Reisende soll man nicht aufhalten

Unsolidarisch, arrogant und undankbar – mehr fällt mir zum Verhalten Großbritanniens in der aktuellen Diskussion um den „Brexit“ nicht ein. Selten hat ein Land die Europäische Union derart gegängelt und vor sich hergetrieben. Zwar mögen auch Berlin und andere Staaten für manchen Reformvorschlag aus London dankbar sein, allerdings nur dann, wenn davon alle Länder profitieren und es nicht bei Extrawürsten für die Insulaner bleibt.

Die EU ist ein Gemeinschaftsprojekt in Werte- und Gesellschaftsfragen, in Politik und dem Sozialwesen. Das wollen die Briten aber offenbar nicht akzeptieren: Ihnen ist es allein an einer Wirtschaftsunion gelegen, in der sich eigene Interessen durchpeitschen lassen. Doch wir sind heute weiter und setzen den Zusammenhalt der restlichen Mitglieder der Union aufs Spiel, wenn wir uns neben der ohnehin klaren Tendenz zu neuerlich mehr Nationalstaaterei in der Flüchtlingsfrage darüber hinaus nun auch bei den Befindlichkeiten jedes einzelnen Staates auf Egoismus einließen. Der Einzige, der derzeit Strukturen ausnutzt, sind nicht die EU-Bürger oder Flüchtlinge aus anderen Herkunftsländern – es ist GB selbst. Vorteile genießen, Verpflichtungen verweigern wollen – das widerspricht jeglichem Grundgedenken der Gründerväter der EU.

Sie hat sich mit ihren aktuellen Beschlüssen ohnehin bereits viel zu weit an Großbritannien angebiedert – und damit wesentliche Manifeste der Union preisgegeben, allein aus der Angst vor einem möglichen ökonomischen Schaden für die Gemeinschaft beim Austritt der Briten. Für dieses Szenario gibt es jedoch viel zu unterschiedliche Prognosen, um sich wegen ihnen zum Sklaven von Camerons Alleingang zu machen. Europa ist nicht „Wünsch dir was“. Wenn das britische Volk zurück in die Isolation möchte und sich künftig vielleicht mit der Schweiz verpartnert, dann sollten wir den Reisenden nicht aufhalten. Ich würde ihm jedenfalls keine Träne nachweinen…

[Dennis Riehle]

Kommentar
Jubel an Einigung zum Pauschalisierten Entgelt in der Psychiatrie verfrüht

Spitzenpolitiker der Großen Koalition haben sich in Berlin auf wesentliche Eckpunkte für das „Pauschalisierte Entgeltsystem für Psychiatrie und Psychosomatik“ (PEPP) geeinigt. Die Gesundheitsexperten von SPD und Union verständigten sich darauf, dass die Vergütung von Leistungen in der stationären Behandlung und Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen künftig daran orientiert wird, ob die Einrichtung nach modernsten Standards arbeitet. Bundesgesundheitsminister Gröhe konnte noch nicht beziffern, welche Kosten die Reform mit sich bringen werde. Insbesondere sollen aber Verbesserungen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung gewährleistet werden, um sogenannte „Drehtüreffekte“ zu vermeiden. Diese negative Auswirkung ist eine Befürchtung, die bereits im Vorfeld der nun schrittweisen Einführung des Entgeltsystems aufkam. Als Selbsthilfegruppenleiter und Betroffener kenne ich das psychiatrische und psychosomatische Gesundheitswesen seit langem. Und ich habe seit der testweisen Phase von PEPP, die in den letzten Jahren startete, gerade dieses Phänomen immer öfter feststellen müssen: Patienten wurden entlassen, müssen aber bereits in den folgenden Tagen wieder eingeliefert werden – nur aus Gründen der bürokratischen Abrechnung, die aus dem Entgeltsystem resultiert. Denn wer meint, Menschen pauschalisieren zu können, wird damit stets fehlschlagen.

Was in der somatischen Behandlung schon Alltag ist, kann überdies nicht ohne Weiteres auf die psychiatrische Betreuung projiziert werden: Was Herr Gröhe mit höheren medizinischen Standards als Bereicherung verkaufen will, ist in Wahrheit der Druck auf die Kliniken, Patienten „besser“ im Sinne von „schneller“ zu therapieren. Denn nur diejenigen der Krankenhäuser, die es schaffen werden, durch angeblich qualitativen Fortschritt auch in den von der Politik festgelegten, generalisierten Zeitfenstern für bestimmte Krankheitsbilder den Patienten zu entlassen, werden belohnt. Doch Depressionen haben eben keinen Terminkalender, um zum Stichtag, den sich Krankenkassen oder Ausschüsse gern wünschen, auch wieder zu verschwinden. So ist es in der Psychiatrie nicht möglich, pauschal einzuschätzen, wann ein Betroffener so weit gesundet ist, um wieder aus der stationären Betreuung nach Hause geschickt werden zu können. Das mag bei einer Blinddarmoperation oder auch einem einfachen Armbruch abzusehen sein; die Seele braucht aber Zeit, um wieder fit zu werden. Und wenngleich Kostendruck und immer höhere Ausgaben auf dem Gesundheitssystem lasten, so wird sich gerade durch den „Drehtüreffekt“ eine ganz neue und sicher nicht unerhebliche Steigerung der finanziellen Aufwendungen zur Behandlung psychisch Kranker ergeben, die die Einsparungen durch PEPP zunichtemachen. Denn bereits jetzt sehe ich in meiner praktischen Arbeit: Wird ein Patient deshalb entlassen, weil für sein Krankheitsbild nur die Zahlung eines stationären Aufenthalts für einen bestimmten Zeitraum vorgesehen war, wird er mit großer Sicherheit schon bald wieder in alte Muster zurück verfallen.

Neben dem Bild vom „blutenden Patienten“, das wir aus der Somatik kennen, der noch am Tage seiner Operation mit offener Wunde vor die Tür gesetzt wird, weil das Krankenhaus das Bett für den nächsten Erkrankten bereitstellen will, zu welchem eine neue „Fallpauschale“ abgerechnet werden kann, ist auch die Vorstellung, dass wir mit psychischen Kranken künftig ähnlich verfahren wollen, mindestens gleichsam beängstigend wie würdelos. Denn wenngleich Gesundheitspolitiker wie Prof. Lauterbach versprechen, dass mit PEPP auch dafür gesorgt werden soll, dass der Übergang vom stationären in den ambulanten Bereich reibungsloser verläuft, versteckt sich dahinter Klientelpolitik zugunsten des Profitinteresses einer zunehmend privatisierten Gesundheitsbranche. Denn wer Vernunft und Anstand wahrt, muss eingestehen: Ein Patient kann erst dann entlassen werden, wenn es sein Zustand erlaubt – und nicht, wenn die Uhr das Auslaufen der Pauschale ankündigt. Deshalb erlebe ich bereits heute, wie der ambulante Bereich nicht selten mit den Konsequenzen von PEPP überlastet wird. Und damit sind aber keineswegs nur Psychotherapeuten und niedergelassene Fachärzte, sondern vor allem auch das niederschwellige Versorgungssystem gemeint. Es ist unbestritten: Die Mehrheit der Patienten möchte ein (psychiatrisches) Krankenhaus so rasch wie möglich wieder verlassen und in die gewohnte Umgebung zurückkehren. Gerade in der Behandlung seelischer Störungen ist der Bezug zum sozialen Umfeld von großer Bedeutung, um baldmöglichst wieder selbstständig leben zu können. Und es ist zweifelsohne lobenswert, dass eine Verzahnung ambulanter Dienste mit dem stationären Gesundheitswesen gestärkt werden soll, um den Übergang zurück in den Alltag und einen möglichen Rückfall in die akute Krankheitsphase zu vermeiden.

