Leserbrief zu
„Was in deutschen Gefängnissen schiefläuft“, FR vom 29.08.2017

Die Politik hat zweifelsohne viele Verbesserungen vorgenommen, um Zustände in den Strafvollzugsanstalten zum Guten zu wenden. So sollen Suizid-Prävention und die Versorgung psychischer Leiden ausgebaut werden, die Sensibilität für die Ausnahmesituation erhöht werden, in denen sich Gefangene befinden. Zweifelsohne: Sie haben in der Gesellschaft keinen leichten Stand, werden sie für ihre Situation selbstverantwortlich gemacht und können deshalb nicht auf eine Lobby hoffen.

Und doch zeigt sich unter anderem an den Gefängnissen, wie es ein Land mit der Menschenwürde hält. Denn sie gilt auch dort, wo man sie emotional vielleicht nicht zubilligen will. Und dass wir im 21. Jahrhundert noch immer dem Gedanken des Verwahrens stärker nacheifern als der Resozialisierung, das liegt auch daran, dass in der Justizpolitik über Ewigkeiten nicht nachhaltig gedacht wurde. Natürlich waren manche Entwicklungen nicht absehbar, aber seit jeher wird in einem Politikzweig, der schon immer eine stiefmütterliche Behandlung erlebte, ständig zu kurz gedacht – und das nicht nur auf dem Rücken der Insassen, sondern vor allem auch der Mitarbeiter.

Zu wenige Plätze, eine zu geringe Personaldecke, Konflikte in den Anstalten. Wie werden wir dem Grundsatz heutzutage gerechter, wonach das Bereuen und die Sühne, der Ansatz des Vergebens und der Versöhnung zumindest bei denen zum Ausdruck kommt, die ihre Taten aufzuarbeiten bereit sind? Das System muss einen lohnenderen Ansatz einnehmen, es braucht Perspektiven für die, die ihr Leben neu beginnen möchten – und keine Angst, im Gefängnis die Hölle durchleben zu müssen, nur, weil Einige meinen, sie müssten die gesamte Einrichtung aufmischen.

Nicht Drill, nicht Unterdrückung und nicht Bestrafung über die Maßen, sondern eine Vision, ob der Freiheitsentzug in seinem bisherigen Sinne die pauschal beste Lösung für alle Straffälligen sein kann, das ist das Gebot der Stunde. Ich wünsche mir von den Verantwortlichen Flexibilität in den Utopien eines modernen Justizwesens von morgen, von denen vielleicht einige Wirklichkeit werden.

[Dennis Riehle]

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