Kommentar
Individualisierte Selbsthilfe

Weniger Teilnehmer an den Gruppentreffen, ein Anstieg interessierter Kontakte über das Telefon und per Mail – und nicht zuletzt eine Abwanderung vieler Menschen in die sozialen Netzwerke. Diese Beobachtungen über die Entwicklung der Selbsthilfeszene bewegen mich schon seit langem. Über viele Jahre Leiter der in den 1970er – 2000er-Jahre so wertgeschätzten Selbsthilfegruppen, in denen man zusammenkam, wenn man in ähnlichen Lebenssituationen, bei Krankheit, Sucht oder Armut die Unterstützung von Gleichbetroffenen suchte, erinnert mich der Wandel in der Landschaft dieses wesentlichen Fundaments des Bürgerschaftlichen Engagements an die generelle Veränderung unserer Gesellschaft.

Heute werden wir konsumorientierter, blicken in erster Linie auf unser eigenes Schicksal. Es geht weniger darum, den Grundgedanken der Selbsthilfe, der ein überaus individueller, liberaler und idealistischer ist, weiter aufrecht zu erhalten, wonach es nämlich wechselseitiger Synergie bedarf, um einerseits eigene Probleme zu lösen, andererseits mit den eigenen Erfahrungen auch anderen Betroffenen in deren Lebenslagen solidarische Unterstützung zu geben. Viel eher führt ein sich durchsetzender Egoismus dazu, dass dieses „Geben und Nehmen“ auf eine Komponente verzichtet: Gegeben wird heute nur noch ungern, obwohl das die Prämisse unseres Sozialstaates ist, in dem wir alle füreinander einstehen.

War die Kernaussage interessierter Anhänger einer Selbsthilfegruppe früher noch, man wolle aus dem Wissen der Anderen etwas mitnehmen, hoffe aber gleichzeitig, mit den durch die eigene Lebens- und Leidensgeschichte erlangten Erkenntnissen auch den Mitbetroffenen in einer Gruppe Mut zu machen und Hoffnung zu spenden, fragen viele Menschen in schwierigen Lebenslagen heute vornehmlich nach Hilfe für sich. Natürlich war die Selbsthilfe ihrem Namen nach auch immer darauf ausgerichtet, dass wir aus dem Miteinander mit Gleichgesinnten einen größtmöglichen Nutzen für uns ziehen, dass wir die Erfolge Anderer als Basis dafür heranziehen konnten, um daraus eigene Konzepte zu entwickeln, die wiederum uns in der ganz persönlichen Situation weiterbringen sollten.

Doch heute fehlt die Rückkoppelung, die Bereitschaft, für die Gedanken des Gegenübers wiederum einen Blick in das eigene Leben zuzulassen. „Ich will mich doch nicht noch mit den Problemen der Anderen beschäftigen“. Dieser Satz begegnete mir noch vor zehn Jahren selten, wenn es darum ging, für eine Selbsthilfegruppe zu werben. Heute ist er ein standardmäßiger Einwand dafür, weshalb sich Menschen aus Selbsthilfegruppen zurückhalten. „Ich habe genug mit mir selbst zu tun“ – eine Ausrede, die wiederum einen verheerenden Wandel in der Positionierung des Einzelnen in unserer Gesellschaft wiederspiegelt. Denn begriff man noch vor nicht allzu langer Zeit noch ganz genau, dass Selbsthilfe nur dann gelingen kann, wenn man sich seinerseits öffnet, so ist es heute das Verschließen der eigenen Persönlichkeit, das es schwierig macht, Menschen in prekären Lebensmomenten überhaupt noch eine Unterstützung anzubieten.

Seit Jahren verzeichne ich das wachsende Ansteigen der Zahlen an Hilfsgesuchen, die elektronisch, telefonisch oder postalisch eingehen. Früher war es nicht anders, doch die Selbstverständlichkeit, sich für Information, Beratung und Hilfe zumindest in einer Gruppe einzufinden, von der man selbst profitiert, wenn man eigens zu geben bereit ist, war um Längen größer. Heute sitze ich oftmals alleine im Stuhlkreis, wenn ich darauf warte, dass sich Menschen über ihre seelischen, körperlichen oder sozialen Probleme austauschen. Ich hoffe vergebens darauf, dass Bereitwilligkeit zur Interaktion besteht – und muss erkennen: Die Erwartungshaltung hat sich verändert. Welche Therapie die hilfsreichste ist, wie man mit seiner Erkrankung im Alltag umgeht und wie es der Andere geschafft hat, wieder gesund zu werden – all das debattierte ich noch vor ein paar Jahren in einer lebendigen Gruppe aus mehr als einem Dutzend Personen, dort, wo heute Stille herrscht.