Doch all das wäre auch möglich – und gelänge mit Sicherheit wirkungsvoller –, wenn individuell entschieden würde, wann ein Patient tatsächlich so weit stabilisiert ist, dass er guten Gewissens in die niedergelassene Betreuung übermittelt werden kann und vor allem zur weiteren ambulanten Therapie und Begleitung fähig und motiviert scheint. Denn nicht nur, dass besonders bei psychischen Gebrechen aufgrund zahlreicher Einflussfaktoren ein typischer Verlauf eines Krankheitsbildes kaum vorhergesagt werden kann; ein pauschalisiertes Entgeltsystem wird gerade im Bereich seelischer Leiden der steten Komplexität persönlicher Lebenslagen nicht gerecht. Ein Solidarstaat bedeutet nämlich auch, nach Bedürftigkeit und Notwendigkeit, nicht nach Erfahrungswert oder Pauschalen zu entscheiden und Hilfestellung zu gewährleisten. Dass mir bei all den Entwicklungen nicht verborgen bleibt, wonach vom Patienten gleichsam Eigeninitiative gefordert wird, ist der Tatsache einer kontinuierlich steigenden Beanspruchung der ehrenamtlichen Unterstützung geschuldet. Erinnere ich mich gut, wie ich zu Beginn meiner freiwilligen Selbsthilfearbeit mit 10 Personen im Monat Kontakt hatte, die bei mir Rat suchten, ist es heute dieselbe Zahl innerhalb von drei Tagen. Und nicht selten sind darunter Betroffene, die aus der stationären Behandlung in einen luftleeren Raum ohne Halt entlassen werden. Ob sich dieser Zustand durch eine Vernetzung der Strukturen verändern lässt, bezweifle ich nicht nur aufgrund meiner Wahrnehmung, wonach man die Zumutung an die Zivilgesellschaft für verkraftbar zu halten scheint: Selbsthilfe wird im besten Wortsinne zum Garant dafür, Patienten „im Regen stehen zu lassen“. Als ehrenamtlicher Ansprechpartner komme ich an meine Grenzen, wenn PEPP dazu beitragen wird, dass sich der Staat weiter aus der Verantwortung entzieht, die ihm eigentlich nach Art. 20 GG obliegt: die garantierte öffentliche Gesundheitsversorgung. Und bei all den Aussichten auf eine wachsende Zahl der psychischen Erkrankungen in unserer Gesellschaft ist das keine beruhigende Perspektive.

Und dass man sich unter den Koalitionären nun von den landesweiten Pauschalen verabschiedet hat und stattdessen auf ein Budgetsystem setzen will, das die regionalen Gegebenheiten berücksichtigt und bedarfsgerechte Besonderheiten einbezieht, ist nur ein recht bedingter Fortschritt. Die Zufriedenheit, die derzeit von verschiedenen Seiten propagiert wird, kann ich (noch) nicht teilen. Die Schlagzeile „PEPP ist weg“ lässt sich aus dem Papier der Bundesregierung aus meiner Sicht auf keinen Fall ableiten. Sie ist verfrüht, zumal die Vereinbarung aus dem Bundesgesundheitsministerium weiterhin deutlich macht: „An der Leistungsorientierung der Vergütung und der empirischen Kalkulation wird festgehalten“. Beides ist letztlich geeignet, um psychiatrische Einrichtungen auch weiterhin in große Engpässe und eine Behandlung nach Überschussorientierung treiben zu können. Die Bedrängnis vor einer möglichen Privatisierung von Häusern bleibt aufrecht – gerade hier scheinen die Aktionsbündnisse, die diesen Trend eigentlich verhindern wollten, in ihrer Erleichterung vollkommen übereilt. Und was die wissenschaftliche Vorausberechnung an effektiver Veränderung bringen könnte, zeigen die Datenlagen, die für ambulante Psychotherapie-Plätze in der Bedarfsplanung erhoben werden: veraltet, realitätsfern und seit langem doch schon überholt. Kaum zu glauben, dass dies nun im stationären Bereich anders verlaufen wird.

Daher wird sich auch Minister Gröhe den Vorwurf gefallen lassen müssen, sich eher um die Folgen, statt um die Ursache einer derartigen Entwicklung zu bemühen. Denn die Tendenzen sind spätestens seit den 90er-Jahren klar – und hätten frühzeitig ein Warnsignal sein müssen: Gerade die seelischen Störungen, die durch äußere Umstände beeinflusst werden, treten immer häufiger zu Tage. Und das aus meiner Sicht nicht ohne Grund: Eine ökonomisierte und globalisierte Leistungsgesellschaft bringt nicht nur Menschen mit schwachen Nerven an die Grenzen der psychischen Belastungsfähigkeit. Die Frage, weshalb bei ankletternden Ausgaben für die gesundheitliche Versorgung nicht zunehmend auch die Unternehmen beteiligt werden, die auf Kosten der Arbeitskraft ihrer Mitarbeiter Profite eintreiben, konnte mir bis heute nicht beantwortet werden. Und zusammenfassend bleibt beim Eingestehen, dass eine Reform von Vergütung wie auch Abrechnung der Leistungen im Gesundheitswesen nötig ist, um Gerechtigkeit und Ehrlichkeit zu stärken und Missbrauch zu verhindern, vor allem die Forderung aufrecht: Transparenz schafft man nicht durch das pauschalisierende Kürzen, sondern durch Offenheit im Umgang mit finanziellen Mitteln. Individualisierung ist auch ohne mehr Bürokratie möglich – wenn man es nur möchte, einzig und allein um des Patienten willens…

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung
„Der SWR hat eben gerade nicht der subjektiven Einschätzung politischer Mitbewerber Rechnung getragen“

Der Rundfunk- und Verwaltungsrat des SWR hat den Intendanten des „Südwestrundfunks“ gegen Kritik in Schutz genommen, die nach den Entscheidungen des Senders zum Umgang mit den „Elefantenrunden“ in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg im Vorfeld der anstehenden Landtagswahlen in den beiden Bundesländern aufkam. In einer Antwort auf eine Beschwerde des Journalisten Dennis Riehle (Konstanz) verteidigte die Geschäftsstelle der Gremien das Verhalten von Peter Boudgoust, der für die Gesamtleitung des SWR zuständig ist. Nach einer ursprünglichen Festlegung mehrerer Parteien, sich bei einer Einladung der „Alternative für Deutschland“ (AfD) in die Fernsehdebatten der Spitzenkandidaten nicht an der Sendung zu beteiligen, sollte die AfD ausgeladen werden, was unter anderem die CDU mit der Drohung verband, dann nicht zur Diskussionsrunde zu erscheinen.

Riehle hatte dem Intendanten in diesem Zusammenhang unter anderem seine Aussage vom 21. Januar 2016 vorgeworfen, als er verkündete: „Allein der SWR entscheidet über seine Inhalte und Angebote“. So befände nicht der SWR, sondern der Staatsvertrag, die kontrollierenden Gremien und das Grundgesetz darüber, erwiderte Riehle. Auch als selbstverwaltende Institution sei der Südwestrundfunk in seinen Entscheidungen gebunden. Die Worte vom 21. Januar 2016 stünden überdies in deutlichem Widerspruch zu Ausführungen von Peter Boudgoust am 19. Januar 2016 in Stuttgart, wonach es nach Weigerung von SPD und Grünen „keine Alternative gegeben“ habe, „als dem Wunsch [dieser Parteien] nachzukommen“. „Insofern gestand der Intendant eine Einflussnahme in die Entscheidungshoheit des SWR ein, die er zwei Tage später dementierte“, schrieb Riehle in seiner Beschwerde. Und weiter: „Dadurch kommt eine Verletzung der Präambel des SWR-Staatsvertrages, die eine Staatsferne des Rundfunks verlangt, ebenso wie des Artikels 5 Abs. 1 GG in Betracht“. Der Rundfunk- und Verwaltungsrat widersprach: „Die Sendung hätte ohne die Regierungsparteien ihren eigentlichen Sinn verloren, wäre journalistisch sinnvoll nicht mehr durchzuführen gewesen“.

