Wüssten die Kleinsten, welch Gedanken wir uns um sie, ihre sexuelle Identität, Neigung und Vorlieben machen würden, hielten uns sicher einige von ihnen für völlig verqueert…

[Dennis Riehle]

Lesermeinung

Zweifelsohne lässt sich aus den Vorschlägen von Oberbürgermeister Uli Burchardt eine gewisse Richtung ablesen, die dahin deutet, dass der Gemeinderat einerseits Verantwortung abgeben, andererseits aber mit mehr Aufwandsentschädigung zu diesem Machtverzicht hingelockt werden soll.

Man kann mutmaßen, welche Beweggründe den OB zu diesen Anträgen treiben, sicherlich weiß auch er darum, dass Volksherrschaft nicht immer einfach ist – und gerade auf örtlicher Ebene anstrengend sein kann. Doch das ist keine Rechtfertigung, den ohnehin begrenzten Einfluss des legislativ-exekutiven Vermittlers „Gemeinderat“ zu beschneiden.

Gerade im kommunalpolitischen Prozess ist die Stimme des Bürgers wichtiger denn je. Nirgendwo sonst sind die Menschen derart direkt von Entscheidungen betroffen wie in der eigenen Stadt. Daher brauchen sie gerade dort auch ein kraftvolles Mitspracherecht. Und bei den mangelhaften Möglichkeiten der Partizipation in einem repräsentativen System ist jeder Versuch, dem Gemeinderat Befugnisse zu nehmen, ein Angriff auf den Souverän.

Wenn sich Burchardt um zu viel Arbeit für sich und seine Räte sorgt, dann braucht es Strukturreformen, aber keine zweifelhaften Anreize, dem Gremium mit Geld seine Bedeutung zu nehmen. Das wäre nämlich nicht nur eine suggestive Manipulation der Mandatsträger, sondern auch ein demokratisch höchst bedenklicher Schritt.

[Dennis Riehle]

Lesermeinung

Schon fast selbstverständlich gaben sich CDU-Landeschef Strobl, FDP-Spitzenkandidat Rülke und – etwas leiser – CDU-Herausforderer Wolf nach den verfestigten Ergebnissen aus der Landtagswahl der Auffassung hin, wonach die CDU den Regierungsauftrag erhalten habe. Man strebe die sogenannte „Deutschland-Koalition“ aus Schwarz, Rot und Gelb an, war zu hören.

Doch ob nicht Ministerpräsident Kretschmann nun an der Reihe sei, entgegneten die etwas verdutzten Journalisten. Nein, schließlich habe „Grün“ vor fünf Jahren auch nur mit 24 Prozent die Regierung gebildet, meint die FDP. Kretschmann erwiderte daraufhin, dass aber auch er damals der Sieger gewesen sei.

Ist die stärkste Kraft automatisch Gewinner – oder nicht doch eher die, die am deutlichsten zulegen konnte? Die CDU dürfte auf großes Unverständnis mit ihrem Ansinnen stoßen, an dem beliebten Ministerpräsident der Grünen vorbei eine Koalition bilden zu wollen. Denn wenngleich es 2011 noch eine Definitionssache war, wer denn nun die Wahl gewonnen hat, ist es dieses Mal eindeutig: „Bündnis 90/Die Grünen“ sind nicht nur stärkste Kraft, sie haben auch hinzugewinnen können. Beides erfüllen die Christdemokraten nicht.

Deshalb wäre es ein klarer Verrat am Souverän, nach den eindeutigen Machtverhältnissen 2016 an den Zahlen zu deuteln. Und sowohl CDU als auch SPD würden ihr nächstes Debakel erleben, wenn sie den Schlag ins Kontor nicht verstanden hätten.

