Pressemitteilung
Petition an den Hessischen Landtag

2014 erkannte das Finanzamt Frankfurt (Main) der globalisierungskritischen Organisation „attac“ die Gemeinnützigkeit ab. Jetzt trifft es das gleiche Schicksal den Verein „Doña Carmen“, wiederum durch die Finanzbehörde der hessischen Metropole. Die zwei parallel anmutenden Vorkommnisse sind Anlass genug, um die Bescheide der Frankfurter Finanzverwaltung durch den Landtag von Hessen überprüfen zu lassen, meint zumindest der Konstanzer Dennis Riehle, der an das Parlament eine Petition eingereicht hat, die genau jenes Anliegen verfolgt.

Der Petent erkennt zumindest Zusammenhänge zwischen beiden Fällen, weswegen er in seiner Eingabe formuliert: „Bedeutend ist […], dass jeweils mit dem Beweggrund der politischen Zielsetzung beschieden wurde. Eine unverkennbare Brisanz ergibt sich zudem daraus, dass die Aberkennung bei erstgenannter Organisation gerade zu Zeiten vorgenommen wurde, als diese sich kritisch mit der Politik der EZB und den europäischen Rettungsversuchen in der ‚Griechenland-Frage‘ beschäftigte. Zweitgenannte Vereinigung erlitt das selbige Schicksal im Vorfeld eines neuen Prostitutionsgesetzes, zu welchem sich der Verein artikulierte und wodurch schlussendlich sein Engagement rund um ‘Sex-ArbeiterInnen‘ in die Schlagzeilen geriet. Der Verdacht, dass der Entzug der Gemeinnützigkeit somit auch aus taktischen Gründen erfolgte, lässt sich unter genannter Konstellation schwer bestreiten“.

Riehle fordert vom Petitionsausschuss Aufklärung: „Mit der Petition soll erreicht werden, dass sich der Landtag von Hessen mit der Frage beschäftigt, ob sich die Finanzbehörde in Frankfurt bei der Aberkennung der Gemeinnützigkeit in den dargelegten Fällen unzulässig für politische Zwecke und ein willkürliches Vorgehen gegen unliebsame Nichtregierungsorganisationen instrumentalisieren ließ – ohne ihr Vorgehen dabei differenziert, abwägend und transparent zu begründen. Er hat zu hinterfragen, wie und unter welchen Umständen und Absichten die parallel anmutenden Vorkommnisse zustande kamen und welche Entscheidungsträger mit welchen Erklärungen hinter den jeweiligen Bescheiden stehen“.

Immerhin sieht der Petent in der Aberkennung kein gewöhnliches Prozedere: „Es muss stets aufrütteln, wenn eine bestehende Gemeinnützigkeit sogar rückwirkend aberkannt wird. Demnach müsste der Verein in den vergangenen Jahren eklatant von seiner bisherigen Geschäftsführung abgewichen und im praktischen Wirken vollständig von der Zielsetzung und den Zwecken seiner Satzung abgekommen sein. Inwieweit das Finanzamt Frankfurt dies in beiden genannten Fällen glaubwürdig und ausreichend nachweisen konnte, bleibt ob der unkonkreten Darlegung und den ausweichenden Aussagen der Behörde in ihren Schreiben an die Organisationen fraglich“.

Die Aufgabe des Landtages sei es nun, „festzustellen, ob das Finanzamt Frankfurt in Einklang mit gültigen Interpretationen und in Vergleichbarkeit der Auslegung von Rechtsvorschriften
(hier: Abgabenordnung) mit anderen Finanzbehörden dem Gleichheitsgrundsatz gerecht geworden ist, ohne einem Verein bewusst Nachteile zu verschaffen. Sollte den Anforderungen an ein rechtmäßiges Entziehen der Gemeinnützigkeit nicht Genüge getragen gewesen sein, hat das Parlament die zuständigen Aufsichtsbehörden anzuweisen, eine umfassende Aufklärung anzustrengen und möglicherweise personelle Konsequenzen abzuverlangen. Das Landesfinanzministerium wäre anzuweisen, klare Leitlinien zu formulieren, um etwaiges Unrecht gegenüber anderen Vereinen künftig auszuschließen“, so Riehle in der abschließenden Begründung seiner Petition.

[Dennis Riehle]

Kommentar
„Würde im psychiatrischen Versorgungswesen“

Würde in der Psychiatrie, das sind für mich zwei Seiten einer Medaille, die untrennbar zueinander gehören: Als Psychiatrie-Erfahrener erwarte ich einerseits, dass mir als Patient die Würde zuteilwird, die das Grundgesetz garantiert – und die die UN-Behindertenrechtskonvention explizit und detailliert auf Menschen mit Behinderung (welcher Art auch immer) ausformuliert. Andererseits bin ich gegenüber jedem Behandelnden, jedem Mediziner, Therapeuten oder Pfleger dazu verpflichtet, auch ihm Würde zuzugestehen. Das bedeutet Respekt und Fairness – und in Momenten, in denen ich klare Blicke auf das werfen kann, wie ich vermeintlich „würdelos“ behandelt wurde, den Versuch, für sein Handeln Verständnis zu zeigen und an ihn nicht das Paradoxon der menschlichen Unfehlbarkeit abzuringen.

Nein, ich bin in vielen Jahren der eigenen Betroffenheit und der Erfahrung mit Psychiatrie in all ihren Formen noch nie einem Gegenüber begegnet, dem ich unterstellen könnte, er würde seinen Beruf aus sadistischem Drang ausführen. Psychiatrie schränkt dort ein, wo Grenzen erreicht werden. Nicht nur für Patienten sind dies Augenblicke des Ausnahmezustandes; auch die Behandelnden stehen temporär in der Verantwortung, aus der schieren Hilflosigkeit zum eigenen und vor allem zum Schutze des Erkrankten mit Maßnahmen zu reagieren, die keinerlei Freude bereiten. Wir setzen auf Selbstbestimmung vom Beginn des Lebens bis zum Sterben – und wissen genau, dass uns Momente ereilen können, in denen wir nicht in der Lage sind, dieses Recht im Sinne der Menschenwürde einzuschätzen, auszudrücken oder einzufordern. Dann steht die Würde an oberster Stelle – und muss im Zweifel, sofern wir für diese Krisen keinerlei Anweisung im Vorhinein artikuliert haben, von denjenigen definiert werden, in deren Obhut wir uns befinden.