Dass sich der SWR unter den Umständen gegen eine Absage der Diskussion entschied und nach Aussage aus dem Rundfunk- und Verwaltungsrat „unter Berücksichtigung der eingetretenen Sachlage entschlossen [habe], ein journalistisches Gesamtkonzept vorzulegen“, kritisierte Riehle und zitierte unter dem Verweis, dass sich der SWR unter politischem Druck für ein „Konzept nach Maß“ auf Wunsch der Regierungsparteien entschieden habe, den erfahrenen Chefredakteur außer Dienst, Nikolaus Brender, mit einer Aussage in der „Berliner Zeitung“ vom 21.1.2016. Er forderte dort eine Annullierung der Elefantenrunden. „Diesem Rat schließe ich mich an“, so Riehle“, „so hätte sich der SWR nicht erpressbar machen können“. Die Alternative, eine Runde lediglich mit den Parteien durchzuführen, die unter dem Gleichheitsgrundsatz bei Einladung aller Spitzenkandidaten (auch der AfD) erschienen wären – auf die Gefahr, dass die Plätze von Grün und Rot unbesetzt geblieben wären, lehnte der Rundfunkrat ab: „Leere Stühle“ wären eine „Farce“ gewesen. Riehle hielt entgegen: „Viel schlimmer ist aber ein unzuverlässiger öffentlich-rechtlicher Sender: Zur Einhaltung seines Auftrages gehören journalistische Grundsätze, die im Zweifel auch Konsequenz einfordern“. Der Rundfunkrat verwies gleichzeitig darauf, dass mit einer Absage „der AfD (und den anderen Parteien FDP und Linke) die Möglichkeit einer TV-Präsenz genommen worden“ wäre. „Dem SWR war allein daran gelegen, dass seine Zuschauerinnen und Zuschauer die Möglichkeit erhalten, sich […] ein Bild über die Positionen und Programme der einzelnen Parteien zu machen“.

Die schlussendliche Darlegung des Intendanten mit den Worten „Wir machen es so [nach dem entworfenen Gesamtkonzept, Anm. des Autors], weil wir uns an zwei Grundsätzen zu orientieren haben – dem gesetzlichen Informationsauftrag und der Verpflichtung zur Chancengleichheit“ bezeichnete Riehle als sachlich unzureichend: Ein wesentlicher Grundsatz des SWR sei nicht nur die Einhaltung der Chancengleichheit der Parteien (Art. 21 GG i.V.m. Art. 38 GG, Art. 3 GG), sondern insbesondere der Schutz der Meinungsfreiheit (Art. 5 GG) sowie der demokratischen Bedürfnisse der Bevölkerung und die Erfüllung einer entsprechenden Grundordnung (§ 3 Abs. 1 SWR-Staatsvertrag; § 6 Abs. 1 SWR-Staatsvertrag). Diese besage eine Gleichbehandlung der Parteien generell solange, wie sie durch das Bundesverfassungsgericht nicht endgültig als verfassungswidrig verboten werden. Somit dürfe der SWR subjektiven Einschätzungen von politischen Mitbewerbern über Parteien wie der AfD keinerlei Rechnung schenken, denn die „Alternative für Deutschland“ gehört zum demokratischen Spektrum der Parteienlandschaft, ehe keine andere höchstrichterliche Einordnung erfolgt sei. Hierzu formulierte der Verwaltungsrat, dass die Objektivität durch das Verhalten des SWR viel eher gestärkt worden sei, weil man im Falle einer Absage der Sendung „den Parteien mit realistischen Chancen auf einen Einzug in den nächsten Landtag […] jede Möglichkeit einer TV-Präsenz genommen hätte“. Riehle entgegnete, dass auch die AfD zu diesen Parteien gehöre; der SWR geht in seiner Argumentation gar noch weiter: „Man mag sogar darüber streiten können, ob in dieser Variante [Runde lediglich der bereits im Landesparlament sitzenden Parteien mit anschließenden Einzelinterviews der restlichen Spitzenkandidaten, Anm. d. Autors] die nicht im Landtag vertretenen Parteien sogar besser hätten zur Geltung kommen können als in einer Elefantenrunde mit allen sechs Parteien“.

Abschließend hatte Riehle die vom SWR in einer Stellungnahme des 27. Januar 2016 vorgebrachte „abgestufte Chancengleichheit“ angesprochen, wonach die Parteien nach Aussicht auf ihr prozentuales Ergebnis im Journalismus unterschiedlich behandelt werden dürften: „Verständlicherweise müssen Medien Abwägungen treffen, weshalb die Abstufung der Chancengleichheit in der Wertung der unterschiedlichen Bedeutung der politischen Parteien zwar berücksichtigt werden kann und nun offenbar in Baden-Württemberg dadurch zum Tragen kommt, dass Parteien außerhalb des Parlaments, die Chancen auf den Einzug in den Landtag haben, in Einzelinterviews im Anschluss an die ‚Elefantenrunde‘ Stellung nehmen können. Sie ist allerdings nur dann legitim, wenn sie auch vergleichbar anzuwenden vermocht wird“. Dies geschah aber zum damaligen Zeitpunkt nicht, weil der Südwestrundfunk in zwei unterschiedlichen Bundesländern trotz derselben geltenden verfassungsrechtlichen und Grundsätze des SWR-Staatsvertrages für das gesamte Sendegebiet verschiedene Praktiken nutzt: Während in Rheinland-Pfalz Parteien mit Chancen auf Wahl in den Landtag in die Diskussionsrunde einbezogen werden, bleiben sie in Baden-Württemberg davon ausgegrenzt. Der Rundfunkrat war anderer Auffassung: „Solange die Parteien [zu einer Elefantenrunde mit sechs Parteien, Anm. d. Autors] aber jedenfalls in Baden-Württemberg nicht bereit waren, habe es für den SWR nur die Alternative der Absage der Sendung oder der Änderung des Konzeptes gegeben“. Es wäre für die Zuschauer viel unverständlicher gewesen, wenn es in einem Bundesland eine Elefantenrunde gegeben hätte, im anderen aber nicht, so der Verwaltungsrat – und fragt nahezu entrüstet zum Abschluss seines Briefes: „Hätte dann auch die Elefantenrunde in Rheinland-Pfalz abgesagt werden sollen, damit ein einheitliches Vorgehen in beiden Bundesländern möglich gewesen wäre?“.

Riehle beantwortet dies mit einem klaren „Ja“. Denn dies wäre „folgerichtig gewesen, um gerade den etablierten Parteien zu verdeutlichen, dass Medien in Deutschland nicht durch Politik beeinflussbar sind“, so der Freie Journalist, der sich über die Antwort des Rundfunk- und Verwaltungsrates wenig überrascht zeigte: „Aus langjährigen Erfahrungen weiß ich, dass Beschwerden bei diesen Gremien geringe Aussichten auf eine positive Bescheidung haben. Niemand wird sich selbst belasten, die Verzahnung zwischen diesen Räten und dem Sender ist dafür viel zu dicht. Und auch, wenn der SWR in seinem Brief alle Einflussnahme der Parteien auf seine Entscheidungen bestreitet, bleibt sie auf Grundlage seiner Äußerungen für mich wahrscheinlich“.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Medien.

Kommentar
Vom Abtreibungsgegner bis zum Laizisten – über die ungewöhnliche Freundschaft…

PEGIDA, AfD, Fundamentalisten, Islamkritiker, Evangelikale oder Erzkonservative: Die Gemengelage ist im Augenblick zweifelsohne schwierig. Da scheinen sich Anhänger wie Gegner von Kirche und Religion vereinen, da äußern sich Nationalisten im Einklang mit Lebensschützern und da wettert gegen den Islam, wer das Christentum gleichzeitig verteidigt. Zwar vermag man das Ergebnis aus diesem Becken an Unzufriedenheit und Enttäuschung, gar Aggression und Hass auf den Straßen, in obskuren Online-Portalen und im Hintergrund der Politik als einen Cocktail einer wilden Mischung aus Fundamentalisten, Radikalen und Extremen sehen; man würde es sich damit aber zu einfach machen – gerade auch dann, wenn man demokratisch entgegenhalten und sich bewusst im sensiblen Bereich der Religionskritik von platter Instrumentalisierung abheben will. Will man gar festmachen, wer denn nun tatsächlichen Laizismus verfolgt oder bloßes Bashing auf Andersgläubige betreibt, eignet sich Meinungen zum Thema „Kirchensteuern“ genauso wenig wie die zu Ablösezahlungen des Staates. Denn die Unterscheidung zwischen dem wirklich Säkularen und den alleinigen Nutznießern einer angeblichen Kirchenkritik für prüden Populismus ist kaum noch möglich.