Und a propos FDP: Selten hat man einen derart störrischen Kandidaten wie Herrn Rülke gesehen. Wie ein kleines Kind, bockig und zu nichts bereit. Er wirkte gar so abgehoben, dass sich selbst der Landesvorsitzende sichtbar für den Frontmann schämen musste…

[Dennis Riehle]

Kommentar

Sieht man die Landtagswahl in Baden-Württemberg aus dem Blickwinkel säkularer Interessen, muss man eine krachende Niederlage attestieren: Mit dem haushohen Sieg der „Grünen“ sind die Positionen von Freidenkern, Atheisten und Konfessionsfreien keineswegs gestärkt worden. Zwar nahm man die „Grünen“ bislang stets als tolerante Partei wahr; im „Ländle“ sind sie aber mehr denn je geprägt von den christlichen Werten und stehen den maroden Positionen der Vorgängerregierung aus Schwarz-Gelb in kaum etwas nach. Und auch wenn einzelne humanistische Verbände in den vergangenen Jahren der rot-grünen Koalition bemerkt haben, dass sich das Gesprächsklima mit der Politik besserte, resultierte daraus nur wenig Greifbares. Die Lockerung der Tanzverbote an den Feiertagen fiel geringfügig aus, an den wesentlichen Grundzügen einer konfessionell orientierten Schulpolitik rüttelte auch unter Kretschmann niemand. Im Gegenteil: Der beliebte Ministerpräsident machte aus seiner religiösen Prägung kaum einen Hehl. Dazu brauchte es nicht einmal seine Offenbarung, regelmäßig für die Kanzlerin zu beten. Und als Ergebnis aus den Wahlprüfsteinen vor der Landtagswahl ergab sich ebenso, dass die „Grünen“ an einem christlich dominierten Baden-Württemberg festhalten wollen. Allerhöchstens ein Nebeneinander der verschiedenen Weltanschauungen, aber keinesfalls weniger Religion, so scheint ihre Devise.

Betrachten wir nun die möglichen Koalitionsvarianten, kann aus den milden Fortschritten in Sachen Religionspolitik der letzten Jahr nun wieder nur ein Rückschritt resultieren: Findet sich ein Bündnis aus Grünen und CDU, dann kommen zwei bekennende Christen zusammen, die sich zumindest in der Frage der Bedeutung des Glaubens einig sein dürften. Kretschmann und Wolf vertreten teils konservative Forderungen aus ihrem religiösen Bekenntnis heraus. Wolf ist beständiger Teilnehmer am „Blutritt“ in Weingarten, einer katholischen Prozession mit tiefgläubiger Bedeutung. Kretschmann unterstrich immer wieder, wie sehr sein Handeln durch sein Gottvertrauen geprägt sei. Als Ministerpräsident war er beständiger Gast bei den Bischöfen und lud vor allem Kirchenvertreter bei wichtigen Fragen zum Bildungsplan oder dem Bündnis für Toleranz und Vielfalt zu sich ins Staatsministerium ein.

Entscheidet man sich dagegen für die sogenannte „Deutschland-Koalition“, so würde die CDU den Ministerpräsidenten stellen und in Sachen Religionspolitik zurück in die Tradition von Teufel, Oettinger und Mappus fallen, die nie einen Zweifel daran ließen, dass Baden-Württemberg in der Ehrfurcht vor dem Höchsten zu regieren sei. Und auch die Koalitionspartner würden hieran nichts ändern können – und wollen: Lediglich die schwache SPD, die in einer solchen Regierung angesichts ihres desaströsen Ergebnisses in der Bedeutungslosigkeit versinken würde, hatte im Vorfeld auf entsprechende Wahlprüfsteine eine geringfügige Bereitschaft zu mehr Säkularismus erkennen lassen. Doch selbst, wenn sie hierbei auch zu konkreten politischen Taten bereit wäre, wird sie nun zunächst mit sich selbst befasst sein und allenfalls Projekte ansteuern, mit denen sie sich in der Breite profilieren kann. Und die FDP: Sie gab sich trotz des Kapitels „Liberaler Humanismus“ in ihrem Parteiprogramm vor der Wahl als die nahezu bewahrendste Kraft, wenn es um die Frage ging, an der Vormacht der Kirchen etwas zu ändern. Auffallend störrisch lehnte sie kategorisch alles ab, was in Richtung mehr Offenheit zur gesellschaftlichen Realität, nämlich der zunehmenden Konfessionslosigkeit, gehen könnte. Die Liberalen scheinen ohnehin die Blockierer der neuen Legislatur: Aus ihrem Tief scheinen sie nichts gelernt zu haben, tritt Spitzenkandidat Rülke mit seinen bescheidenen acht Prozent doch derart selbstbewusst auf, dass es auf seine Parteifreunde fast peinlich wirkt. Einer „Ampel-Koalition“ verweigert er sich, was letztlich die einzige Alternative gewesen wäre, unter der säkulare Forderungen möglicherweise die Chance auf Anklang gehabt hätten.

