Lesermeinung

Sie scheint nötiger denn je: Die Debatte um die „Mehrstaatlichkeit“ brandet wieder auf. Wenngleich die Zahl der „doppelten Staatsbürgerschaften“ unter den Deutschtürken gering ist, wird sicherlich neu zu diskutieren sein, ob das gezeigte nationalstaatliche Auftreten vieler Türken in Deutschland auch eine Ursache darin haben könnte, dass von ihnen nie eine Entscheidung für ein Land und für ein Wertesystem abverlangt wurde. Auch der Umstand, wonach weiterhin ein Großteil der Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland zwar ein unbefristetes Aufenthaltsrecht besitzt, aber nicht eingebürgert ist (und damit ein klares Bekenntnis zum deutschen Staatssystem nicht ablegen will oder auch konnte), unterstreicht die Notwendigkeit solch einer Debatte.

Dieser Personenkreis, der der Türkei schon auf seinen Ausweispapieren viel stärker verbunden ist als der Bundesrepublik, bringt ganz selbstredend die Forderung mit, Traditionen, Überzeugungen und wohl auch Emotionalitäten nach Deutschland zu tragen, ohne dabei zu registrieren, dass mit der Existenz in einem Land auch die Verantwortung zur Teilhabe am hiesigen politischen Dasein einhergeht. Es ist ein internationales Schauspiel, wenn mehrstaatlich lebende Bürger aus der Ferne mit dem Stimmzettel das Geschehen im Heimatland mitbestimmen wollen. Bei den Deutschtürken massiert sich dieses Phänomen – und führt zu grotesken Situationen, wie derzeit bei den gewollten Wahlkampfauftritten der AKP bei uns im Land. Kann es Sinn von Integrationspolitik sein, Menschen, die sich hier ein neues Zuhause aufgebaut haben, eine Bühne für auswärtige Politik zu bieten? Würde Angela Merkel in der Türkei Wahlkampf betreiben?

Wie übergriffig und gleichsam duckmäuserisch ist es, wenn andere Länder ihren Stimmenfang in unsere Säle verlegen – und dabei auf keinerlei Widerrede deutscher Regierungsvertreter stoßen? Es wirkt durchaus schizophren, zumindest doch gedanklich, gefühlt und offenbar auch weltanschaulich in zwei Ländern zu leben. Kein Abbrechen der inneren Verbundenheit mit dem Heimatland, aber den Fokus auf das Hier. Das kann und muss man von jenen erwarten können, die zu uns kommen – denn auch von uns würde es andernorts eingefordert.

[Dennis Riehle]

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