Viel eher ist es die Herausforderung an alle, die sich ernsthaft mit der Verquickung von Politik und religiösen Kräften auseinandersetzen wollen, Alleinstellungsmerkmale zu finden, die auch vom Außenstehenden einer eindeutigen Intention weit ab von rassistischen und verachtenden Verunglimpfungen zugeordnet werden können. Denn die Übergänge scheinen fließend: Wann ist Islamkritik Religionskritik? Und wann ist sie tatsächlich Feindseligkeit gegenüber fremden Kulturen, fremdem Glauben oder fremden Menschen? Wegweisend könnte dabei sein, stets zu hinterfragen, ob sich Kritik lediglich an EINER oder eben viel eher an DER Religion als institutionalisierte Bekenntnisgemeinschaft orientiert. Auch ich gebe zu: in diesen Tagen eignet sich der Islam aufgrund des Verhaltens einer Minderheit seiner Anhänger vortrefflich für jede Form der Missbilligung – wohl auch, weil politischer und religiöser Islam wie bei keiner anderen Glaubensrichtung der Gegenwart so untrennbar verzahnt scheinen. Und doch will ich mich bemühen, an ihm nur beispielhaft aufzuzeigen, welch Schaden Religion verursachen kann.

Man liest dieser Tage viel darüber, ob fundamentale Christen zur „Speerspitze“ um AfD und PEGIDA geworden sind: Generell ist das evangelikale Spektrum nicht mit der „Alternative für Deutschland“ deckungsgleich, sind Abtreibungsgegner nicht zwingend Islamhasser und nicht jeder konservative Gedanke weist auf die Zugehörigkeit zu dieser merkwürdigen Einheit der „Wutbürger“ hin. Und doch gibt es bemerkenswerte Gemeinsamkeiten, nicht ohne Grund. Die AfD ist in wesentlichen Teilen auch aus einem konservativen Wählerspektrum entstanden, das den extremen Rändern des Christentums angehört. Nicht nur evangelisch-freikirchliche, sondern ebengleich streng katholische und bestimmte Strömungen der protestantischen Landeskirchen wurden durch einen immensen Aufwand an PR und Werbung über zig Verteilerlisten zu einer „Interessengruppierung“ mehr oder weniger bewusst und gewollt generiert und zwangsvereint – unter Zuhilfenahme der unterschiedlichsten Verbindungen, Gesellschaftszirkel und Wirtschaftsorganisationen, die mit Klerikalismus so gar nichts zu tun haben.

Verdienst an dieser mittlerweile weit über Parteigrenzen hinaus angewachsenen „Bürgerbewegung“ haben letztlich Namen, die sich heute in Initiativen, Unternehmen und Vereinen finden, von deren Vernetzungsqualität manch Lobbygruppe wirklich nur träumen könnte. Manch einer mag es perfide, andere eher als getrickst und schlau ansehen, wie sich nahezu ein System des Widerspruchs entwickelt hat, über dessen tatsächlichen Ziele, mitwirkenden Personen oder Inhalte selbst viele Unterstützer keine Ahnung haben dürften. Denn durch ein intelligentes Einbeziehen von gesellschaftsfähigen Meinungen, Positionen aus der Mitte des demokratischen Spektrums – mit oder ohne Wissen der Betroffenen – und dem Nutzen von Strukturen und Persönlichkeiten, die ihres Zeichens zwar einen gesellschaftspolitischen Konservativismus verfolgen, sich aber nicht darüber im Klaren sind, dass sie für eine Parallelwelt zur „Lügenpresse“ herhalten, gibt sich die Maschinerie einen bürgerlichen Anstrich.

In diesem Zusammenschluss verschwinden rasch die Grenzen: Nicht mehr klar erkennbar war, aus welchem Beweggrund sich einzelne Mitstreiter engagierten. War es der bloße Protest gegen alle Obrigkeit – ob Kirche oder Staat, denen man sowohl von Neoliberalen, aber eben auch von nahezu national und anarchistisch daher laufenden Kräften eine Bevormundung vorwirft? Der Einsatz gegen den „linken Gender-Mainstream“, der wiederum in enger Überlagerung mit der „Lebensschutz“-Bewegung und damit als Teil einer fundamentalen Glaubensüberzeugung zu sehen ist? Oder vielleicht doch die Phobie, die schon nahezu in paranoide Züge des Untergangs von Mitteleuropa unter dem Halbmond mündet? Nein, ich lasse mich nicht hinreißen, sondern bin überzeugt, dass es legitim sein kann, auch Positionen aus diesen Reihen nachzuvollziehen und sie möglicherweise sogar zu teilen. Doch allein die Vernunft und die Begründung rechtfertigen die Übernahme jedweder Anschauung, nicht aber der blanke Trieb nach Spalterei, Emotionalisierung oder Hasstiraden. Darin muss sich ein humanistischer Atheismus von einem subversiven Laizismus, ein wertkonservativer Humanismus von einem ideologisch-historischen Traditionalismus unterscheiden.

Gemeinsam scheint sowohl der AfD, aber auch den christlich-konservativen Zusammenschlüssen und den einzelnen Aktiven aus dem Spektrum der „Empörten“ der Kampf gegen das „Establishment“, wobei hier jeder ein anderes meint. Insofern sind die Parallelen zu rechtspopulistischen Strömungen von Österreich über Frankreich bis nach Amerika offenkundig. Enttäuschung, Protest und Wut sammeln sich aus unterschiedlichen Wurzeln, zielen auch auf verschiedene Empfänger – sind aber gleichsam im „Dagegen“ vereint. Feindbilder haben dann Konjunktur, wenn die gesellschaftlichen Gräben offenkundig sind – ob der zur angepassten und liberalen (evangelischen) Kirche, der zum tolerantem Papst in Rom, der zu unserer scheinbar in Willkür gegen „Recht und Ordnung“ entscheidenden Kanzlerin, zu muslimischen Asylbewerben, die entweder Arbeitsplätze nehmen oder gleich den Terrorismus ins Land tragen oder der zum Islam als gesamter Religion, die das Abendland bedroht.

Ich gebe zu, auch ich bin stellenweise manch polemischem Argument aus diesen Reihen verfallen. Und ich musste auch merken, wie schnell man in den doch zweifelhaften Verbindungen vereinnahmt zu werden drohte. Es ist klar, dass Pauschalisierung nicht weiterhilft, ebenso wenig aber das Verschweigen, dass aus Teilen dieser Szene eine ganz entscheidende Gefahr für den Rechtsstaat ausgeht. Denn das Machtvolumen, das sich ein Ring aus privaten Initianten, Abgeordneten und teils reichen Förderern hier erarbeitet hat, gebündelt in einer Interessengemeinschaft mit klar erkennbarem Willen zu Einfluss, Mitsprache und revolutionistischer Veränderung, wiegt schwer im Verhältnis der Kräfte eines partizipativen Systems. Deshalb sind Anstrengungen unumgänglich, ehrliche Religionskritik in den klaren Gegensatz zur Hetzerei zu stellen, indem wir uns nicht der alleinigen Kulturkritik, wohl aber der Verurteilung jeder Politisierung, Dogmatisierung und Absolutheit von Religionen verschreiben.

[Dennis Riehle]

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Kommentar
Kritik an schwul-lesbischer Abgrenzungstendenz…

Wie lebt eigentlich ein Homosexueller? Wie ein Transsexueller? Ein Intersexueller? Anders als ein Heterosexueller? Klar, in Bezug auf ihre sexuelle Orientierung, auf ihre Identität unterscheiden sich ihre Lebensweisen. Aber darüber hinaus auch? Als ich kürzlich eine Pressemitteilung des Lebens- und Schwulenverbandes (LSVD) las (http://www.lsvd.de/newsletters/newsletter-2016/integration-kommt-nicht-von-allein.html), fragte ich mich, was damit gemeint sein soll: In Integrationskursen müsste Flüchtlingen die „Lebenswirklichkeit“ der LSBTI vermittelt werden. Ich selbst war mir als Schwuler zunächst unsicher: Sieht denn meine Lebensweise wirklich anders aus? Ein Heterosexueller wäscht sich morgens (wahrscheinlich) – ich auch. Er besucht die Toilette – ich auch. Er trinkt vielleicht Tee – ich dagegen Kaffee. Danach geht er möglicherweise zum Arbeiten, hört dabei Musik und hat sich vorher mehr oder weniger „stylisch“ gekleidet. Kann sein, dass ich nicht der „typisch“ Schwule bin und keine entsprechenden Vorurteile erfülle – aber ich kaufe meine Klamotten dort, wo sie auch meine heterosexuellen Freunde finden. Und abends: Ja, da mag der eine in eine Bar gehen – ich gehe ebenfalls da hin. Ein anderer Schwuler sucht dagegen eher das „Szene“-Lokal auf.