Der fulminante Einzug der AfD ins Parlament wird zu keinen Vorteilen für Anliegen aus der Ecke der Konfessionsfreien und freidenkerischen Atheisten führen. Zwar verspricht die „Alternative für Deutschland“ eine fortdauernde Islamkritik. Sie hat aber wenig mit einer Religionskritik im eigentlichen Sinne zu tun. Hinter ihr verbergen sich Ressentiments gegenüber fremden Kulturen, nicht das Beanstanden des Religiösen ist ihr Thema. Und bei genauerem Hinsehen ist die AfD gerade auch in Baden-Württemberg in Wahrheit durchsetzt von einer Vielzahl fundamentaler Christen, die oftmals aus der evangelikalen und streng katholischen Überzeugung heraus zu dieser Protestpartei gewechselt sind. Es finden sich Funktionäre der ehemaligen Kleinstparteien AUF („Arbeit, Umwelt, Familie – Christen für Deutschland“) und PBC („Partei Bibeltreuer Christen“), die heute zum „Bündnis C“ verschmolzen sind und in diesem Prozess zahlreiche Anhänger an die AfD verloren haben. Die AfD gilt als Bewahrer des christlichen Abendlandes – und hat nichts mit dem Eintreten für säkulare Interessen zu tun.

Die einzige Hoffnung hätte bei DIE LINKE gelegen, die im Vorfeld zumindest in Wahlprüfsteinen deutliche Sympathien für die Anliegen aus der humanistischen Perspektive erkennen ließ. Auch wenn sich in ihren Reihen verschiedene Bewegungen auftun, die einerseits mit den Kirchen kokettieren, andererseits noch ihre Richtung im Umgang mit dem Glauben suchen, gibt es eigene innerparteiliche Arbeitsgemeinschaften, die ernsthaft über ein vernünftiges Miteinander der Religionen nachdenken. So hätte DIE LINKE ein Hoffnungsschimmer sein können – auch wenn sie lediglich als eine Oppositionspartei in den Landtag eingezogen wäre. Und die „Piraten“? Ihnen kann man zweifelsfrei eine große Offenheit gegenüber aufklärerischen Anliegen attestieren, interne Gruppierungen befassen sich mit Humanismus, Säkularismus und Laizismus – doch erreichte die Partei flächendeckend kaum mehr als ein Prozent der Stimmen. Ausschließlich als außerparlamentarische Opposition kommen beide letztgenannten also in Betracht, um der neuen Regierung Baden-Württembergs – wie immer sie auch aussehen mag – in Sachen Grundrecht auf Religions-Freiheit kritisch auf die Finger zu schauen…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Glosse

Entrüstet zeigte sich die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer über das Programm der „Alternative für Deutschland“. Rückwärtsgewandt, veraltet. Tatsächlich stehe da doch drin, Mütter sollten sich um ihre Kinder kümmern! Ja, ein Skandal! In Zeiten der Selbstbestimmung der Frau von einer Mutter zu verlangen, sich bis zum 3. Lebensjahr um das aufwachsende Kind zu mühen, ist tatsächlich ein enormer Einschnitt in die Freiheit der Emanzipierten! Wie könne man es nur ablehnen, Tagesbetreuung für „U3“ auszubauen – und damit die Frauen wieder zurück an den Herd zu verbannen, ihnen zu verweigern, arbeiten zu gehen! Das kenne man von Wahlplakaten der CDU und SPD aus den 70er-Jahren. Was damals gut war, muss heute „bäh“ sein!

