Seit zwei Wochen erhalte ich die Wünsche: „Frohe Ostern“, „Sonnige Tage“, „Schöne Ferien“. In den Supermärkten erinnern mich schon seit langem die bunten Ostereier daran, dass es nun etwas zu feiern geben soll. Und im Fernsehen lese ich auch eher von festlichen Ostergottesdiensten, die am Ostersonntag übertragen werden sollen. Aber war da nicht noch etwas? Für die Kinder wird das „Hasenfest“, wie es furchtbarerweise neutral formuliert wird, zu einer spannenden Suche nach den versteckten Geschenken. Wir konzentrieren uns auf hoffentlich warmes Wetter für den gemeinsamen Familienausflug. Und dass da plötzlich am Karfreitag keine Kirchenglocke mehr läutet, das fällt uns gar nicht auf. Denn die Welt ist doch so wundervoll, könnte man bei all diesen fröhlichen Momenten denken, die wir uns als das einzige Bild des Osterfestes in unser Gedächtnis rufen.

Doch mir fällt gerade heute am Karfreitag etwas ganz Anderes ein: Mich bewegt das Foto der jungen Opfer des Giftgasanschlages in Syrien. Es hatte heftige Diskussionen gegeben, ob man solche Szenen denn überhaupt zeigen sollte. Der Chefredakteur von BILD.de, Julian Reichelt, hatte es verteidigt, solche Bilder müssen abgedruckt werden. Ja, man kann gerade in unseren Tagen derart argumentieren. Tote Kinder, die spastisch neben- und auch übereinander liegen, nachdem sie sterben mussten in einem dieser unzähligen Kriege auf der Welt. Denn ohne solche Zwischenrufe werden wir nicht aufmerksam. Kaum etwas kann uns im 21. Jahrhundert noch wach rütteln, wenn wir täglich mit hunderten von Nachrichten auf unseren „Smartphones“ konfrontiert werden – und das Gefühl dafür verlieren, was denn wirklich wichtig ist, was gut ist und was eben böse.

Wir leben in einem eigens um uns gelegten Schutzschild, das die Grausamkeiten der Wirklichkeit von uns fernhalten möge. Erst kürzlich erzählte mir ein Freund, dass er keine Nachrichten mehr ansehe. Er könne diese schrecklichen Meldungen nicht mehr ertragen. Ein bisschen so, wie auch an Ostern. Da blenden wir gleichsam aus, dass es mehr gibt als diese Freude, dieses Jubeln, das „Christus ist auferstanden“, was wir uns am Ostermorgen zurufen und das sich als „eine freudige Nachricht“ ausbreitet, wie es der kürzlich verstorbene Martin Gotthard Schneider in einem seiner Lieder gedichtet hatte (EG 649). Denn diese Auferstehung Jesu, sie wäre wirklich wertlos, wäre ihr nicht die Trauer, der Kummer vorausgeeilt, wie es der Wortursprung des Karfreitages uns lehrt.

Wir verdrängen gerne das Leid, denn es ist unangenehm. Es berührt uns peinlich, auch wenn wir nicht selbst betroffen sind. Wir fühlen uns dennoch schuldig ob unserer Hilflosigkeit. Ob es denen auch so gegangen sein mag, die da am Kreuzweg standen? Oder denen, die gerufen hatten: „Kreuzigt ihn!“? Zumindest einige dürften gehadert haben, damit, dass sie teilnahmslos zusahen, wie jemand grundlos verurteilt wird, zum Tode. Diese Ohnmacht ist erdrückend, so erging es mir auch beim Anblick des Fotos aus Syrien. Wenngleich ich nur äußerst indirekt Einfluss haben kann auf das, was da geschieht, so frage ich mich doch, ob es damit gerechtfertigt werden kann, dass die Masse mich überstimmt, die Verantwortlichen in der Politik, die sich aus taktischen Gründen blockieren.