Würde ist bedingungslos. Wir können aber dazu beitragen, dass sie uns auch in Phasen der Not in unserem Verständnis zuteilwird, wenn wir die Möglichkeit nutzen, so konkret wie möglich zu verfügen, welche Konnexion wir uns für unerwartete Gegebenheiten wünschen. Zweifelsohne bleibt die Frage im Raum, ob sich Würde ausschließlich durch das Verhalten Anderer uns gegenüber oder durch den Umgang mit uns nehmen lässt. Viel eher, so meine ich, erklärt sich Würde auch insbesondere dadurch, ob und wie wir sie empfinden – oder wie wir sie in jenem Moment deuten würden, im welchem wir dazu fähig sind. Nicht die Deutungshoheit der Umwelt, sondern meine persönliche Wahrnehmung gibt den Ausschlag. Nicht alles, was Dritte als entwürdigend einschätzen, muss auch von mir als solches so verstanden werden – und umgekehrt. Diese Betrachtung gilt für mich auch, wenn ich als psychisch Erkrankter zeitwillig das Erkenntnisvermögen verliere, aber gleichsam immer der Anspruch bestehen darf, auf das eigene Verständnis von der Würde in urteilsfähigen Augenblicken zurückzusehen. Die Subjektivität spielt gerade auch in der Psychiatrie eine wesentliche Rolle. Sie ist wohl die einzige medizinische Disziplin, die derart auf Beurteilungen, Eindrücken und Interaktion basiert, dass nicht immer umgehend klar wird, welche Maßstäbe sich reiben.

Wenn wir ehrlicherweise das Recht auf Selbstbestimmung dem Grundrecht auf Würde und Unversehrtheit nachordnen, geben wir zwar einerseits einen Vertrauensvorschuss an diejenigen, die im Bedarfsfall unser Wohl retten wollen – weil ich der festen Überzeugung bin, dass die bedeutendste Mehrheit im psychiatrischen „System“ (wie jeder andere soziale Akteur ebenfalls) für unsere Genesung und für unser Leben eintritt; andererseits können wir nicht erst durch gesetzliche Regelungen – die nicht nur rechtliche Absicherung für beide Seiten, sondern auch verlässlicher Leitfaden für die Akutsituation sind – darauf setzen, dass uns Wohlwollen angetragen wird. Denn während die – verständlicherweise von Betroffenen als tiefgreifende und nachhaltige Missachtung von Würde wahrgenommene – Zahl an Fehlverhalten in der Psychiatrie wahrscheinlich nur deshalb hoch erscheint, weil nicht selten die Möglichkeit zur genügenden Aufarbeitung, zur Kritik und dem Mut für einen Austausch an individuell und eben nicht objektiven Eindrücken zwischen Patient und Behandelndem ausbleibt, ist die helfende Intention des psychiatrischen Gesundheitswesens bislang wenig gewürdigt geblieben.

Sobald Selbstbestimmung eingeschränkt wird, können wir nach meinem Glauben an die unbedingte Präsenz des Grundgesetzes in den Köpfen unserer Gesellschaft davon ausgehen, dass dies aus Beweggründen für und eben nicht gegen die Würde geschieht. Verantwortungsvolles Handeln heißt auch, im Zweifel vor Unheil zu bewahren und den Verfassungsgrundsatz der Freiheit des Betroffenen in größtmöglicher Differenziertheit mit dem Anspruch auf die Sicherheit und Entfaltung des Behandelnden, Pflegenden oder Therapeuten abzuwägen. Nicht jeder selbstbestimmte Entschluss entspricht dem tatsächlichen Willen eines Erkrankten. Wer für eine grenzenlose und umfassende Selbstbestimmtheit plädiert, mag zwar im Vordergrund das absolute Entscheidungsrecht eines Individuums bestärken; dieser Überlegung sind aber die Realitäten fern. Denn sie basiert auf dem Standpunkt, wonach wir jederzeit in der Lage sind, uns gegenüber annehmend und so zu begegnen, wie wir es zu früherem oder späterem Zeitraum getan hätten. Selbstbestimmtheit entscheidet sich nicht in der Momentaufnahme, sondern auf perspektivisch getragener Lebenserfahrung. Wenngleich wir jede Krankheit und die damit verbundenen Symptome als Teil des menschlichen Schicksals verstehen oder sogar einfordern, auch vermeidbares Leid durchleben zu wollen, sind wir in der Balance der Menschenrechte nach meiner Sicht nicht berechtigt, ihm nur tatenlos zuzusehen – gerade und ausdrücklich dann nicht, wenn wir einen Eid geschworen haben, der zum Gegensätzlichen zwingt. Im Übrigen vertrete ich diese Meinung auch, wenn wir aktuell um Sterbehilfe oder den Beginn des Lebens debattieren.

Fairerweise muss in der Fragestellung nach der Würde des Patienten abschließend auch angemerkt sein, dass beschränkte und fördernde Rahmenbedingungen maßgeblichen Einfluss auf ihre Fähigkeit zur Entfaltung haben. Ob der Aspekt von Zuwendung und Zeit, Personal und Ressourcen, Ausstattung und Geld, Einstellung und Kommunikationsfähigkeit, die nicht nur die unmittelbar Handelnden im psychiatrischen Versorgungsnetz, sondern besonders auch Politik und Träger zu verantworten haben – es braucht neben der ideellen Ausgestaltung des Grundgesetzes die Bereitschaft zu einer gleichsam materiellen und lernfähigen Anstrengung. Gleichsam ist es nicht das Gesundheitswesen im engeren Sinne, das mit der Umsetzung von würdevollem Umgang arge Schwierigkeiten hat. Er startet nämlich nicht zuletzt beim Abbau von Diskriminierung, die bei einer systematischen Einklassifizierung seelisch Erkrankter in einen zweiten, dritten oder nicht monetär entlohnten Arbeitsmarkt zu beginnen scheint – und mit der Verbalattacke des Nachbarn auf den „Verrückten dort nebenan“ endet.

