Erfahrungsbericht

Sechs oder sieben Jahre lang, ich kann es nicht mehr genau sagen, trug ich dieses Geheimnis mit mir umher. Dass ich Zwänge hatte, das wusste zu diesem Zeitpunkt nur mein allerengstes Familienumfeld. Denn das konnte ich nicht an der Nase herumführen. Allein der Wasser- und Seifenverbrauch hatte irgendwann ans Tageslicht geführt, dass mit mir etwas nicht stimmt. Und dass ich Waschzwänge, Kontrollzwänge, Zählzwänge, später auch schwere Zwangsgedanken hatte. Doch über meine Eltern hinaus, da konnte und wollte ich es niemandem anvertrauen. Mein Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut war es damals, dem ich mich anschließend öffnete. Auf dem wöchentlichen Weg in seine Praxis legte ich einen Spießrutenlauf zurück. Denn hinter jedem Fenster im hier so beschaulichen Dorf lauerte manch neugieriger Mitbürger, der sich dafür interessierte, was ein ungefähr 14-Jähriger denn bei einem „Seelenklempner“ wollte. Ich hatte es bereits mitbekommen, dass man sich das Maul zerriss, dass man munkelte und spekulierte. Allein in der Schule, da fühlte ich mich sicher. Denn da war ich weitgehend symptomfrei – und entsprechend mutmaßte wohl kaum jemand etwas davon, dass ich „zwängelte“.

Doch der Leidensdruck stieg. In der Öffentlichkeit riss ich mich nach Möglichkeit zusammen, nichts von meinen Eigenheiten nach außen durchdringen zu lassen. Während ich gleichsam mit einem zweiten Outing über meine sexuelle Orientierung haderte, sollte das erste kurz bevorstehen: Wie dankbar war ich über die Anfrage eines Fernsehsenders, der damals – über die DGZ vermittelt – auf mich zukam und nach einem Protagonisten für einen Beitrag in einem täglichen RTL-Magazin suchte. Ich selbst musste nicht lange mit mir ringen, bis ich innerlich zugesagt hatte. Überzeugen musste ich noch meine Mutter, die anfangs keineswegs so begeistert war wie ich. Warum ich denn mit solch einem offensiven Schritt meine Krankheit publik machen wollte, fragte sie mich. Doch für mich war klar: Nur mit einer „Schocktherapie“ konnten diejenigen, die sich in meinem Umfeld die schlimmsten Gedanken über den Gesundheitszustand des „kleinen Dennis“ machten, beruhigt werden. Ich war fest davon überzeugt, dass es mir helfen würde, endlich reinen Tisch zu machen – und das die besänftigt würden, die in ihrem Bedürfnis nach neuen Informationen die tollsten Gerüchte in die Welt setzten.

Dreharbeiten sind nicht einfach, gerade nicht im Lebensumfeld. Denn sie zogen in einer Ortschaft mit 4000 Einwohnern, in der eben doch fast jeder jeden kennt, wiederum Blicke auf sich. „Freuen Sie sich doch daran, dass ich unser schönes Dorf in die Medien bringe“, reagierte ich auf all jene, denen fast die Augen aus dem Gesicht fielen: „Herr Riehle, was machen Sie denn mit dem Fernsehen hier?“. Mich wunderte, dass keiner dabei war, der seine Angehörigen grüßen wollte, so erstaunt klammerten sich Manche an Kamera und Scheinwerfer, die mich einen Tag fast jede Minute und bei jedem Schritt begleiteten. Das Resultat aber war gut. Kurz nach der Ausstrahlung stand das Telefon nicht mehr still. Und ich hatte damit gerechnet, dass ich nun einige Freundschaften verlieren würde. Denn theoretisch wusste nun die ganze Nation, dass ich Zwänge hatte. Und wer will schon gern mit jemandem befreundet sein, der eigentlich kaum noch Zeit findet für Partys, für lockere Stunden im Freien, für Hobbys und Freizeit mit Gleichaltrigen – weil er stattdessen die Pflastersteine auf den Straßen zählte, die Hände wusch, bis sie blutig waren oder der in seinem Kopf Gedanken darüber hin und her kreisen ließ, ob es denn für einen friedliebenden Menschen wie mich möglich sei, jemanden mit einem Messer zu verletzten.