Das Vertrauen der Regierenden in ihre eigene Politik scheint groß zu sein, wenn sie offenbar glauben, Frauen würden nach einer Auszeit für die Erziehung nicht mehr zurück in den Arbeitsmarkt finden. Nein, nicht die immer größeren Investitionen in Kindertagesstätten, sondern die Entlastung der Frauen, die sich bewusst eine Pause nehmen, um für ihr Kind da zu sein, wäre ein Signal dieser Tage, in dem wir nur noch auf Leistung aus sind. Gebären – und danach zurück an den Schreibtisch. Was aus den Kindern wird, ist dabei egal. „Ich“, das ist das neue Stichwort. Ein Baby in die Welt gesetzt – um den Rest kümmert sich dann schon der Staat. Dass wir bereits heute die ersten Folgen dieser Entfremdung von Müttern gegenüber ihren Kindern sehen, ist eine Tatsache, wenn man sich die wachsenden seelischen Nöte von Jugendlichen ansieht. Hilflosigkeit in Entscheidungen, Überforderungen mit dem Alltag.

Stattdessen konnte Mama Karriere machen. Und sie ist gleichberechtigt. Dass damit die natürliche Rollenverteilung wegdiskutiert wird, scheint gerade diejenigen, die immer wieder auf ihr „Frausein“ beharren, wenig zu stören. Das Alleinstellungsmerkmal, wonach das weibliche Geschlecht es ist, das Geschenk der Geburt überhaupt erst herbeizuführen, wird nicht mehr gewürdigt, sondern eher als Laster abgetan. Kinderkriegen zur alleinigen Nachwuchssicherung, der später einmal die Rente absichern dürfte. Denn Zeit, um sich mit diesem wertvollen Wunder des Kindes zu beschäftigen, mit ihm die Augenblicke des Heranwachsens zu verbringen, ihn bei seinen ersten Schritten und Worten beobachten zu dürfen, Erfahrungen mit ihm zu sammeln, ihm die Welt zu erklären und sie aus seiner Sicht neu zu entdecken, Wissen zu schenken und Verantwortung dafür zu übernehmen, was aus ihm wird, gibt es nicht mehr. Wahrscheinlich wäre das auch alles emotional nur vollens überbewertet…

„Was mein Gatte darf, das will ich auch können“. Wahrscheinlich liegt es an den Schmerzen, weshalb noch selten ein Mann sich darüber beklagte, warum die Gleichberechtigung nicht auch die Gebärfähigkeit des männlichen Geschlechts einfordert. Vertauschte Rollen, Willkür nach menschlichem Willen. Ordnungen zu überwinden, das steckt heute wohl hinter diesem so programmatischen Begriff einer „Reform“. Dagegen ist das Festhalten an Bewährtem eine überwundene Zumutung, der man mit Risiko begegnet – das Kind wird’s schon schaukeln. Ohnehin: Was rechts klingt, ist schlecht. Mir schien es so, als hätte Malu Dreyer kaum darüber nachgedacht, was sie im Interview von sich gegeben hatte. Es klang danach, als wäre es auswendig gelernt. Wie eine pauschale Schmähschrift an allem, was nicht in ein genderisiertes Weltbild passt. Die Gesellschaft polarisiert sich – und leider zu Lasten der Kleinsten…

[Dennis Riehle]

Kommentar

Nein, ich bin kein Anhänger der AfD. Und gerade, weil ich den Wahlkampf der Partei hier in Baden-Württemberg erlebt habe, weiß ich auch, warum sie mir nicht sympathisch sein kann. Dafür brauchte ich gar nicht erst den unerträglichen Ausspruch der Frauke Petry zum potenziellen Einsatz gegen Flüchtlinge an unseren Grenzen. Und doch frage ich mich, ob jede Forderung, die von der „Alternative für Deutschland“ kommt, per se schlecht sein muss. So ergeht es mir gerade auch mit dem neuen Schwerpunkt, den die Partei in ihrem Programm verstärkt in den Mittelpunkt rücken und damit die bisherigen Lieblingsthemen der Euro-Krise und des Flüchtlingszustroms eher in den Hintergrund drängen will.