Zusammenfassend bleibt meine Einschätzung aufrecht, dass die im Stau von Frust und Emotionen angesammelte und von Angst und etwaigen Vorurteilen gehaltene Anschuldigung, wonach das psychiatrische Versorgungswesen im Kern der Würde des Patienten entgegen zu arbeiten fähig und willig ist, nicht nur durch eine zunehmende gesetzgeberische Wegweisung, der Forcierung von Dialog, Information und Aufklärung, aber auch der Selbstreflexion und Kritikfähigkeit aller Beteiligten auf dem Wege ist, jegliche Grundlage zu entziehen – sondern gleichsam Fehler einzugestehen, Verbesserungen anzupacken und sich aus dem Schatten mancher dunkler Vergangenheit weit zu entfernen vermag.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung
Petition erfolgreich: Bundestag beschließt Überweisung an das Bundesjustizministerium

Der Deutsche Bundestag hat beschlossen, eine Petition des Sprechers der „Humanistischen Alternative Bodensee“ (HABO), Dennis Riehle, an das Bundesjustizministerium zur Vorlage zuzuweisen und die Fraktionen des Bundestages mit dem Material aufzufordern, eine Änderung in der derzeitigen Gesetzeslage vorzunehmen. Es geht um die Unterbringung Straffälliger in psychiatrischen Krankenhäusern, die nach Ansicht von Riehle bislang „willkürlich“ erfolgt. Insbesondere übermäßig lange Zwangsaufenthalte sollen künftig verhindert werden.

Der Petitionsausschuss, dessen Vorlage vom Bundestag angenommen wurde, empfiehlt auf Grundlage der Petition von Riehle, die Dauer der Unterbringung von Straffälligen in Psychiatrien „unbedingt zu begrenzen“. Zudem sollen im Verfahren um die Entscheidung über eine Einweisung und die Verlängerung eines Aufenthaltes des entsprechenden Personenkreises in der Klinik zahlreiche Änderungen vorgenommen werden, um mehr Transparenz zu schaffen und die Rechte der Betroffenen zu stärken. Angedacht sind unter anderem öffentliche Anhörungen, da bisher nicht selten Stellungnahmen von Gutachtern allein anhand von Unterlagen abgegeben wurden.

Insgesamt geht es damit nun um eine Änderung des § 63 StGB, der künftig gerade bei weniger schweren Fällen eine lange Unterbringung in psychiatrischen Krankenhäusern ausschließen und eine häufigere Begutachtung der Untergebrachten durch wechselnde Fachpersonen vorsehen soll. Da der Petitionsausschuss die Vorlage als gelungene Grundlage ansieht, um eine parlamentarische Gesetzesinitiative anzustoßen, werden die Fraktionen des Bundestages entsprechend auf die Eingabe aufmerksam gemacht. Riehle zeigt sich zufrieden: „Das ist der größte Erfolg, den eine Petition an den Bundestag erzielen kann. Ich freue mich vor allem für die Betroffenen darüber, dass sich im Parlament große Einigkeit abzeichnet, die Grundrechte von straffälligen Menschen, die in Psychiatrien untergebracht werden, maßgeblich zu verbessern. Ich werde an die Parteien herantreten, damit eine baldige Umsetzung der Gesetzesänderung erzielt werden kann“.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Konstanz. Zum „Tag der Depression“ am 1. Oktober 2015 erinnert die Selbsthilfeinitiative für Depressionen, Ängste, psychosomatische Störungen und Zwangserkrankungen im Landkreis Konstanz an die weiterhin bestehende Stigmatisierung von Menschen mit seelischen Leiden. Wie der Leiter der Gruppe, Dennis Riehle, ausführt, ist trotz der zunehmenden öffentlichen Wahrnehmung und Berichterstattung über das Thema „Depression“ noch immer ein großer Vorbehalt gegenüber der Erkrankung existent: „Die häufigsten Anliegen, die uns bis heute von Betroffenen erreichen, drehen sich um die Frage, wie mit der Depression im Umfeld am besten umgegangen werden sollte. Das macht deutlich, dass das Störungsbild selbst in Freundeskreis und Familie nicht selten einem Tabu unterliegt“. Dass Betroffene gar im geschützten Rahmen wie der Selbsthilfe nur ungern von ihrer Depression berichten, zeigt sich laut Riehle daran, dass häufig von „BurnOut“, „Erschöpfung“ oder einem „Durchhänger“ gesprochen wird – auch dann noch, wenn die Depression bereits voll ausgeprägt ist und ihre Symptomatik weit über ein temporäres „Tief“ hinausgeht: „Die Scham ist groß, weil die Erkrankten ihre Depression oftmals als persönliches Versagen einstufen. Deshalb offenbaren sich gerade Männer auch erst unter erheblichem Leidensdruck, da sie befürchten, mit dem Bekenntnis zur Depression eine Schwäche zu zeigen“.

Die Tendenz, wonach die Zahl der Betroffenen kontinuierlich ansteigt, vermag auch der Gruppenleiter nicht verneinen: „Seit Beginn meiner ehrenamtlichen Tätigkeit in der Selbsthilfe haben sich die jährlichen Hilfsgesuche etwa vervierfacht. Allerdings ist damit nicht zwingend gesagt, dass tatsächlich mehr Menschen an Depressionen erkrankt sind. Viel eher können wir glücklicherweise doch feststellen, dass sich Erkrankte rechtzeitiger bei uns melden als früher. Die Hürden sind zwar weiterhin hoch; die Aufklärungsarbeit zeigt aber langsam ihre Blüten“. Dagegen ist die Teilnahme an den Gruppentreffen seit Jahren rückläufig: „Selbsthilfe hat sich verändert. Menschen sind seltener bereit, sich mit den Problemen Anderer zu befassen – obwohl gerade der Erfahrungsaustausch der Kerngedanke der Gruppe ist. Viel eher steht das eigene Leiden im Mittelpunkt, es wird individuelle Beratung gewünscht, ohne sich dabei den Umstand zu machen, regelmäßig an der Selbsthilfegruppe teilzunehmen oder Verantwortung zu tragen“.

Die Entwicklung werde laut Riehle vor allem auch durch das Internet und die sozialen Netzwerke vorangetrieben: „Da kann man von der Couch aus an einer virtuellen Gruppe teilnehmen, im Forum mitmachen oder die Gedanken per Kurznachricht austauschen. Diese Bequemlichkeit ist zwar überhaupt nicht im Sinne der Selbsthilfebewegung, die wir aus ihren Anfängen in den 1970er-Jahren kennen; denn damals lebte sie gerade von dem realen Begegnen Betroffener, das auch die Möglichkeit bot, rasch aufeinander einzugehen. Tatsächlich müssen wir aber akzeptieren, dass sich der Bedarf ändert. Entsprechend liegt meine größte Aufgabe heute im Beantworten von Telefonaten, Briefen und Mails“. Gerade bei psychischen Erkrankungen zementiere die Mentalität der Selbsthilfe in den eigenen vier Wänden die ohnehin oftmals bestehende soziale Isolation, Ängste oder Kontaktschwierigkeiten, meint Riehle. „Mir ist es aber allemal lieber, wenn sich die Betroffenen überhaupt durchringen, mit ihren Fragen, dem Wunsch des Gehörtwerdens oder ihren Nöten auf uns zukommen – und wir mit den Erfahrungen aus unserer eigenen Betroffenheit Unterstützung leisten oder an Fachpersonen vermitteln können“, so der Gruppenleiter abschließend.