Doch nein, die Reaktionen waren ganz andere: Für meinen Mut, meine Courage und meine Ehrlichkeit gratulierten mir nicht nur Klassenkameraden, sondern auch Nachbarn und die, die noch Wochen zuvor hinter dem Fenster standen und damit liebäugelten, was ich beim Psychologen suchte. Irgendwie war mir das schon ziemlich peinlich, denn ich hatte es vor allem für die getan, die sich ebenso einsam fühlten mit ihren Zwängen, die kein Vertrauen finden konnten in Bezugspersonen, am Arbeitsplatz oder in ihrem Privatleben. Ihnen wollte ich Kraft schenken – wenngleich ich wusste, dass mein Weg keinesfalls Vorbild sein kann für die, die noch selbst mit der Annahme der eigenen Krankheit rangen. Und auch heute würde ich niemandem „empfehlen“, die große Bühne für sein Bekenntnis zu Zwängen zu suchen. Solch ein Schritt muss aus dem Innersten kommen und kann kein Selbstläufer sein. Er muss gewollt werden – und er braucht Standfestigkeit. Denn es gibt bei all den Menschen, die engagierten Auftritte gegenüber der Öffentlichkeit zu würdigen wissen, auch jene, die darauf mit Häme und Spott reagieren. Dass ich seit jeher transparent mit meinen Zwängen umgegangen bin, das hat mir viel Respekt, aber eben auch viel Anfeindung entgegengebracht. Das muss man aushalten. Und das ist in einer Gesellschaft, in der psychische Krankheit noch immer verpönt scheint, nicht immer leicht.

Mittlerweile suche ich nicht mehr die Scheinwerfer, auch wenn die Erfahrung, Zwänge ein Stück weit alltagstauglicher zu machen, für mich eine große Zufriedenheit brachte. Schnell wird man in der Presse des 21. Jahrhunderts „verheizt“, und das soll nicht Sinn der Sache sein. Neben der eigenen Bewältigung meiner Krankheit, neben dem langen Prozess der Akzeptanz einer seelischen Beeinträchtigung in meinem Leben stand vor allem der Wunsch, Zwangserkrankungen bekannter und anerkannter zu machen, im Vordergrund jeglicher öffentlichen Betätigung. Denn ich weiß aus den vielen Kontakten mit Gleichbetroffenen, wie schwer sich viele von ihnen bereits damit tun, sich selbst ein psychisches Problem einzugestehen. Wie soll dann ein Preisgeben solch eines Persönlichkeitsmerkmales, das wir nicht als uns zugehörig hinnehmen müssen, aber zu dem es sich zu bekennen lohnt, auf wirklich fruchtbaren Boden fallen, wenn die Angst vor Ablehnung und Rückweisung sehr viel stärker ist als die Aussicht auf diesen befreienden Moment, in dem wir uns nicht mehr verstecken müssen, sondern in dem der Ballast abfällt mit all den Ausreden, all dem Rückzug und all der Verheimlichung, die man über Jahre und Jahrzehnte praktizierte? Es war ein Moment der tiefen Dankbarkeit gegenüber mir selbst, dass ich den Schritt gewagt hatte, aus dem Korsett der Verschlossenheit zu entfliehen. Und ich wünsche das Gefühl jedem – und sei es nur gegenüber dem Partner, dem Vater oder dem Freund, all das anzuvertrauen, was man an Zwanghaftem jeden Tag neu auf seinem Buckel trägt.

Heute ist mir die Arbeit dort wichtig, wo ich selbst einst begonnen hatte, mich langsam mit meinem Geheimnis vorzuarbeiten: In Schulen ist die Notwendigkeit der Aufklärung über Zwangsstörungen dringend geboten. Das merke ich immer wieder aufs Neue, wenn ich einzelne Unterrichtsstunden oder ganze Projekttage mit denen gestalte, die seelischer Gesundheit einerseits so unvoreingenommen, andererseits mit so vielen Vorurteilen behaftet begegnen. Gerade, weil ich selbst vermisst habe, dass an unserer Schule über die Möglichkeit von psychischen Problemen gesprochen wurde, setze ich mich jetzt dafür ein, dass wir möglichst schon in der Jugend ein Gespür dafür entwickeln, was es bedeutet, „anders“ zu sein. Die Faszination gegenüber „Zwängen“ ist groß, das erfahre ich jedes Mal wieder. Nicht nur, weil jeder von uns mit vorübergehenden Tics und Marotten etwas anfangen kann, sondern weil sich Jugendliche von heute glücklicherweise oftmals trauen, ein eigenes Bild über die Lebenswirklichkeit zu erlangen, fällt es zunehmend leichter, auch jene für das Thema zu gewinnen, die auf der anderen Seite mit größtmöglichen Stereotypen des „psychisch Kranken“ in den täglichen Meldungen auf „Facebook“ und Co. konfrontiert werden. Doch gerade denen, die heute und künftig an Zwängen erkranken, sind wir es schuldig, die Atmosphäre des Angenommenseins zu stärken. Es gibt viele Gelegenheiten, das beginnt mit Toleranz im Kleinen. Und doch können wir mit ein bisschen Offenheit so viel bewirken…

[Dennis Riehle]

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