Kommentar

In einem aktuellen Bericht informiert die „Deutsche Ärztezeitung“ über den assistierten Suizid bei Menschen mit Depressionen in Holland. Auch wenn die Zahl als vergleichsweise gering angesehen wird, stellt sich gerade bei Patienten mit psychischen Erkrankungen stärker denn je die Frage, ob – trotz aller Dramatik ihrer Situation – ihr Zustand einerseits wirklich mit dem eines körperlich Sterbenskranken (bei dem oftmals eine einigermaßen verlässliche Prognose über den weiteren Verlauf ausgesprochen werden kann) vergleichbar ist. Andererseits verkennt die Darstellung für mein Verständnis auch die außermedizinischen Einflüsse, die gerade bei seelischen Leiden zu einer Veränderung beitragen können. Besonders aber eine Annahme stört mich an der Argumentation, die offenkundig die niederländische Praxis rechtfertigen sollte: Es ist die Tatsache, dass depressiv erkrankte Menschen gemeinsam mit ihrem Arzt zu einem einvernehmlichen Ergebnis kommen müssen, nämlich: dem begleiteten Selbstmord zusammen zuzustimmen. Zwar geht man in dem Artikel davon aus, dass Gutachter die Patienten jeweils als „einwilligungsfähig“ erklärt hatten, doch das muss bezweifelt werden. Es ist doch gerade das Charakteristikum der Depression, dass der Betroffene seine Situation nicht mehr realistisch einschätzen kann – zumal, wenn es, wie hier, um schwerste Erkrankungen geht.

Es gibt Situationen, die ausweglos erscheinen. Gerade, wenn zu der psychischen Störung eine unheilbare somatische Erkrankung hinzukommt. Aber die Empfindung, das Leben mache keinen Sinn mehr, ist genau jene typische, auf Depressionen hinweisende, die man auch als solche zu bewerten hat. Ich habe viele psychisch Schwerstkranke begleitet, auch einzelne bei den angesprochenen Hirnstimulationen und Krampftherapien. Und tatsächlich vermag manches Mal der tatsächliche Anschein aufkommen, als gäbe es keine Linderung mehr. Doch gerade, wenn Pharmakotherapie und Anderes an ihre Grenzen stoßen, ist mehr denn je gefragt, vom Schema der Rationalität zu mehr Empathie überzuwechseln. Besonders, wenn ausgeführt wird, einige der holländischen Patienten, die sich nach ärztlich unterstütztem Selbstmord sehnten, litten vor allem unter der Zurückgezogenheit, ist gerade das ein Zeichen dafür, dass die Behandler hier nicht unbedingt mit schulmedizinischen Maßnahmen weiterkommen. Ich unterbreite niemandem einen Vorwurf, aber mit der Wahl des assistierten Suizids macht man es sich vielleicht doch etwas einfach – was im Augenblick der Depression auch verständlich ist. Aber genau dann ist es Aufgabe von Medizinern, den Eindruck von Ausweglosigkeit nicht noch zu untermauern.

Das Ertragen von Leid ist ein urmenschliches Laster – und es ist zweifelsohne ungerecht verteilt. Und ich kann verstehen, wenn jemand für sich zum Entschluss gelangt, diese Schwere nicht mehr ertragen zu wollen. Es ist nicht feige, sondern natürlich, dass wir darauf angewiesen sind, Tiefen nur durchstehen zu können, wenn die Perspektive auf Höhen existiert. Wer schon einmal in tiefsten Depressionen verharrte, kennt den Tunnelblick, das alleinige Schwarze, den dichten Nebel. Nein, nicht Schönfärberei hilft dann, aber eben auch nicht, diesen irrealen Wahrnehmungen auch noch Nachdruck zu verleihen. Und hier sorge ich mich: Selbst wenn der mit Arzthilfe verübte Selbstmord nur in äußersten Grenzen erlaubt wird, so öffnet er wiederum den Anreiz, das Leben gegen andere Faktoren abzuwägen. Der Text in der ‚Ärztezeitung‘ macht deutlich, wie um die einzelnen Entscheidungen gerungen wurde. Experten sprechen sich erst dafür, andere wiederum dann dagegen aus, dem Suizid „freie Bahn“ zu geben. Ist es also verlässlich, ethisch sinnvoll und vor allem rechtlich eindeutig vertretbar, eine menschliche Existenz an der Meinung eines ‚Unabhängigen‘ festmachen wollen? Für Deutschland kann das keine Option sein. Nicht nur, weil hier aus meiner Sicht noch ein völlig anderes Verständnis im Umgang mit Leben und Tod vorherrscht. Auch die erst kürzlich getroffene Entscheidung des Bundestages machte deutlich, dass bei uns eine derartige „Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende“, wie sie in den Niederlanden aktiv ist, keine Chance hätte. Und das ist richtig so.

Wenn wir den assistierten Suizid als eine – und sei es nur die letzte – „normale“ Lösung postulieren, dann drücken wir uns in Wahrheit um ein ganz anderes Problem: Eine Gesellschaft, die sich entsolidarisiert, lässt besonders diejenigen zurück, die ohnehin schon vergessen sind. Mir sind unzählige Personen allein in meinem Wirkungskreis bekannt, die nicht mehr am sozialen Leben teilnehmen und nur durch Hilfestellung überhaupt noch eine Art von bedingt würdigem Alltag vollführen können. Depressionen sind oftmals „hausgemacht“ – durch unsere Zivilbevölkerung. Da fehlen ein gutes Wort beim Treffen auf der Straße, der Blick nach den Jalousien beim Nachbarn, die Einladung zur einer Tasse Kaffee. Dass wir uns individualisieren und dabei oftmals das Alleinsein zu schätzen lernen, ist das Ergebnis dessen, wonach wir Konflikten aus dem Weg gehen wollen – die aber eigentlich zum Dasein dazugehören. Erst, wenn daraus auch eine Einsamkeit wird, bemerken wir plötzlich unsere Hilflosigkeit. Würden wir wieder lernen, Zwischenmenschliches zu würdigen und gleichzeitig auch auszuhalten, schulten wir nicht nur unsere Abwehr vor mancher Traurigkeit oder unsere Fähigkeit, mit ihr umzugehen. Wir würden auch feststellen, wie notwendig die wechselseitige Achtsamkeit auf uns und den Nächsten ist. Gleichgültigkeit macht uns anfällig dafür, im Zweifel mit unserem Leben abzuschließen oder dem unseres Gegenübers keine Aussicht mehr geben zu wollen. Kostendruck und die Annahme, ein Mensch sei nur noch dann etwas wert, wenn er Leistung erbringen kann, sind Auswirkungen eines solch abgeflachten Denkens, in dem es scheinbar nur um Dunkel und Hell geht. Ich wünsche mir, dass gerade den Depressionskranken nicht das Düstere schmackhaft gemacht, sondern Hoffnung auf ein Grau gegeben wird…

[Dennis Riehle]

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