Aber leitet sich daraus schon ab, dass wir eine unterschiedliche Lebensweise hätten? Mich persönlich stört diese Abgrenzung. Nein, ich führe kein anderes Leben, nur, weil ich eben homosexuell bin. Und ich möchte auch ehrlicherweise gar nicht anders leben als ein Heterosexueller. Denn zunächst einmal bin ich doch Mensch. Und natürlich: Wenn es um die Frage geht, Asylsuchenden aus fremden Kulturkreisen zu verdeutlichen, dass es bei uns zur Selbstverständlichkeit – zu unserem Grundgesetz – gehört, dass hier eben auch Schwule und Lesben genauso unbehelligt leben dürfen wie Atheisten, wie behinderte Menschen, wie Blonde oder Linkshänder, dann muss ihnen das vermittelt werden. Das hat etwas mit demokratischem Verständnis zu tun, mit Staatsordnung oder Weltanschauung, mit Ideologie und Überzeugung. Bei uns ist jeder gleich, was nicht bedeutet, dass wir nicht unser Leben individuell gestalten können. Im Gegenteil: Die Vielfalt ist hierzulande zumindest theoretisch durch unsere Verfassung geschützt. Aber genau daher ist es doch für jedwede Form von Integration – ob nun die von Homosexuellen oder Flüchtlingen genauso wie von homosexuellen Flüchtlingen – in die Mitte unserer Gesellschaft kontraproduktiv, wenn nun gerade wir selbst beginnen, unsere „Lebensweisen“ voneinander abgrenzen zu wollen!

Die Botschaft an diejenigen, die neu in unser Land kommen, ist wie die an unsere eigene Bevölkerung dieselbe: Jeder hat bei uns das Recht, im Rahmen von Gesetzen nach seiner Façon zu leben. Hierzu brauche ich keine Differenzierung der Lebenswirklichkeiten – denn damit, dass die Würde eines jeden in unserem Land unantastbar ist, ist eigentlich alles gesagt. Dass ein Mensch im Rollstuhl in seinem Alltag anderen Herausforderungen gegenübersteht und ihn entsprechend anders zu orientieren und zu meistern hat als ein Spitzensportler auf zwei Beinen, das ist Realität. Das höchste Gut bei uns ist es, dass wir Lebensentwürfe, Lebensverläufe und Schicksale nicht werten, um zu dem Schluss zu kommen, dass jeder von ihnen wert-voll ist. Diskriminierung entsteht nicht durch das Betonen von Einheit, sondern durch das Hervorheben des Trennenden. Deshalb darf es nicht Ziel in unserer Gesellschaft sein, diese noch weiter aufzusplitten. Wir dürfen Unterschiede nicht verschweigen, wir dürfen sie aber auch nicht für Eigeninteressen missbrauchen. Denn so könnte jeder Lobbyverband von Minderheiten entsprechend einbringen, wonach die „Lebensweise“ seiner Klientel besonderer Berücksichtigung bedürfe. Doch die Existenz der Pluralität von „Lebenswirklichkeiten“ sollte nicht demonstrativ „gelehrt“ und in Kursen verordnet werden – daran müssten dann nämlich auch viele Deutsche teilnehmen. Wer die eigene „Kultur“ über Gebühr hin akzentuiert, pocht nicht auf die natürlichen Divergenzen, sondern demonstriert Überheblichkeit.

Daher hege ich schon seit jeher ein Unbehagen, wenn ich von schwul-lesbischer „Szene“, „Bewegung“ oder gar „Welt“ lese. Wird einerseits auf Paraden für Anerkennung protestiert, zementieren viele Mitwirkende durch ihr bewusst auffallendes Verhalten Vorurteile, das eher auf Provokation und Segregation statt auf eine Form von gleichberechtigter Teilhabe ausgerichtet ist. Ob diese „Lebensweise“ allerdings charakteristisch ist und nicht ihrerseits wiederum Homosexuelle ausgrenzt, die das Darbieten nackter Oberkörper, diverser Sexspielzeuge und bunter Verkleidungen in der Öffentlichkeit eben nicht als Lebenswirklichkeit von Lesben und Schwulen ansehen, will ich bezweifeln. Ein Paradoxon aus dem Kampf zwischen betonter Andersheit und Partizipation, das auch immer dann zutage trifft, wenn bestimmte Interessengemeinschaften – wie aktuell – darauf hinweisen wollen, sie nicht zu vergessen. Wahrnehmung und Aufmerksamkeit müssen aber zwangsläufig nicht zu mehr Würdigung, Akzeptanz oder auch Berücksichtigung führen, im Gegenteil. Ich sorge mich eher darum, dass das beständige „Wir sind auch noch da…“ eher selektive Wirkung als integrative besitzt – denn es hat stets etwas von gewissem Selbstmitleid. In Zeiten, in denen wir vor der Aufgabe stehen, viele Gruppierungen immer wieder neu zu einem Kollektiv zu verschmelzen, ohne dabei Eigenheiten aufgeben zu müssen, ist es wahrlich nicht hilfreich, Eigenbrötlerei zu betreiben. Das müsste auch der schwul-lesbischen „Community“ bewusst sein, die Verantwortung zeigen statt selbstgerechte Egoismen verbreiten sollte. Ein Befördern von Parallelgesellschaften hat nie zum Ziel geführt – und gerade heute ist es leichtfertig…

[Dennis Riehle]

KOMMENTAR
Zur Wahlwerbung der rheinland-pfälzischen Linken mit Franziskus…

Nicht nur das Bistum Speyer ist empört: Ausgerechnet die Partei DIE LINKE, der man von den im Bundestag und anderen Parlamenten sitzenden Parteien noch am ehesten zugetraut hatte, sich für Säkularismus einzusetzen, wirbt im Wahlkampf zur Landtagswahl in Rheinland-Pfalz mit dem Papst. Zu sehen ist Franziskus auf passend sozialistisch rotem Hintergrund in einer fragenden Pose, ein ihm zugeschriebenes Wort wird als Zitat über das große Emblem von „DIE LINKE“ gesetzt: „Wenn die Politik wirklich den Menschen dienen soll, darf sie nicht Sklave der Wirtschaft und Finanzwelt sein“.

Dass der aktuelle Pontifex für seine einerseits soziale Ader, seine Kritik an Globalisierung und seine scharfen Aussagen gegenüber einer Ökonomisierung bekannt ist, wissen wir. Dass bei all dem Hype um seine Person aber gleichzeitig seine erzkonservativen Positionen oftmals in Vergessenheit geraten und zugunsten seiner großen Beliebtheit bei den Menschen heruntergespielt werden, ist allerdings eine Tatsache, die auch der Linken nicht verborgen geblieben sein dürfte. Gleichsam fällt auf, dass sie sich mit Missbilligung von Aussagen Franziskus‘, beispielsweise über die „ideologische Kolonialisierung“, seit jeher zurückgehalten hat. Viel eher lobten Spitzenpolitiker der Linkspartei den Kurs des Papstes in seinen Vorhaltungen gegen die Wirtschaft.

