Leserbrief zu
„Sexueller Missbrauch hat nichts mit der Religion der Täter zu tun“, WELT vom 03.01.2018

Sehr wohl hat die Religion bei der Ausübung sexueller Gewalt eine Bedeutung. Denn es ist das religiöse Rollenverständnis zwischen Mann und Frau, das zu Verletzungen der sexuellen Integrität führt. Die extremen Ränder der jeweiligen Religion, die sich wortgetreu auf ihre Schriften beziehen, wenn sie die Übermacht des Mannes gegenüber „seiner“ Frau rechtfertigen, sind anfällig für eine Missdeutung des Verhältnisses der beiden Geschlechter zueinander.

Die Männer glauben, von der Schöpfung ausgehend, die Frau sei ihr „Weibe“, das ihnen an die Seite gestellt ist, um zu dienen. Und das auch im sexuellen Sinne. Religion hat noch immer Probleme mit dem Gleichheitsverständnis zwischen Mann und Frau, denn die Schriften sind in dieser Hinsicht übereinstimmend klar. Und nur der, der eine vernunftbezogene Exegese betreibt, wer Bibel oder Koran am Grundgesetz des 21. Jahrhunderts misst und reflektiert, kann zu der Einsicht kommen, dass Frauen kein Gegenstand für die männliche Willkür sind, sondern dieselbe Würde, denselben Schutz vor Übergriffen, vor Unterdrückung und Gewalt genießen wie jeder Andere auch.

Wer erstmalig aus anderen Kulturkreisen kommend mit diesen Regelungen konfrontiert wird, wird stets die eigene Religion vorschieben, um ein anderweitiges Verhalten zu begründen. Deshalb braucht es Deutlichkeit: Religion darf kein Deckblatt für männliche Allmachtphantasien sein.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

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