Kommentar

Der 36. Deutsche Evangelische Kirchentag steht unter dem Motto „Du siehst mich“. Besonders wortgenau haben Atheisten der „Giordano-Bruno-Stiftung“ diese Aufforderung genommen – und mit einer anstößigen Aktion auf Missstände in der Aufklärung zu Martin Luther hingewiesen, der als zentrale Figur des diesjährigen Reformationsjubiläums im Mittelpunkt der Veranstaltungen in Berlin, Leipzig und Wittenberg steht. Doch was man als konstruktive Kritik erwarten würde, entpuppt sich als eine perversierte Demonstration ohne jeglichen Inhalt, viel eher anstößig, platt und letztlich einfach nur „billig“. Eine Skulptur von Luther, der seinen Mantel öffnet und sich darunter als nackte Person mit Genitalien zeigt, zieht nun durch die Städte des Kirchentages, um auf die Fehler aufmerksam zu machen, die dem Mönch zu Recht vorgeworfen werden. Man will offenbar zeigen, dass man außer einer Frontalattacke kaum etwas zu bieten hat – und gibt sich auf ein Niveau herab, das in der Vergangenheit bereits desöfteren an den Tag gelegt wurde.

Mit einer vielseitigen Interpretationsmöglichkeit der Figur deutet man wohl insgeheim mehr als die Vorwürfe gegen Luther an. Viel eher werden in seinem satirisch aufgearbeiteten Ebenbild auch die Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs in den Kirchen angeprangert, denn in seiner Darstellung erinnert die Skulptur an ähnliche, die bereits früher zu diesem Thema gefertigt worden waren. Mit Verweis auf Kunst- und Religionsfreiheit haben atheistische Vereinigungen immer wieder versucht, in prägnanten, aber gleichzeitig verkürzenden Worten und Gesten ihre Distanz zu Religion und Kirche zum Ausdruck zu bringen. Und ungeachtet einer rechtlichen Bewertung fällt die Einschätzung für den Außenstehenden wohl eher eindeutig aus: An Substanz fehlt es solch einem verstörenden Aufhänger wie der Luther-Figur allerorten. Die „Giordano-Bruno-Stiftung“ (gbs) und ähnliche Organisationen, die sich dem „Evolutionären Humanismus“ verschrieben haben, bemühen sich seit jeher kaum um die Verständigung unter den Religionen und Weltanschauungen. Mit ihrer Politik sind sie eher auf eine fundamentale Religionskritik aus, verfolgen dabei wohl am ehesten ein laizistisches Staatsverständnis und leiten daraus auch ihre Forderungen zur Position der Kirchen in der Gesellschaft ab: eine strikte Trennung, eine Verurteilung als hierarchische Nutznießer eines veralteten Grundrechts und eine strukturell durchsetzte Organisation an zwielichtigen Gestalten, zu der es nur die Alternative der Befreiung von Religion gibt – eine Mission für den Atheismus, die Säkulare gleichzeitig zugunsten des Christentums aber verurteilen.

Doch dieses Mal überschreiten die zahlenmäßig nur minimal die Konfessionsfreien in Deutschland vertretenden Akteure die Grenze des Erträglichen. Nicht nur die obszöne Darbietung der Skulptur zeigt sich fernab jedweder Verhältnismäßigkeit. Die Zuspitzung des Satirischen, sie war schon oft Diskussionspunkt in der Öffentlichkeit. Ob zu Karneval oder bei Großveranstaltungen – was muss, und sei es nur ein Teil, die Gesellschaft hinnehmen, wenn eine vergleichsweise kleine Gruppe ihre Meinungen auf Basis der ungestörten Ausübung der eigenen Weltanschauung propagieren will? Mit einer unsäglichen Parabel, die das riesige „Kunstwerk“ in den Armen hält, wird suggeriert, Luther habe die Grundlage für den Massenmord an den Juden im Zweiten Weltkrieg geschaffen, indem er sich bereits Jahrhunderte zuvor zutiefst feindselig ihnen gegenüber geäußert habe. Nicht nur provokativ, sondern provozierend – schlussendlich weiß man kaum noch, ob ich bei solch einer Aktion lachen oder weinen soll. Mein Mitgefühl mit denen, die sich in die Niederungen der Pointe begeben haben, hält sich allerdings in Grenzen, ist mir doch bekannt, dass dahinter keine dummen Menschen stehen. Im Gegenteil: Es sind viele Wissenschaftler und Künstler, die sich ihres Tuns gewiss sind. Das macht ihr Vorgehen besonders dreist. Denn die Freiheit, die sie für sich einfordern, schränken sie dort bei Anderen ein, wo ihnen die sachliche Aufarbeitung doch zu steinig erscheint. Und nicht nur das: Sie schaffen Parallelen, die unreflektiert nicht standhalten, die geschichtlich gesehen zweideutig bleiben und die letztlich einen Reformator mitverantwortlich für den Holocaust machen, wenngleich seine Worte über das jüdische Volk unentschuldbar bleiben.

