Zwischenruf

Finanzskandale, rückläufige Mitgliederzahlen und der Streit um die Segnung von homosexuellen Paaren. Nein, die Kirche ist wirklich nicht zu beneiden. An verschiedenen Fronten kämpft sie mit hausgemachten Missständen, mit manchem Überdruss über die Kirchensteuer und schlussendlich auch mit Lehren und Dogmen, von denen Einige glauben, sie seien nicht mehr zeitgemäß. Dabei fragt man sich wirklich: Ist es allein das liebe Geld, das die Menschen in Scharen aus den Gotteshäusern treibt? Oder stört viel eher das konservative Profil, über das sich sowohl katholische, aber auch manch evangelische Kirche nicht hinweg zu trauen scheint?

Als ich vor über fünf Jahren aus der Kirche ausgetreten bin, da waren es banalere Dinge. Da ging es um zwischenmenschliche Konflikte, aber auch um handfeste Zweifel: Die Frage, die Gläubige in und außerhalb der Kirche mit sich herumschleppen, bleibt vor allem: Warum lässt Gott die vielen Schicksale auf dieser Welt zu? Und wenn ich aus meiner persönlichen Antwort auf dieses „Theodizée“-Problem die Schlussfolgerung ableite, es könne gar keinen liebenden Gott geben, kann ich dann tatsächlich noch einem Verein angehören, in dessen Mittelpunkt genau diese höhere Kraft steht? Für mich war klar: Nein, ich kann es nicht. Und außerdem: So richtig überzeugt war ich von einem auferstehenden Jesus auch nicht, seine Leidensgeschichte am Kreuz konnte ich ja noch nachvollziehen – mehr aber nicht. Und wie soll dann ein ehrliches Glaubensbekenntnis über die Lippen gehen, wenn ich bei jedem zweiten Satz erst einmal darüber nachdenken muss, ob ich noch hinter den Aussagen stehe, die mein Nachbar mit Inbrunst betet? Viele Andere bleiben trotz dieser Zweifel in der Kirche, weil man eben schon seit Geburt an dort verwurzelt ist.

Das war für mich allerdings kein Argument. Und viel eher trieb mich die Neugier an, wie es denn diejenigen machen, die sich von Gott abgewendet haben. Wie lebt es sich als Atheist? Nach einem halben Jahrzehnt in der säkularen Szene bin ich im vergangenen Jahr wieder in die Kirche zurückgekehrt. Nicht, weil ich heute mehr glaube als noch 2012. Mir wurde aber bewusst, dass die kirchliche Gemeinschaft für mich persönlich weitaus mehr zu bieten hat als das Wissen um einen Zusammenhalt aus denjenigen, die aus meiner Erfahrung nicht selten den Menschen in den Mittelpunkt des eigenen Denkens und Handelns stellen – nicht den Mitmenschen, sondern sich selbst.

Es fehlte mir an Konzepten dort, wo ich einst Hoffnung sah: Doch im transhumanistischen Ansinnen des Evolutionären allein fand auch ich keine Glückseligkeit. Da beantworteten sich zentrale Fragen des Daseins nicht. Der Anbeginn der Welt blieb ebenso nebulös wie das ständige Grübeln über den Sinn des Lebens. Ich gebe zu: Da gab mir der christliche Glaube mehr. Bei weitem nicht alles, aber doch eine erfüllende Menge an Weisheiten, die oftmals recht naiv erscheinen – und vielleicht tatsächlich nur „Opium für das Volk“ sind. Aber sei es drum: Eigentlich blieb ich nach meiner Rückkehr in die Kirche über die Gründe für deren wachsende Erosion noch mehr im Unklaren als zuvor. Denn wenn es etwas gab, was der Glaube in Gemeinschaft lehren kann, dann waren es Hoffnung und Zuversicht. Weshalb aber verkennen heute immer weniger Menschen die heilsbringende Botschaft? Vielleicht, weil gerade sie nicht mehr durchdringt durch das politische Sonntagsgerede auf den Kanzeln? Oder weil es nicht gelingt, die recht verstaubten Worte von damals in ein neues Gewand zu kleiden, das den Inhalt aber nicht verschmälert?