Ganz anders sieht es da in meinem Postfach oder auf dem Anrufbeantworter aus: Die Fragen sind noch immer dieselben, doch die Forderung ist eine Andere. Individuelles Eingehen auf die Belange des Einzelnen, der sich nicht mehr mit den Nöten Anderer auseinandersetzen möchte, sondern möglichst kurze und prägnante Antworten wünscht. Im Dilemma, mich als Ehrenamtlicher verpflichtet zu sehen, Hilfestellung zu leisten, fällt es mir schwer, solche Menschen in eine Gruppe zu zwingen, ehe sie auf Reaktion hoffen können. Der Druck ist groß, die Mail zu bearbeiten und am Hörer für Auskunft zur Verfügung zu stehen. Immerhin will man als gleichbetroffener Laie ja seinen Beitrag dazu leisten, dass die Selbsthilfe auch weiterhin als die ergänzende Säule im Gesundheitssystem angesehen wird – auch wenn es eigentlich nicht ihre Aufgabe ist, die kurzen Sprechzeiten beim Arzt oder die langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz zu kompensieren.

Die Individualisierung der Selbsthilfe schreitet trotz der Bedenken vieler Akteure in der „Szene“ weiter voran. Sie verlagert sich auch in geschlossene Gruppen wie bei „Facebook“ oder anderen Anbietern von Kommunikationsmöglichkeiten, die scheinbar geschützt wirken, in denen aber die Hilfestellung nie so aussehen kann wie im direkten Gegenüber. Auch in der Beratung an Telefon oder per Mail kommt nicht die Empathie zum Tragen, die Selbsthilfegruppen einst so populär und beliebt gemacht haben. Nicht nur ein stützendes Wort, sondern die Rückmeldung einer Gruppe, in der man sich auch gegenseitig in den Arm nehmen oder in Krisen rechtzeitig intervenieren kann. Die Selbsthilfe verarmt, wenn sie sich allein auf die mehr oder weniger persönliche Beratungstätigkeit von Betroffenen und Angehörigen zurückzieht.

Sie gibt aber gleichsam auch ein Fundament auf, das die gesellschaftliche Erosion zeigt: Die Wertschätzung des ehrenamtlichen Einsatzes am anderen Ende der Leitung ist heute eine andere als noch „damals“, als man gemeinsam in der Gruppe dankbar für den Einsatz jedes Einzelnen war, der zivilgesellschaftliches Engagement bewies und mit der Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe nicht nur einen Eigennutzen für sich zog, sondern vor allem klar machte: In schwierigen Zeiten stehen wir zusammen. Niemand muss seinen Weg alleine gehen. Und am stärksten gewinnen wir aus der reziproken Zusicherung, „helf ich dir, hilfst du mir“. Dieses Konzept, das den Grundstein für eine Solidargemeinschaft legt, in der jeder nach seinen Möglichkeiten partizipiert, ist nicht nur in der Selbsthilfe verloren gegangen – es ist auch in unserem Gemeinwesen rar geworden.

Die Negativschlagzeilen nutzen jedoch nichts, sondern vornehmlich das Engagement, die Selbsthilfe wieder zu dem zu machen, was sie war – oder das neue Zeitalter als eine Herausforderung anzunehmen, in welchem neue Strategien entwickelt werden, die personengebundene Unterstützung von Menschen in schwierigen Lebenslagen abseits von Gruppen zu betreiben, die vielen einfach zu viel Zeit kosten und welche scheinbar nicht vermitteln können, dass es sich im Miteinander ergiebiger zu helfen lohnen würde. Deshalb ist die „Selbsthilfe-Beratung“ als neues Trendwort durchaus angemessen. Man mag dazu stehen, wie man möchte. Doch die Verantwortung für mich, der früher selbst dankbar war für all die Ratschläge, die Ermutigungen und die Denkanstöße, die ich von Anderen in vergleichbarer Lebenslage erhalten habe, wirkt bis heute weiter. Und sie verpflichtet mich, Beistand auch in einem Rahmen zu leisten, der mir noch fremd ist, weil er anders aussieht als noch gestern…

[Dennis Riehle]

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