Zwischenruf

Warum spricht das Glaubensbekenntnis eigentlich nicht von der Hölle? Wir sprechen stets vom Himmel, doch gibt es da ein Pendant, ein Fegefeuer, wie wir es uns vorstellen, das die aufnimmt, die auf Erden sündig geblieben und keine Vergebung erfahren haben? Und wenn es so etwas wie die Glut gibt, in der wir schwitzen müssen, wenn wir uns gegen die Gebote verhalten haben, wann ist die Grenze überschritten zum Eintritt in den Himmel? Ist nach sechs, zehn oder hundert Sünden Schluss? Oder woran hängt es, dass wir eben keinen Zugang zu Gott auf seinen Wolken sitzend mehr erfahren dürfen? Wird uns die Auferstehung versagt, wenn wir uns aus der Gemeinschaft all der Gläubigen ausschließen? Verbannen wir die Hölle aus unserem Gedächtnis wegen des eigenen schlechten Gewissens? Und unter anderem deshalb, weil wir nicht verstehen, was hier wie da, im Himmel und in der Hölle, eigentlich geschieht – und das „zu richten die Lebenden und die Toten“ der Hinweis in unserem Credo ist, den wir da mutlos ausblenden?

Es gibt sicher viele theologisch kluge Antworten darauf, doch habe ich stets meine Schwierigkeiten damit, wenn sie von der ein oder anderen Seite zu beeinflussen versucht werden. Da gibt es die Strengen, die offenbar Konservativen, die darauf beharren, dass es eine Hölle geben muss. Denn einige Christen sind ja bis heute der Ansicht, dass wir uns den Himmel erst verdienen müssen. Andere wiederum sagen, dass wir alle Gnade erlangen werden, Christus hat für uns bereits die Leiden vergeben, nun müssen wir uns nicht mehr anstrengen und uns nicht fürchten, in die Hölle kommen müssen. Doch was stimmt nun von diesen Sichtweisen, die verwirren, ja, sogar Ängste erzeugen können und mit denen manch Unwesen getrieben wird, auch unverantwortliches und unnötiges Leid?

Die Bibel gibt uns Hinweise darauf, wie wir all das verstehen sollen, was in unserer heutigen Zeit so altmodisch klingen mag. Wer glaubt noch an die Bilder, die uns in Kirchen und auf Gemälden einen Eindruck geben wollen von diesem Augenblick, dieser Qual in einem Schattenreich, das uns ausgemalt wird als das Inferno der Tiefe. Matthäus spricht in Kapitel 8, Vers 12 vom bekannten „Heulen und Zähneklappern“, das typische Feuer und der Tag vor dem Gericht finden sich ebenso beim Evangelisten in Kapitel 5, Vers 22ff. und Kapitel 10,15. Während Luther die Hölle vor allem als die „Totenwelt“ ansah, sind es gerade neue Übersetzungen, die die Hölle nicht alttestamentarisch als spirituellen, sondern als örtlichen Moment verstehen. Es gibt immer wieder Streit um die eigentliche Existenz eines solchen Gegenübers des „Himmels“, das zwar im Sprachgebrauch alltäglich, in unseren Gedanken aber fern ist. Gerade die evangelische Kirche hegte seit dem Augsburgischen Bekenntnis große Zweifel an der Pein des Gerichtes, während die katholische Kirche in ihrem Katechismus in Artikel 12 weiterhin darauf verweist, an all jene, die die Barmherzigkeit Gottes nicht ersehen wollen, dass sie „in Todsünde sterben“ werden.

Ja, ich glaube durchaus an Himmel und Hölle. Aber nicht derart plakativ und auch nicht in dem Kinderglauben der bunten Zeichnungen, die auch ich früher gemalt habe, als der Religionslehrer uns dazu aufforderte, diese beiden so kaum greifbaren, unirdischen Begriffe auf Papier zu bringen. Er kann zwar reizvoll sein, ist aber vielleicht doch zu blumig, um manch eine Wahrheit auszusprechen. Ich bin eher davon überzeugt, dass es nicht ein Ort aus Flammen sein wird, der einem (Jüngsten) Gericht ähnelt. An dem wir nochmals unsere Sünden vorgebracht bekommen, um in uns zu gehen und mit uns zu ringen, bevor wir dann tatsächlich vom lodernden Licht in die Dunkelheit wandern. Viel eher wird dort befunden, ob wir uns doch einlassen auf die zweite Chance, die uns von Jesus gegeben wird: Können wir doch noch Buße tun, uns überwinden und bekennen? Diese Frage wird uns prägen, sie wird uns nicht loslassen. Sie muss ernst gemeint sein und sie wird uns abverlangen, ein wahres Gesicht zu zeigen. Doch sind wir dazu bereit?