Hintergrund: Die Selbsthilfeinitiative für Zwänge, Phobien, psychosomatische Erkrankungen und Depression im Landkreis Konstanz bietet Betroffenen und Angehörigen Erfahrungsaustausch, Rat und Vermittlung per Telefon (07531/955401) oder Mail (info@zwang-phobie-depression.de) an. Bei ausreichend Interessierten finden Gruppentreffen statt. Das Angebot ist ehrenamtlich und damit kostenlos. Es ersetzt keine medizinische, therapeutische oder heilkundliche Behandlung, sondern ist lediglich eine Ergänzung zur fachkundigen Betreuung.

[Dennis Riehle]

 

Pressemitteilung

Konstanz. Die Humanistische Alternative Bodensee (HABO) kritisiert die Kirchen wegen eines Aufrufs an Eigentümer von Ferienwohnungen, diese über die Wintermonate für die Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Der Sprecher der HABO, Dennis Riehle, zeigte sich irritiert, nachdem Besitzer von Wohnungen berichteten, dass beispielsweise in Konstanz durch einen örtlichen Pfarrer Briefe versandt wurden, in welchen dieser die Wohnungsinhaber aufrief, ihre Unterkünfte über die kalten Monate für Asylbewerber zu räumen: „Generell sind solche Appelle legitim. Sie sind aber nicht Aufgabe der Kirche. Dass sich der Landrat in dieser Sache bereits an die Bevölkerung gewandt hat, kann ich nachvollziehen. Für mich ist es aber unverständlich, wenn solche Bitten in persönlichen Schreiben von Pfarrern an die Wohnungsbesitzer herangetragen werden. Man muss in den Gemeindebüros offenbar viel Zeit haben, all die Eigentümer zu filtern und sie dann individuell zu kontaktieren.  Sieht man einmal davon ab, in wieweit hier der Datenschutz beachtet wird, spielen sich die Kirchen hier als eigens legitimierte Gesetzeshüter auf. Das ist wieder einmal ein Verstoß gegen das Trennungsgebot von Staat und Religion“.

Auch die „Caritas“ hatte in einer Pressemitteilung dazu aufgefordert, Wohnraum für Flüchtlinge anzubieten. Der HABO-Sprecher meint: „Zwar kann ich solch einem Aufruf noch eher etwas abgewinnen als Mahnbriefen eines Pfarrers. Aber auch die kirchlichen Wohlfahrtsverbände sind meiner Ansicht nach nicht berechtigt, sich als Absender solcher Appelle hervorzutun. Das ist und bleibt Aufgabe von Politik und Verwaltung. Mich stört ohnehin, dass die Kirchen offenkundig mit zweierlei Maß vorgehen: Überschwänglich rufen sie zu Solidarität auf – in den Pfarrhäusern sehe ich aber nur selten Flüchtlinge, die beherbergt werden“. Riehle stellt sich auch die Frage, ob das Vorgehen mit Landkreis oder Stadt besprochen wurde: „Woher kommen die Adresslisten der Wohnungsbesitzer, die die Kirchen für ihre Briefe verwenden? Und ist es Zufall, dass sich politische Amtsträger parallel mit den Kirchenvertretern um das gleiche Anliegen bemühen?“. Der HABO-Sprecher hat diese und andere Unklarheiten der Verwaltung zur Aufarbeitung vorgelegt.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Anlässlich des „Marsches für das Leben“ in Berlin haben zahlreiche säkulare Verbände, aber auch Gewerkschaften und Verbände zum Protest aufgerufen. In den vergangenen Jahren hatte es immer wieder Zwischenfälle gegeben, weil vor allem linke Demonstranten übergriffig wurden und die Veranstaltung vornehmlich christlich orientierter Organisatoren störten. Auch 2015 kursierten bereits im Vorfeld Aufrufe in sozialen Netzwerken und in Veröffentlichungen, die eine Blockade des Marsches forderten.

Der Sprecher der „Humanistischen Alternative Bodensee“ (HABO), Dennis Riehle, verurteilt diese Aufforderungen: „Es ist legitim, eine andere Meinung als die der Teilnehmenden des ‚Marsches für das Leben‘ zu haben – und diesen auch auf die Straße zu tragen. Die Erfahrungen zeigen aber, dass die geplanten Aktionen gegen die Kundgebung von aufgehetzten Stimmungen getrieben sind, aus denen leicht auch Aggression werden kann. Das ist nicht zu tolerieren. Im Übrigen ist die Zuschreibung des ‚Fundamentalismus‘ an die Mitwirkenden am Demonstrationszug, an dem gegen Sterbehilfe und Abtreibung protestiert wird, völlig haltlos. Wer seine Werte friedlich verteidigt, hat das Anrecht hierzu – und es gibt keinen Grund dafür, diesen Anspruch in Frage zu stellen“.

Riehle erklärt weiter: „Wer eine humanistische Denkweise vertritt, muss nach meinem Verständnis für eine demokratische Gesinnung stehen. Das bedeutet auch, sich mit anderen Positionen kritisch, aber gewaltlos auseinanderzusetzen und jedem Mitbürger dieselben Freiheiten zuzugestehen. Überdies irritiert mich ohnehin, wie unreflektiert die Mitwirkenden an der Gegendemonstration ihre eigene Überzeugung offenbaren: Genauso radikal, wie es linke Gruppierungen dem ‚Marsch für das Leben‘ anlasten wollen, ist deren eigene Sicht. Das Recht auf Leben für Sterbenskranke oder Ungeborene steht dem der Selbstbestimmung gegenüber. Beide Seiten haben für ihre Position Argumente. Ich persönlich kann mit der als ‚säkular‘ verkauften Haltung nicht konform gehen: Es braucht nicht den Glauben an einen Gott, um der Schönheit, aber auch den Krisen, Herausforderungen und Tiefen des Lebens etwas abzugewinnen. Gerade als Humanist ist es mir wichtig, die Würde des Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Für mich bedeutet das auch, ihn manches Mal vor eigenen Entscheidungen schützen zu müssen“.