Der SPIEGEL berichtete über interne Mails, in denen vor allem die Vize-Chefin Beatrix von Storch, die mit ihren Aussagen in einem sozialen Netzwerk über den Schusswaffengebrauch gegen Frauen und Kinder, die in Deutschland „illegal“ Asyl suchen, ebenso für große Empörung sorgte, dafür warb, die Islamkritik zum neuen inhaltlichen Mittelpunkt der Partei zu machen. Doch ist es tatsächlich verwerflich, wenn man feststellt, dass Minarette und Muezzin ein Herrschaftssymbol sind – und damit gegen eine tolerante Gesellschaft stehen? Wenn man attestiert, dass da zwei Kulturen aufeinanderprallen, wenn sich ein aufgeklärtes Christentum und ein eher nach Macht strebender, politisierter Islam in Deutschland treffen? Ist man Rassist, wenn man zumindest Zweifel daran hat, ob wesentliche Teile des praktizierten Islams mit dem demokratischen Verständnis von Religions-, Meinungs- und Glaubensfreiheit vereinbar sind?

Ist Islamkritik zukünftig verpönt, weil sie von der AfD betrieben und damit möglicherweise auch von rechtsradikalen Kräften missbraucht wird? Noch weiß niemand genau, wie die Partei ihre Kritik formulieren wird. Aus den bisherigen Erfahrungen kann man aber erahnen, dass sie recht pauschal ausfallen wird. Und genau darin liegt die Herausforderung, aber auch Chance für diejenigen, die ebenso Sorge vor einem politischen Islam in Deutschland haben, aber nicht zu einer generellen Verurteilung einer Religion ausholen wollen. Differenziertheit kennt die AfD nicht. Deshalb muss man sie ihr entgegensetzen. Und das darf – und muss – gerade auch beim Thema „Islamkritik“ geschehen. Denn Zurückhaltung nur aus der Vorsicht heraus, den Petrys, den Höckes, den von Storchs und den Gaulands nicht in die Hände zu spielen, wäre falsch.

Denn mindestens genauso gefährlich wie eine extreme Hetze ist auch ein Schönreden: Nein, nicht jeder Muslim hat ein verachtenswertes Frauenbild. Und nicht jeder Muslim fordert für Homosexuelle die Todesstrafe. Und nicht alle rufen zum Krieg gegen die Ungläubigen auf. Doch es gibt eben genau auch diese Muslime, die solche Einstellungen vertreten, weil sie sich der Schriften ihrer Religion bedienen, ohne sie zu hinterfragen. Und man muss kein Wahrsager sein, um zu erkennen, dass derartige Ideologien auch nach Deutschland getragen werden. Zurecht weisen selbst Gelehrte aus den islamischen Ländern – wie kürzlich erst der Künstler „Adonis“ – darauf hin, dass der Islam als Religion nicht reformierbar scheint und keine Aufklärung helfen wird, wie sie es beispielsweise beim Christentum tat. Viel eher ist der Islam auf Absolutheit ausgelegt – und dass sich nicht alle Muslime daran halten, liegt allein an dem Umstand, dass sie mit menschlichen Werten in Kontakt kamen, die die Dogmen relativierten.

Doch es wird keinesfalls garantiert sein, dass sich alle zu uns kommenden Muslime so offen zeigen. Deshalb ist nicht nur Skepsis angebracht, sondern auch eine klare Grenzziehung erforderlich: Multi-Kulti hat dort ein Ende, wo unser Grundgesetz missachtet wird. Und wenn eine Moschee nicht für den Glauben, sondern für die Radikalisierung zweckentfremdet wird, muss man das nicht nur kritisieren, sondern verbieten. Und dann hat das wenig mit Fremdenfeindlichkeit zu tun, sondern viel eher etwas mit der Verpflichtung, unsere Verfassung zu schützen und zu ermöglichen, dass diejenigen, die friedlich zusammenleben wollen, auch künftig in Vielfalt bei uns willkommen sind. Ja, wir müssen auch gemäßigte Muslime vor ihren fanatischen Glaubensbrüdern bewahren – weibliche Muslime, die von Misshandlung berichten, oder schwule Muslime, die gefoltert wurden. Diese Aufgabe dürfen wir aber nicht der AfD überlassen, weshalb es heute wichtiger denn je ist, eine verantwortungsvolle Islamkritik zu betreiben, die denen den Wind aus den Segeln nimmt, die nur zum Eigennutz polarisieren wollen.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Erfahrungsbericht