Doch wie glaubwürdig ist eine Partei, die eine Person auf ihr Wahlplakat hievt, welche selbst in Sachen einer zuverlässigen Meinung nicht wirklich verbindlich ist? Noch zu Beginn seiner Amtszeit waren es die Gesten des früheren argentinischen Erzbischofs, mit denen er sich den „Sündern“ zuwandte und fragte, wie es ihm zustehen solle, über sie zu urteilen. An Geschiedene und Atheisten wandte er sich gleichermaßen – und sogar in der schwul-lesbischen Welt wurden die Einlassungen als Revolution gewertet. Doch die Begeisterung verpuffte spätestens, nachdem die von Franziskus einberufene Familiensynode zum Thema „Homosexualität“ keine tatsächlichen Antworten gefunden hatte. Die Enttäuschung war groß – aber gerade DIE LINKE hält offenbar weiterhin an ihrem Zugpferd fest: Denn während sich die Kirche von jeglicher Vereinnahmung des Papstes für bestimmte politische Haltungen distanziert, rechtfertigen die rheinland-pfälzischen Wahlkampfverantwortlichen ihre Entscheidung, den „Brückenbauer“ der katholischen Kirche auf ihren Aushängen abzudrucken. Er solle helfen, die Menschen „aufzurütteln“ und die linke Botschaft zu verbreiten.

Franziskus als Wahlhelfer der Linken – das hätte vor Jahren auch noch keiner für möglich gehalten. Zumal dann nicht, wenn sie sogar in ihrem Parteiprogramm vom „Laizismus“ spricht, den es zu schützen gilt. Nicht umsonst wurde auch eine entsprechende Bundesarbeitsgemeinschaft eingerichtet, die sich dieser Thematik widmen soll. Allerdings muss man den Willen der Partei zu einer echten Trennung von Staat und Kirche gleichsam relativieren. Sie hat eine Abschaffung der Ablösezahlungen an den Klerus und eine Reform des Artikels 140 Grundgesetz, der maßgeblich die enge Verwobenheit religiösen und staatlichen Institutionen regelt, immer wieder auf „die lange Bank“ geschoben. Entsprechende Initiativen im Bundestag ergriff sie nicht, weil sie wichtigere Schwerpunkte in ihrer Arbeit sieht, so die Begründung.

Kommt man nochmals auf die Wahlwerbung zu sprechen, so muss man sich auch um die PR-Berater der Partei sorgen. Denn wie prägnant der Standpunkt von Franziskus ist – und damit als Alleinstellungsmerkmal für „DIE LINKE“ dienen kann – zeigt sich daran, welch andere Persönlichkeiten und Organisationen es gäbe, mit deren wesensverwandten Zitaten zu dem des Papstes man auf dem Wahlplakat hätte werben können! Wie wäre es mit: „Die Wirtschaft muss dem Volke dienen“ (NPD-Parteiprogramm) oder „Die Wirtschaft muss dem Menschen dienen – auch die Finanzwirtschaft… nicht umgekehrt!“ – Angela Merkel im Jahr 2011…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Beitrag „B.Z. erklärt den typischen Berliner Linksradikalen“, der am 22. Januar 2016 unter http://www.bz-berlin.de/berlin/b-z-erklaert-den-typischen-berliner-linksradikalen erschienen ist, verstößt nach meiner Auffassung gegen Ziffern des Pressekodexes. Entsprechend wird eine Beschwerde gegen die Redaktion von „B.Z.“ (online) vorgebracht. Ein Ausdruck des Artikels ist beigefügt.

Begründung:

Auch wenn der Artikel über eine „Studie“ (wenngleich aufgrund der Vorgehensweise in der Erhebung, Auswertung und den Beurteilungen über diese Bezeichnung gestritten werden könnte) – und damit nicht über eine Umfrage im engeren Wortsinne – berichtet, muss sich die Darstellung doch an den Vorgaben der Ziffer 2 des Pressekodexes orientieren. Zur Studie werden aber wesentliche Angaben verschwiegen: In welchem Zeitraum wurden die Ergebnisse zusammengetragen? Wie repräsentativ sind sie tatsächlich? An welcher Fragestellung orientierte man sich bei der Erhebung? Ziffer 2.1. verlangt zum Verständnis bloßer Zahlenangaben derartige Zusatzinformationen völlig zu Recht. Sie fehlen im vorliegenden Falle aber doch weitgehend.

Ein wesentliches Manko bleibt die unzureichende Schärfe der Begrifflichkeit des „Linksradikalen“. Dem Leser bleibt verborgen, nach welchen Kriterien dieser doch undifferenzierte Stereotypus definiert wurde – und wem konkret damit die erhobenen Zahlen, Eigenschaften und Zuschreibungen gelten. Der „typische“ Berliner Linksradikale wird entsprechend mit Merkmalen versehen, ohne zu wissen, welche Personengruppe sich im Einzelnen dahinter „versteckt“ und wie weit sie gefasst ist.
Wahrhaftigkeit (Ziffer 1 Pressekodex) und Sorgfalt (Ziffer 2 Pressekodex) als Anforderung an die journalistische Tätigkeit werden aus diesem Grunde mit dem Beitrag nur eingeschränkt erfüllt.

Selbst wenn mit den vagen Angaben zu der in der „Studie“ dargebrachten Gruppe von „Linksradikalen“ kaum eine tatsächliche Verbindung und etwaige Rückschlüsse oder gar die Identifizierung bestimmter Personen herzustellen ist, bleibt die plakative Präsentation der Ergebnisse geeignet, um Menschen in ihrer Ehre zu verletzen. Nachdem es den Textbausteinen an tatsächlichen Bezugnahmen fehlt, die ihre Bedeutsamkeit belegen würden oder erläutern könnten, auf welchen klar zu fassenden Täterkreis sie sich relativieren, entbehrt der Artikel jedwedem Sinngehalt. Mit generalisierten Textphrasen „Neun von zehn gaben bei einer freiwilligen Aussage als Beziehungsstatus ledig an“, „Jeder dritte ist arbeitslos“ oder „Jeder zweite stammt aus Friedrichshain-Kreuzberg oder Neukölln“ wird nicht nur ein gegenstandsloser Konnex, sondern ein willkürliches Soziogramm geschaffen, das lediglich dazu herhalten kann, Menschen in einem völlig voreingenommenem, zielgerichtet verzerrtem und damit unangemessenem Licht vorzuführen, was mit Ziffer 9 Pressekodex unvereinbar ist.

Mit der beispielhaften Aussage „haben trotz mittlerer Reife meistens keinen Job – und 92 Prozent von ihnen wohnen noch bei Mutti“ sind aus meiner Sicht zudem zusammenhanglose Pauschalisierungen getroffen worden, die eine Diskriminierung einer sozialen Minderheit nach Ziffer 12 Pressekodex bedeuten. Denn weder Arbeitslosigkeit und das Wohnen im Elternhaus sind für sich gesehen jeweils nennenswerte Eigenschaften mit ausreichendem Informationsgehalt, um ihre zur Schaustellung zu rechtfertigen. Überdies bedingen sie sich nicht gegenseitig und haben darüber hinaus keine Aussagekraft, um Kontexte zur thematisierten politischen Einstellung zuzulassen. Sie dienen damit lediglich der Sensationsberichterstattung (Ziffer 11 Pressekodex).

Der gesamte Beitrag ist offenkundig auf ein weitgehend zusammenhangloses Darstellen von Attributen ausgelegt, das im Endeffekt einen Nexus vermittelt, der zwischen dem klassischen linksradikalisierten Bürger und Prädikaten wie „21 – 24 Jahre alt“, „gewalttätig“ etc. (siehe Titel des Artikels) eine Beziehung knüpfen soll. Eine weltanschaulichen Ausrichtung, der im Text zwar eine „Radikalisierung“ zugeordnet wird, die aber gleichsam durch einen ausbleibenden Erörterungsrahmen für den Leser letztlich nur schwer greifbar bleibt, ist hiermit einer parteiliche Schmähung unterworfen worden, die Ziffer 10 Pressekodex zuwiderläuft.

Insofern ergeht Beschwerde gegen die „B.Z.“ (online) in genannter Angelegenheit, verbunden mit der Bitte um Überprüfung von möglichen Verstößen gegen den Pressekodex.

Vielen Dank und freundliche Grüße

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Medien.