Der HABO-Sprecher zeigt sich zudem besorgt, dass Anlässe wie der jetzige zeigten, wonach es zwischen Christen und Religionsfreien neue Gräben gebe: „Diese Entwicklung ist bedenklich. Glaubensfreiheit bedeutet in jedem Fall, den Dialog zu suchen – statt zu pöbeln“.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung:
Vorsitzender: „Solidarität für die Erhaltung wohnortnaher Gesundheitsversorgung“

Konstanz. Das Selbsthilfenetzwerk KOMMIT im Landkreis Konstanz unterstützt den Protest des hiesigen Gesundheitsverbundes, der am 23.09.2015 in einer „aktiven Mittagspause“ für Änderungen an der Krankenhausstrukturreform demonstrieren zum Ausdruck bringen will.

Der Vorsitzende von KOMMIT, Gruppenleiter Dennis Riehle, formulierte in einem Brief an die Geschäftsführung: „Es ist uns wichtig, Ihnen unsere Solidarität in dieser Sache zu übermitteln, weil wir als eine Organisation, die mit den Belangen des Gesundheitswesens täglich konfrontiert ist, nicht nur für die Patienten, die sich in unseren Selbsthilfegruppen und –initiativen versammeln, sondern auch für die Mitarbeiter, die für uns als Betroffene wichtige Vertrauenspersonen sind, eintreten möchten. Durch das Versorgungsstärkungsgesetz der Bundesregierung hat gerade die ambulante Betreuung an den Krankenhäusern erheblich an Bedeutung zugenommen. Trotzdem bleiben die Kliniken für diese Leistungen weiterhin vollkommen unterfinanziert. Die Pauschalen, die die Einrichtungen hierfür erhalten, decken die Kosten bei weitem nicht. Und auch die Notfallversorgung bleibt als unverzichtbarer Bestandteil der wohnortnahen medizinischen Infrastruktur aus unseren Augen ein Stiefkind in der Aufmerksamkeit von Politik und Leistungsträgern“.

Die größten Einschnitte befürchtet das Netzwerk beim Personal, die durch den Entzug finanzieller Mittel drohen: „Gerade eine ausreichende Zuwendung ist aber ein bedeutsamer Schlüssel in der Genesung, weshalb wir uns Ihrer Meinung anschließen, wonach weniger Mitarbeiter zu einem ganz erheblichen Verlust an Qualität in unserem Gesundheitswesen führen würde. Eine veränderte personelle Ausstattung würde bereits bestehende Engpässe – beispielsweise im ohnehin schon heute kaum noch möglichen geregelten Entlassmanagement – weiter ausbauen“, so Riehle.

Während die Anforderungen, gerade auch in dokumentarischer und bürokratischer Sicht, an die Krankenhäuser weiter steigen, bringe die gedachte Strukturreform eine Rückbildung an Ressourcen für die wohnortnahe Versorgung, die eigentlich doch intensiviert werden sollte: „Durch eine komplexere (und damit anspruchsvollere), aber eben auch teurere und zeitaufwändigere Technik, Apparatur und Methodik, die uns Forschung und Wissenschaft (glücklicherweise!) für die Behandlung der Kranken liefern, braucht es zweifelsohne eine Regelung, wie steigende Standards finanziert und eine Fachmedizin auch außerhalb hoch spezialisierte Kliniken  gewährleistet werden kann. Die derzeitigen gesetzgeberischen Maßnahmen sind nach unserer Ansicht der falsche Weg und sparen an der heikelsten Stelle ein. Nicht die Struktur wird gestärkt, sondern die dezentralisierte und ökonomisierte Pauschalbehandlung. Das ist mit unserer Definition eines würdigen Gesundheitswesens nicht vereinbar“, stellt der der KOMMIT-Vorsitzende fest.

Man könne sich beim Gesundheitsverbund daher der Rückendeckung sicher der örtlichen Selbsthilfe sicher sein: „Wir schließen uns uneingeschränkt Ihren Forderungen an und teilen aus Sicht der Patienten in Bezug auf dieses Gesetz dieselben Kritikpunkte“, schreibt der Sprecherrat des Netzwerkes abschließend.

[Dennis Riehle]

 

OFFENES SCHREIBEN

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich festhalten, dass ich mich selbst als homosexuell bezeichne – um damit etwaigen Entgegenhaltungen vorzugreifen, ich wisse nicht, wovon ich spreche.

In der laufenden Legislaturperiode hat die grün-rote Landesregierung ganz erhebliche Bemühungen angestrengt, um die Gleichstellung homo-, bi- und transsexueller Menschen in Baden-Württemberg voranzubringen. Ihr wesentlicher Schwerpunkt lag dabei unter anderem auf der Schulpolitik – nicht zuletzt der umstrittene „Bildungsplan“, der sich für die Thematisierung sexueller Vielfalt im Unterricht und den Lehrmaterialien sowie ein insgesamt toleranteres Klima einsetzt, belegen dies eindeutig. Auch aktuell steht das Land mit anderen ganz vorne, um einen Antrag an den Bundesrat zu formulieren. Denn dieser Tage befinden wir uns noch immer unter dem Eindruck der Bürgerinnen und Bürger in Irland, die sich in einer Volksabstimmung für die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe ausgesprochen haben. Wie Sie in Ihrer Eingabe an die Ländervertretung fordern, soll diese nun auch in der Bundesrepublik umgesetzt werden.

Um allen gegenteiligen Mutmaßungen vorzubeugen: Menschenrechte sind nicht verhandelbar, beschränkbar oder teilbar. Daher ist für mich unumstritten: Die sexuelle Orientierung eines Jeden genießt umfänglichen Respekt, Würde und Anerkennung. Wer in der derzeitigen Debatte mit anderslautenden Meinungen versucht, Stimmung zu erzeugen, kann sich meiner Unterstützung nicht gewiss sein. Denn bei allem Diskurs verhandeln wir nicht um die Integrität des Individuums mit seinen grundlegenden Rechten auf Selbstbestimmung. Daran gibt es nichts zu deuteln; dort endet der Spielraum einer jeden demokratischen Debatte.