Doch wie gehen wir um mit diesen uns scheinbar gebundenen Händen, mit der Brutalität des Alltags, mit dem, was uns einfrieren lässt vor Dimension? Nein, es sind nicht nur die Schrecklichkeiten in den Krisengebieten unserer Erde. Es ist die Last in unserem eigenen Leben. Es ist die Armut, die Arbeitslosigkeit, der Familienstreit, die Krankheit oder eben auch der Verlust von geliebten Menschen. Ich gebe zu: Im vergangenen Jahr habe ich Jesu Worte etwas überstrapaziert. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34). Oftmals kamen sie mir über die Lippen – und ich war keineswegs in einer Situation, in der ich vor dem Kreuz gestanden war. Wie kommen wir aber durch die großen und vor allem auch die kleinen Nöte? Nicht selten bemühen wir die „Theodizée-Frage“, die der von Christus ähnelt, als er für einen Moment spürt, sein himmlischer Vater könnte ihn alleine zurückgelassen haben. Wie kann er es zulassen, dass ein Freund an Leukämie gestorben ist? Warum tut er nichts, wenn die Bomben in Syrien fallen? Weshalb lässt er die Ungerechtigkeit zu, dass derjenige, der die Welt erretten soll, durch Höllenqual gehen muss?

Der Karfreitag war nicht das Ende. Er gehört zur Ostergeschichte wie auch der Ostersonntag. Jeder von ihnen betrachtet ergibt keine überzeugende Erklärung. Daher ist es auch falsch, Ostern als alleiniges Fest der Freude zu betrachten, an dem die bunten Farben und der Sonnenschein vorherrschen. Denn wie sollen wir glauben, dass Jesus auferstanden ist und zum Ewigen Leben gefunden hat, wenn er davor nicht die Sünden der Welt auf sich genommen hat und aus der tiefen Enttäuschung über Gottes vermeintliches Wegsehen nicht das Vertrauen in dessen wundersames Wirken wiederentdeckt hätte? Dieser Spannungsbogen zwischen der Passion und der Auferstehung macht Ostern geheimnisvoll und verlangt uns ab, unsere Emotionen zu ordnen. Zu Tode betrübt, doch dann ein Jauchzen zum Himmel – das ist ein Abbild unseres eigenen Lebens.

Wir können nicht ertragen, was in Syrien und andernorts geschieht. Auch nicht das, was uns an so manch einem Tag zugemutet wird. Und dennoch müssen wir es tragen, wie Jesus das Kreuz durch die Straßen in Jerusalem. Und ja, er brach dabei nicht nur einmal zusammen. Die Menschen im Angriffsgebiet wissen kaum noch, ob sie jemals wieder aus den Ruinen aufstehen. Und doch zeigt uns nicht nur Dietrich Bonhoeffer auf, was Ostern bedeutet, als er in der Gefängniszelle am Ende des Zweiten Weltkrieges seinem Tod entgegensah: „[…] Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht“ (EG 65). Das Zusammenführen, es ist das Vergeben all denjenigen gegenüber, die Buße zeigen. Auch uns gegenüber wollen wir kritisch fragen, ob wir verzeihen wollen. Jesus ist gestorben, um die Sünden hinwegzunehmen. Den Friedensschluss, die Sühne, müssen wir aber selbstständig üben. Und solange wir damit im Kleinen beginnen, können wir hoffen, dass auch im Großen noch eine Aussicht darauf bestehen wird.

Ostern ist also durchaus kein Fest, an dem wir nur unbeschwert sein sollten. Viel eher ist es ein Fest zur Freude an unserem Leben, die aber nicht selbstverständlich ist, sondern uns nachdenklich machen muss. Das macht uns nicht nur die Weltpolitik klar. Viel eher sehen wir auch an Jesus selbst, dass das irdische Hiersein vergänglich ist. Das macht aus dem Moment einen viel wertvolleren Teil unserer Wegstrecke auf Erden, als wir es in hektischen Zeiten oftmals wertzuschätzen vermögen. Und genau in diesen Augenblicken wird Gott es auch sein, der uns auf die Frage Jesus antwortet: Nein, er hat uns nicht verlassen. Doch er offenbart sich nicht, wenn wir es erwarten. Viel eher taucht seine Gegenwart dann bei uns auf, wenn wir eigentlich schon verzagen. Christus hat es selbst erfahren, er ist auferstanden. Das Wunder des Osterfestes begegnet uns als Kindern Gottes nicht so deutlich, wie es durch den Sohn sichtbar geworden ist. Aber es ist da, in den überraschenden und für uns vielleicht zunächst unbedeutend erscheinenden Situationen.

Somit sollten wir nicht nur auf hoppelnde Hasen und viele Schokoladeneier achten, sondern uns die Zeit nehmen, nicht nur dieser Tage Gott im Verborgenen zu entdecken.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

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