„Normal?“ – „Nein, nicht normal, nur Normaldruck!“ – „Normaler Druck? Aber das ist doch gut!“… Tja, so kann man aneinander vorbeireden, dachte ich mir im Nachhinein, als ich vor acht Jahren erstmals meine Diagnose hörte. Was soll ich denn auch denken, wenn alles „normal“ ist. Nun, normal war nur mein Augeninnendruck. Der Sehnerv sah aber gar nicht danach aus, als laste auf ihm lediglich ein Wert von 13 mmHg, schränkte meine Augenärztin dann plötzlich ein. „Sie haben ein Normaldruck-Glaukom!“. Das musste man mir erst einmal erklären: Ich hatte doch immer davon gehört, dass der „Grüne Star“ aus einem zu hohen Druck resultiere. Wie sollte es dann möglich sein, dass ich bei normalem Wert doch ein Glaukom habe?

Ja, es ist eher die Minderheit der Glaukomkranken, die diese Diagnose erhält, schränkte die Medizinerin ein. Und so ganz sicher sei sie sich auch noch nicht. Aber so, wie mein Sehnerv erscheine, könne es eigentlich nur ein fortgeschrittenes Glaukom sein. Woran sie das festmache, wollte ich noch wissen, denn so ganz traute ich dieser Sache nicht – zumal ich jemand bin, der schon damals reichlich mit „seltenen“ Erkrankungen „gesegnet“ war. Und nun schon wieder eine? Die Exkavation sei beeindruckend, das sehe man nicht oft. Was meinte sie? „Ach, Entschuldigung, das ist die Aushöhlung des Sehnervenkopfes“, erläuterte sie beim nochmaligen Blick in meine Augen.

„Wir werden ein OCT machen und dann erhalten Sie drucksenkende Augentropfen!“. Bis ich erfahren hatte, dass ein OCT eine dreidimensionale Aufnahme von meinem Sehnerv liefert, war mir noch durch den Kopf gegangen, warum ich bei normalem Druck denn nun solche Augentropfen einnehmen sollte. „Damit wir den Druck noch etwas weiter senken können. Denn bei Ihnen genügt offenbar der jetzige normale Druck, Ihren Sehnerven weiter zu schädigen. Deshalb ist es gut, wenn wir ihn zusätzlich entlasten“. Das schien mir schlüssig – und die 20 Euro, die ich für die Glaukomvorsorge gezahlt hatte, hatten sich wohl ausgezahlt. Dennoch wusste ich damals noch nicht, dass die Odyssee hin zur abschließenden Diagnose noch ein langer Weg sein würde.

Denn nur einige Termine später – die Aufnahmen des OCT lagen ebenso vor wie Messungen der Hornhautdicke, deren Krümmung, die neusten Werte zu Sehstärke und Sehschärfe und die Erkenntnis, dass sich die Gefäße im Auge merkwürdig „schlängelten“ – kam die Ernüchterung: „Sicher bin ich mir bei Ihnen nicht. Ich würde Sie gern an der Spezialambulanz der Uniklinik vorstellen“. War es also doch nichts mit dem Glaukom? Nach erneuten Untersuchungen bei den Experten, Vermessungen von Nervenfaserrandsaum, Bildgebungen und Ableitungen von Potenzialen zur Bestimmung der Übertragungsgeschwindigkeiten zwischen Nerven und Gehirn wurde ich zu einem dreitägigen Druckprofil stationär aufgenommen, das zunächst Gewissheit zu bringen schien: „Wir sind uns sicher, dass Sie unter einem Normaldruckglaukom leiden“.