Zwischenruf
„Und darin besteht das Vertrauen auch, dass irgendwann Gerechtigkeit herrschen wird…“

Es ist auch in der heutigen Zeit keinesfalls eine Ausnahme, wenn sich Prediger mit deutlichen Worten gegen die Atheisten und Konfessionsfreien wenden. Als Diskriminierung will das dann kaum ein Beobachter bezeichnen, viel eher gehöre es ja zum Auftrag, gegen diejenigen zu wettern, die vom Glauben abgefallen sind, um die eigene Religion in ihrer Bedeutung zu würdigen und sich eigens und die Gemeinde als bessere Menschen, als Auserwählte, darzustellen und sich überhöht und gleichsam selbstherrlich zu loben und zu preisen.

Oftmals passiert dies in den Kirchen, abgeschieden und von der Außenwelt nicht bemerkt. Dass sich eine Pfarrerin aber in einer Fernsehübertragung in eine wirre Auslegung der Rechtfertigung von „Rachegefühlen“ gegenüber „den Gottlosen“ einzulassen vermag, hat schon eine neue Dimension. So geschehen in der Sendung „Nachgefragt“, die das „Schweizer Fernsehen“ (SRF 1) am 7. Februar 2016 ausstrahlte. Nach der Übertragung des Gottesdienstes aus der evangelisch-reformierten Gemeinde im für das „Weltwirtschaftsforum“ bekannt gewordenen Alpendorf Davos interviewte Christine Stark die Theologin Cornelia Camichel Bromeis zu dem in der Andacht in den Mittelpunkt gestellten Psalm 31.

Das Bibelwort, von dem viele Gläubige – wie so oft – nur die harmlosen Zeilen wie „Meine Zeit steht in deinen Händen…“ (Vers 16) oder „Denn du bist meine Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wolltest du mich leiten und führen“ (Vers 4) kennen, ist in seinem weiteren Verlauf aber gleichsam – wie eben auch so häufig in dieser „Heiligen Schrift“ – gnadenlos und brutal: „Die Gottlosen müssen zu Schanden werden und schweigen in der Hölle“ (Vers 18). Daran stieß sich auch die Moderatorin und wollte von ihrem geistlichen Gegenüber doch wissen, wie man mit solch einer Passage in der heutigen Zeit umgehen sollte.

Im Verweis auf den Zusammenhang des Textes, der aus dem Blick des Volkes Israel zu sehen sei, erläuterte Cornelia Camichel Bromeis ihren Standpunkt, wonach Rachgedanken in solchen Situationen sicherlich nachvollziehbar gewesen seien, aber gleichsam wohl auch für die Moderne ihre Geltungsberechtigung hätten: „Es braucht ein Ausdrucksmittel, um eben solche Gefühle auch einmal ausdrücken zu können“, so die Pfarrerin in konkreter Frage zum 18. Vers, der die Gottlosen verdammt. „Wir sind es heute nicht mehr gewohnt, Rachegefühle zuzulassen“, rechtfertigte die Theologin in ihren weiteren Ausführungen, ohne dabei auch nur im Ansatz den Versuch zu unternehmen, sich exegetisch von der Aufforderung zu distanzieren, wonach die „Ungläubigen“ wohl augenscheinlich in der Hölle „schmoren“ sollten.

Eine doch verdutzte Christine Stark wollte es nochmals explizit wissen, ob es nicht schwierig sei, solche Worte auch zu beten. Sie selbst habe damit Mühe, so die Moderatorin – die Pfarrerin dagegen wohl nicht: „[…] ich finde […] es auch ganz wichtig, dass wir das [den Rachegedanken, Anmerkung des Autors] aussprechen“. Zwar sei ja niemand gezwungen, solche Bitten in den Mund zu nehmen, verwerflich findet es die reformierte Geistliche aber wohl nicht. Immerhin schränkt sie auf die Frage, wie es sich mit der Umsetzung solcher „Rachgefühle“ verhalte, ein: „Er [der Rachegedanke] wird Gott übertragen – und Gott soll sich rächen“. Die Gefühle darf man selbst hegen, das grausame Werk darf dann aber Anderen überlassen bleiben. Das macht die Sache nicht besser, im Gegenteil: Gott „soll“ sich gar rächen – wiederum ein Aufruf, der nicht nur mit einem absurden, aber doch typisch christlichen Gottesbild in Verbindung gebracht werden kann, sondern gleichsam für manch einen Vertreter der liberalen Theologie eine Anmaßung darstellen muss.

Je länger das Gespräch dauerte, desto grotesker wurden die Äußerungen der Pfarrerin. Offenbar sieht sie die „Gottlosen“ als diejenigen, die Ungerechtigkeit in diese Welt bringen. Dafür wohl auch ihre Rachegedanken, denen Gott schlussendlich sein Urteil folgen lassen soll. Darauf setzt sie, wenn sie festhält: „Und darin besteht das Vertrauen auch, dass irgendwann Gerechtigkeit herrschen wird“. Sie selbst würde sich nie rächen, sie sei behütet aufgewachsen – was wohl bedeutet, dass allein die christliche Erziehung dazu führen könne, gar nicht erst auf die „schiefe Bahn“ zu geraten, „ungläubig“ zu werden. Gleichwohl könne sie Rachgefühle verstehen, „auch wenn ich es nicht gutheiße, natürlich“. Sie würde sich dafür die Finger nicht schmutzig machen, scheint es: „Die Tat, das Umsetzen, soll man bitte Gott überlassen“.

Zurück bleibt eine irritierte Christine Stark, eine Konfirmandengruppe, der man wünscht, sie möge rasche Seelsorge für das erhalten, was ihre Pfarrerin an Weltbildern vermittelt hat – und die Frage, was tatsächlich in unseren Kirchen jeden Sonntag gepredigt wird. Da empören wir uns über Hetze einerseits, lassen andererseits aber zu, dass der christliche „Wolf im Schafspelz“ nicht minder zu rechtfertigen scheint, dass „Heiden“ für ihren Unglauben gerächt werden sollten. Man mag Cornelia Camichel Bromeis für ihre Offenheiten danken, die einem größeren Publikum ermöglicht haben, sich ein Bild darüber zu machen, dass auch Protestanten in ihrer Deutlichkeit der Schrifttreue ins Nichts nachstehen – und wohl auch nicht davor zurückschrecken, jedwede Interpretation von „Gottes Wort“ um der „Gerechtigkeit willen“ zu unterlassen. Gerechtigkeit, die in diesem Zusammenhang wohl kaum etwas Anderes bedeuten kann, als Hass gegen jeden zu säen, der seine garantierte Religionsfreiheit ernst nimmt…

Hinweis: Die Aufzeichnung der Sendung „Nachgefragt“ kann unter http://www.srf.ch/sendungen/gottesdienst/nachgefragt-mit-christine-stark-10 eingesehen werden.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Kommentar

Mit Unverständnis reagiere ich als Mitglied des „CSD Konstanz-Kreuzlingen e.V.“ über den Protest des Vereins gegen den Auftritt der Referentin Gabriele Kuby am 12. Februar 2016 im Rahmen der „Ring 2000 Erwachsenenbildung“ der Kreuzlinger Pfarreien St. Stefan und St. Ulrich zum Thema „Gender Mainstreaming“. In der „Kreuzlinger Zeitung“ (http://www.kreuzlinger-zeitung.ch/2016/01/14/zwei-umstrittene-referenten/) wurde gegen die Autorin gewettert, wobei eine Vielzahl von undifferenzierten Darstellungen einen Eindruck hinterlassen, der aus meinen persönlichen Erfahrungen mit der Rednerin ihre tatsächlichen Haltungen in keinerlei Falle wiedergibt. Wer Homosexualität und Heterosexualität nicht als „gleich“ bezeichnen will, der ist noch lange nicht „homophob“! Mit dieser Keule wird die Meinungsfreiheit zunehmend einzuengen versucht, das ist für mich als Homosexuellem nicht akzeptabel.

