Pressemitteilung

Braunschweig/Konstanz. Der Verband „intakt e.V. – Selbsthilfe bei Sozialer Phobie“ reagiert mit Skepsis auf die Überlegungen aus Großbritannien, ein Ministerium gegen „Einsamkeit“ einzuführen. Der Zusammenschluss von Selbsthilfegruppen, der sich aus der Erfahrung seiner betroffenen Mitglieder immer wieder mit der Frage beschäftigt, wie man dem Alleinsein begegnen kann, wirft mehrere Fragen auf, die aus Sicht des „intakt e.V.“ bei den Überlegungen aus dem Vereinigten Königreich zu kurz kommen.

„Wir glauben nicht, dass von oben verordnete Maßnahmen gegen Einsamkeit helfen können“, so Julian Kurzidim, 1. Vorsitzender des Vereins, der anfügt: „Gegen solch ein Problem, das seine Ursprünge oftmals tief in der biografischen Geschichte des Einzelnen findet, muss man aus unserer Sicht aus mitten der Bevölkerung heraus angehen. Hier gilt das Subsidiaritätsprinzip: Die unterste Ebene, die zur Lösung des gesellschaftlichen Phänomens beitragen kann, ist die zielführendste. Von einem Ministerium angestrengte Hilfestellungen erreichen den Einzelnen nicht. Viel eher sollte der Staat die Kommunen, die Selbsthilfegruppen und Nachbarschaftshilfen vor Ort fördern, die aufsuchenden und betreuenden Dienste. Sie in ihrem Engagement zu stärken, ihnen finanzielle und personelle Rahmenbedingungen zu geben, die ihr Handeln auf ein solides Fundament stellen, dafür braucht es kein Ministerium, sondern lediglich den Mut, auf die Selbstheilungskräfte einer gut funktionierenden Zivilgesellschaft zu vertrauen“.

Während sich Großbritannien mit seinem Bestreben offenbar auch gezielt an die ältere Bevölkerung wendet, macht der 2. Vorsitzende des „intakt e.V.“ darauf aufmerksam, dass Einsamkeit zunehmend zu einem Problem unter den Jüngeren wird. „Das ist ein Abbild unserer modernen, vor allem digitalisierten Gesellschaft“, sagt Dennis Riehle. „Wir nutzen Kanäle zum Kommunizieren, die uns nicht mehr herausfordern, auch sozial zu interagieren. Denn es ist ein Unterschied, ob ich jemandem eine ‚WhatsApp‘-Nachricht zukommen lasse – oder den Kontakt persönlich aufnehmen und halten muss. Wenn ich mich allein auf den Austausch über die neuen Medien verlasse, geht damit ein Verlust an realen Beziehungen einher. Ich verlerne den sozialen Umgang mit Anderen, entwickle eine soziale Angst – das Ergebnis ist ein Verkümmern sozialer Fertigkeiten und ein Rückzug ins Single-Dasein ohne echte Freundschaften und Bekannte. Dass das Thema ‚Einsamkeit‘ also nicht nur für ältere Menschen zu einem zunehmenden Problem wird, das lässt sich kaum abstreiten“, so Riehle.

Dennoch könne Einsamkeit auch tiefliegende Wurzeln haben, die von außen nicht so leicht beeinflussbar sind. „Wir können nicht erwarten, dass mit einem Ministerium die Wunden geheilt werden, aus denen Einsamkeit oftmals erwächst. Dazu gehören soziale Schieflagen wie Armut, Arbeitslosigkeit oder ein beruflicher Abstieg, ebenso wie Abschiede von vertrauten Personen, Traumata oder Depressionen aus den unterschiedlichsten Beweggründen, die ein Leben zeichnet“, meint Riehle. „Unsere Aufgabe ist es hier, den Weg ins professionelle Fachwesen zu ebnen. Der Zugang zu Beratung und Psychotherapie muss niederschwelliger werden, es muss leichter fallen, den Kontakt zu einem Experten zu suchen. Dafür braucht es einerseits ein Umdenken in der Gesellschaft, die den Gang zum Therapeuten oftmals noch immer verpönt. Andererseits sind es in unserem Land auch bürokratische Hürden, die zunächst Abstand davon nehmen lassen, eine fachkundige Hilfe aufzusuchen“, meint Riehle abschließend, der ermutigt: „Ich vertraue darauf, dass wir in Deutschland viele Anlaufstellen haben, die bei Einsamkeit einspringen und Linderung verschaffen können. Die Herausforderung wird sein, von Seiten der Hilfsangebote aktiver in die Gesellschaft hineinzugehen und die Angst vor der Angst zu nehmen“.

[Dennis Riehle]

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