Offener Brief:
Versorgung mit Fachärzten und Psychotherapeuten

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Augenblick erreichen mich durchschnittlich mehrere Dutzend Hilfsgesuche von Menschen mit psychischen Erkrankungen, die auf der Suche nach fachkundiger Unterstützung sind. Als Selbsthilfegruppe sind wir ein ergänzendes Angebot, das nicht therapeutisch, nicht medizinisch ausgerichtet ist, sondern lediglich niederschwellige Begleitung leistet – immer öfter leider auch, weil Menschen in absehbarer Zeit keinen Kontakt zu einem niedergelassenen Facharzt finden.

Ganz abgesehen von der psychotherapeutischen Versorgung: Trotz der Reformen um die „Psychotherapeutische Sprechstunde“ und die Vermittlung mithilfe der „Termin-Servicestellen“ der „Kassenärztlichen Vereinigungen“ berichten mir viele Betroffene noch immer von drei- bis sechsmonatigen Wartezeiten auf ein Erstgespräch; manche Therapeuten nehmen überhaupt keine neuen Patienten mehr auf.

Ich stehe dieser Situation reichlich hilflos gegenüber, weil der Ansturm in den vergangenen Jahren massiv zugelegt hat: Als Ehrenamtliche müssen wir immer häufiger tröstend und ermutigend einspringen, weil das professionelle Gesundheits- und Sozialwesen überlastet ist. Die Bedarfspläne scheinen nicht mit der tatsächlichen Situation abgestimmt zu sein, noch immer gelten ja viele Kalkulationen als überholt, so sagt man.

Mich würde daher interessieren, wie die Landesregierung die Situation in Baden-Württemberg, speziell aber im Landkreis Konstanz, einschätzt, was die Versorgung mit psychiatrisch-neurologischen Fachärzten sowie psychologischen Psychotherapeuten angeht; welche Möglichkeiten sie beim Gesetzgeber erkennt und für notwendig erachtet, um der scheinbar doch auseinanderklaffenden Wahrnehmung zwischen den Bedarfen, die die Patienten formulieren, und denen, die von den Landesausschüssen aus Kassenärztlicher Vereinigung und Krankenkassen ausgehen, entgegenzuwirken – und welche Handreichung sie Akteuren im Gesundheits- und Sozialwesen, wie der Selbsthilfegruppe vor Ort, unterstützend vorschlagen kann, um hilfesuchenden Menschen bei der Suche nach Fachärzten und Psychotherapeuten optimal zur Seite zu stehen. Daneben würde ich gern erfahren, ob für die hiesige Region in absehbarer Zeit mit neuen ambulanten Fachärzten der Psychiatrie/Neurologie oder psychologischen Psychotherapeuten zu rechnen ist. Sollte für diese Frage eine Weiterleitung meines Schreibens an die KV Baden-Württemberg notwendig sein, bitte ich herzlich darum.

Ich verstehe diesen Brief auch als einen Ausdruck von Ermüdungserscheinungen, die durch die seit Jahren andauernde Vertröstung von Engagierten wie meiner Person eingetreten sind: Wir arbeiten freiwillig, um Menschen in großer Notlage zu helfen – und sind als Partner im Gesundheits- und Sozialwesen an der Seite von Ärzten und Therapeuten, um miteinander Unterstützung auf den unterschiedlichsten Ebenen, in den verschiedensten Facetten unseres Könnens und Handelns zu leisten. Ich weiß um den besonderen Einsatz der Mediziner und Psychotherapeuten hier vor Ort, die alles tun, was in ihrer Macht steht, um die Versorgung der Patienten zu gewährleisten. Für mich als Ehrenamtlichen kann ich aber feststellen, dass ich dann überfordert bin, wenn sich an den maßgebenden Strukturen über Jahre kaum Änderungen ergeben, obwohl die Bedürfnisse sich fast stetig wandeln.

Ich möchte mein Engagement weiter leisten, will die Menschen, die auf mich zukommen und darum bitten, Selbsthilfe auch als Wegweiser an Mediziner und Therapeuten nutzen zu können, gern bei der Suche und Vermittlung an die geeigneten Stellen weiterbringen. Doch wie kann mir dies gelingen, wenn mir die Grundlage für diese Arbeit, wenn eine den tatsächlichen Umständen entsprechende und ausreichende Zahl an „Niedergelassenen“ fehlt?

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit
und verbleibe mit besten Grüßen

Dennis Riehle
Selbsthilfeinitiative
Zwangserkrankungen, Phobien,
psychosomatische Störungen und Depressionen

[Dennis Riehle]

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