Kommentar

Warum ist es heutzutage so schwer, mit Unterschieden zu leben? Ist das Miteinander von katholischen und protestantischen Christen deshalb weniger herzlich, weil wir bis heute die Spaltung der Kirchen noch nicht überwunden haben? Dieser Tage erfährt man an vielen Orten, wie Feiern der Ökumene die Botschaft der Reformation ins 21. Jahrhundert tragen sollen. Doch ist wirklich das Gemeinsame die Aussage, die von damals bis heute bleibt? Nein, wir sind gegen das Trennende, Konflikte mögen wir nicht, alle sollten sich liebhaben. Das wird Kindern bereits suggeriert – und ihre Fähigkeit, mit Lust und Laune zu streiten, sinkt dadurch erheblich. Dabei hilft es auch ihnen nicht, Identitäten zu verleugnen.

Warum dürfen wir unser gemeinsames Bekenntnis auf Jesus Christus, auf den dreieinigen Gott, nicht auch mit all den Differenzen untermauern, die uns bis heute trennen? Weshalb müssen wir eine künstliche Glückseligkeit dort herstellen, wo offenbar wird, dass wir noch ziemlich weit auseinander sind? Unterschiedliche Schwerpunkte in unserem Glaubensverständnis sind nichts Verwerfliches, sind nichts, wofür man sich schämen müsste. Dass Katholiken und Protestanten eine verschiedene Anschauung vom Abendmahl haben, von der Gegenwart des Herrn in der Eucharistie, sich zwischen Leibhaftigkeit und Symbolträchtigkeit nicht nur bei der Frage des Empfangs von Leib und Blut Christi voneinander abzugrenzen, das tut der geschwisterlichen Nähe keinen Abbruch.

Viel eher schärfen wir die Kanten unserer Konfessionen, die manch ein Ökumene-Verliebter so gerne wegreden würde. Doch mich stört es nicht, dass meine katholischen Mitchristen das Zölibat weiter hochhalten. Als Protestant geht es mir vor allem um die Schlichtheit im Glauben, um die Konzentration auf die Wurzeln meiner Religion, die Schrift, weniger um die Verehrung des Heiligen. Und doch ist genau sie es, die mich fasziniert sein lässt von meinen Mitchristen. Und so ist kein Blick auf das Christentum weniger wert, nicht der katholische, nicht der evangelische. Viel eher ist der Respekt das Schöne am Reformationsjubiläum. Dass wir einander in den Schattierungen annehmen, die uns ausmachen. Dass wir einander zugestehen, dass Christsein unterschiedlichste Facetten haben kann.

Die Gleichmacherei der heutigen Zeit, sie ist ein Phänomen, die Divergenz nicht aushalten zu können. Nur im Einheitsbrei sind wir glücklich, am frohesten dann, wenn Ecken und Kanten ausgeräumt sind. Nicht obwohl wir zwei Konfessionen darstellen, sondern gerade weil wir eine Trennung hinter uns haben, konnten wir die Profile des Christentums schärfen. Sie haben uns genötigt, unser Bekenntnis klarer zu fassen. Nein, nicht, weil wir im Wettbewerb zueinander stehen, sondern weil wir zwei Seiten der ein und derselben Medaille abbilden, ist die Kunde vom Unterschied in der Einheit so prägend. Niemand von uns möchte die Eigenheiten seiner Konfession abgeben, auch wenn heutzutage das Trennende im Alltag doch kaum noch etwas zählt.

Sich bewusst zu entscheiden, das Christentum mit Herz und Verstand zu leben, das steckt hinter der Reformation, die einlädt, uns mit unserem Glauben wieder tiefer auseinanderzusetzen. Dass, was wir im Gebet alltäglich bejahen, das ist Merkmal und Kennzeichen unserer katholischen und protestantischen Prägung. Immer wieder neu sollten wir es vor uns rechtfertigen, nicht ablegen, um einer falschen Geschwisterliebe willen. Ein Freund zählt oft viel mehr, als eine Beziehung es leisten kann. So ergeht es uns auch als Christen mit unseren Konfessionen. Wir spüren die enge Verbindung, die uns gemeinsam trägt – und wir fühlen uns beflügelt von den Alleinstellungsmerkmalen unserer Verschiedenheiten.

Wir bilden die zwei Pfeiler der Brücke ab, die das Christsein symbolisiert. Ohne uns würde das Konstrukt zusammenbrechen, ohne unsere jeweilige Standfestigkeit das Fundament wackeln. Wir können uns die Hände reichen, ohne ineinander aufgehen zu müssen. Reformation ist der Anstoß zum Nachsinnen über die Bekenntnistreue jedes Konfessionellen. Wir feiern, dass wir als Christen zu unserer Herkunft stehen – aber unterschiedliche Wege genommen haben. Wir wissen nicht, ob und wann sie uns wieder zusammenführen. Das alleine ist Gottes Aufgabe, der über jedem wacht, ob hier, ob da. Wie wohltuend ist diese Zusage, viel mehr als ein Kuschelkurs, der zumindest heute noch nicht so ernsthaft sein kann, als dass wir ihn nicht ohne Verrat am eigenen Glauben überstehen würden.

Feiern wir Reformationsjubiläum im Spannungsfeld des Dualismus. „Herr, mache uns im Glauben treu, und in der Wahrheit frei, daß unsre Liebe immer neu, der Einheit Zeugnis sei“, so schreibt es Georg Thurmair in seinem Lied zur Ökumene. Zur Wahrheit gehört die Freiheit der Konfessionen, auf ihren Eigenheiten zu bestehen. Christus wird uns Zeichen geben, wohin er seine Kirche führen will. Lassen wir uns nicht hetzen, nicht verbiegen, nicht bedrängen in unserem Selbstbewusstsein, das uns wechselseitig stärkt. Wenn wir als friedliche Gemeinschaft der Christen Vorbild sein können für die Religionen der Welt, dann schon hat es sich gelohnt, in der Vielfalt den Zusammenschluss zu suchen. Gott bewahre ihn um seinetwillen!

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

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