Zweifelsohne trennen Frau Kuby und mich verschiedene Standpunkte: Ich würde auch die „ausgelebte“ Homosexualität nicht zwingend als Sünde bezeichnen, verstehe ich doch die ursprünglichen Textstellen der Bibel, die für die Rechtfertigung dieser Einstufung herbeigeführt werden, anders. Dass in einer sexualisierten Gesellschaft aber besonders auch in der schwul-lesbischen „Szene“ eine ganz herausstechende Tendenz zu Oberflächlichkeit, vollkommener sexueller Ausuferung und einer Reduktion der Sexualität auf die reine Befriedigung von Trieben besteht, ist gleichsam aus meinen Erlebnissen in diesem Umfeld nicht zu bestreiten. Gerade von einem Verein wie dem CSD e.V. würde ich mir daher auch mehr selbstkritisches Denken erwarten, denn nicht zuletzt muss die Frage erlaubt sein, ob eine schrille, anzügliche und Parade noch etwas mit dem zu tun hat, was sie ursprünglich verkörperte: den politischen Einsatz gegen Diskriminierung. Heute sind es Veranstaltungen wie diese bunten Umzüge, die Vorurteile gegenüber Homosexuellen bestärken und dem Unverständnis über manch Schwule und Lesben einen vermeidlichen Bärendienst erweisen.

Das beständige Einfordern von neuen und mehr Rechten wirkt auf mich befremdlich. Ich lehne jede Form der Missachtung persönlicher Integrität ab, egal, wen jemand liebt. Ich bekenne mich zu den unabänderlichen Menschenrechten, die uns allen zuteilwerden müssen – ohne jegliche Beschränkung. Unsere Grundrechte sehen allerdings legitimerweise eine Schutzbedürftigkeit besonderer Personengruppen, Institutionen und Eigenschaften vor. Dass jedwede heterosexuelle Verbindung der homosexuellen nicht in der Liebe, wohl aber in ihrer Bedeutung für die Fortpflanzung und damit den existenziellen Fortbestand des menschlichen Lebens „überlegen“ ist, erachte ich auch als Schwuler als eine Tatsache, die nach meiner Auffassung keines Widerspruchs bedürfte. Daraus leitet sich für mich entsprechend dieser besondere Stand der heterosexuellen Ehe ab, den unsere Verfassung definiert; die Unterscheidung zu einer gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft halte ich schon deshalb für notwendig, weil diese sich nicht nur in sexueller Hinsicht, sondern aus der Evolution heraus, praktisch und ebenso ideell gesehen, als vollkommener gestaltete Ergänzung präsentiert.

Entsprechend ist damit Familie vornehmlich auch dort, wo diejenigen sind, die zu einem Kind die engste Beziehung haben – nämlich die leiblichen Eltern. Das besagt nicht, dass Homosexuelle nicht zur Erziehung „taugen“ würden. Doch eine Bevorzugung verschiedengeschlechtlicher Elternschaften (im besten Falle selbstverständlich die zum Kinde blutsverwandten) ist für mich nicht nur hinnehmbar, sondern vor allem auch nachvollziehbar. Diese Selbstverständlichkeit braucht auch keine (ohnehin bislang nur über kurz aussagekräftige Zeiträume vorliegenden) Studien, die trotz erheblicher Zweifel an ihrer wissenschaftlichen Argumentation keinerlei Nachteile für Kinder sehen, die in homosexuellen Beziehungen aufwuchsen. Dass heterosexuelle Paare einen weitergehenden Beitrag für unser aller Wohl leisten können, ist eine natürliche Gegebenheit, die ich als Schwuler annehmen muss. Ich sehe mich aber nicht dadurch diskriminiert, dass heterosexuelle Bindungen einer herausragenden Obhut unterworfen werden, wenn dies der Allgemeinheit dienlich scheint. Denn eine Würdigung des Einen bedeutet nicht unmittelbar die Entwürdigung des Anderen.

Meines Wissens hat Frau Kuby „Homosexualität“ nie als eine Ausprägung der sexuellen Orientierung verurteilt. Sie bemängelte den Geschlechtsverkehr zwischen Männern beziehungsweise Frauen untereinander, betonte aber gleichzeitig auch, dass sie aus ihrem Glauben und ihren Wertvorstellungen heraus jeden außerehelichen Beischlaf ablehnt. Der Respekt vor den Anschauungen andersdenkender Menschen gebietet mir auch, diese Sichtweise anzuerkennen, ohne sie damit gleichsam teilen zu müssen. Der Aufschrei über einen Vortrag, über dessen Inhalte im Vorfeld lediglich bekannt ist, dass er sich mit der Frage der Rollenverständnisse in unserer modernen Gesellschaft befassen wird, wirkt auf mich unehrlich. Wer erörtert, ob die Annäherung der unterschiedlichen sozialen Geschlechter aneinander (und zu biologischen Identitäten darüber hinaus auch miteinander) in Richtung einer willkürlichen Gleichmacherei denn tatsächlich hilfreich sein kann, ist kein Hetzer, sondern lässt Vernunft in seiner Abwägung walten.

Ich persönlich muss nun überprüfen, ob ich dem CSD e.V. weiterhin als Mitglied angehören will. Denn einst hatte ich gehofft, dass er sich den wirklich notwendigen Forderungen nach Respekt vor jedem Individuum, nicht aber dem populistischen und vor allem unhinterfragten Rufen einer Lobbybewegung verschreibt, die im Austeilen von Vorwürfen groß ist, aber in der Eigenreflexion versagt. Hauptsache, man ist dagegen, egal, ob damit weit am Ziel vorbeigeschossen wird! Die Tendenz, lieber zu demonstrieren, statt miteinander zu reden, beunruhigt mich – und auch im aktuellen Falle wäre es den schwul-lesbischen Kollegen gut angestanden, anstelle in eine sture Widerrede ohne Ahnung einzustimmen, den Dialog mit Frau Kuby über Streitpunkte und Positionen zu suchen. Das werde zumindest ich weiterhin tun…

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Die Sozial- und Pflegesprechstunde wird künftig vorwiegend per Telefon und Mail abgehalten. Grund hierfür ist, dass sich die Nachfrage bei diesen Kommunikationsmitteln in den vergangenen Monaten erheblich erhöht hat. Persönliche Gespräche werden jedoch weiterhin angeboten, wenn dies gewünscht wird. Diese müssen jedoch zuvor vereinbart werden. So sollen fortan auch die letztens immer wieder entstandenen Wartezeiten vermieden werden.

So können sich Ratsuchende jederzeit per Tel.: 07531/955401 (gegebenenfalls Anrufbeantworter) oder Mail: Li-Na@riehle-dennis.de an den Leiter der Sozial- und Pflegesprechstunde, Dennis Riehle, wenden und ihr Anliegen vorbringen. Sollte daneben ein Gespräch erforderlich sein, wird dieses für die bereits bekannten Zeiten am 2. Montag im Monat (9 – 11 Uhr) oder 4. Donnerstag im Monat (15 – 17 Uhr) im Rathaus Litzelstetten, Großherzog-Friedrich-Str. 10, 1. OG, Raum 3, terminiert – allerdings lediglich nach vorheriger Rücksprache.

Die Sprechstunde bleibt sowohl per Telefon, Post und Mail, aber auch im persönlichen Kontakt weiterhin kostenfrei für alle Bürger und wird von der Litzelstetter Nachbarschaftshilfe e.V. getragen. Sie kann eine Erstberatung in sozialen Fragen (beispielsweise Anspruch auf Sozialleistungen, Hilfe bei Antragsstellung, Gespräche in Notlagen, bei Krankheit, Schwerbehinderung, Erziehung, Migration/Asyl, Arbeitslosigkeit, Armut…) und in Anliegen zur Pflege (Pflegeversicherung, Leistungen, Anträge, Umgang mit Menschen im Alter…) sein und vermittelt bei Bedarf an die zuständigen Stellen.

Sie kann auch von Ratsuchenden aus dem Umkreis in Anspruch genommen werden. Im Jahr 2015 war die Sozial- und Pflegesprechstunde von rund 150 Personen kontaktiert worden. Dennis Riehle ist ehrenamtlicher Pflegelotse des Landkreises und ausgebildeter psychologischer und sozialpädagogischer Berater. Er hat zudem jahrelange Erfahrung in der Selbsthilfearbeit und Begleitung von Menschen in sozial schwierigen Situationen. Derzeit gehen viele Anfragen von Flüchtlingen und Helfern ein, denen die Sprechstunde ebenso zur Seite stehen will. Kontakt hierfür ist ebenso über die genannten Daten möglich.

[Dennis Riehle]