Ich möchte meine Argumentation auf eine andere Ebene lenken: Verdeutlicht man sich die Gedanken, die sich die Verfasser des Grundgesetzes gemacht haben, bleibt aus meiner Sicht die Würdigung der „klassischen“ Ehe im Punkt des Artikels 6 ein Anliegen, das zwar nicht direkt unter der „Ewigkeitsklausel“ verankert ist, aber dennoch auch einer modernen, den „Zeitgeist“ überlebenden Phase trotzt. Die Bindung zwischen Mann und Frau scheint mir nicht nur aus sexueller (und damit gleichsam natürlicher) Sicht als eine einzigartige und hervorgehobene Harmonie privilegiert, sondern bleibt wohl auch die mehrheitliche Form des Zusammenlebens. Entsprechend brauche ich weder eine biblische, noch andere moralische Grundlagen, um zu erkennen: Die Beschaffenheit der unterschiedlichen Geschlechter deutet auf ein besonderes Korrelat hin, schließlich krönt sich die heterosexuelle Ergänzung zweier Menschen abschließend auch in der Möglichkeit, Nachwuchs zu zeugen. Das ist zwar allesamt kein Grund, das gleichgeschlechtliche Miteinander abzuwerten – aber nicht jede Würdigung einer bestimmten Konstellation bedeutet gleichzeitig auch eine Diskriminierung anderer.

Obwohl – oder vielleicht auch gerade weil – ich homosexuell empfinde, gehört es für mich zu einer Selbstverständlichkeit, die heterosexuelle Verbindung als diejenige zu betrachten, die das Pendant darstellt, welches auch in der Evolution aus offenbar überdachtem Grunde überwiegt. Wir müssen nicht nur auf sexuelle Praktiken blicken, die uns offenbaren: Zwischen Mann und Frau schmiegt sich ein Arrangement, das füreinander geschaffen scheint. Auch dies wiederum bedeutet nicht, dass man andere Formen der menschlichen Verknüpfung geringer schätzen sollte. Doch mir bleibt in der derzeitigen Debatte unerschlossen, weshalb eine offenkundige Synthese nicht auch weiterhin den exklusiven Schutz genießen soll. Und sei es nur symbolisch: Die Hervorhebung der heterosexuellen Ehe muss auch fortan legitim sein – und eben nicht nur, weil sie Garant für die Fortentwicklung der Menschheit ist, sondern sich in ihrer gegenseitigen Fügung idealtypisch abhebt. Nein, homosexuelle Beziehungen sind keinesfalls unnormal. Es bleibt ohne Frage: Liebe ist nicht begrenzt. Sie funktioniert zwischen uns allen – und keine Form kann höher bewertet werden als die andere. Doch ich denke, in den öffentlichen Erörterungen vermengen wir so Manches.

Es geht um die staatliche Förderung, um den besonderen Rechtsschutz der heterosexuellen Ehe, nicht um die gesellschaftliche Anerkennung der homosexuellen Liebe. Letztere ist von der politischen Auseinandersetzung völlig unberührt, da niemandem zusteht, sie zu erniedrigen. Mein Appell, die verschiedengeschlechtliche Ehe auch weiterhin unter exemplarische Obhut der Verfassung zu stellen, bedeutet gleichsam nicht, dass es keiner Änderungen in verschiedenen juristischen Fragestellungen bedürfe. Denn es ist richtig: Dort, wo Menschen füreinander Verantwortung übernehmen, müssen sie unterstützt werden. Daher ist die Fortentwicklung der begonnenen Zusprechung von mehr Anrechten und Pflichten der eingetragenen Lebenspartnerschaften zu begrüßen. Auch die grundgesetzlich ebenso behütete Familie kann aus meiner Sicht durchaus gleichsam außerhalb des bisherigen Bildes gelebt werden. Ob damit auch die Notwendigkeit der Zuerkennung vollständiger Adoptionsrechte für beide gleichgeschlechtlichen Partner abzuleiten ist, wage ich unter dem Umstand, dass die Zahl der zur Adoption bereit stehenden Kinder weit unter der liegt, die adoptieren möchte, allerdings zu bezweifeln.

Die Studienlage gibt mehrheitlich die Einschätzung her, wonach das Aufwachsen in einer homosexuellen Beziehung keinerlei negative Folgen für die Kleinen bedeutet. Untersuchungen zeigen aber auch, dass es einerseits Probleme gibt, den Zustand der sozialen Elternschaft durch zwei gleichgeschlechtliche Partner auf den der biologischen zu normieren (womit das Modell der „Patchwork“-Familie unberührt bleibt). Dies liegt nicht an äußeren Faktoren, wie vielfach vermutet, also nicht an Ausgrenzungstendenzen dieser Kinder durch das gesellschaftliche Umfeld. Viel eher bleiben verschiedene Grundbedürfnisse unbefriedigt, da ein entsprechend höherer Bedarf an Orientierung im frühen Alter Startchancen verzerrt.

Fasst man meine Ausführung jedoch zusammen, braucht es nach meiner Auffassung im Sinne der wechselseitigen Übernahme von Pflichtgefühlen sowohl in steuerlichen, aber auch in bürgerlichen und sonstigen Rechten eine Besserstellung der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft gegenüber Singles. Auch Bindungen, in denen Kinder erzogen werden, haben Anspruch auf Vorzüge – entsprechend muss dies dann allerdings gleichwertig für unverheiratete und „neu zusammengesetzte“ heterosexuelle Paare gelten, denn es geht hierbei in erster Linie um die Kinder, weniger um ihre „Eltern“ (in welcher Definition auch immer). Unbestritten bleibt für mich jedoch, dass es einer übergeordneten Privilegierung von Müttern und Vätern bedarf, die Nachwuchs selbst zeugen. Wiederum bedeutet solch ein Schritt keinerlei Verurteilung von Alleinlebenden (zu denen ich selbst gehöre) oder kinderlosen Paaren (die oftmals vollkommen unfreiwillig auf Nachwuchs verzichten müssen); aber im Blick auf die Nachhaltigkeit unseren gesellschaftlichen Fortbestand und seine demografische Versorgung gehört es nach meinem Verständnis zur Normalität, denjenigen ausdrücklichen Dank in Form von öffentlicher Protektion zuzugestehen, die Kinder zur Welt bringen. Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass spezifische Rechtsvorteile für bestimmte Personenkreise keine Diskriminierungen nach sich ziehen, solange es um einen Mehrwert geht, der keine existenziellen Nachteile für den Rest bedeutet.