Erbärmlich wirken Aktionen wie diese, die uns nicht weiterbringen in der eigentlichen Frage: Wie sind Luthers Aussagen über die Juden im Kontext der damaligen Zeit zu verstehen? Woher rührte sein Antisemitismus vor allem in seiner späteren Lebensphase? Überdecken diese unsäglichen Einlassungen seinen wichtigen Beitrag zur Reformation? Hüllt die Kirche die Wahrheit über Luthers Entgleisung tatsächlich unter dem Mantel des Schweigens? Wie realistisch ist die Vorstellung, dass die späten Gedanken des Reformators einen ernst zu nehmenden Einfluss auf die Ideologie der Nationalsozialisten hatten? Und nicht zuletzt: Warum überdecken Atheisten ihrerseits wiederum, dass die evangelische Kirche in der Vergangenheit ganz erhebliche Anstrengungen unternommen hat, um diese dunklen Seiten ihres Reformators in ein kritisches Licht zu rücken? Die Debatte hierüber ist viel zu komplex, als sie mit einer lächerlichen Skulptur ins Bewusstsein der Menschen zu rücken. Ich habe mich lange Jahre der humanistischen Bewegung zugehörig gefühlt – und in dieser Zeit auch immer wieder erleben müssen, dass es den Menschen mit säkularen Ansichten oftmals an jeglicher Argumentation fehlt. Sie machen sich über „religiöse Gefühle“ lustig, bezweifeln generell ihre Existenz – und haben deshalb auch kein Problem, auf ihnen herum zu trampeln. Möglichst laut, möglichst schrill und möglichst oberflächlich fallen die Angriffe aus, die auf Kirche und Religion gerichtet sind. Und besonders beschämend bleibt der Umstand, dass diese Attacken nicht nur die Institution und die Weltanschauung betreffen. Es ist der Glaube des Einzelnen, der im Rahmen der Würde des Menschen als unantastbar gelten sollte, der der Herabwürdigung ausgesetzt wird.

Die atheistischen Verbände haben seit längerem ein Problem: Sie offenbaren wissenschaftliche Errungenschaften, erklären die Abstammung des Menschen vom Affen in all seinen Details, huldigen der Technik und Digitalisierung, die das Individuum selbst noch eines Tages überholen und vielleicht sogar die Macht über uns gewinnen werden – aber die Emotionen der Menschen, die Hoffnungen und Sehnsüchte, sie berühren Humanisten und Freidenker nicht. Es fehlt an eigenen Impulsen, gesellschaftspolitische Antworten auf die wirklich drängenden Fragen unserer Zeit liefern sie nicht, abstrahieren viel eher eine Zukunft, die dem Bürger von heute nicht näher gebracht werden kann. Mit einer allein rationalen Erklärungsweise unserer Welt werden die Menschen nicht in ihrer Realität abgeholt. Im Gegenteil: Das ständige Reden gegen Religion und Kirche überspielt die Inhaltsleere, das alleinige „Wider“ birgt keine Überzeugungskraft in sich, wenn es um das Erreichen unserer Herzen geht. Und so wird es auch bei einer Skulptur zu Luther sein: Sie empört, manch einer findet sie lustig – doch alle müssen erkennen, dass sie uns nicht wirklich weiter bringt ohne den Anspruch, konstruktiv miteinander ins Gespräch zu kommen. Diesen Willen zum Gestalten des weltanschaulichen Lebens in Deutschland, ich vermisse ihn bei den Atheisten. Lautes Getöse, es hat weder der Politik bislang geholfen, noch denen, die auf sich aufmerksam machen wollten. Ein wenig armselig ist das Mühen von „gbs“ und Anderen schon, aber möglicherweise doch irgendwann auch heilsam. Luther selbst sagte: „Die Ratio erfasst nicht, was Gott ist; gleichwohl erfasst sie zuverlässig, was Gott nicht ist“.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

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