Sehr geehrte Damen und Herren,

ich danke Ihnen für Ihre Äußerungen auf der Vertreterversammlung.

Allerdings warne ich vor zu einfachen Antworten: Wir dürfen aus meiner langjährigen Erfahrung in der Selbsthilfearbeit, durch die ich viele Patienten mit ihren Meinungen ganz direkt erlebe, nicht einfach davon ausgehen, dass die Ambulantisierung der Medizin als gottgegeben oder unabwendbar hingenommen wird. Sie mag politisch gewollt sein, ob sie allerdings auch den Vorstellungen der Patienten entspricht, darüber scheint aus meiner Sicht noch keine hinreichende Debatte geführt worden zu sein.

Im Gegenteil: Ich erlebe, wie die Diskussion, immer mehr Behandlungen ambulant statt stationär durchzuführen, bei vielen Patienten zu großen Sorgen führt. Unzureichende Aufklärung über die Möglichkeiten der ambulanten Therapie, Angst vor ungenügender Nachbehandlung, schlechte Erfahrungen mit zu kurzer (teil-)stationärer Behandlung, die die Bedenken vor einer vollständig ambulanten Versorgung noch steigert – all dies sind Befürchtungen, die wir nicht unter den Tisch kehren dürfen. Wir sind dafür verantwortlich, nicht nur in finanziell-wirtschaftlichen und praktischen Dimensionen zu denken, sondern uns auch in die Empfindungslage der Patienten hineinzuversetzen.

Außerdem konnte vielen Patienten bis heute nicht überzeugend dargelegt werden, dass sowohl Ausstattung wie auch Umfeld ambulanter Therapien gerade bei schwerwiegenderen Erkrankungen ausreichend genug sind, um einen problemlosen Erfolg der Behandlung auch gewährleisten zu können. Denn in den Köpfen ging der Prozess der Ambulantisierung bei weitem nicht so schnell voran wie in der Wirklichkeit. Und doch müssen wir die Menschen mitnehmen, wenn wir sie davon überzeugen wollen, dass viele Krankheiten auch ambulant in der nötigen Qualität und gleichsam Seriosität und Sorgfalt behandelt werden können wie in der Klinik.

Das Ringen um die Krankenhäuser vor Ort zeigt, wie wichtig die stationäre Versorgung allein aus psychologischen Gründen ist. Dass im Notfall eine Klinik in der Nähe ist, das gibt Menschen Sicherheit und steigert zudem die Lebensattraktivität einer Region. Zwar können neue Modelle der Versorgungszentren für viele Krankheiten tatsächlich einen adäquaten Ersatz für die klinische Behandlung darstellen, wir dürfen uns aber nicht zu sehr von der Vorstellung verabschieden, die Gesundheitsversorgung könne sich zu großen Teilen ausschließlich auf die ambulante Säule verlassen.

Insofern fordere ich weniger Tempo in der Dynamisierung einer Entwicklung, die Deutschland zwar einerseits auch gesundheitspolitisch international wettbewerbsfähig bleiben lässt, die andererseits aber nicht darauf verzichtet, die Bedürfnisse der eigenen Patienten zu vernachlässigen. Auch wenn letztere nicht immer in der Lage sind, in Ausnahmesituationen auch zu erkennen, dass „ambulant“ nicht schlechter sein muss als „stationär“, braucht es zwingender denn je Information und Transparenz im Ambulantisierungsprozess. Und nicht zuletzt: Wer sich „ambulant vor stationär“ wünscht, der muss gleichsam eine ambulante Versorgungslage vorhalten, die in der Lage ist, die ihr zugestandenen Dimensionen an Patienten und Behandlungen auch zu bewältigen. Bedarfsanalaysen aus den vergangenen Jahrzehnten reichen dann nicht mehr aus, um die Versorgung zu gewährleisten.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit!

Beste Grüße

[Dennis Riehle]

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