Die Kirchen haben heute ein Problem, das sich nur mit einem immensen Umdenken bewältigen lässt. Als ich aus der Kirche austrat, da wunderte ich mich schon, weshalb sich niemand der Klerikalen, niemand aus der Gemeinde dafür interessierte, dass ich plötzlich von der kirchlichen Bildfläche verschwunden war. Sind die abhanden gekommenen Schäfchen es nicht wert, einmal gründlich nachzuhaken, warum sie die Herde verlassen haben? Oder kommt man mit dieser Aufgabe bei der Vielzahl an Ausgetretenen gar nicht mehr hinterher? Jedenfalls war ich enttäuscht darüber, dass die Kirche es versäumt hat, über die Gründe für die großen Austrittswellen nachzudenken. Man macht es sich zu einfach, wenn man die Verluste einfach abschreibt. Denn wohin soll die Entwicklung gehen, wenn trotz mancher Reförmchen die Geschwindigkeit an Austritten kaum abnimmt? Kirche muss die Menschen heute in ihrer Lebenswirklichkeit abholen. Das bedeutet nicht zwingend, einem liberalen Mainstream hinterher zu eifern. Denn nicht wenige Gläubige wünschen sich von ihrer Kirche gerade das Gegenteil.

Es scheint trotzdem eher weniger darum zu gehen, welch klare Kante die Kirche beweist. Viel eher versäumt sie die Exegese, das Herunterbrechen biblischer Geschichten auf die Gewohnheiten des 21. Jahrhunderts. Entweder bleibt sie an den Buchstaben der Heiligen Schrift hängen – oder sie stilisiert sich zur moralischen Instanz auf, die sich lieber über die „GroKo“ äußert als über die Frage, was der Arbeitslose, der Krebskranke, die überforderte Mutter tun kann, um für sich selbst neue Kraft zu schöpfen. Lösungswege zeigt der Glaube nicht immer auf, aber er kann zumindest über so manches Tal hinweg tragen.

Und wenn es um das „Abholen“ der Menschen geht, dann ist das auch wörtlich gemeint. Zwar wünschen wir uns in der heutigen Zeit immer öfter, dass sich möglichst Viele aus unserem Leben heraushalten mögen. Doch sind wir nicht manches Mal dankbar, wenn sich jemand erkundigt, wie es uns geht? Gerade in der tendenziellen Vereinsamung nicht nur älterer Menschen könnte für die Kirchen eine Chance liegen. Nein, sie muss nicht auf neue Mission gehen, sie sollte niemandem den Glauben „aufschwatzen“. Aber ab und zu genügt es bereits, wenn man über ihn ins Gespräch kommt. Bei immer weniger Mitarbeitern wird es zwar schwieriger, den früher noch so obligatorischen Hausbesuch innerhalb der Gemeinde aufrechtzuerhalten. Doch auch die Herausforderung, Vertrauen in die Hände von Ehrenamtlichen abzugeben, sie gehört zu den größten Hürden, die eine Kirche der Gegenwart überwinden muss. Glaubensgemeinschaften sind keine elitären Clubs der Klerikalen, sondern müssen heute mehr denn je partizipierende Teams sein, in denen man sich aufeinander verlässt. Gerade deshalb bin ich in die Kirche zurückgekehrt, weil ich mir nicht eingestehen will, dass sie veränderungsresistent ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich bin wahrlich keiner, der der Kirche nach dem Mund redet. Und ich bleibe auch heute jemand, der eine klare Trennung zwischen Weltanschauungsgemeinschaft und Staat befürwortet, der gleichzeitig aber im Privaten dafür wirbt, dass die Kirche sich wandelt, weil er an ihr Gutes glaubt. Sie wirkt interessant, wenn sie Interesse zeigt. Sie sollte nicht nur hinhören, wenn es um ihre eigenen Belange geht, sondern gerade dann, wenn die Mitglieder von ihrem Glück und Leid berichten. Das Miteinander zwischen Kirche und Gläubigem, es ist – viel mehr als bei jedem anderen Verband – ein gegenseitiges. Ich gehöre ihr nicht nur an, weil ich für ihr „Programm“ einstehe, sondern weil ich etwas von ihr verlange. Kirche ist Dienstleister. Und als solcher hat sie sich in der Vergangenheit nicht immer bewiesen. Im Ringen um die besten Ansichten muss auch sie sich heute dem Wettbewerb stellen, es ist wahrlich keine Selbstverständlichkeit mehr, dass man in sie hineingeboren wird – und dort verbleibt. Zeitgemäß heißt nicht zeitgeistig. Ein sich Öffnen für die Ansprüche der Gläubigen, statt die Hände in den Schoß zu legen. Eine theologische Souveränität statt buntem Glaubensmix. Ein offenes Herz statt verschlossene Türen.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

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