Entsprechend irritiert mich auch die stetig neu angebrachte Empörung von Interessenvertretern, die fortlaufend „mehr Rechte“ für Homosexuelle einfordern. Beobachte ich heute die Aktivitäten dieser Lobbyisten, die sich nach ihren Worten für Schwule, Lesben, Transsexuelle u.a. einsetzen (und in deren Verbänden auch ich temporär mitgewirkt habe) und zu ihrem selbst ernannten Sprachrohr erheben, ereilt mich oftmals der Eindruck, wonach die von dort gewollten Ansprüche nicht in erster Linie für das Wohl der repräsentierten Klientel stehen, sondern als Machtinstrument in der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung.

Es ist insgesamt fragwürdig, wenn das stetige Formulieren neuer und weitreichender Zugeständnisse den Beigeschmack erhält, Homosexuelle u.a. wollten weitergehende Berechtigungen erhalten als andere Mitbürger. In Deutschland gibt es zweifelsohne auch heute Stigmatisierung von Menschen abseits der heterosexuellen Orientierung, auch bei „anderen“ sexuellen Neigungen und Identitäten bleibt noch viel Bedarf an Abbau von Barrieren in den Köpfen der Bevölkerung und mancher Politiker. Insgesamt kann ich aber nicht erkennen, dass in der Bundesrepublik die als elementar zu definierenden Menschenrechte von Homosexuellen u.a. beschnitten werden.

Ich komme hier auf meine obigen Ausführungen zurück: Dem Grundgesetz entnehmen wir ein eindeutiges Verbot an Benachteiligung – dies schließt gemäß meiner Auffassung aber nicht aus, dass wir bestimmten menschlichen Verbindungen eine herausragende Ehrung aussprechen. Wir verringern dabei nicht den Wert Homosexueller o.a., sondern gestehen über den Mindestanspruch an Rechten für jeden Bürger hinaus eine Begünstigung ein, wie sie auch andere Personengruppen in verschiedenen Gesetzesbereichen selbstverständlich ist.

Unter genannten Klarstellungen sorge ich mich folglich darüber, dass sich auch in der Arbeit der Landesregierung für den Beobachter nicht selten der Eindruck eröffnet, wonach sich verantwortliche Minister und Funktionsträger von der sogenannten „Schwulen- und Lesben-Bewegung“ treiben lassen. Mit der Keule der „Toleranz“, mit der Drohung, bei kritischem Hinterfragen von mancher Forderung als verächtlich oder inhuman gebrandmarkt zu werden, wird ein Druck aufgebaut, der weit über die aus meiner Perspektive zulässige Lobbyarbeit hinaus geht. In einem demokratischen und vielschichtigen Miteinander braucht es die Vertretung von Interessen von Minderheiten – aber gleichsam auch den Schutz vor einem Diktat der Weltanschauungen.

Nicht selten erleben wir Homosexualität u.a. in der Außendarstellung als „bunt“ oder „offen“. Dass das legitime und zu unterstützende Bemühen von Interessenverbänden, pluralistische sexuelle Orientierungen als Teil unseres Miteinanders nahbar zu machen, scheitert jedoch immer wieder daran, dass gängige Ressentiments durch eigene Verhaltensweisen gar zusätzlich untermauert werden. Selbstverständlich kann dies nicht für alle Homosexuellen u.a. angenommen werden – aber der oberflächliche Körperkult, eine Form der Arroganz und der überstrapazierten Selbstwahrnehmung in alleinigem Blick auf sexuelle Leistungsfähigkeit und physisches Aussehen tragen unmissverständlich zu einer Intoleranz innerhalb der homosexuellen „Szene“ bei, denn Respekt und Zuwendung von Würde wird vielen Schwulen und Lesben unter „ihresgleichen“ nur unter dem Maßstab der optischen Perfektion und sexuellen Ausdauerfähigkeit zuteil.

Dass viele Interessenvertreter darüber hinaus vehement daran festhalten, die Segregation in nahezu einer eigenen Parallelwelt fortzuführen, zeigt, dass nicht nur meine Erlebnisse fast schon als strategisch zu betrachten sind: „Du musst weiterhin auf die Tränendrüse drücken. Es geht uns in Deutschland gut. Aber wenn wir mehr wollen, sollten wir auch künftig die Opferrolle einnehmen“, ist mir noch immer eine Aussage eines Aktivisten im Ohr. Wenn eine Stilisierung und Inszenierung eines Mythos‘ zur Durchsetzung persönlicher Profite missbraucht wird, verliert die Mehrheit in unserem Land zu Recht das Vertrauen in diejenigen, die auf CSD-Kundgebungen bis heute plakatieren, Mitte der Gesellschaft sein zu wollen. Die ehemalige Demonstration, die von der „Christopher Street“ ausging, ist zum Sinnbild dessen geworden, dass Schwule und Lesben weit verbreitete Vorurteile gegenüber ihrer Gruppe noch bestätigen. Mich wundert tatsächlich nicht, dass die immer öfter dargestellte Ekstase auf solchen Veranstaltungen auf viele Bürger abstoßend wirkt. Wer die „homosexuelle Welt“ auf „Show“ reduziert, macht sich mitverantwortlich am Scheitern ihrer Integration in das bürgerliche Zentrum.

Denn die tatsächliche notwendige Bemühung Schwuler und Lesben zu diesem wechselseitigen Prozedere wird durch bewusste, aber wohl eher wenig Erfolg versprechende Provokation missbraucht und die Möglichkeit ausgelassen, sich als überzeugter Gesprächspartner für politische und gesellschaftliche Dialoge zu positionieren. Manchmal bleibt bei mir die Frage, ob die schwul-lesbische Interessenvertretung überhaupt darauf abzielt, Teil des Miteinanders in unserem Land zu werden – oder ob der Wille nach eigener Wichtigkeit die ewige Rolle in „Opposition“ erklärt.

