Zwischenruf

In Syrien ringen die Menschen um Luft, nachdem Bomben ein Wohnviertel getroffen haben. Im Kongo grassiert die Gewalt, lässt die Armut die Einwohner ums Überleben kämpfen. Und zwischen dem Osten und dem Westen ist das Verhältnis schlechter als im Kalten Krieg. Wie kann, wie soll man angesichts solcher Tatsachen noch an einen theistischen Gott glauben? An einen Gott, der in das Weltgeschehen eingreift, der es lenkt und mit seiner Allmacht auch manches Leid von uns Menschen fernzuhalten in der Lage wäre?

Um diesen Gott zu verstehen, bedarf es eines Blickes an den Anfang der Bibel. Denn schon im 1. Buch Mose lässt dieser Gott keinen Zweifel offen: „Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist“ (Kap. 3,22). Mit diesem Satz drückt Gott aus, was für viele Menschen in dieser Welt auch ohne jeden Glauben an eine höhere Macht selbstverständlich ist: Wir leben in Freiheit. Und ja, wir leben sogar in einer scheinbar unbegrenzten Freiheit. Denn wir sind mündig genug, um zwischen dem Bösen und dem Guten zu unterscheiden.

Gott liebt die von ihm geschaffenen Menschen offenbar sehr. Denn warum formt er sie nach seinesgleichen? Die Liebe Gottes zu den Menschen, sie geht so weit, dass er ihnen zutraut, in unbeschränkter Freiheit verantwortungsvoll zu leben – und zu agieren. Können wir also einen Gott verantwortlich dafür machen, dass wir uns gegenseitig die Köpfe einschlagen? Dass wir es nicht auf die Reihe bringen, die Weltgemeinschaft so fair zu gestalten, dass von dem Vielen, was wir haben, jeder satt wird? Dass wir lieber die Waffen sprechen lassen, statt miteinander an einem Tisch zu sitzen?

Zweifelsohne: Es gibt das menschgemachte Leid. Aber es gibt auch das, das unverschuldet über uns hereinbricht. Vulkanausbrüche, Erdbeben, Unwetter. Nachdem der Mensch weiß, was gut und böse ist, obliegt auch ihm die Sinnsuche für das, was er nicht begreifen kann. Die Bibel gibt hier eine Fährte: „… damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind…“ (2. Korinther 1, 3-4). Gäbe es kein Leid, könnten wir nicht trösten. Und Trost gehört zum wichtigsten Lerninstrument, das uns Menschen im Erwachsen aus den Tiefen zur Verfügung gestellt ist.

Das vermeintlich Böse, das wir uns selbst auferlegen, es ist Ausdruck tiefster Freiheit. Gott überlässt uns die Spielwiese des Lebens, um uns dort auszutoben. Und der Mensch muss dabei mit ansehen, wie seine Spezies aus Gründen von Macht, Gier, Neid, Missgunst und Sehnsucht dieses Freisein missbraucht, um sich über Andere zu überhöhen. Doch auch dann greift Gott nicht ein. Tatenlos mag das sein. Und doch ist es ein konsequenter Ausdruck dessen, dass er uns zumutet, die Fehler unseres eigenen Handelns selbst zu erkennen.

Und offenbar wusste Gott schon früh, dass seine geliebten Ebenbilder nicht auf das Böse verzichten können. Uns die Fähigkeit des Tröstens anheim zustellen, es ist ein Mittel, mit dem wir aus dem, was uns eigens oder durch Naturgewalten angetan wird, herauskommen können. Das Durchstehen der Täler, es befähigt uns, auch die Gipfel des Lebens erklimmen zu können. Würden wir ohne das Böse auszukommen versuchen, wir wüssten das Gute nicht zu erkennen – und zu schätzen. Ungerecht mag es verteilt sein, die Last, die wir mit uns umhertragen müssen.

Und das gilt es, bei allem Plädoyer für die Sinnhaftigkeit des Leides in der Welt, gegenüber einem Gott klagend zum Ausdruck zu bringen. Denn die Grenzen unseres Verstehens, sie gehören genauso zu uns dazu wie die Weitsicht, Böses und Gutes zu trennen, zu bewerten und auszuführen. Es wäre billiger Populismus, wenn wir glaubten, die Einen hätten die Schweremut mehr verdient als die Anderen. Gott unterscheidet nicht zwischen den Menschen – und trotzdem lässt er zu, dass ihnen so unterschiedlich viel Krankheit, Armut und Traurigkeit zufällt.

Nein, fair ist das nicht. Und gerade deshalb tue ich mir jeden Tag neu schwer mit einem Glauben an diesen offenbar so herzensguten, barmherzigen und nachsichtigen Gott. Seine deistische, seine schaffende Kraft, sie kann und will ich aber nicht leugnen. Und auch nicht, dass er uns mit den vielen kleinen Gesten des Alltages doch zeigt, dass Trost möglich ist. Er befähigt uns mit dem Können der Seelsorge, mit dem gegenseitigen Auffangen im kleinen Glück des Hier und Jetzt, unseren Nächsten an die Hand zu nehmen.

Braucht es das Leid aber tatsächlich? Lebten wir nicht ohne es viel leichter? Dann bedingte es auch kein Weinen, kein Zittern und auch kein Trösten. Wie armselig wäre aber die Welt, wenn wir einander nicht beweisen könnten, dass wir auch des Guten mächtig sind? Die Schattierungen werden deutlich, wenn Not und Hilfe pointiert gegenüberstehen. Durch das Lastertragen werden wir sensibel für Gefühl, Emotion und Mitmenschlichkeit. Mit dem Erfahren von Leiden schleift Gott uns zu feinfühligen Wesen.

Denn nur durch das Ankommen am Boden werden wir nachsichtig – mit uns und mit unseren Feinden. Die Dankbarkeit für das Gute, das uns durch die winzigen Gesten des Zwischenmenschlichen bewusst wird, wächst mit jedem neuen Durchlaufen des Tragischen. Gott weiß scheinbar um die Schärfung unserer Wahrnehmung und Achtsamkeit, wenn wir erst einmal das Dunkel des Grauens erlebt haben. Mit der Provokation des Leidens forciert er das Annehmen des Bösen, ohne es tatenlos auf uns wirken zu lassen.

Denn dafür erbaute er die Liebe, dass auf jede Verletzung Heilung folgen kann. Der Prozess des Wiederauferstehens aus dem Leiden, er fasziniert uns nicht nur bei manch Anderen. Auch wir selbst haben in uns und durch die, die mit uns wehklagen, die Kraft zum Neubeginn. Gutes und Böses, Lasten und Trost – sie gehören untrennbar zusammen. Auch wenn wir durch sie auf harte, auf manchmal unüberwindliche Proben gestellt werden, so ist unser Fortschritt nur durch die Freiheit möglich, die Gott uns wahrhaftig zutraut.

Sie ist Geschenk und Anerkennung zugleich. Ob nun ein Glaube mit Gott – oder ohne ihn: Wenn wir hinter dem, was uns zunächst unsinnig, übertrieben und als Zumutung erscheint, eine Zweckmäßigkeit erkennen, die nicht selbstverständlich, sondern gegeben erscheint, dann wissen wir um die wesentlichen Werte unseres Daseins. Nein, wir brauchen Gott nicht zwingend dafür, um diese Theorie zu verstehen. Doch mit ihm holen wir uns vom Sockel, passen uns ein in das Gefüge des Miteinanders, dem etwas mehr Demut noch nie schlecht zu Gesichte stand…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

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