Leserbrief zu
„Wer bestimmt, was Kinder lernen?“, FAZ vom 23.07.2017

Die staatliche Aufgabe zur Bildung junger Menschen versus des Rechts der Eltern auf Erziehung: Bei der Frage, was Kinder in der Schule lernen sollen, prallen zwei Grundrechte aufeinander. Und es bleibt die stetige Frage nach der Ausgewogenheit, um nicht nur die Pflicht des Bildungsauftrages zu erfüllen, sondern auch die weltanschauliche Orientierung der Erziehenden zu respektieren. Denn bereits 1978 hat das Bundesverfassungsgericht (BVerfG 47,46 = NJW 1978, 807) die besondere Stellung der Eltern in der Mitsprache von Bildungsinhalten unterstrichen, gerade im Sexualkundeunterricht.

Die Proteste von heute sind also keinesfalls hysterische Ängste von Vätern und Müttern, die sich über manch Botschaft Bildungsplans empören. Viel eher ist es ihr gutes Recht, darauf hinzuweisen, dass Politik nicht über die Köpfe von Eltern hinweg entscheiden darf, was in der Schule gelehrt wird. Das Miteinander beider Seiten wurde auch in einem Urteil 2015 wieder bestätigt (1 BvR 2388/11) – und gerade das fehlt, wenn Lehrpläne vorgesetzt werden, die ganz bewusst polarisieren sollen und eben keine Rücksicht auf religiöse Empfindungen nehmen, die gleichsam verfassungsrechtlich geschützt daher ausreichend gewürdigt werden müssen. Der Unterricht muss zwar offen sein für verschiedene Wertvorstellungen, so die Richter. Doch Indoktrination und eine Einseitigkeit in der Vermittlung von sexueller Identität, Orientierung oder Neigung darf es dabei nicht geben.

Ja, das Darbringen der unterschiedlichen Lebensformen ist zulässig, nicht aber die Wertung einer einzigen oder das Besserstellen einer anderen. Und doch wird in einer Zeit, in der der Druck von Lobbyismus der Homosexuellenverbände mit ihrem Einfluss auf die Bildung immer größer wird, der Protest von Eltern hiergegen stärker. Das ist legitim und überaus verständlich. Denn als Schwuler bin ich nicht mehr wert als ein Heterosexueller. Ich bin auch nichts Besonderes, was im Unterricht einer außergewöhnlichen Aufmerksamkeit bedürfte. Und ich zeichne mich auch nicht durch extravagante Sexualpraktiken oder die besondere Lust am Kennenlernen des gleichen Geschlechtes aus, die mir manches Schulbuch andichten möchte oder mich gar zum Ausprobieren anregt, weil es gar so aufregend erscheint, das „andere Ufer“ kennenzulernen.

Erziehung verpflichtet uns zur Neutralität, da wir unseren Kinder in erster Linie Selbstständigkeit und Eigenverantwortung beibringen sollen, die Welt nicht nur durch die Augen derer zu sehen, die meinen, was das Beste für sie sei. Viel eher möchten wir doch darauf vertrauen, dass sich unsere Kleinsten ihr eigenes Bild machen. Daher ist Zurückhaltung geboten, was immer wir ihnen auch lehren. Das sage ich besonders als Homosexueller, vor allem aber als Mensch.

[Dennis Riehle]

Kommentar hinterlassen

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> 

benötigt