Einigermaßen entspannt lehnte ich mich dann zurück, war ich doch überzeugt, dass mit meinen Augentropfen ein weiterer Fortschritt des „Grünen Stars“ verhindert werden könnte – wenngleich die Behandlung des Normaldruckglaukoms deutlich schwieriger war als die eines „gewöhnlichen“. Das merkte ich rasch, als ich eines Tages ein von rechts kommendes Auto nur spät erkannte. Als ob sich eine schwarze Mondsichel von der Seite ins Auge geschoben hatte, so kam es mir vor. Gesichtsfeldmessungen waren bislang unauffällig verlaufen, dieses Mal war es aber anders. Die Augenärztin stellte fest, dass die Papillenatrophie, der Abbau der Eintrittsstelle des Sehnerves in das Auge, sich zügig weiterentwickelt hatte. „Sowohl temporal, aber auch nasal erkenne ich deutliche Gesichtsfeldeinschränkungen“. Ja, in beiden Augen war sowohl zur Nase, als auch nach außen mein Gesichtsfeld eingeengt, ich hatte es selbst bemerkt.

Beobachten war dann die Devise – doch die halbkreisförmigen Ausfälle beim Sehen wurden mehr. Und meiner Ärztin schienen nun auch die Erklärungen auszugehen. Sie gehe weiterhin davon aus, dass das Glaukom fortgeschritten sei, wünsche sich aber bei meinen vielfältigen Begleiterkrankungen eine Vorstellung in einer Neuroophthalmologie. Die Spezialisten dort sind fokussiert auf Störungen im Spannungsfeld der Neurologie und Augenheilkunde. Auch sie vergewisserten sich nochmals – und ja, die Gesichtsfeldeinengungen waren konzentrisch geworden und deutlich progredient, sie schritten also voran. Ich nahm es mittlerweile wie den bekannten „Tunnelblick“ wahr und konnte meinerseits nur beitragen, dass meine Unsicherheit im Alltag größer wurde.

Auffallend war, dass sich die Dicke der Nervenfasern über Jahre nur geringfügig verändert hatte. Das machte auch den Oberarzt stutzig, der noch einige Untersuchungen im Dunkeln ansetzte, um Schäden an der Netzhaut auszuschließen. Doch auch sie brachten ihn nicht weiter, der Chefarzt musste ran. „Das ist kein Glaukom, am ehesten ist das ein Papillenkolobom“, war seine vorläufige Einschätzung – und für mich war die Verwirrung komplett. Sieben Jahre nach Erstdiagnose wurde der „Grüne Star“ in Zweifel gezogen. Konnte das wirklich sein? Zumal: Wäre solch eine angeborene Spaltung des Sehnerveneintritts nicht schon vorher aufgefallen? Immerhin hatten mich ja eine Menge Augenärzte begutachtet. Und wie sollte so eine feststehende Deformation dann fortschreitende Gesichtsfeldausfälle auslösen können?

Viele Fragen blieben offen – und das bis heute. Während eine Riege an Augenärztin die Annahme der genetischen Fehlbildung nur schwer nachvollziehen vermag, geht es der anderen nicht gut bei der Diagnose des Glaukoms. Was nimmt ein Patient aus solch einer fachlichen Verschiedenheit mit auf den Weg? Pragmatisch setzte sich meine behandelnde Medizinerin dafür ein: „Tropfen Sie weiter! Falsch machen können Sie damit auf jeden Fall nichts“. Wenigstens scheint sich das Gesichtsfeld derzeit beruhigt zu haben – und ich damit auch. Seit einigen Monaten verblieb es bei den bereits bestehenden Einschränkungen, mit denen ich nun mithilfe einer „Krankengymnastin für die Augen“ (Orthoptistin) im normalen Leben umzugehen versuche. Denn bei allem Leidensweg auf der Suche nach einer abschließenden Beurteilung können wir darauf stolz sein: Moderne Unterstützung macht es zumindest leichter, auch mit dem Skurrilsten zurechtzukommen…

Kontakt:
[Dennis Riehle]
Selbsthilfe Glaukom und Papillenkolobom
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