Das ist das „Schmoren“, das uns verheißen wird. Schaffen wir es, geläutert zu werden, wie es das „Purgatorium“, das Fegefeuer, es uns vorhersagt, ehe wir nochmals die Möglichkeit erhalten, für uns selbst Frieden zu finden? Denn nicht die Verdammnis ist das Ziel, an das Gott uns bringen möchte, er will, dass wir in seinem Himmelreich das Paradies erfahren. Aber nicht jeder kann seine Schuldhaftigkeit wirklich ablegen, „über seinen Schatten springen“ – und Gott wird niemanden dazu zwingen. Es entscheidet sich vor seinem Angesicht, ob wir Reue zeigen und tatsächlich dazu bereit sind, die Reinigung unserer Seelen anzunehmen und an ihr mitzuwirken. Uns zu befreien von einer Last, es kann hilfreich sein. Nicht nur nach dem Tod.

Viel eher wird bereits auf Erden deutlich, ob wir unser Leben in der Sünde abschließen wollen. Oder bitten wir darum, dass uns Gott erlöst von der schweren Last, die wir mit uns ins Grab nehmen? Es ist niemals zu spät, eine Umkehr einzugehen. Denn auch wenn Christus für uns den Sühnetod gestorben ist, so ist die Annahme unseres Geistes durch Gottes Gerichtsbarkeit keinesfalls gesichert. Natürlich bleibt seine Liebe bedingungslos, ebenso wie seine Bereitschaft, Sünde von uns zu nehmen. Es kostet nichts, außer das aufrichtige und gläubige Bekenntnis dazu, dass wir unsere Schuld anerkennen. Wir werden nicht gerichtet, dass wir etwas falsch gemacht haben, sondern befreit. Es fehlt nur die Hingabe, mit der wir verdeutlichen: Ja, wir sind Sünder und nehmen an, dass wir gar nicht ohne Schuld leben können.

Das Fegefeuer als der Durchgang zur Hölle, an der noch eine Abzweigung denkbar ist, als der Augenblick, indem wir Menschlichkeit zeigen dürfen. In welchem wir kundtun können, dass wir verstanden haben: Als Gottes Ebenbilder gibt es keine Unfehlbarkeit. Denn wir sind nur seine Kinder, wir treiben Unfug und sind sogar in der Lage, schwerste Vergehen und damit große Verantwortung über uns zu bringen. Selbst der Mörder wird einen Platz im Paradies finden können, viel eher als der, der einen Apfel gestohlen hat. Ja, ja wenn der Eine wahrlich zu seinem Verbrechen steht, während der Andere seine Missetat leugnet. Die Hölle als Strafe dafür, dass wir verleugnen. Dass wir selbst im Angesicht Gottes nicht dazu bereit sind, im Vertrauen auf ihn von unserer hiesigen Arroganz abzulassen.

Unsere Seelen sind unruhig, wenn wir nach dem Tod begreifen, was sich in unserem Leben an Steinen angesammelt hat, die wir mit uns schleppen. Nein, nicht wie das Kreuz Jesu, der schuldlos verurteilt wurde, sondern aus der Schwere der Sünde, die wir letztlich zu ertragen haben. Müssen wir in der Ewigkeit mit diesem Ballast umherirren, in dieser Verdammnis, in dem endlosen Tunnel der Finsternis, die uns wahnsinnig werden lässt, aber gerecht demjenigen gegenüber sein kann, der sich stets als der Unbefleckte gab und zurückwies jede Übertretung von Gottes Gesetzen. Der ohne Gewissen ist und im Rückstand seiner Menschwerdung verharrt, die wir tatsächlich erst spüren, wenn uns der Rucksack genommen wird. Nicht Milch und Honig genießen wir im Himmel, sondern die Freiheit des Schwerelosen. Wir haben abgeschlossen mit unseren weltlichen Schandtaten, weil wir uns nicht gerechtfertigt haben, sondern reuige Sünder sind. Wer vermag sich schon heute solch eine Errettung, so eine Erlösung nur vorstellen?

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

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