Nach Jahren der versuchten Balance in Umgang und Offenbarung von sexueller Freizügigkeit gerät unsere westliche Gesellschaft nach meiner Wahrnehmung erneut in Gefahr, diese neuerlich allein unter den Aspekt von „Spaß“, „Grenzenlosigkeit“ und „Abwechslung“ zu stellen. Nahezu dem Leistungsprinzip entsprechend, wird nicht mehr Qualität, sondern Quantität propagiert. Empören wir uns (zu Recht!) immer wieder über ein ausuferndes Maß an Gleichgültigkeit gegenüber Pornografie, wollen wir am besten schon in der Grundschule damit beginnen, Kindern die verschiedenen Sexualpraktiken nahe zu bringen. Aufklärungsunterrichte können kaum noch früh genug beginnen, manche Organisationen haben gerade im Rahmen des „Bildungsplanes“ für Baden-Württemberg bereits Handreichungen formuliert, die Kindern in der Pubertät die Heterosexualität schlecht reden sollen. Müssen wir tatsächlich die Entwicklung unserer Kleinsten derart lenken, beeinflussen und beschneiden? Trauen wir ihnen nicht zu, eigene Erfahrungen zu sammeln, um sich in ihrem Prozess der persönlichen Reifung selbstständig sexuell zu orientieren? Auch wenn der Einwand, Kinder könnten unter Anbetracht vorgelebter und propagierter Homosexualität diese auch für sich annehmen (Gerüchte wie „Schwulsein ist ansteckend!“ sind hierfür Ausschlag gebend und müssen mit aller Entschiedenheit verurteilt werden), als vollkommen inakzeptabel zurückzuweisen ist, braucht es gerade in einer objektiven Erziehung das Abbilden von Wirklichkeiten – wozu eben auch der Umstand gehört, dass Homosexuelle weiterhin in einer Minderheit sind, die weder benachteiligt, aber eben auch nicht künstlich aufgewertet werden darf.

Wir sind glücklicherweise in der überwiegenden Mehrheit der Gesellschaft so weit, dass wir die unerträgliche Einordnung der Homosexualität u.a. sexueller Orientierungen und Neigungen als „krankhaft“ überwunden haben. Gleichsam will ich aber nicht verschweigen, dass aus meiner eigenen Beratungstätigkeit die subjektive Empfindung erwächst, wonach nicht wenige Schwule und Lesben mit ihrer Homosexualität hadern. Im Gegensatz zu weitreichenden Darstellungen – auch der Interessenvertreter – ist dieser Umstand eben häufig nicht auf eine gesellschaftliche Diskriminierung zurückzuführen, sondern darauf, sich in der „schwulen und lesbischen Szene“ unwohl zu fühlen, Sehnsucht nach einem Kinderwunsch zu entwickeln oder einer unstrittig in den homosexuellen Kreisen ausgeprägten Verrohung beziehungsweise leichtsinnigen Auslebung des Sexualverhaltens zu entfliehen. Nachweislich sind also weniger die exogenen als vielmehr die endogenen Faktoren treibende Kraft für die oftmals bis zu psychischen Problemen führenden Unzufriedenheiten von manch Schwulen und Lesben ursächlich. Viele Lobbyisten tragen durch ein vorzeitiges Einklassifizieren seelischer Nöte von Homosexuellen dazu bei, dass der Zugang zu Psychotherapie oder Beratung für die Betroffenen erschwert wird.

Es ist nahezu unverantwortlich, wenn Menschen eingeredet wird, man würde als Schwuler oder Lesbe in ärztlicher oder therapeutischer Behandlung zwingend einen Versuch der „Umpolung“ erfahren und die „Schuld“ für den Gemütszustand liege ausschließlich an der Umwelt, die ausgrenzt und stigmatisiert. Zweifelsohne gibt es auch heute noch Mediziner und Therapeuten, die Verfahren wie die Konversionstherapie praktizieren. Die Politik, aber auch die Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) lässt allerdings immer seltener Spielräume, solche Formen der Behandlung abzurechnen, noch sie breitflächig zu implizieren. Dort, wo dies dennoch geschieht, muss von Berufskammern eindeutig durchgegriffen werden. Was diese Ausreißer aus der allgemein gültigen Übereinkunft der Wissenschaft betrifft, darf es keine Nachsicht geben. Gleichzeitig wäre es aber fatal, solche Fälle als Argumentationsgrundlage zu verwenden, um homosexuellen u.a. Menschen mit inneren Konflikten therapeutische Hilfe zu verweigern. Der Wunsch nach Veränderung, hat oftmals komplexe tiefenpsychologische Gründe, denen sensibel und ernsthaft nachgegangen werden muss. Dabei gilt – wie bei allen Formen von Beratung, Seelsorge oder Therapie – das Gebot der Ergebnisoffenheit. Entsprechend ist keinesfalls das Ziel einer „Rückkehr zur Heterosexualität“ verbreitet, wie es von Lobbyisten nicht selten bestimmten Kreisen der Psychotherapeuten vorgeworfen wird. Viel eher ist zu hinterfragen, welche Hürden im Wege stehen, um sich selbst und seine eigene sexuelle Orientierung anzunehmen. Dieser Prozess muss im Zweifel einer fachkundigen Begleitung geöffnet bleiben.

Im Übrigen halte ich von der Theorie einer „umkehrbaren Homosexualität“ wenig, da ich endokrine, psychologische und soziale Konstellationen für die Ausprägung der sexuellen Orientierung eines Menschen ursächlich sehe. Eine daraus geformte Persönlichkeit ist nach meinem Verständnis nicht ohne unzulässigen Druck veränderbar – es entspräche auch nicht dem bereits genannten grundgesetzlichen Gebot der Souveränität eines Jeden, sich von außen an ihr „auszuprobieren“. Anderslautende Meinungen, die oftmals auch auf Botschaften religiöser Schriften beruhen, sind für mich nicht nur als Humanisten, sondern auch im Verständnis der Bibel u.a., nicht gedeckt. Für den Nachweis, dass entsprechende Textstellen über Homosexualität u.a. eine solche eben nicht als beugbare „Sünde“ einordnen, braucht es nicht einmal das Liebesgebot aus 1. Johannes 4, 16. Es reicht ein Blick in die ursprünglichen Originale, die den Zusammenhang belegen, wonach lediglich das unverantwortliche, leichtsinnige und pädophile Ausleben der Sexualität (egal, welcher Zusammensetzung) ein „Gräuel“ darstellt.

Zusammenfassend ermutige ich Sie: Reflektieren Sie stets die auf Sie zugetragenen Forderungen von Interessenvertretern und versuchen Sie, politische Entscheidungen aus einer Metaebene zu bewerten und zu treffen. Bleiben Sie offen für dialogisch vorgebrachte Standpunkte. Und würdigen Sie Argumente aller Beteiligten.

Ich verbleibe mit Dank für Ihre Aufmerksamkeit und bestem Gruß,

[Dennis Riehle]