Leserbrief zu
„Das ganze Kind hat so viele Fehler“, SPIEGEL 35/2017

Der „Spiegel“ berichtet aktuell über eine seiner Redakteurinnen, eine Mutter im vierten Monat der Schwangerschaft, die erfährt, dass ihr Kind am „Down-Syndrom“ und anderen Krankheiten leiden wird. Entstanden ist ein überaus glaubwürdiger Artikel, der das Ringen einer Frau zeichnet, die ob der Nachrichten nicht weiß, was sie sagen soll, wie sie reagieren und mit diesen Neuigkeiten umgehen soll. Authentisch und mit allen Gefühlen, mit der Hilflosigkeit des Ausschreiens seiner gefühlten Not macht der Beitrag auf ein Thema aufmerksam, das sich langsam in unsere Mitte schleicht. Überschrieben wird der Artikel mit dem Zitat „Das ganze Kind hat so viele Fehler“ – und macht deutlich, dass es nicht unbedingt der einzelne Elternteil ist, sondern eine gesellschaftliche Einstellung, die dazu führt, dass sich Mütter und Väter bedrängt sehen, bei einem Abweichen von der „Norm“ zu hinterfragen, ob sie mit der „Last“ eines behinderten Kindes leben möchten.

Dabei sind nicht sie es, die vornehmlich mit der möglichen Beeinträchtigung leben müssen, vielmehr wird es das Kind sein, das eine außergewöhnliche Prägung haben wird. Doch schon allein der Wortschatz in unseren Breiten verdeutlicht: Wir stehen auf „Normalität“ – und können sie gleichsam nicht definieren, weil uns dafür das Maß fehlt. Denn wo beginnt der Grenzbereich, nach welchem ein Mensch nicht mehr den Vorstellungen entspricht, die wir von ihm haben, die wir von ihm und der Natur erwarten? Machen wir die Normalität an einem Mehrheitsbegriff fest? So, wie die meisten sind, so ist es auch normal? „Fehler“ beschreiben diese angebliche Unvollständigkeit – und noch viel mehr. Sie bewerten in einem Sinne, der für einen Menschen eigentlich nicht bestimmt ist. Zumindest dann nicht, wenn wir davon ausgehen, dass das Ergebnis eines Menschenkindes mehr ist als das Produkt der Evolution, in dessen Prozess es vielleicht zu „Normabweichungen“ kommen kann, zu „Fehlern“, die durch das falsche „Zusammensetzen“ von Teilen geschehen. Leben ist ein Gesamtkunstwerk, das man nicht nach seinen einzelnen Eigenschaften wird beurteilen können, um der Leistung gerecht zu werden, die da das Licht der Welt erblickt.

Wir machen aus dem Menschen ein Produkt, wenn wir es an dem „Qualitätsbegriff“ messen, den wir aus dieser „Schwarz-/Weiß“-Kategorisierung aus „gut“ und „schlecht“, als „perfekt“ und „mangelhaft“ ableiten. Als behinderter Mensch fühle ich mich nicht fehlerhaft, sondern besonders. Gern auch anders als die überwiegende Zahl meiner Mitmenschen, wahrlich aber nicht alleine, selten oder ausgegrenzt. Vor allem auch nicht minderwertig oder bemitleidenswert. Das werden wir nur in einem Denken von oben herab, in welchem sich die angeblich Tadellosen über die stellen, die aus ihrer Sicht „Makel“ haben. Der gesamte Sprachgebraucht ist bereits heute darauf ausgerichtet, zu selektieren. Dabei verschweigt niemand, dass die Annahme eines Kindes mit Behinderung eine Herausforderung ist. Nicht aber, weil es ihm an etwas „fehlt“, sondern weil es mehr Aufmerksamkeit bedarf als andere. Das wiederum ist doch aber nicht nachteilig, sondern würde jedem Nachwuchs angesichts der Pracht des Lebens zustehen. Es geht also um den Begriff des Kindes im Gesamten, um die Wertschätzung unserer Nachkommen, die wir uns nicht wünschen können, sondern die wir in ihrer Schönheit anzunehmen schon deshalb verantwortlich sein dürfen, weil wir selbst nur ein Gast auf Erden sind…

[Dennis Riehle]

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